Menschenschmuggel

Der Hafen der Geisterschiffe

Von Michael Martens, Istanbul
04.01.2015
, 18:12
Auch die Flüchtlinge auf dem vor der italienischen Küste aufgegriffen Frachter „Blue Sky M“ waren in Mersin an Bord gegangen.
Die jüngsten Beinahekatastrophen im Mittelmeer belegen es: Mersin hat sich zu einer wichtigen Operationsbasis für Menschenschmuggler entwickelt. Doch nicht nur das Geschäft mit den Flüchtlingen floriert in der südanatolischen Stadt.
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Der Bericht der europäischen Grenzschutzagentur Frontex ist eindeutig: „In einer raschen Strategieanpassung, die ihr Markenzeichen geworden ist, haben die Schmuggler begonnen, größere Schiffe zu nutzen. Es sind üblicherweise ausgemusterte Frachter von bis zu 75 Meter Länge, erworben in den Häfen des Südostens der Türkei, vor allem in Mersin – ein Abreisepunkt, der per Fähre weiterhin mit dem syrischen Hafen von Latakia verbunden ist, was ihn für Zehntausende Syrer erreichbar macht, die noch immer vor dem Konflikt in ihrem Lande fliehen.“

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Zeugenaussagen nach den jüngsten Beinahekatastrophen vor Italiens Küste bestätigen die Darstellung des Ende Dezember veröffentlichten Berichts. Einige der aus Syrien stammenden Flüchtlinge sagten nach ihrer Rettung von dem führungslos dahintreibenden Frachter aus, der Hafen, in dem sie ihre Fahrt gen Italien angetreten hätten, sei Mersin gewesen. Dass Mersin schon seit einiger Zeit eine wichtige Operationsbasis der Menschenschmuggler ist, bestätigen indirekt auch türkische Quellen, so die Mitteilungen des Küstenschutzes. Nach einem anonym eingegangenen Hinweis nahmen der türkische Küstenschutz und die Polizei Anfang Dezember 2014 in zwei getrennten Operationen insgesamt 361 „Illegale“ vor der Küste Mersins fest. Es waren Frauen, Männer und Kinder, vor allem aus dem Irak und aus Syrien. Der offenbar bestens informierte anonyme Hinweisgeber hatte der Polizei mitgeteilt, dass die Menschen auf Fischkuttern zu größeren Schiffen gebracht werden sollten.

Alte Frachter sind schon für weniger als 700.000 Euro zu haben

Tatsächlich stoppte der Küstenschutz gut 20 Seemeilen vor Mersin binnen weniger Tage Kutter mit mehreren hundert Menschen an Bord, die offenbar zu einem Frachter mit Ziel Italien gebracht werden sollten. Ein anderes in Mersin in See gestochenes Schiff mit 228 syrischen Flüchtlingen an Bord war Mitte November manövrierunfähig vor der Küste des türkisch kontrollierten Teils von Zypern aus Seenot gerettet worden. Hasan Tacoy, der Verkehrsminister der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, teilte damals mit, die Behörden hätten einen Notruf von dem unter der Flagge Tansanias fahrenden Schiff erhalten. Die Flüchtlinge sagten aus, ihr Ziel sei Italien gewesen. Sie hätten von Mersin aus auf Kuttern die Reise angetreten und seien auf hoher See auf einen Frachter umgestiegen. Später habe die Besatzung den Frachter verlassen.

Was in den ersten Tagen des neuen Jahres Schlagzeilen machte, ist also eine schon (mindestens) mehrere Wochen alte Praxis: Die Menschenschmuggler kaufen schrottreife Frachtschiffe, „beladen“ sie mit ihren Kunden und lassen sie mit automatischer Steuerung auf das gelobte Land Italien zufahren, wo die in den Frachtraum eingeschlossenen Passagiere dann, wenn sie Glück haben, vom italienischen Küstenschutz gerettet werden. Medien zitierten nach den jüngsten Vorfällen Fachleute mit der Aussage, alte Frachter seien schon für weniger als 700.000 Euro zu haben. Bei mehreren hundert Passagieren pro Schiff und Überfahrtspreisen von um die 6000 Euro pro Person machen die Drahtzieher also großen Profit.

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Diesel für das Assad-Regime

Dass sich Mersin offenbar zu einem Umschlagplatz für den einträglichen Handel mit der Hoffnung auf ein besseres Leben entwickelt hat, ist kein Zufall. Die südanatolische Hafenstadt mit ihren mehr als 800.000 Einwohnern ist in den vergangenen Jahren zu einem Magneten für Flüchtlinge aus Syrien geworden. Die Stadt hat viele wohlhabende, gut vernetzte Händler aus Aleppo angezogen, die inzwischen einen Teil des lokalen Geschäftslebens dominieren. Schon im Juli vergangenen Jahres beschwerte sich der Präsident der Handels- und Handwerkskammer von Mersin, Talat Dincer, über die Folgen: Etwa 250 alteingesessene türkische Geschäftsleute der Stadt hätten aufgeben müssen, weil sie der neuen Konkurrenz nicht gewachsen seien. Die Syrer scherten sich nicht um Lizenzen oder gesetzliche Vorschriften, sie zahlten auch keine Steuern, weshalb sie ihre Waren und Dienstleistungen ein Drittel billiger als die Einheimischen anbieten könnten, so Dincer. Tatsächlich scheinen die Behörden die ungeregelte Geschäftstätigkeit syrischer Unternehmer zumindest partiell zu dulden, weil auch sie zum Wirtschaftswachstum beiträgt und ein arbeitender Syrer besser als ein bettelnder Syrer ist, von denen die türkischen Städte ohnehin schon voll sind.

Bild: F.A.Z.

Obwohl nicht direkt an der Grenze gelegen, ist Mersin ein Handelsknotenpunkt zwischen der Türkei und Syrien geworden. So schlecht die offiziellen Beziehungen zwischen Damaskus und Ankara auch wurden, Mersin blühte immer weiter auf. Fuhrunternehmer aus der Stadt bringen Waren aus dem Hafen an die syrische Grenze, wo sie sowohl an das Assad-Regime als auch an dessen Gegner verkauft werden. Oft betreiben in Mersin ansässige syrische Fuhrunternehmer dieses Geschäft. Nach Angaben der Handelskammer Mersin wird vor allem Mehl, Speiseöl und Getreide geliefert, aber im Juni vergangenen Jahres deckten türkische Journalisten auf, dass ein Unternehmen aus Mersin auch Diesel an einen vom Assad-Regime kontrollierten Hafen lieferte.

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Ein Krankenhausbett für Terroristen

Viele syrische Unternehmer in Mersin sind offiziell registriert und haben nicht die Absicht, je nach Syrien zurückzugehen. Sie bemühen sich um die türkische Staatsbürgerschaft. Schließlich zahle man Steuern und schaffe Arbeitsplätze. Ganze Straßenzüge in Mersin sind mittlerweile in syrischer Hand. Arabische Schilder werben für syrische Restaurants, Metzger, Bäcker und Schulen, an denen die Kinder syrischer Flüchtlinge von ebenfalls geflüchteten Lehrern unterrichtet werden. Im Jahr 2013 wurden knapp 490 Firmen mit syrischen Inhabern in der Türkei registriert, allein in den ersten zehn Monaten 2014 waren es mehr als 1000 – ein Viertel davon mit Sitz in Mersin. Damit stellten Syrer im vergangenen Jahr die größte Gruppe neu registrierter ausländischer Unternehmer. Mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien sollen sich in der Türkei aufhalten, aber nur gut 220.000 sind in den 22 Flüchtlingslagern registriert.

Die anderen leben in Orten wie Mersin. Und dort sind sie im Begriff, das Gesicht ganzer Städte dauerhaft zu verändern. Auch in der Regierungspartei AKP rechnen viele Politiker mittlerweile damit, dass Hunderttausende Syrer in der Türkei bleiben werden, während andere – und nicht unbedingt die wirtschaftlich erfolgreichsten von ihnen – von Städten wie Mersin aus weiter nach Europa wollen. Exakte Zahlen liegen nicht vor, doch allein in Mersin sollen 45.000 Syrer leben. Es gibt auch Mittellose und Bettler unter ihnen sowie Tagelöhner, die zum Ärger der Einheimischen die Löhne auf dem Bau und in anderen Branchen drücken. Aber es gibt eben auch erfolgreiche Unternehmer, die zum Teil aus Aleppo ihre Kontakte nach Algerien, Ägypten und in andere Teile der arabischen Welt mitgebracht haben. Sie sind in der Textilbranche tätig, im Speditionsgewerbe, im Handel. Dass einige dieser Unternehmer in Kooperation mit lokalen türkischen Behörden zudem in den Menschenschmuggel verwickelt sein könnten, ist zwar bisher nicht bewiesen worden, dürfte aber in den kommenden Tagen ein ernsthaftes politisches Thema in der Türkei werden.

Auch eine andere Frage könnte dabei neu aufkommen: Im September vergangenen Jahres sorgte in der Türkei der offene Brief einer Krankenschwester aus Mersin für Aufsehen, die schrieb, sie habe es satt, Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Saat“ (IS) pflegen zu müssen. Die Zeitung „Taraf“ zitierte die in einem privaten Krankenhaus beschäftigte Frau mit den Worten: „Wir behandeln sie, und sie machen weiter damit, Menschen zu köpfen.“ Laut Taraf treibt in Mersin viele Ärzte und Pfleger genau dieselbe Wut um. „Ich möchte diesen Menschen nicht helfen. Ich möchte, dass sie (die Behörden) diese Krankenhäuser untersuchen“, hieß es in dem Brief weiter. Dass einige frühere Patienten ihr Krankenhausbett gegen einen Platz auf einem Frachter mit Ziel Italien getauscht haben könnten, stand nicht in dem Brief – aber es ist nicht auszuschließen, dass auch solche Befürchtungen künftig Teil der Debatte über die Rettung von Flüchtlingen aus Seenot sein werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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