„Mehr Dosen für arme Länder“

WHO kritisiert Auffrischungsimpfungen

Von Johannes Ritter, Zürich
05.08.2021
, 13:16
Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Februar 2020
Der Chef der Weltgesundheitsorganisation hat die reichen Länder dazu aufgerufen, mit Auffrischungsimpfungen mindestens bis Ende September zu warten. Den Impfstoff sollten stattdessen arme Länder bekommen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plädiert dafür, Impfstoffe gegen Covid-19 bis mindestens Ende September nicht für Auffrischungen zu verwenden. „Ich verstehe das Anliegen aller Regierungen, ihre Bevölkerung vor der Delta-Variante zu schützen“, sagte der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in einer Pressekonferenz. „Aber wir können nicht hinnehmen, dass Länder, die bereits den größten Teil der weltweiten Impfstoffvorräte verbraucht haben, noch mehr davon verwenden.“ Während Hunderte von Millionen Menschen immer noch auf ihre erste Dosis warteten, gingen einige reiche Länder dazu über, Auffrischungsimpfungen zu verabreichen.

Damit sprach Tedros indirekt Länder wie Israel an, die schon mit den sogenannten Booster-Impfungen begonnen haben für Personen, die älter als sechzig Jahre sind und deren zweite Impfung mehr als fünf Monate zurückliegt. Die Bundesregierung will von September an Drittimpfungen für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen anbieten.

Der WHO-Chef kritisierte abermals die ungleiche Verteilung der Impfstoffe in der Welt: Von den mehr als vier Milliarden verabreichten Impfstoffdosen seien mehr als achtzig Prozent an Länder mit hohem und mittlerem Einkommen gegangen, obwohl dort weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung lebe.

Deutschland spendet mindestens 30 Millionen Dosen

Tedros erinnerte an seinen früheren Aufruf, bis Ende September jedem Land zu ermöglichen, mindestens zehn Prozent der Bevölkerung zu impfen. Davon sei man jedoch noch weit entfernt. Während sich in den Ländern mit hohem Einkommen die Zahl der verabreichten Dosen seit Mai auf 100 Dosen pro 100 Menschen verdoppelt habe, seien in den Ländern mit niedrigem Einkommen bisher nur 1,5 Dosen pro 100 Menschen verabreicht worden, weil es an Material mangele.

„Wir brauchen dringend eine Trendwende“, sagte Tedros. Der Verlauf der Pandemie hänge von der Führung der G-20-Länder ab. Diese forderte Tedros dazu auf, konkrete Zusagen zur Unterstützung der Impfziele der WHO zu machen.

„Hart errungene Erfolge sind in Gefahr“

Deutschland will bis Ende dieses Jahres mindestens 30 Millionen Impfstoffdosen an Länder weitergeben, in denen bislang kaum geimpft wurde. Gesundheitsminister Jens Spahn kündigte an, alle noch ausstehenden Impfstofflieferungen des britischen Herstellers AstraZeneca direkt an die internationale Impf-Initiative Covax weiterzureichen.

Schon vor wenigen Tagen hatte sich der WHO-Chef in einer Pressekonferenz in Genf ernüchtert gezeigt: „Wir haben alle Mittel, die wir brauchen: Wir können diese Krankheit verhindern, wir können sie testen und wir können sie behandeln.“ Und doch hätten sich die Infektionen in fünf der sechs WHO-Regionen in den vergangenen vier Wochen im Durchschnitt nahezu verdoppelt. In Afrika seien die Todesfälle im selben Zeitraum um achtzig Prozent gestiegen. Ein Großteil dieses Anstiegs sei auf die Delta-Variante zurückzuführen, die inzwischen in mindestens 132 Ländern nachgewiesen worden sei. In Kürze werde die Gesamtzahl der Infektionsfälle die Marke von 200 Millionen überschreiten.

Tedros führte den Anstieg auf die zunehmende soziale Durchmischung und Mobilität, die uneinheitliche Anwendung von Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowie die ungleiche Verwendung von Impfstoffen zurück. „Hart errungene Erfolge sind in Gefahr oder gehen verloren, und die Gesundheitssysteme in vielen Ländern sind überfordert.“ Die steigende Zahl der Infektionen verknappe das Angebot an lebensrettendem Sauerstoff. In vielen Ländern sei die Grundausstattung zum Schutz des Personals im Gesundheitswesen unzureichend.

Sorgen bereiten der WHO auch die niedrigen Covid-19-Testraten. Diese lägen in Ländern mit niedrigem Einkommen bei weniger zwei 2 Prozent des Wertes in Ländern mit hohem Einkommen, „so dass die Welt nicht weiß, wo sich die Krankheit befindet und wie sie sich verändert“, warnte Tedros. „Ohne bessere Testraten auf der ganzen Welt können wir die Krankheit nicht an vorderster Front bekämpfen oder das Risiko des Auftretens neuer, gefährlicherer Varianten eindämmen.“

Von der Unterversorgung mit Impfstoffen sei Afrika am stärksten betroffen. Nach dem aktuellen Trend würden fast siebzig Prozent der afrikanischen Länder das Ziel verfehlen, bis Ende September zehn Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen. Weniger als zwei Prozent der weltweit verabreichten Dosen seien in Afrika verabreicht worden. Nur 1,5 Prozent der Bevölkerung des Kontinents seien vollständig geimpft. „Dies ist ein sehr ernstes Problem.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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