Faire Verteilung von Impfstoff

WHO mahnt: Vor Kindern erst Alte und Gefährdete weltweit impfen

08.05.2021
, 04:37
Die Weltgesundheitsorganisation drängt darauf, die Impfung von Kindern in reichen Ländern hintenan zu stellen. Nur so könnte der Zug der Seuche gestoppt werden. Die WHO-Notfallzulassung für Chinas Sinopharm-Impfstoff weckt Hoffnung, dass ärmere Länder bald schneller impfen können.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Regierungen aufgefordert, Kinder erst dann gegen das Coronavirus zu impfen, wenn weltweit alle älteren und gefährdete Menschen Immunschutz erhalten haben. Vorrangiges Ziel müsse es sein, alle Länder mit Impfstoff für die Risikogruppen zu versorgen, sagte die Leiterin der Immunisierungs-Abteilung der WHO, Kate O’Brien, am Freitag. Erst dann sollten Gruppen mit viel geringerem Risiko, an Covid-19 zu erkranken, geimpft werden.

Als erstes Land hatte Kanada am Mittwoch den Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. Das Vakzin war in Kanada bislang nur für Jugendliche ab 16 Jahren zugelassen gewesen. Medienberichten zufolge wollen die USA den BioNTech-Impfstoff in der kommenden Woche ebenfalls für Zwölf- bis 15-Jährige freigeben. Auch die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) prüft derzeit eine Zulassung für Kinder ab zwölf Jahren.

Ärmere Länder könnten zu kurz kommen

Während solche Zulassungen Impfungen für Millionen weiterer Menschen in den reichen Staaten ermöglichen, sorgt sich die WHO, dass sie die Impfkampagnen in Afrika und anderen ärmeren Ländern zusätzlich behindern.

WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus bezeichnete die ungleiche Verteilung der Impfstoffe zwischen armen und reichen Ländern am Freitag als nicht hinnehmbar.

Er rief die sieben wichtigsten Industriestaaten dazu auf, die faire und gleiche Verteilung der Vakzine sicherzustellen. Nur so ließe sich die Pandemie tatsächlich besiegen.

Weltweit wurden nach AFP-Zählung bisher fast 1,25 Milliarden Impfdosen verabreicht. 45 Prozent davon wurden in den Ländern mit hohem Einkommen verabreicht, in denen 16 Prozent der Weltbevölkerung leben. Nur 0,3 Prozent gingen an die 29 ärmsten Länder, in denen neun Prozent der Weltbevölkerung leben. Um dort die Impfungen zu beschleunigen, fehlen der WHO Milliarden von Dollar.

Hohes Risiko weiterer verheerender Ausbrüche

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor dem Risiko weiterer verheerender Corona-Ausbrüche nach dem Muster Indiens. In mehreren anderen Ländern fehlten die richtigen Vorkehrungen, sagte WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan am Freitag in Genf.

„Dieses Virus hat eine enorme Bewegungsenergie“, sagte Ryan. „Es hat massive Infektionskraft, und wir müssen die Ausbreitung verlangsamen.“ In manchen Ländern entwickele sich die Lage schon ähnlich wie in Indien, sagte Ryan, ohne Namen zu nennen. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus nannte später die angespannte Lage in Brasilien und Nepal. Weitere Länder könnten bald in eine ähnliche Notlage kommen.

Tedros appellierte an die reichen Länder, mehr Impfdosen zu spenden. Das sei kein Akt der Nächstenliebe, sondern im Interesse der reichen Länder, weil sich sonst anderswo Varianten entwickeln können, die global neue Infektionswellen auslösen können.

Notfallzulassung für Chinas Sinopharm

Unterdessen hat die WHO der chinesischen Firma Sinopharm eine Notfallzulassung für ihren Corona-Impfstoff erteilt. Die Entscheidung teilte die WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus ebenfalls am Freitag in Genf mit. Damit können UN-Organisationen das Mittel kaufen und verteilen. China hat dem internationalen UN-Impfprogramm Covax, auf das sich viele ärmere Länder verlassen, im Februar bereits zehn Millionen Dosen versprochen.

Der unabhängige Beraterstab SAGE habe den Impfstoff für Menschen über 18 Jahre freigegeben, sagte Tedros. Es seien zwei Dosen für den vollen Impfschutz nötig. Die Wirksamkeit gibt SAGE mit 79 Prozent an. Eine WHO-Notfallzulassung gibt es bereits für die Corona-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer, AstraZeneca, Janssen/Johnson & Johnson und Moderna. Ein zweiter chinesischer Impfstoff, von Sinovac, wird von der WHO noch geprüft, ähnlich wie andere Impfstoffe, darunter der russische Stoff Sputnik V und das Mittel des US-Konzerns Novavax.

Quelle: AFP, dpa, puz
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