Bildungssystem

Schwierige Übergänge

EIN KOMMENTAR Von Heike Schmoll
26.06.2008
, 15:07
Obwohl die Probleme seit zehn Jahren bekannt sind, hat sich im deutschen Bildungssystem bisher wenig geändert. Vor allem die Schwellen zwischen Schule und Einstieg in die Arbeitswelt sind zu hoch. Auch beim Bildungsgipfel wird es bei Absichtserklärungen bleiben.
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Noch nie war die öffentliche Aufmerksamkeit für Bildungsthemen so groß wie jetzt. Noch nie hat Deutschland so genau über sein Bildungssystem Bescheid gewusst. Und doch scheint sich so wenig zu ändern. Wer das Bildungssystem seines Landes steuern will, muss wissen, wo es steht.

Allerdings lassen sich politische Handlungsanweisungen nicht unmittelbar aus der bildungsempirischen Beschreibung von Stärken und Schwierigkeiten gewinnen. Viele Bildungspolitiker haben noch nicht verkraftet, dass sie ihre Deutungshoheit verloren und an mehr oder weniger unabhängige Bildungsforscher abgegeben haben. Denn die moderne Bildungsforschung sollte im besten Falle auch in der Lage sein, Wege in die Praxis zu weisen. Zugleich müssen Bildungsforscher sich davor hüten, zu Bildungspolitikern zu werden – und umgekehrt.

Selektion verstärkt sich

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Woran liegt es, dass seit mindestens zehn Jahren bekannt ist, was dringend zu tun ist, und sich im Schul- und Hochschulalltag vieles dennoch nicht zum Besseren ändert? Das liegt jedenfalls liegt es nicht allein an der Finanzknappheit. Selbst positive Entwicklungen in einzelnen Ländern wie der Ausbau des dualen Systems in Deutschland geraten international ins schiefe Licht, wenn die erworbenen Abschlüsse nicht zum gegenwärtigen Bedarf des Arbeitsmarkts passen, wenn die Absolventen keine oder lediglich eine unter ihrer Qualifikation liegende Beschäftigung finden.

Genaugenommen beginnen die Passungsprobleme beim Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsbildung. Das gilt keineswegs nur für den Hauptschulabschluss, wie es in der öffentlichen Bewertung des jüngsten Bildungsberichts den Anschein hatte. Vielmehr ist auch der mittlere Abschluss betroffen. Die Übergänge werden dadurch schwieriger, dass sich im Laufe der Bildungsbiographie die Selektion nach Vorbildung, Geschlecht, Sozialstatus und Migrationshintergrund verstärkt.

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Das duale berufsbildende System in Deutschland hat sich bewährt und für eine im europäischen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit gesorgt. Durch seine starke Zersplitterung und eine mangelnde Koordinierung der schulischen und beruflichen Weiterbildungssysteme beraubt es sich allerdings seiner größtmöglichen Wirksamkeit. Allein in Baden-Württemberg mit seinem vielfältigen Berufsbildungssystem gibt es mehr als dreihundert verschiedene Wege der schulischen und beruflichen Ausbildung.

Die meisten trauen dem Bachelor nicht

Es liegt auf der Hand, dass die Schwierigkeiten sich auf den unteren Stufen des schulischen und beruflichen Bildungssystems häufen, während sie im Hochschulbereich vergleichsweise gering sind. Doch der Schein könnte auch trügen. Denn an den Universitäten wächst eine zynische Generation heran, die selbst nicht mehr an das System glaubt. Viele schaffen sich ihre eigenen Überlebensstrategien mit der Begründung, sich der Bürokratisierung entziehen zu wollen.

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Nur vollkommen unabhängige Spitzenforscher können es sich erlauben, laut zu sagen, was viele denken: Es gibt keine wirkungsvollere Methode, einen Wissenschaftler mattzusetzen, als ihn mit der Organisation des Bologna-Prozesses zu beauftragen. Immerhin wird beim jüngsten Bildungsbericht endlich offen darüber geredet, dass niemand weiß, wie die hohen Übergangsquoten vom Bachelor- zum Masterstudium zu bewältigen sind.

Denn die Hoffnung, mit dem Bachelor einen berufsqualifizierenden und arbeitsmarkttauglichen Abschluss für mögliche oder wahrscheinliche Studienabbrecher bereitzuhalten, ist nicht aufgegangen. Die meisten trauen dem Kurzstudium in sechs Semestern nicht und wollen ohnehin noch den Master ablegen. Das stellt die Universitäten aber vor nahezu unlösbare Schwierigkeiten. Denn sie haben sowohl Mittel als auch Personal auf die Bachelor-Studiengänge konzentriert. Hinzu kommt, dass die von der OECD beförderte höhere Studienanfängerquote immer häufiger durch einen örtlichen oder fächerbezogenen Numerus clausus unterlaufen wird.

Deutschland braucht Techniker

Überhaupt tritt die Fragwürdigkeit internationaler Zielvorstellungen bei der Bildungsberichterstattung immer deutlicher zutage. Warum eigentlich ist möglichst frühe vorschulische Betreuung in jedem Fall gut? Warum wird jetzt die frühe Einschulung für alle zum allein seligmachenden Weg des Schulbeginns? Wieso soll ein System mit mehr Hochschulabsolventen besser sein? Es kommt ohnehin auf die Fächer an. Wenn es nach den Erfordernissen des Arbeitsmarktes ginge, bräuchte Deutschland Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mathematiker, aber keine Geisteswissenschaftler. Vor allem aber fehlen Lehrer in den naturwissenschaftlichen Fächern – vom qualifizierten Betreuungspersonal für frühkindliche Förderung ganz zu schweigen.

Da den Ländern das Geld für große Bildungsinitiativen fehlt, werden sie sich trotz der neuen föderalen Ordnung zähneknirschend an der Festveranstaltung zu Ehren der Bundeskanzlerin, dem Bildungsgipfel, beteiligen und sich sicherlich erfolgreich mit Bundesmitteln ködern lassen. Denn es gelingt ihnen nicht, die lauthals beschworene gesamtdeutsche Verantwortung in der Kultusministerkonferenz wahrzunehmen oder gar gemeinsame Initiativen auf den Weg zu bringen. Es bleibt bei Absichtserklärungen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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