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Barde des Balkankriegs

Wider den Literaturnobelpreis für Peter Handke

Von Michael Martens
 - 14:44
Umstritten: Peter Handke, Schriftsteller aus Österreich und Literaturnobelpreisträger, sitzt am Doinnerstag in seinem Garten bei seinem Haus in Chaville.

Ein Mann betritt mit einen Haufen Hundekot in der Hand eine Kneipe. Er zeigt ihn den Gästen und sagt erleichtert: „Schaut mal, da wäre ich beinahe reingetreten.“ Mit diesem Witz, der so alt ist, dass er für viele jüngere Menschen neu sein dürfte, hat der aus Sarajevo gebürtige amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon die anstehende Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke kommentiert.

Der Hintergrund: Im vergangenen Jahr erlebte die Schwedische Akademie, die diesen Preis vergibt, eine schwere Krise, die größte ihrer Geschichte. Es ging um Korruption und sexuelle Belästigung. In diesem Jahr kam die Akademie zurück. Sie wollte einen neuen Skandal unbedingt vermeiden – hat aber prompt einen viel größeren produziert. Denn obwohl in diesen Tagen gern das Gegenteil behauptet wird, handelt es sich bei der seit 1901 vergebenen Auszeichnung eben nicht um eine rein literarische Ehrung. Das hätte sie sein können, aber das hat ihr Stifter Alfred Nobel nicht gewollt. Er hätte bestimmen können, mit dem Geld aus seinem Nachlass allein literarische Qualität zu würdigen, ohne Rücksicht auf das Gebaren der Ausgezeichneten. Ganz Kind seiner Zeit, verfügte Nobel 1895 in seinem letzten Willen jedoch, zu würdigen sei jeweils, wer „das herausragendste Werk in idealistischer Richtung geschaffen hat“.

Gewiss: Was als herausragend empfunden wird, das ändert sich. Viele längst vergessene Nobelpreisträger zeugen davon. Auch die Vorstellung davon, was Idealismus sei, war 1895, als Europa noch zwei Weltkriege vor sich hatte, eine andere als heute. Doch wer sich die Mühe macht, in den Akten der Stockholmer Akademie zu blättern, der sieht schnell, dass deren Mitglieder in früheren Jahrzehnten den Auftrag ernst nahmen, kein rein literarisches Urteil zu fällen, sondern auch den Menschen hinter dem Werk zu berücksichtigen. Da wäre etwa der Fall Ernst Jünger. Dessen sogenannte Tagebücher, insbesondere die aus dem Paris des Zweiten Weltkriegs, gehören zu den besten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Auch deshalb war ihr Autor zwischen 1956 und 1966 sechsmal für den Nobelpreis nominiert. Jünger hat ihn aber nie erhalten, denn er war eben nicht nur ein Seismograph seiner Zeit, sondern hatte sich in den zwanziger Jahren auch als rechtsextremer Publizist hervorgetan, der radikal gegen die Weimarer Republik anschrieb. Gottfried Benn war fünfmal nominiert, aber seine kurzzeitige Parteinahme für Hitler stand einer Auszeichnung seines grandiosen Werks entgegen. Sogar Martin Heidegger, der einst von der „Größe und Herrlichkeit“ des Nationalsozialismus geschwurbelt hatte, war zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert. Auch Ezra Pound und Bertolt Brecht, Faschismusverherrlicher der eine, Stalinismusverniedlicher der andere, kamen trotz großer literarischer Qualitäten über Nominierungen nicht hinaus.

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Und was hat das mit Handke zu tun? Leider viel. Handke hat die Opfer der Balkankriege verhöhnt, traf sich zum freundlichen Stelldichein mit dem Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, stilisierte den Kriegstreiber Slobodan Milosevic in seinen Interviews und Schriften zum tragisch-unverstandenen Helden, relativierte beider Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Kaskade menschenverachtender Aussagen Handkes ist lang und tief. Abgeklärt heißt es dazu nun in deutschen Feuilletons, Handke sei nun einmal „umstritten“ oder „skandalumwittert“ – ein „Provokateur“ eben. An seiner literarischen Lebensleistung ändere das nichts. Stimmt. Und es geht auch nicht darum, dass man Handke nicht lesen solle, im Gegenteil. Man soll. Aber muss man diesem vermeintlichen Wächter der wahren Empfindung für seinen poetisierenden Zynismus Lorbeerkränze winden? Der deutsche Außenminister Heiko Maas, der glaubte, Handke gratulieren zu müssen, ließ dazu feststellen, der Schriftsteller sei eben „für seine scharfen Positionierungen bekannt.“

Wohl dem, der das so schlicht sehen kann. Diejenigen, die dieser Tage die Nobelpreisehren des „großen Provokateurs“ verteidigen, weisen gern darauf hin, dass schließlich auch Knut Hamsun den Nobelpreis erhalten habe, – und der war schließlich der literarische Apologet des Bösen schlechthin, was die Größe seiner Dichtung nicht schmälert. So ist es, nur erhielt Hamsun den Preis 1920. Seine Parteinahme für den ebenso umstrittenen wie skandalumwitterten Provokateur Adolf Hitler, der für seine scharfen Positionierungen bekannt war, kam erst später.

Es stimmt natürlich auch, dass viele große Köpfe der Vergangenheit aus unserer heutigen, meist nicht von übertriebenen Selbstzweifeln angekränkelten Sicht alles andere als tadellos waren. Wollte man Nobelpreise nur an Makellose und „politisch Korrekte“ vergeben – was für ein Haufen mittelmäßiger Langweiler käme da zusammen! Schon jetzt wimmelt es in den Annalen des Preises von fader Mediokrität. Dichtung muss nicht „korrekt“ sein, schon gar nicht politisch korrekt. Bei Handke im Jahr 2019 geht es aber um Anderes. Die Verfehlungen der Größen von Gestern können wir nicht mehr ändern. Aber Handke lebt hier und jetzt, wir sollten ihn also nach den Maßstäben unserer Zeit beurteilen. Und was sagt es über diese Maßstäbe aus, wenn ein Mensch mit dem bekanntesten aller Literaturpreise geehrt wird, der zwar tatsächlich formidabel zu schreiben versteht, zugleich aber einige der schlimmsten Verbrechen seiner Zeit kleinredet oder relativiert hat, die Nähe zu den Tätern suchte und deren Opfer verspottete?

Für Opfer der Politik, die Handke poetisiert, birgt die Stockholmer Entscheidung eine erschütternde Botschaft. Für Überlebende und Hinterbliebene des Massakers von Srebrenica zum Beispiel, bei dem 1995 viele tausend Muslime ermordet wurden. Aus Stockholm und manchen Redaktionsstuben signalisiert man diesen und anderen Überlebenden der Politik Karadzics und Milosevics nun, dass sie sich nicht so haben sollen wegen ein wenig Völkermord. Die Botschaft lautet: Die Balkankriege waren nicht schön, keine Frage. Aber hässlich genug, um Milosevics Barden deshalb nicht mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt auszuzeichnen, waren sie eben auch nicht. Euer Leid in allen Ehren, aber uns ist die Sprachgewalt eines Mannes wichtiger, der den Schulterschluss mit den Mördern suchte.

„Und hören wir auf, die ´Sniper´ von Sarajevo blindlings mit den ´Serben´ zu verbinden“, schrieb Handke vor knapp zehn Jahren. „Und hören wir auf, die (furchtbare, dumme, unverständliche) Belagerung Sarajevos ausschließlich mit der bosno-serbischen Armee in Verbindung zu bringen.“ Hier wird musterhaft ein Narrativ des serbischen Nationalismus bedient, das Handke auch an anderer Stelle schon aufgegriffen hatte: Am 5. Februar 1994 schlug auf einem Marktplatz im belagerten Sarajevo eine Granate ein und tötete 68 Menschen. Sarajevo war schon seit 1992 von serbischen Truppen eingekesselt, aber die Nato reagierte erst jetzt: Serbische Kampfflieger wurden abgeschossen, Bodenstellungen der Serben angegriffen. Serbische Nationalisten behaupten bis heute, die Granate sei damals von den Verteidigern der Stadt auf ihre eigenen Leute abgefeuert worden, um eine Intervention der Nato zu provozieren. Bei Handke heißt es: „Ist es erwiesen, dass die beiden Anschläge auf Markale, den Markt von Sarajevo, wirklich die Untat bosnischer Serben waren…?“

Zwar zeigten die Kriegsverbrecherprozesse gegen Karadzic und seinen General Ratko Mladic, dass viele Indizien gegen die Behauptung sprechen, an jenem Februartag hätten muslimische Truppen Zivilisten in Sarajevo beschossen, um ein serbische Verbrechen vorzutäuschen. Einwandfrei und gerichtsfest belegen lässt sich die serbische Täterschaft jedoch bis heute nicht. Allein: Was folgt aus den nicht restlos geklärten Ereignissen dieses einen Tages für die anderen 1424 Tage der Belagerung Sarajevos?

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Der vor einigen Jahren verstorbene deutsche Historiker Holm Sundhaussen hat dazu Kluges gesagt. Er bestritt nicht, dass sich die Hintergründe in diesem Fall wohl nie würden klären lassen, „aber bei allem, was wir nicht wissen oder nicht genau wissen, bleibt eine Tatsache bestehen: Es waren definitiv nicht die Panzer und Artilleriegeschütze der Bosniaken, die auf den Bergen rings um Sarajevo postiert waren. Und dass aus diesen Stellungen heraus auf die Stadt geschossen wurde (…) steht ebenfalls fest. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass nicht in allen Fällen zweifelsfrei rekonstruiert werden kann, woher ein Geschoss kam.“ Ungeachtet einzelner Ungereimtheiten war Sarajevo über Jahre hinweg eine belagerte Stadt, so Sundhaussen. „Und wer die Belagerer waren beziehungsweise wer sie kommandierte, wissen wir auch. Die These, ´alle Konfliktparteien´ waren gleichermaßen schuld (…) ist ebenso unakzeptabel wie die These, dass es auf allen Seiten Schuldige gab, richtig ist.“

Doch genau die These von der gleichmäßig verteilten Schuld macht Handke sich zu eigen. Das aber ist Geschichtsklitterung „Ja, die Serben waren auch Opfer – die ersten und die letzten Opfer von Milosevic“, hat der britische Historiker Timothy Garton Ash in einer Analyse von Handkes Texten einmal festgestellt. „Aber es gibt auch Zahlen und Proportionen, eine Reihenfolge der Ereignisse“. Und die bringe Handke eben bewusst durcheinander. Die verborgene Implikation von Handkes Ausführungen ist laut Ash, dass die Serben in Bosnien im gleichen Maße Opfer waren wie alle anderen. „Und das ist, numerisch wie historisch, nicht wahr.“

Das aber scheint für die Schwedische Akademie keine Rolle zu spielen. Entweder weiß man dort von all diesen Debatten nichts, was nicht eben für die Sorgfaltsprüfung der Preisverleiher spräche. Oder, übler noch, es hat die Akademie schlicht nicht interessiert, so wie nun ja auch einige Feuilletons dem Laureaten zujubeln und Kritikern bescheiden, schließlich werde hier Dichtung prämiert, nicht Betragen und Schönschreiben. Hier und da, wird eingestanden, möge Handke auch einmal Massenmorde bagatellisiert oder Blutvergießen verniedlicht haben – aber diese Poesie! Zugegeben: Niemand hat die Massaker, den Krieg und das Leid auf dem Balkan so ausdrucksstark zur Petitesse erklärt wie Handke. Gewiss ohne böse Absicht, aber eben auch ohne übertriebenes Nachdenken, machen sich Feuilletonisten und Literaturkritiker mit serbischen Nationalisten gemein, wenn sie behaupten, Handke sei angefeindet worden, weil er sich die Sache der Serben zu eigen gemacht habe. Zu eigen gemacht hat Handke sich nämlich nur die Sache von Milosevic, auf dessen Beerdigung er im März 2006 erschienen war, um sich ein letztes Mal vor ihm zu verneigen. Zu eigen gemacht hat sich Handke, der kein Serbisch beherrscht und abgesehen von seinen literarvoyeuristischen Stippvisiten nie länger Serbien gelebt hat, die Sache von Milosevics kleptokratischer Clique, die großes Leid über die Nachbarländer gebracht, aber auch Hunderttausende junge Serbinnen und Serben um ihre Jugend betrogen hat. Zu eigen gemacht hat sich Handke die Sache einer Junta, die im Namen des Serbentums auch das eigene Volk ausplünderte. Und er tat das nicht mit einer unbedachten Äußerung, schnell getan und lang gereut, sondern über Jahre hinweg und systematisch.

Angesichts der jüngsten Stockholmer Entscheidung kann man jungen Dichtern, die Wert auf äußerlichen Erfolg legen, eigentlich nur raten: Fangt am besten gleich morgen an, öffentlichkeitswirksam Kriegsverbrechen in Syrien zu leugnen oder zu verharmlosen, besucht Assad und porträtiert ihn als großen Unverstandenen, der von einer unverständig-bösen Journalistenmeute gehetzt wird, kontrastiert solche Beobachtungen mit einer lyrischen Beschreibung der Farbe syrischer Äpfel, dem anderssüßen Geschmack syrischer Trauben auf dem Markt von Damaskus oder den sich in einer Benzinlache spiegelnden Wolken über Homs. Ein Vierteljahrhundert später winkt dann vielleicht der Nobelpreis.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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