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WHO-Untersuchung in China

Wuhan bleibt ein Rätsel

Von Friederike Böge, Peking
09.02.2021
, 19:54
Markt in Wuhan: Wie wurde das Coronavirus auf den Menschen übertragen? Bild: Reuters
Die WHO hat in China nach dem Ursprung des Coronavirus gesucht. Leicht wurde es den Wissenschaftlern dabei nicht gemacht.

Wer gehofft hatte, dass die Welt der Frage nach dem Ursprung des Coronavirus am Dienstag ein Stück näherkommen würde, der wurde enttäuscht. Allerdings war auch kaum zu erwarten gewesen, dass die Delegation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) innerhalb von knapp vier Wochen in Wuhan das Rätsel würde lösen können. Stattdessen präsentierten die Experten in einer zweieinhalb Stunden langen Pressekonferenz im Hilton Optics Valley Hotel in Wuhan Empfehlungen für weitere Recherchen. Zudem gaben sie Einschätzungen über die Wahrscheinlichkeit von vier verschiedenen Szenarien, wie das Virus nach Wuhan gelangt sein könnte.

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Für am wenigsten wahrscheinlich halten die Wissenschaftler aus zehn Ländern, dass der Erreger aus dem Hochsicherheitslabor des Wuhaner Instituts für Virologie entwichen sein könnte. Diese Theorie war vor allem von der früheren amerikanischen Regierung vertreten worden. Die Experten bemühten sich, die politisch aufgeladene Diskussion auf wissenschaftliche Fakten zu beschränken. Man wolle von der Debatte des vergangenen Jahres wegkommen, die von „persönlichen Sichtweisen und Gefühlen“ geleitet gewesen sei, sagte der Leiter der WHO-Delegation, Peter Ben Embarek.

Doch auch China machte es der Delegation nicht leicht. Gleich zu Anfang der Pressekonferenz verstieg sich der Sprecher der Nationalen Gesundheitskommission zu der Aussage, der „China-Teil“ der Untersuchung sei nunmehr abgeschlossen. In den vergangenen Tagen hatte Peking immer wieder darauf beharrt, dass die Suche nach dem Ursprung des Virus nun in den Vereinigten Staaten fortgesetzt werden müsse. Bei Embarek klang das anders. Er listete eine ganze Reihe von Feldern auf, in denen weitere Untersuchungen sinnvoll seien. Vor ihm sprach 45 Minuten lang ein anderer: der Leiter der chinesischen Expertengruppe, Liang Wannian. Die Reihenfolge der Redner rief in Erinnerung, dass es sich keineswegs um eine unabhängige WHO-Mission handelt, sondern um eine „gemeinsame Mission“ von 17 chinesischen und 17 internationalen Fachleuten.

Die ersten zwei Wochen ihres Aufenthalts hatten die ausländischen Fachleute im Hotelzimmer verbracht. Sie mussten in Quarantäne. In dieser Zeit sichteten sie unveröffentlichte Daten, die ihnen China zur Verfügung stellte. Anschließend sprachen sie mit Ärzten, die die ersten bekannten Corona-Patienten behandelt hatten, mit Patienten, Wissenschaftlern und Wildtierhändlern. Sie fanden aber auch Zeit, die große Propagandaausstellung zu besuchen, mit der die Kommunistische Partei ihren Sieg über das Virus feiert.

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Fledermäuse weiter unter Verdacht

Zu den zentralen Ergebnissen der Mission zählt laut Embarek, dass „wir keine Belege für große Ausbrüche vor Dezember 2019 in Wuhan oder anderswo gefunden haben“. Als Grundlage dafür dienten ihnen unter anderem Patientenakten aus 233 Krankenstationen, Antikörpertests von gelagerten Blutproben, Daten aus Apotheken über den Verkauf fiebersenkender Mittel in den Monaten Juli bis Dezember und Sterblichkeitsstatistiken. Anders als von den Fachleuten erhofft, ist es also nicht gelungen, frühere als die bekannten Infektionsfälle zu finden und den Ausbruch in Wuhan zurückzuverfolgen. Man könne aber nicht sagen, dass es solche Fälle nicht gebe, stellte die niederländische Virologin Marion Koopmans klar.

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Der Huanan-Wildtiermarkt, der zunächst als Ort galt, an dem das Virus auf den Menschen übergesprungen sein könnte, war womöglich doch nur einer von mehreren Cluster-Orten. Nach Angaben des chinesischen Teamleiters Liang entwickelte der erste bekannte Patient mit Verbindungen zu dem Markt am 12. Dezember Symptome. Zur gleichen Zeit habe das Virus auf anderen Märkten und außerhalb von Märkten bereits zirkuliert. Ein anderer Patient sei schon am 8. Dezember erkrankt. Dennoch empfehlen die Experten weitere Recherchen über die Lieferketten der Markthändler, innerhalb und außerhalb Chinas. Unter anderem geht es dabei um Wildtiere, von denen bekannt ist, dass sie das Virus übertragen können. Katzen oder Nerze. Die Hypothese, das Virus sei von einer Fledermaus über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergesprungen, landete auf Platz eins.

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Mit Spannung war erwartet worden, was die ausländischen Wissenschaftler über die von China verbreitete Hypothese sagen würden, dass das Virus über tiefgekühlte Lebensmittel nach Wuhan eingeschleppt worden sein könnte. Die WHO-Delegation besuchte sogar ein Tiefkühllager, um der Frage nachzugehen. In der Liste der wahrscheinlichen Hypothesen landete eine Übertragung über eine kontaminierte Verpackungsoberfläche auf Platz drei, noch vor der Labor-These.

Die Skeptiker werden bleiben

An einer Stelle sagte Leiter Embarek einen ungewöhnlichen Halbsatz. „Wir können uns außerdem darauf einigen.“ Das klang wie ein Fingerzeig, dass man sich nicht in allen Punkten einig geworden sei. Der dänische Wissenschaftler ging aber nicht weiter darauf ein. Sein chinesischer Kollege verwies mehrfach auf die Notwendigkeit, den Ursprung des Virus auch in anderen Ländern zu suchen. Dem pflichtete Embarek durchaus bei. Zum Beispiel in Chinas südlichen Nachbarländern, wo Fledermausarten leben, von denen man weiß, dass sie Coronaviren in sich tragen.

Die Labor-Theorie bezeichnete Embarek als „extrem unwahrscheinlich“. Deshalb empfehle die Gruppe, diese Spur nicht weiterzuverfolgen. Zu der Einschätzung sei man mit Hilfe einer Evaluierung von Pro- und Contra-Argumenten gekommen. Zudem habe man eine „lange, ehrliche und offene Diskussion mit dem Management und den Mitarbeitern“ des Labors geführt. Die Skeptiker wird das wahrscheinlich nicht überzeugen, da es Chinas Kontrolle unterlag, zu welchen Daten die Delegation Zugang erhielt. So hatte auch der amerikanische Außenminister Antony Blinken China einen „Mangel an Transparenz“ und an Bereitschaft vorgeworfen, internationalen Fachleuten Zugang zu gewähren. Ein Mitglied der Delegation, der britisch-amerikanische Zoologe Peter Daszak, lobte China hingegen in den höchsten Tönen für seine Offenheit. Nun wird sich zeigen, ob Peking der WHO-Empfehlung folgt und alle relevanten Daten in eine globale Datenbank überträgt.

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Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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