Robert Biedron

Wie Polens bekanntester Schwuler die Politik aufmischt

Von Gerhard Gnauck
02.03.2019
, 14:44
Jung, europäisch und antiklerikal: Robert Biedron hat eine Partei gegründet, die so gar nicht ins konservative Polen passen will. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie sehr erfolgreich werden könnte.

Die Szene hatte etwas Theatralisches, fast Märchenhaftes. Zehn Hochzeitspaare samt Gästen drängen sich im Rathaus einer Stadt in Pommern. Ein altertümlicher, holzgetäfelter Saal, an der Wand ein mächtiges Kruzifix, auf der anderen Seite neogotische Buntglasfenster. Davor der Zeremonienmeister in schwarzem Talar samt roten Schulterstücken, Amtskette und Wappenadler. Jetzt kann es losgehen: Der Mann verliest die Namen, nimmt Bräuten und Bräutigamen das Treueversprechen ab. Ein Paar ist besonders gerührt. „Ja, wir sind alle bewegt“, wirft der Mann ein. Seine fröhlich krähende Stimme entkrampft die Situation, schafft eine Atmosphäre der Ausgelassenheit, wie sie in den Amtsstuben des konservativen Polens sehr ungewöhnlich ist. Manche der Paare sind von weit her gekommen, um das alles erleben zu dürfen: eine Trauung durch Polens bekanntesten schwulen Bürgermeister.

So war es vor drei Jahren im Rathaus von Slupsk, dem früheren Stolp. Die Szene ist bis heute auf Youtube zu sehen. Nach diesen zehn Paaren hat Bürgermeister Robert Biedron, der Mann mit der Amtskette, dann noch viele weitere getraut. In Stolp hat Biedron vier Jahre lang als Bürgermeister kommunalpolitische Kärrnerarbeit geleistet und dabei mit großer Freude auch Ehen gestiftet. Irgendwann sagte er aber, was ihm bei diesen Zeremonien außerdem noch durch den Kopf ging: Dass er selbst seinen Partner Krzysztof auf absehbare Zeit nicht würde heiraten können. Jedenfalls nicht in Polen. Eine rechtliche Form für homosexueller Partnerschaften ist hier nicht in Sicht.

Die ersten Schritte als Aktivist

Ein Paar versucht gerade zu erkunden, ob man einen solchen Bund im Ausland schließen und dann in Polen registrieren könne: Jakub und Dawid haben in Portugal geheiratet, sind jedoch unlängst vor einem polnischen Verwaltungsgericht mit ihrem Anliegen gescheitert. Sie werden dagegen klagen, freuen sich jedoch, dass die Tür jetzt zumindest einen Spalt weit offen ist: In ihrer Urteilsbegründung schrieben die Richter, die Verfassung stehe der Anerkennung einer gleichgeschlechtlichen Ehe nicht entgegen. Alles andere sei Aufgabe des Gesetzgebers. Mit genau diesem Anliegen, dem Kampf für die Rechte von Homosexuellen, ist Robert Biedron in Polen bekannt geworden. Lange war er der berühmteste Schwulenaktivist des Landes. Von 2001 bis 2009 leitete er die „Kampagne gegen Homophobie“. Damals begannen Polens LGBT-Aktivisten in vielen Großstädten jährliche Umzüge zu halten. Wegen seines Engagements wurde er auf der Straße beschimpft und bespuckt. Inzwischen ist die polnische Gesellschaft in dieser Frage aber liberaler geworden, und Biedron muss irgendwann erkannt haben, dass er nicht ewig LGBT-Aktivist würde bleiben können. Dass er versuchen könnte, sich freizuschwimmen. Dass er unter den vielen Soldaten im Kampf um Schwulenrechte derjenige sein könnte, der in seinem Tornister den Marschallstab entdeckt.

Der war ihm nicht in die Wiege gelegt. Biedron kam 1976 in der konservativsten Ecke Polens zur Welt, in einem Dorf im Südosten, wo die Menschen doppelt so oft in die Kirche gehen wie am anderen Ende, im unfrommen Pommern. Dort, im Vorland der Karpaten, besuchte er eine Hotelfachschule.

Damals entdeckte Biedron auch seine Homosexualität. Es war ein Schock; er war verzweifelt und fühlte sich alleingelassen. Der Gegenschock kam dann 1995, als er per Anhalter nach Berlin fuhr und die dortige LGBT-Szene kennenlernte. Er verliebte sich Hals über Kopf in einen Deutschen. Aus der Beziehung wurde zwar nichts, doch nach seiner Rückkehr nach Polen wurde er selbst in der Schwulenbewegung aktiv.

Er studierte Politikwissenschaft und schloss sich zunächst der postkommunistischen Linken an. Das führte nicht weit, denn diese Kraft hatte ihre besten Zeiten damals längst hinter sich. Da gründete ein Parteirebell aus Donald Tusks liberaler Bürgerplattform, der Unternehmer Janusz Palikot, eine neue Bewegung. Palikot setzte auf Provokation und ließ sich vor der Parlamentswahl 2011 auf einem Magazincover in der Pose eines halbnackten Christus am Kreuz abbilden. Seine antiklerikale Partei bekam zehn Prozent. Einer ihrer siegreichen Kandidaten im Norden, im Wahlkreis Gdingen-Stolp, war Biedron. Er war damit der erste bekennende Homosexuelle im polnischen Sejm.

„Wiosna“ bedeutet Frühling

Doch wie gewonnen, so zerronnen: Die Palikot-Bewegung verlor schnell ihren Schwung. 2014 fand Biedron, dass er Politik noch einmal von der Pike auf lernen müsse. Er bewarb sich in der 90 000-Einwohner-Stadt Stolp als Direktkandidat für das Amt des Bürgermeisters – und gewann. Seitdem hat er dort einiges auf den Kopf und noch mehr vom Kopf auf die Füße gestellt. Es gelang ihm, die rekordverdächtige Verschuldung der Stadt einzudämmen, EU-Mittel gut zu nutzen, Investoren anzuziehen. Und er zeigte, dass er, angeblich doch Vertreter einer „Randgruppe“, mit allen arbeiten und viele begeistern kann. Vor sein Rathaus stellte er ein rotes Sofa und lud die Bürger ein, ihm dort von ihren Sorgen zu erzählen.

Als seine vier Jahre als Bürgermeister ihrem Ende zugingen, zögerte Biedron – schließlich hatte er seinen Stolper Bürgern zwei Amtszeiten versprochen. Aber dann entschied er sich doch für den Absprung. Anfang Februar hat er jetzt eine neue Partei aus der Taufe gehoben. Sie heißt „Wiosna“ (Frühling) und steht für ein linkes, auch sozialpopulistisches und antiklerikales Programm. „Wiosna“ will Staat und Kirche klarer als bisher trennen und in die polnische Landschaft mit ihrer ewigen Polarisierung zwischen der regierenden nationalkonservativen PiS unter Jaroslaw Kaczynski und der liberalen Bürgerplattform verändern. Ein Frühling naht – und die Umfragen verheißen der neuen Jahreszeit bis zu 14 Prozent. Bei der Europawahl im Mai und bei der Parlamentswahl im Herbst ergäbe das einen starken dritten Platz und vielleicht sogar die Möglichkeit, mit einer Mitte-links-Koalition die PiS von der Macht zu verdrängen. Umso mehr, als die PiS durch einen Skandal um die Warschauer Hochhaus-Baupläne ihres Vorsitzenden und die juristischen Auseinandersetzungen darüber in Bedrängnis geraten ist. Kaczynski hat nach den Enthüllungen in dieser Sache kürzlich dem Justizministerium einen Besuch abgestattet, sehr ungewöhnlich. Die Opposition wirft ihm nun vor, die Ermittlungen beeinflussen zu wollen, er selbst weist das zurück.

Stolzer „Euro-Fundamentalist“

Für Biedron könnte das eine Chance sein, und so tourt er von Stadt zu Stadt. Wenig Zeit für Interviews, doch per Mail kann er dieser Zeitung ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel nach seinen kaum bekannten außenpolitischen Vorstellungen. „Ich bezeichne mich stolz als Euro-Fundamentalist“, schreibt er. „Wiosna“ sei die europäischste Partei Polens, und er wolle „an einer Erneuerung der EU mitwirken“. Stillstand dürfe nicht sein; das wäre „die kampflose Aufgabe unseres europäischen Traums“. Den Schutz der Nato begrüßt er, findet jedoch, dass zur militärischen auch andere Komponenten gehörten: politische Einigkeit sowie „gemeinsame Abwehr von Fake News und ausländischer Desinformation“.

Biedron ist ein Gegner der heutigen rechten Regierung, die aber immerhin einige soziale Verbesserungen geschafft hat – etwa ein neues Kindergeld. Was sagt er dazu? „Gute, aber fragmentarische Lösungen“, die jetzt ergänzt werden müssten: Senioren und Behinderte brauchten mehr Lebensqualität. Eine Mindestrente will er einführen und „langfristig Krippen- sowie Kindergartenplätze für alle garantieren“. Jetzt müsse „eine Gemeinschaft gebaut werden, in der niemand zurückgelassen wird“, in der alle „gleiche Chancen haben und die Adresse nicht darüber entscheidet, ob wir eine gute Schule besuchen oder wie viel wir verdienen“.

Und dann die Gretchenfrage: Ist seine Partei nicht einfach zu links für dieses konservative Land? Biedron lässt sich nicht beirren: „In Polen sind die Politiker konservativ, nicht die Einwohnerinnen und Einwohner.“ Die Rechte der Frau, Gleichheit in der Ehe, staatliche Förderung für In-vitro-Befruchtung (ein Tabuthema für die katholische Rechte), das seien Dinge, „die im 21. Jahrhundert geregelt werden müssen“.

Dieser Mann hat sich viel vorgenommen. Seine Partei steht noch ganz am Anfang, aber Biedron hat sich an die Arbeit gemacht, mit Enthusiasmus und ansteckend guter Laune. Unlängst wurde er gefragt, ob er bereit wäre, auch Regierungschef zu werden. Die Antwort war dieselbe, die er damals immer hörte, als er in Stolp noch Hochzeitspaare traute: „Ja, ich will, na klar!“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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