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Dokumente in Israel

Die Massaker sollen wieder Geheimsache werden

Von Jochen Stahnke, Tel Aviv
 - 20:44
Palästinensische Flüchtlinge kehren nach dem arabischen Krieg 1948 in ihre Dörfer zurück. Bild: AFP

Die Abteilung Malmab ist im israelischen Verteidigungsministerium dafür zuständig, Spionage und das Entrinnen sensibler Dokumente zu verhindern: Informationen über Israels Nuklearprogramm etwa. Doch gibt es noch ein weiteres Betätigungsfeld. Wie jetzt bekannt wurde, stuft Malmab seit einigen Jahren systematisch bislang zugängliches Archivmaterial nachträglich ein, welche das staatliche Verhalten gegen palästinensische Araber insbesondere während des Kriegs im Jahr der Staatsgründung, 1948, beschreiben. Darin werden Massaker und Vertreibungen dokumentiert.

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Palästinenser nennen diese Ereignisse „Nakba“, Katastrophe. Recherchen der Zeitung „Haaretz“ ergaben, dass israelische Behörden Hunderte von Dokumenten, die diese Ereignisse betreffen, seit mehreren Jahren nachträglich verschlossen haben. Das Verteidigungsministerium habe Aussagen von Offizieren über getötete Zivilisten, Vergewaltigungen und die Zerstörung palästinensischer Dörfer als geheim eingestuft wie auch die Vertreibung von Beduinen in den ersten zehn Jahren des israelischen Staats.

Der bis 2007 amtierende Malmab-Direktor Yehiel Horev ließ sich mit den Worten zitieren, es sei sinnvoll, die Dokumente über Geschehnisse von 1948 vor der Öffentlichkeit zu verbergen, denn eine Offenlegung könne Unruhen im arabischen Teil der Bevölkerung auslösen. Auf die Frage, warum auch Dokumente, aus denen Forscher bereits öffentlich zitiert haben und über die Bücher geschrieben wurden, nachträglich als geheim eingestuft werden, die Geschichte also bereits erzählt sei, antwortete Horev: Ziel sei es, die Glaubwürdigkeit von Studien zu untergraben, die sich mit der Geschichte des palästinensischen Flüchtlingsproblems auseinandersetzen. „Sogar wenn jemand schreibt, das Pferd sei schwarz, wenn sich das Pferd nicht außerhalb des Stalls befindet, kann nicht bewiesen werden, dass es wirklich schwarz ist.“

Nach Erscheinen des Berichts meldete sich jetzt der Historiker Benny Morris zu Wort, der in den achtziger Jahren als einer der ersten Forscher maßgeblich das palästinensische Flüchtlingsproblem beschrieben hatte. „Vor rund zehn Jahren fing ich an, Gerüchte über das Verschließen von Schriftstücken zu hören, die ich bereits eingesehen hatte und die der Öffentlichkeit zugänglich waren“, schreibt Morris. Ein Dokument habe arabische „Abwanderungsbewegungen“ vom 1. Dezember 1947 bis 1. Juni 1948 betroffen und sei vom Geheimdienst der später in der israelischen Armee aufgegangenen Hagana-Miliz geschrieben worden. Als Morris dieses in einem zivilen Archiv bislang offen zugängliche Schriftstück vor zwei Jahren abermals einsehen wollte, sei ihm dies verwehrt worden.

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Archivprogramm von Akevot

Die für die Freigabe der Archive eintretende Organisation Akevot hat den 25 Seiten umfassenden Text nun trotzdem ins Netz gestellt. Dem von einem israelischen Geheimdienstoffizier verfassten historischen Dokument zufolge flohen siebzig Prozent der palästinensischen Araber wegen der jüdischen Militäroperationen. Heute unterstützt die israelische Regierung andere Narrative. Etwa, dass die Flucht vor allem auf Aufrufe zur Emigration von arabischen Anführern zurückzuführen sei. Vergangenes Jahr wurde bekannt, dass der israelische Botschafter in Bern dem Schweizer Außenministerium ein Schreiben überreichte, das die Einstellung der Schweizer Unterstützung für Akevot verlangt. In derselben Zeit hatte die israelische Regierung die Bundesregierung aufgefordert, ihre Unterstützung des Jüdischen Museums Berlin einzustellen, da dieses eine Ausstellung über Jerusalem zeige, „die hauptsächlich das muslimisch-palästinensische Narrativ wiedergibt“. Das Schweizer Außenministerium finanziert das Archivprogramm von Akevot nahezu allein.

In dem von Akevot nun veröffentlichten Dokument listet der Hagana-Geheimdienst den „Grad der Evakuierung“ je Dorf auf: „Deir Yassin: Dissidenten-Aktion, die meisten (fort), die meisten getötet“. „Deir Abu Tor: die meisten (fort), Deir-Yassin-Effekt.“ „Ein Zeitun: Zerstörung des Dorfes durch uns, viele getötet“. „Tira: Freundlicher jüdischer Rat.“ Es folgen ähnliche Angaben zu vielen Dutzend entvölkerten Dörfern. „Haaretz“ beschreibt weitere zensierte Dokumente, etwa Passagen von Interviews, die Historiker des „Yitzhak-Rabin-Zentrums“ erst Anfang des Jahrtausends mit militärischen Zeitzeugen führten.

„Mein Zug sprengte zwanzig Häuser mit allem, was drin war.“

Darin berichtet ein damaliger Generalmajor: „Mein Zug sprengte zwanzig Häuser mit allem, was drin war.“ Frage: „Während die Menschen darin schliefen?“ Antwort des Generalmajors: „Ich nehme es an.“ Diese Passage des Interviews habe Malmab zensiert. „Kein Gesetz definiert die Rolle von Malmab“, schreibt der Historiker Morris über die betreffende Abteilung im Verteidigungsministerium, „aber PR im Sinne des Staates und seine Vergangenheit reinzuwaschen sind sicher keine legitimen Arbeitsfelder.“ Niemand bezweifle heute, dass auch von arabischer Seite Kriegsverbrechen begangen wurden, so Morris, etwa die Vertreibungen von Juden aus der Jerusalemer Altstadt oder das Massaker von Kfar Etzion, auch wenn dies vergleichsweise „in geringerem Ausmaß“ geschehen sei. Doch gehe es Entscheidungsträgern heute nicht um die Sache selbst, sondern darum, Zweifel zu streuen an bereits veröffentlichter Forschung und an den Forschern selbst.

Dass es der „Haaretz“-Artikel, die veröffentlichten Dokumente und die Wortbeiträge der Beteiligten jetzt durch die in Israel obligatorische Militärzensur geschafft haben, sieht Akevot-Chef Lior Yavne als Beleg, dass die Sicherheit Israels dadurch nicht gefährdet werde. Und der bis 2018 amtierende Leiter des israelischen Staatsarchivs Yaacov Lozowick schrieb kurz vor seinem Ruhestand, eine Demokratie dürfe keine Informationen vorenthalten, nur weil sie den Staat blamierten. „Die Offenlegung der Fakten könnte unsere Gegner mit einem Rammbock gegen uns ausstatten und die Entschlossenheit unserer Freunde schwächen; sie könnte die arabische Bevölkerung aufstacheln und könnte staatliche Argumente vor Gericht schwächen; und was offengelegt ist, könnte als israelische Kriegsverbrechen interpretiert werden“, so der ehemalige Chefarchivar. Doch alle diese Argumente müssten trotzdem zurückgewiesen werden: „Dies ist ein Versuch, Teile der historischen Wahrheit zu verschleiern, um eine zweckdienlichere Version zu konstruieren.“ Den Beitrag von Morris nannte Lozowick jetzt „deprimierend und korrekt“.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.
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