Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Ausschreitungen in Schweden

Das Prinzip Provokation

Von Matthias Wyssuwa, Hamburg
18.04.2022
, 17:54
In Örebro brannten bei Ausschreitungen am Freitag Polizeifahrzeuge. Bild: AP
Der dänische Islamfeind Rasmus Paludan ließ in schwedischen Städten den Koran verbrennen. Es folgten Gewaltausbrüche in Einwanderervierteln, die ein Schlaglicht auf die Bandenkriminalität werfen.

Das Prinzip von Rasmus Paludan ist bekannt. Es ist das Prinzip Provokation. Eine angekündigte islamfeindliche Aktion, eine Koran-Verbrennung, am besten dort, wo in der Nähe viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, viele Muslime. Dann die Empörung der Anwohner, der Schutz der Veranstaltung durch die Polizei, all die Aufregung und Aufmerksamkeit.

So hat Paludan schon 2019 in Dänemark versucht, für seine islamfeindliche Splitterpartei „Stram Kurs“ Stimmen zu gewinnen. Er schaffte es in die Schlagzeilen, aber nicht ins Parlament. Beim Nachbarn in Schweden hat er über Ostern aber gleich einen Flächenbrand losgetreten. In mehreren Städten kam es zu schweren Ausschreitungen und gewaltsamen Protesten. Die Wut der Menschen richtete sich auch gegen die Polizei. Polizisten wurden attackiert, und Polizeiautos gingen in Flammen auf.

Demonstranten von Polizei geschützt

Damit hat Paludan aber nicht nur für sich Aufmerksamkeit gewonnen, sondern auch für ein Thema: Durch all die Gewalt gegen die Polizei hat sich der Fokus wieder auf Fragen gerichtet, welche die politische Debatte in Schweden in den nächsten Monate bestimmen dürften: Was ist schiefgelaufen mit der Integration, woher kommen die Gewaltausbrüche? So fasste es der Landespolizeichef Anders Thornberg am Montag zusammen: „Das hat nichts mit Protest zu tun, das ist ein ungerechtfertigter Angriff auf unsere Rechtsgesellschaft und unsere Demokratie.“

Versucht nun in Schweden Fuß zu fassen: Der dänische Rechtsradikale Rasmus Paludan (Aufnahme von 2019) Bild: REUTERS

Am Donnerstag schon ging es los mit gewaltsamen Protesten gegen die – genehmigte – Aktion von Paludan in Linköping, wo er die Verbrennung des Korans angekündigt hatte. Schon da kam es zu ersten Zusammenstößen. Am Freitag traf Paludan in Rinkeby ein, einem auch für seine Pro­bleme landesweit bekannten Einwandererviertel am Rande Stockholms. Dort wurde er laut einem Bericht der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ von der Polizei vor einer aufgebrachten Masse von Gegendemonstranten beschützt, als er den Koran erst auf den Boden geworfen und schließlich angezündet haben soll. Es flogen Steine und Flaschen, die Polizei hielt Paludan mit viel Mühe außerhalb der Reichweite der Wurfgeschosse und wurde selbst zum Ziel.

Am Abend kam es in Örebro, etwa 200 Kilometer westlich der Hauptstadt gelegen, vor der nächsten angekündigten Koran-Verbrennung, zu heftigen Gewaltausbrüchen. Randalierer griffen die Polizei an, die erst Paludan und dann sich selbst schützen musste: Etwa ein Dutzend Menschen wurden verletzt, die meisten waren Polizisten. Polizeiautos gingen dabei in Flammen auf.

Und so ging es über die Osterfeiertage immer weiter in immer mehr Städten: In Norrköping im Süden musste die Polizei Warnschüsse abgeben, weil sie angegriffen worden sei: Ein Mann wurde am Bein verletzt und musste ins Krankenhaus. Immer wieder wurde die Polizei mit Steinen und Molotowcocktails beworfen, Mülltonnen und Autoreifen brannten und in Malmö ein Bus, auch eine Schule wurde angezündet.

Polizeichef kritisiert Regierungspartei

Landespolizeichef Thornberg und seine Kollegen trugen am Montag die Bilanz der Feiertage vor: 26 Polizisten wurden verletzt, 20 Polizeifahrzeuge beschädigt oder zerstört, mindestens 14 andere Personen seien verletzt worden, und die durchschnittliche Zahl der gewalttätigen Teilnehmer lag bei etwa 200. Von den sechs genehmigten Veranstaltungen seien zwei ganz, eine zum Teil abgehalten worden – zu dreien kam es wegen der Ausschreitungen nicht. „Wir haben schon früher gewalttätige Ausschreitungen gesehen“, sagte Thornberg. „Aber ich möchte sagen, dass dies etwas anderes ist.“ Die Polizei habe den starken Verdacht, „dass diejenigen, die Polizei und Rettungsdienste angreifen, mit kriminellen Banden in Verbindung stehen“.

Damit zog Thornberg eine Verbindung zu einem Thema, das seit Langem schon zu den wichtigsten im Land zählt – vor allem mit Blick auf die Parlamentswahl im September. Die wachsende Bandenkriminalität wird längst auch von den regierenden Sozialdemokraten als großes Problem gesehen, die bürgerliche Opposition kritisiert die Partei, zu lange die Augen vor den Problemen bei der Integration im Land verschlossen zu haben. Immer wieder hatten Schießereien im Bandenmilieu ganz Schweden beschäftigt. „Wir haben seit Langem gesagt, dass es eine sehr ernste Situation mit der Kriminalität im Land ist“, sagte Thornberg. Was man in den letzten Tagen gesehen habe, seien ernsthafte Symptome eines großen Problems in Schweden.

Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson hatte die Gewalt gegen die Polizei scharf verurteilt, ihr Herausforderer Ulf Kristersson von den Moderaten ebenso. Paludan will, so wird berichtet, mit seiner Partei ebenfalls bei der schwedischen Wahl antreten. In Dänemark hatte er 2019 knapp 1,8 Prozent erhalten.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
Verlagsangebot
Geschäftsführer*in (w/m/d) Immobilien
WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte mbH über Hoffmann & Partner Executive Consulting
Pädagogischer Schulleiter (m/w/d)
Evangelisches Schulzentrum Leipzig
Verwaltungsdirektor (m/w/d)
Kienbaum Consultants International GmbH
Manager Pricing (w/m/d)
REPUBLIC Marketing & Media Solutions GmbH
Verlagsangebot
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Lernen Sie Englisch
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Anschluss- finanzierung schützt vor Zinsexplosion
Gas vergleichen und sparen
Ihre Weiterbildung im Compliance Management