Die Bombe gelegt

Blutigster Anschlag in italienischer Nachkriegsgeschichte

Von Matthias Rüb
01.08.2021
, 20:48
In Bologna muss sich der Rechtsterrorist Paolo Bellini vor Gericht verantworten – mehr als vier Jahrzehnte nach dem Bombenanschlag mit 85 Toten.
Der Prozess gegen Paolo Bellini beginnt – es geht um ein Attentat, welches das Land nicht loslässt.

Die dubiosen Verbindungen zwischen Teilen des italienischen Sicherheitsapparats und rechtsextremen Terrorgruppen der Achtzigerjahre werfen ihre Schatten bis in die Gegenwart. Die „anni di piombo“ (bleierne Jahre), als der links- und der rechtsextremistische Terror die Grundfesten der italienischen Demokratie erschütterte, sind noch immer nicht vollständig aufgearbeitet.

Erst vor wenigen Wochen entschloss sich die Regierung in Paris, von italienischen Gerichten in Abwesenheit zu langen Haftstrafen verurteilte Terroristen der Roten Brigaden an das Nachbarland zu überstellen. Der sozialistische Präsident François Mitterrand hatte den italienischen Linksterroristen vor Jahr und Tag faktisch Asyl gewährt. Derweil muss sich in Bologna dieser Tage der Rechtsterrorist Paolo Bellini vor Gericht verantworten – mehr als vier Jahrzehnte nach dem Bombenanschlag auf den Bahnhof der Stadt vom 2. August 1980 mit 85 Toten. Hartnäckige Staatsanwälte hatten es erreicht, dass im Februar dieses Jahres der Prozess gegen den mutmaßlichen „fünften Mann“ der Terrorzelle von Bologna endlich beginnen konnte. Als wichtigste Belastungszeugin präsentierten sie dem Gericht am 21. Juli Bellinis einstige Ehefrau Maurizia Bonini, die ihren geschiedenen Ehemann schwer belastete. Auch die Organisation der Hinterbliebenen der Opfer war nie mit ihrer Forderung nach vollständiger Aufklärung und Gerechtigkeit verstummt.

Das Bombenattentat auf den Bahnhof von Bologna ist der blutigste Anschlag in der italienischen Nachkriegsgeschichte. 76 Menschen starben an Ort und Stelle, weitere neun erlagen später ihren Verletzungen. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt. Bis heute steht die Uhr am Haupteingang des Bahnhofs von Bologna auf 10.25 Uhr: Zur Erinnerung an die Opfer wurde der Augenblick des Anschlags an jenem Samstagvormittag vor 41 Jahren gewissermaßen eingefroren. Die Ermittler fanden heraus, dass die mit einem Zeitzünder versehene Bombe, die der Attentäter in einem Koffer im Wartesaal abgestellt hatte, aus 23 Kilogramm TNT und anderem hochexplosiven Material bestand. Die meisten Opfer wurden aus den Trümmern der klimatisierten Wartehalle geborgen, in welcher die Reisenden Zuflucht vor der drückenden Hitze gesucht hatten.

Schon am Tag nach dem Anschlag sagte Bolognas damaliger Polizeichef Italo Ferrante, er sei „zu mindestens 95 Prozent sicher“, dass es sich um einen Terroranschlag von Rechtsextremen gehandelt habe. In drei getrennten Gerichtsverfahren wurde denn auch die Täterschaft der neofaschistischen „Nuclei Armati Rivoluzionari“ (NAR), der „Bewaffneten Revolutionären Zellen“ für den Anschlag in Bologna erwiesen. 1988 erhielten die NAR-Führer Valerio Fioravanti und Francesca Mambro eine lebenslange Haftstrafe. Nach jeweils gut 20 Jahren Gefängnis wurden sie auf Bewährung entlassen. Weitere Urteile ergingen 2002 und 2020 gegen zwei weitere NAR-Aktivisten. Der erste kam 2009 auf Bewährung frei, das Urteil gegen den zweiten ist noch nicht rechtskräftig. Auch die Verwicklung italienischer Geheimdienstmitarbeiter und des Chefs der Geheimloge „Propaganda Due“ (P2), Licio Gelli (1919 bis 2015), in das Massaker von Bologna ist erwiesen. Offenbar versorgten die mächtigen, in Politik und Wirtschaft gut vernetzten Hintermänner die jungen Rechtsterroristen mit viel Geld.

Die Beschaffung von Waffen und Sprengstoff stellte die Leute von den NAR vor keine Probleme. Der Mann aber, der nach Überzeugung der Staatsanwälte den schweren Koffer mit dem Sprengstoff zum Bahnhof von Bologna gebracht und dort in der Wartehalle abgestellt hatte, wurde erst vor sechs Monaten angeklagt: Es ist der inzwischen 68 Jahre alte Paolo Bellini. Wesentlich für die Beweisführung der Anklage ist der Widerruf von Bellinis Alibi durch dessen damalige Ehefrau.

Maurizia Bonini nahm vor dem Gericht in Bologna ihre Aussage vom März 1983 zurück, wonach sich Bellini zum Zeitpunkt des Anschlags von Bologna bei ihr in Rimini aufgehalten habe. Stattdessen identifizierte sie ihren geschiedenen Mann eindeutig auf den Amateurfilmaufnahmen, die ein deutscher Tourist unmittelbar vor und nach der Detonation der Bombe im Bahnhof von Bologna erstellt hatte und die von den Ermittlern erst 2019 hatten vollständig wiederhergestellt werden können. Auf den Video-Aufnahmen ist ein junger Mann zu sehen, der sich in aller Ruhe in dem Chaos zu bewegen scheint, das eine gewaltige Explosion kurz zuvor angerichtet hatte. Während Rettungskräfte und Passanten blutüberströmte Verletzte bergen, entfernt sich der Mann mit dem Schnauzer ungerührt von der grausigen Szene.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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