Grundsteinlegung Rama-Tempel

Modi inszeniert sich als Held der Hindus

Von Till Fähnders, Singapur
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 16:41
Modi bei der Zeremonie zur Grundsteinlegung für den Rama-Tempel am Mittwoch in Ayodhya.
Die Grundsteinlegung war ein Spektakel. Kritiker sehen darin den nächsten Schritt des indischen Ministerpräsidenten, Muslime zu unterwerfen.

Auf diesen Moment haben Indiens Hindunationalisten lange gewartet. Sie selbst sagen, seit Jahrhunderten. Ihr Ministerpräsident Narendra Modi sitzt nun im Schneidersitz auf dem Boden als der Mann, der es politisch möglich gemacht hat. Es ist ein Spektakel ganz nach seinem Geschmack. Modi vollzieht ein ausgefeiltes Ritual, in dem „heiliges“ Wasser und eine Menge Blütenblätter zum Einsatz kommen. Symbolisch legt er dann einen silbernen Stein in das innerste Heiligtum des zukünftigen Tempels. Der Stein ist laut indischer Presse vierzig Kilogramm schwer. „Indien ist überglücklich, da Jahrhunderte des Wartens heute ein Ende gefunden haben. Millionen hätten nicht geglaubt, dass sie diesen Tag in unserer Lebenszeit erleben würden“, sagt Modi etwas später in einer Rede. Dazu ertönt wiederholt der Ruf „Jai Shri Ram“, „Sieg dem Gott Rama“.

Die Bilder von der spektakulär inszenierten Grundsteinlegung werden am Mittwoch ins ganze Land übertragen. Modi trägt während der Zeremonie Mund-Nasen-Schutz, reinigt sich immer wieder die Hände. Wie bei allen Veranstaltungen in dieser Zeit wird auch diese Feier von der Corona-Krise überschattet. Indien hat mit besonders schweren Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. So hat das Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern mittlerweile 1,9 Millionen Infektionen nachgewiesen. Schon seit einer Woche verzeichnet Indien mehr als 50.000 Neuinfektionen pro Tag. Innenminister Amit Shah, Modis rechte Hand und rechtspopulistischer Hardliner, hat sich mit dem Virus angesteckt und kann deshalb am Mittwoch nicht teilnehmen.

Nach Ansicht der Hindunationalisten ist die Pandemie aber nur ein Schluckauf im Vergleich zu dem epochalen Ereignis, das sie an diesem Mittwoch in dem Ort Ayodhya im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh begehen. Das Loch vor Modi markiert den Ort, an dem nun mit dem Bau des kontrovers diskutierten Rama-Tempels begonnen wird. Die besonders frommen Hindus glauben, dass dort vor Tausenden von Jahren ihr Gott Rama geboren wurde. Für Modis rechtskonservative Bharatiya Janata Party (BJP) gehört der Bau des Tempels deshalb seit Jahrzehnten zu ihren Wahlversprechen. „Unser fünf Jahrhunderte währender Kampf und die Wartezeit sind beendet“, sagte der Chief Minister von Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, vorweg der Zeitung „The Hindu“.

Es ist ein alter Streit, der den von den Hindunationalisten so ersehnten Tempelbau in Ayodhya verhindert hatte. Dort hatten im 16. Jahrhundert die muslimischen Herrscher über Indien, die Mogulkaiser, eine Moschee gebaut und dafür nach Ansicht vieler Hindus einen ihrer Tempel abgerissen. Für die Hindunationalisten war das ein unerträglicher Zustand. Im Jahr 1992 hatten fanatische Hindus die Moschee mit Hilfe von Schaufeln, Seilen und bloßen Händen dem Erdboden gleichgemacht. Nach der Zerstörung waren bei Unruhen im ganzen Land mehr als 2000 Menschen ums Leben gekommen, darunter mehrheitlich Muslime. Danach stritten die Anhänger der beiden Glaubensrichtungen noch jahrelang vor Gericht darum, wem das Grundstück gehört.

Erst im November des vergangenen Jahres entschied der Oberste Gerichtshof in Delhi, dass an dem Ort ein Rama-Tempel gebaut werden darf. Die Muslime bekommen ein Grundstück für ihre Moschee an einem anderen Ort. Für die Hindunationalisten ist das ein Triumph. Sie haben den Tempelbau seit fast drei Jahrzehnten vorbereitet. Verzierte Steine und Säulen warten seit Jahren auf einem Werkstattgelände in Ayodhya auf ihren Einsatz. Modis Partei verdankt dem Tempelstreit zu einem gewissen Teil sogar ihren politischen Aufstieg. Modi selbst hatte Anfang der neunziger Jahre geschworen, erst wieder einen Fuß nach Ayodhya zu setzen, wenn der Tempel gebaut wird. Aus diesem Grund verkündet das indische Fernsehen am Mittwoch auch pathetisch Modis „Rückkehr“ nach Ayodhya „nach 29 Jahren“.

„Erstes Monument der Hindunation“

Der Regierungschef präsentiert sich am Mittwoch als der große Held, der die Belange der Hindu-Mehrheit im Blick hat. Dabei dürften sie auch darüber hinwegsehen, dass es mit seiner Bilanz auf anderen Gebieten wie der Wirtschaftsentwicklung, dem Grenzkonflikt mit China und der Corona-Krise weniger rosig aussieht. Modis Kritiker sehen in dem Tempelbau allerdings vor allem einen weiteren Schritt, die rund 200 Millionen Muslime und andere Minderheiten zu unterwerfen und Indien von einem pluralistischen Staat zu einer Nation der Hindus zu machen. Als „erstes signifikantes Monument der Hindunation“ bezeichnet die Kommentatorin Saba Naqvi den Tempel in der Zeitung „The Indian Express“.

Die „Unterwerfung“ der Muslime hat dabei schon vor einigen Jahren mit vereinzelten Angriffen auf Angehörige der Glaubensrichtung begonnen. Immer wieder wurde Einzelnen unter ihnen die Misshandlung oder Schlachtung heiliger Kühe vorgeworfen. Ein weiterer Schritt war die Verabschiedung eines neuen Staatsbürgerschaftsgesetzes im Dezember, das Muslime bestimmter Nachbarländer von der Erlangung der indischen Staatsbürgerschaft faktisch ausschließt. Nach der Verabschiedung hatten wochenlang Muslime und Aktivisten in Delhi und anderswo gegen das Gesetz demonstriert. Im Februar eskalierte der Streit. In einem Randgebiet Delhis kam es zu blutigen Ausschreitungen. Dutzende Menschen wurden getötet, die meisten waren auch diesmal Muslime.

Ausnahmezustand in Kaschmir

Ein weiterer Meilenstein in der Agenda der Hindunationalisten war zudem die Aufhebung der Teilautonomie der Unruheregion Kaschmir, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird. Der ehemalige Bundesstaat Jammu und Kaschmir wurde am 5. August 2019 in die zwei Territorien Jammu und Kaschmir sowie Ladakh aufgeteilt. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Grundsteinlegung in Ayodhya auf den Tag genau ein Jahr später stattfindet. Die Region befindet sich immer noch in einem Ausnahmezustand: Eine gewaltige Militärmacht sorgt für Ruhe, das Internet wird stark eingeschränkt, immer noch sind Hunderte Menschen in Haft oder unter Hausarrest. Darunter sind auch gemäßigte Politiker wie die ehemalige Landeschefin Mehbooba Mufti. Kaschmirs Kinder sind in den vergangenen zwölf Monaten kaum einen Tag in der Schule gewesen.

Die indischen Sicherheitskräfte versichern dabei, dass ihre Maßnahmen und die Neuordnung Kaschmirs zu einem deutlichen Rückgang der Gewalt geführt hätten. Doch dafür habe Kaschmirs Bevölkerung mit ihrer Freiheit bezahlt, sagen die Kritiker. Für sie ist die Region eine Art riesiges Freiluftgefängnis geworden. In Erwartung des Jahrestags haben die Behörden am Dienstag und Mittwoch in der Hauptstadt Srinagar eine Ausgangssperre verhängt. Sie hätten Hinweise bekommen, wonach Separatisten und von Pakistan unterstützte Gruppen planten, den Jahrestag als „schwarzen Tag“ zu begehen, und dass es zu gewaltsamen Proteste kommen könnte. Die Ausgangssperre wird zwar am Mittwoch schon wieder etwas gelockert, nachdem es vorerst ruhig geblieben ist. Doch von dem Frieden und der versprochenen wirtschaftlichen Entwicklung ist Kaschmir immer noch weit entfernt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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