Schatten über dem Gedenken

Am Jahrestag von 9/11 ist Amerika zerrissen

EIN KOMMENTAR Von Klaus-Dieter Frankenberger
12.09.2021
, 18:04
Die früheren Präsidenten Clinton, Obama und der amtierende amerikanische Präsident Joe Biden am Samstag auf der Trauerfeier am Anschlagsort des 11. September 2001.
Als sie am 11. September angegriffen wurden, standen die Amerikaner zusammen. Heute wird die Politik von Wut, Angst und Ressentiments beherrscht.
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Selbst an dem Tag, an dem der Opfer der Terroranschläge vom 11. September gedacht wird, führen die Vereinigten Staaten vor, wie weit sie von jener Einigkeit und Einheit entfernt sind, die sie vor zwanzig Jahren gezeigt hatten. Daran können auch Aufrufe, doch zusammenzuhalten, nichts ändern. Von Zusammenhalt ist Amerika, von politischer Feindseligkeit und Kulturkämpfen zerrissen, heute weit entfernt. Der frühere Präsident George W. Bush hat recht: Amerikanische Politik ist nur noch ein Appell an Wut, Angst und Ressentiments der Leute.

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Während in New York Präsident Biden und zwei demokratische Amtsvorgänger in einer Gedenkfeier zusammenkamen und Bush am Ort des Absturzes eines der gekaperten Flugzeuge in Pennsylvania eine beachtliche Rede hielt, fiel Donald Trump durch Würdelosigkeit auf. Wieder einmal. Er schalt seinen Nachfolger einen Dummkopf – wegen des amerikanischen Abzugs aus Afghanistan, den er selbst mit seinem Abkommen mit den Taliban in die Wege geleitet hatte – und gefiel sich am Jahrestag der großen Tragödie als sich selbst beweinendes „Opfer eines Wahlbetrugs“.

Bedauerlich ist nicht in erster Linie Trumps Anstandslosigkeit. Schlimm ist, wie viele Millionen Amerikaner dem Spalter weiter hinterherlaufen. Amerika hat den Angriff islamistischer Terroristen überlebt; aber der Sturm aufgehetzter „einheimischer“ Extremisten auf das Kapitol hat den Glauben an seine Demokratie erschüttert. Wo ist die Einigkeit geblieben?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frankenberger, Klaus-Dieter
Klaus-Dieter Frankenberger
Redakteur in der Politik.
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