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Der Volkszorn der Libanesen

Proteste mit zotigen Geschlechtsteilvergleichen

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
 - 08:30
Demonstranten tragen bei ihrem Protest gegen die Regierung Flaggen ihres Landes.

Anfangs ist es noch wie immer. In einer Runde libanesischer Herren werden Witze über die neuesten Absurditäten der politischen Führer gerissen. „Weißt du was sie jetzt machen wollen?“, fragt einer, als wäre er nicht selbst ein Funktionär in der Regierung „dieser Leute“. Es ist Donnerstagnachmittag, das Kabinett hat wieder einmal verkündet, dass die einfachen Leute zur Kasse gebeten werden. Tabak soll teurer werden, ebenso Benzin. Der Staat will außerdem kassieren, wenn internetbasierte Dienstleister wie Whatsapp für Anrufe benutzt werden – während sich zwei staatliche Mobilfunkunternehmen wie Monopolisten aufführen und Gebühren verlangen, die zu den höchsten in der ganzen Region gehören. „Das ist verrückt“, sagt der Funktionär.

Einige Stunden später platzt den Libanesen der Kragen. In Beirut gehen erst Dutzende, dann Hunderte, dann Tausende auf die Straße. Im ganzen Land brechen spontane, wütende Proteste aus. Demonstranten blockieren wichtige Verkehrsadern. Schulen und Banken schließen. Der übliche Smog im Zentrum von Beirut weicht den Abgasen der Revolution: Zuerst ist es Brandgeruch, als Barrikaden aus Gummireifen angezündet werden. Bei einigen schlägt der Frust in Zerstörungswut um. Geldautomaten werden zertrümmert, das Erdgeschoss eines Rohbaus geht in Flammen auf. Am Freitagabend kommt Tränengas hinzu, als die Sicherheitskräfte die Demonstrationen mit Gewalt aufzulösen versuchen.

Es geht längst ums Prinzip

Aber die Leute gehen weiter auf die Straße. Auch, als die Whatsapp-Steuer längst wieder kassiert ist und hauptverdächtige Kabinettsmitglieder beteuert haben, es sei nicht ihre Idee gewesen. Es geht längst ums Prinzip. Zu Zehntausenden, womöglich Hunderttausenden strömen sie in die Innenstadt von Beirut, die eigentlich eine Insel der Kaufkräftigen und deshalb meistens menschenleer ist.

Jetzt kommen sich auch aus den nahen Einfacheleutevierteln, wie die harten Jungs auf den Motorrollern, die die Demonstrationen umkreisen wie ein Kavallerieregiment, das einen Treck wehrloser Siedler im wilden Westen beschützt. Sie kommen aus den schiitischen Vorstädten im Süden, die von der Hizbullah beherrscht werden, wo es eigentlich keinen Widerspruch zu geben scheint. Und auch aus dem christlichen Kernland und den Oberschichtenquartieren kommen Demonstranten.

Der Volkszorn richtet sich gegen alle politischen Führer. Sie werden alle gleichermaßen mit zotigen Geschlechtsteilvergleichen bedacht: der Chef der schiitschen Hizbullah, Hassan Nasrallah, ebenso wie der sunnitische Regierungschef Saad Hariri und der christliche Staatspräsident Michel Aoun. Am lautesten rufen die Protestierer, wenn der Name von dessen verhasstem Schwiegersohn genannt wird – Außenminister Gebran Bassil. Was sonst nur im Privaten gesagt wird, ist jetzt ein Schlachtruf auf der Straße. Und dort ertönt immer wieder auch der Slogan der Arabellion von 2011: „Das Volk will den Sturz des Regimes!“

Noch weiß niemand, wohin das alles führt. Ist es wieder einer dieser folgenlosen Wutausbrüche, die irgendwann versanden? So wie vor vier Jahren, als sich der Müll in den Straßen von Beirut türmte. Oder gerät das Konglomerat an der Staatsspitze ins Wanken, das den Libanon ausplündert und herunterwirtschaftet? In jedem Fall scheint eine Routine durchbrochen zu sein, in der sich Tage der Unruhe mit Phasen der Ruhe abwechseln. Ruhe will nicht mehr einkehren. Der Libanon produziert in immer schnellerer Folge Bilder, die eher zu einem scheiternden Staat passen denn zu dem oft beschworenen Glamour vergangener Jahrzehnte.

„Notfallplan des Libanons: Regen.“

Die Infrastruktur verfällt, die Umweltverschmutzung lässt die Krebsraten in die Höhe schnellen. Schon lange mehren sich die Krisenzeichen. An einem Tag sind die Brotregale leer, weil die Getreidemüller streiken. An einem anderen Tag herrscht Chaos, weil die Tankstellenbesitzer für einen halben Tag ihre Drohung wahrmachen und schließen. Schilder hängen an Zapfsäulen, auf denen Sätze stehen wie: „Wir entschuldigen uns beim libanesischen Volk, aber leider haben wir keine Dollar mehr, um Benzin zu kaufen.“ Hätte der Streik länger gedauert, es wäre ein interessantes Experiment geworden, in einem Land, in dem es so gut wie keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Und auch die Müllkrise ist nach vier Jahren nicht gelöst – ein fauliger Geruch in der Gegend um den Flughafen erinnert die Leute immer wieder daran.

Über Tage wüten im Oktober die schlimmsten Feuer seit Jahrzehnten in den Bergen, zerstören Wälder, hinterlassen verkohlte Hänge, Häuser und Autoskelette. Es gibt Tote – und Korruptionsvorwürfe. Präsident Aoun sieht sich zu einer öffentlichen Rüge veranlasst, weil ausgerechnet während dieser Katastrophe die wenigen Feuerlöschhubschrauber nicht einsatzfähig waren. „Seit Jahren“, wie er erklärt. Wegen fehlender Ersatzteile. Am Ende erledigt dann ein Wolkenbruch, womit die Zivilschützer, die ihr Leben im Flammenmeer riskieren, überfordert sind.

Anthony El Ghossein, ein Autor bissiger Satiren auf sein Heimatland, fasst es kurz und bündig in einem Tweet zusammen. „Notfallplan des Libanons: Regen.“ Absurd sei das, erklärt er lachend. „Aber es hat ja sogar funktioniert. Wie es eben immer irgendwie funktioniert hat.“ Wenn es etwas gibt, dass die Führung gut zu beherrschen scheint, dann das: faule Kompromisse zimmern. Oder irgendwie bei ausländischen Gönnern Hilfe aufzutreiben, um sich weiter durchzuwurschteln.

Wie soll in drei Tagen gelingen, was über Jahre nicht gelang?

Als Ministerpräsident Saad Hariri am Freitagabend zur Bevölkerung spricht, hat er eine ziemlich libanesische Zwischenlösung gefunden. Es kursieren Gerüchte, er wolle abtreten, aber die Hizbullah und Außenminister Bassil hinderten ihn gemeinsam daran. Hariris Auftritt beginnt mit Verspätung. Die ersten Passagen, in denen er seine eigenen Regierungspartner ins Gebet nimmt, klingen wie die einer Rücktrittsrede. Sinngemäß sagt Hariri: Ich habe alles versucht, sie haben mich nicht gelassen.

Er sagt aber nicht: Und deshalb trete ich ab. Hariri verkündet vielmehr, er gebe der Regierung zweiundsiebzig Stunden für Lösungen. Es bleibt die Frage, wie in drei Tagen gelingen soll, was in Jahren nicht gelungen ist? Doch selbst wenn Hariri, der Rest des Kabinetts und der Präsident zurückträten, wäre „das Regime“, das die Demonstranten zu Fall bringen wollen, nicht gestürzt. Sie kämpfen gegen eine widerstandsfähige Schicht von Clanführern, Oligarchen und Warlords aus Bürgerkriegszeiten, die sich die Macht immer wieder nach einem festgelegten Proporzsystem entlang der Bevölkerungsgruppen untereinander aufteilen. Und die zum Teil wie Feudalherren über ihre Anhängerschaft gebieten.

Viel zu plündern haben sie nicht mehr, die Zahlen sind dramatisch. Die Staatsverschuldung liegt bei rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Staatsanleihen sind laut Ratingagenturen Ramsch-Ware. Und langsam bekommen auch die Libanesen im Alltag zu spüren, dass der Wert der Landeswährung verfällt und die Devisenreserven schwinden. Seit 1997 bekommt man für einen Dollar 1500 Lira. Als hätte das Land zwei Währungen, werden amerikanische und libanesische Banknoten freihändig vermischt.

Aber inzwischen fragen die Eintreiber der Parkplatzwucherer, der Stromgeneratoren-Mafia, ob es nicht möglich wäre, die Rechnungen in Dollar zu zahlen. Wer von sich aus mit der amerikanischen Zweitwährung bezahlt, erntet die erstaunte Antwort: „Dollar? Sind Sie sicher?“ Die Geldautomaten geben nur noch in begrenzter Menge Dollar aus, an Inhaber ausländischer Kreditkarten gar nicht. Bankfilialen haben die Ausgabezeiten an den Schaltern so verändert, dass es Berufstätigen schwer gemacht wird, Dollar abzuholen. Auf dem Schwarzmarkt gelten schon längst ganz andere Kurse. Die einfachen Leute fürchten um ihre bescheidenen Renten, die in Landeswährung ausgezahlt werden.

Viele bringen ihr Geld lieber in Sicherheit

Das bewegt auch Leute, denen es an Geld nicht fehlt. Wenige Tage bevor der Proteststurm losbricht, sitzen in einem der Bankentürme von Beirut einflussreiche Banker um einen großen Konferenztisch und schlagen einstimmig Alarm. „Nicht mehr lange und alles fährt gegen die Wand“, sagt einer, der sich gut in der Zentralbank auskennt, die seit Jahren um die Kursbindung kämpft. „Die Zentralbank hat zu lange den Job der Regierung gemacht“, erklärt er. „Aber sie kann deren Versagen nicht länger ausbügeln.“ Zumal auch Zentralbankchef Riad Salamé, der gemeinhin als gewiefter Zauberer zur Rettung der Staatsfinanzen gilt, unter dem Postenschacher der politischen Führer leide. „Wichtige Direktoren- und Stellvertreterposten können seit Ewigkeiten nicht besetzt werden“, sagt der Banker.

Und auch Salamés Kniffe sind eine riskante Wette auf die Zuversicht der Reichen, von denen viele im Ausland leben. Denn sie haben der Zentralbank über die libanesischen Privatbanken Devisen auf Pump zur Verfügung gestellt – mit traumhaften Renditen. Jetzt bringen aber viele ihr Geld lieber in Sicherheit. So wie der Jungunternehmer, der aus so gutem Hause stammt, dass er namentlich lieber nicht genannt werden will. „Ich habe all mein Geld in Sicherheit gebracht. Verstehe mich nicht falsch – ich liebe dieses Land. Aber finanziell habe ich alle Verbindungen gekappt“, sagt er. Es dürfte sich um eine eher sieben- statt einer sechsstelligen Summe handeln.

Es ist nicht lange her, da pries er noch den Unternehmergeist und Erfindungsreichtum der Libanesen, den man im Ausland nicht ausreichend würdige. Es ist Frühling, in einer Rooftop-Bar an der Küste vergnügt sich die Oberschicht. Männer, deren Designerhemden über den Bäuchen spannen, rauchen Zigarre in Begleitung von Frauen, in deren Gesichtern die plastische Chirurgie sichtbare Spuren hinterlassen hat. Der Jungunternehmer muss sich anstrengen, die Beats zu übertönen, als er erklärt: „Wir verdienen auch mal einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.“

Doch dann lästert auch er über die politische Führung und bemüht dafür das Gleichnis eines Studenten, der am Abend vor der Prüfung mit einem Freund in eine Bar geht: Nur ein Drink, heißt es am Anfang. Aber dann lässt er sich immer wieder überreden, noch einen zu trinken, und zu fortgesetzter Stunde auch dazu noch in einen Club zu gehen. „Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem der Student um fünf Uhr am Morgen sternhagelvoll darauf hofft, dass der Professor krank geworden ist“, sagt der Jungunternehmer

Der Alltag – für viele ein Stresstest

Doch ein solches Wunder zeichnet sich nicht ab, auch wenn die Eliten immer wieder neue Silberstreifen am Horizont ausmachen, die es ihnen erlauben würden, wie bisher weiterzumachen. Außenminister Bassil hat die syrischen Flüchtlinge zum Sündenbock erkoren. Andere sagen, der Wiederaufbau im Nachbarland solle die Wirtschaftskrise lösen. Wiederum andere verweisen auf die Ausbeutung eines gewaltigen Erdgasfeldes, das unter dem Grund des Mittelmeeres liegt. Nur ist diese Angelegenheit Gegenstand langwierigen Streites mit Israel, und beide Länder befinden sich seit Jahrzehnten im Kriegszustand.

Die Hoffnung auf Geld aus dem Ausland hält sich auch in Grenzen. Der sunnitische Regierungschef Saad Hariri hat schon lange die Gunst und das Vertrauen seiner saudischen Förderer um den Kronprinzen Muhammad bin Salman verloren. Das Regime in Teheran hat wegen der harten amerikanischen Sanktionen auch weniger Geld als früher für seinen libanesischen Vasallen, die Hizbullah, die wie ein Staat im Staat ein eigenes Sozialsystem unterhält. Westliche Partner haben ein elf Milliarden Dollar schweres Hilfspaket geschnürt – nur verlangen sie im Gegenzug ernsthafte Reformen und Korruptionsbekämpfung, woran wiederum keiner der Mächtigen ein ernsthaftes Interesse hat.

Sie haben sich auf eine einfache Formel geeinigt: Die Libanesen sollen zahlen. Oder sie sollen den Gürtel enger schnallen wie die Soldaten und Polizisten, denen die bescheidenen Pensionen gekürzt werden sollten. Dabei ist der Alltag für viele längst zu einem permanenten Stresstest geworden, in dem die Zumutungen an andere weitergegeben werden, meistens an die Schwächeren.

Doch jetzt, da die Wut auf die Stärkeren überkocht, ist damit – zumindest für eine Weile – Schluss. Im Zentrum von Beirut, wo sich am Sonntag den vierten Tag in Folge die Massen versammeln, geschehen in diesen Tagen des Überdrusses einige Dinge, die zuvor schwer vorstellbar waren. Zum Beispiel, dass in einem Land, an dem Müll oft achtlos in die Landschaft oder aus dem Autofenster geworfen wird, Leute am Morgen mit Gummihandschuhen und Müllsäcken durch die Straßen streifen, die von den Protesten gezeichnet sind. Sie räumen auf.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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