Bologna

Einheit von Lehr- und Lernfrustration

Von Peter-Alexis Albrecht
10.12.2009
, 14:00
Spät, aber geräuschvoll: Die Studenten wehren sich und bleiben dabei in der Regel gewaltfrei
Für den einzelnen Wissenschaftler zahlt sich in der Bologna-Universität vor allem die Bereitschaft zur Unterordnung aus. Jetzt formieren sich die Studierenden zum Protest. Endlich! Ein Gastbeitrag des Rechtswissenschaftlers Peter-Alexis Albrecht.
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Die Studierenden formieren sich zum Protest. Endlich! Ich spreche nur aus der Sicht der Rechtswissenschaft, aber die reale Anschauung bildet sich aus eigener Erfahrung, und die ist für die Geisteswissenschaften insgesamt miserabel. Die Umstrukturierung der Studiengänge nach Bologna steht über kurz oder lang auch bei den Juristen ins Haus, was zumindest Chancen für eine überfällige Reform der Juristenausbildung eröffnet. Das ist drängend, denn das strukturelle Mängelprofil der Lehre wird seit langem beklagt. Wir verlassen die Lehrformen des 19. Jahrhunderts kaum, tendieren höchstens zum Schlechteren.

Vierhundert Studierende pro Semester sollen im traditionellen Frontalunterricht wissenschaftlichen Zugang zum Recht erleben. Ein Unding. Gab es früher als Ausweg aus diesem „Vorlesungsleid“ noch die Abstimmung mit den Füßen, zwingen heute Zwischenprüfungen, Credit-Point-Systeme und frühe Examensverlockungen zum Korsett des zwanghaften Schnellstudiums. Die Stoffvermittlung würde ohnehin besser über Speicherfestplatten als über die Köpfe wissbegieriger junger Menschen ablaufen. Als Lernmodell ist Stoffanhäufung inadäquat. Dabei liegen die Versäumnisse auf der Hand, ohne dass Studienanfänger sie sofort erkennen können. Studentischer Zorn ist aber ein warnender Indikator für die jämmerliche Vermittlung von Wissensbergen, die Reflexion über und im Recht gar nicht erst ermöglichen. Was gilt es zu ändern?

Es geht um fundierte Grundlagenausbildung

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Ein Neuanfang in der Juristenausbildung ist angesichts der europäischen Einigungsentwicklung dringlich. Dabei geht es um eine Reform der wissenschaftlichen Lehre, die keine Berufsausbildung im Sinne bloßer Anwendungstechnik sein soll und darf. Es geht um fundierte Grundlagenausbildung, um das interdisziplinäre Erfassen gesellschaftlicher Gesamtbezüge der juristischen Professionen und um kritische Reflexionsfähigkeit, und das alles in einem europäischen Kontext. Eine Herkulesaufgabe.

Europäische Rechtsentwicklung, die in Prozesse ökonomischer Entwicklung eingebettet ist, wird zunehmend undurchschaubarer, informeller, fragmentarischer, ungleicher und zugleich transnational verflochtener. Menschenwürde und Freiheit - jenen vorrechtlich erkämpften Postulaten gesellschaftlicher europäischer Entwicklung - droht dabei dauerhafter Verfall, primär im Strafrecht und bei der inneren Sicherheit. Die Gesellschaft schuldet sich schon deshalb die enorme Anstrengung einer wissenschaftlichen Ausbildung ihrer künftigen Funktionsträger. Nur durch Aufklärung kann die Gesellschaft ihre Unmündigkeit und ihre sozialen Verwerfungen überwinden.

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Ein ausbildungsbegleitendes „Studium generale“ ist erforderlich

Grundlagenorientierung und Interdisziplinarität erfordern ein ausbildungsbegleitendes „Studium generale“. Es muss unter anderem Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie, Argumentation und Logik sowie ein differenziertes Erfassen europäischer Rechtskulturen vermitteln. Zugleich geht es um Wissensgenerierung im Blick auf Funktionen und Grenzen des Rechts in gesellschaftlichen Teilsystemen. Es geht ferner um ökonomische und politologische Kompetenz. Die zweistufige Traditionsausbildung mit starker Verkürzungs- und strikter Disziplinierungstendenz ist diesen Forderungen in keiner Weise gewachsen. Kennzeichnend für die deutsche Wissenschaftspolitik ist, dass derartige Ansprüche aus einer internationalen Universität - wie der in Luxemburg (Stefan Braum) - erhoben werden. Bei uns schweigt zurzeit der lehrende Fachverstand. Man hat nur Angst vor Bologna.

Überfällig sind Schulung und Erwerb juristischer Kommunikationsfähigkeiten, juristischer Artikulationsfähigkeit und Sprachkompetenz - auch fremdsprachlicher. Hierbei ist eine Verzahnung autonomer wissenschaftlicher Lehre und praktischer Ausbildung unverzichtbar. Ohne Praxiserfahrung gibt es kein reflexives Lernen. Letzteres entsteht nur durch eine wissenschaftliche Durchdringung dessen, was in der Praxis geschieht. Es kommt angesichts der allgemeinen Verlängerung von Lebenserwartung auch nicht darauf an, Ende zwanzig den Zenit der Berufskarriere erreicht zu haben. Ziel wissenschaftlicher Universitätsausbildung - und zwar breiter Schichten, nicht der Eliten - muss Folgendes sein: Studierenden sind neben dem Recht und im Recht analytische Kompetenzen, soziale Sensibilität, Perspektiven für gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge und Kritikbereitschaft zu vermitteln. Nur eine derartige Juristenschaft kann den Herausforderungen der entfesselten Globalisierung gewachsen sein. Jene Ausbildungsgeschädigten, die derzeit durch die „unternehmerische Hochschule“ geschleust werden, werden ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nicht entsprechen. Es ist ein schlimmes Versäumnis der derzeitigen Wissenschafts- und Hochschulpolitik, junge Menschen um ihre wissenschaftlichen Ausbildungsansprüche zu bringen. Was nützen all die neuen schönen Gebäude, wenn die wissenschaftliche Universitätslehre Ruine bleibt?

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Der elitäre Tropfen auf dem heißen Stein verpufft

Die zornerzeugenden Mängel, die Studierende nur schwer erkennen können, unter denen sie aber wirklich leiden, entsprechen dem Zustand der Geisteswissenschaften. Belegt am Beispiel der Rechtswissenschaft, heißt das Folgendes: Die chronische Unterfinanzierung von Forschung und Lehre charakterisiert trotz aller „Elite“- und „Exzellenz“-Debatten die Realität des bundesweiten Universitätsalltags als unerträgliche Mangelsituation in Forschung und Lehre: Ein Professor steht in Frankfurt im Fachbereich Rechtswissenschaft 124 Studierenden gegenüber. Mir stehen pro Monat 500 Euro für die gesamte Verwaltung (zwei wissenschaftliche Mitarbeiter) und die wissenschaftliche Ausrüstung (Literatur, Kopien, Telefon) zur Verfügung - einer Professur, die im Durchschnitt 400 Studierende pro Semester mit zahlreichen wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten ausbildet. Eliteforscher werden vom Präsidium der Universität von der Lehre zur Hälfte befreit, weil sie sonst ihren Verpflichtungen innerhalb der Exzellenzinitiative nicht gerecht werden. Auf die Studenten werden infolgedessen bundesweit gesuchte „Vertreter“ losgelassen. Damit verbunden ist ein Qualitätsverlust bisheriger wissenschaftlicher Lehre, denn die Fachbereiche haben nicht die Vertreter berufen, sondern die exzellenten Wissenschaftler, die nun für die Lehre weitgehend ausfallen.

Eine falsche qualitative Hierarchisierung gibt „Eliten“ das, was an qualitätvoller Grundausstattung allen Universitäten für ihren Bildungsauftrag zukommen muss. Die öffentlichen Ausgaben für Universitäten der Länder beliefen sich 2006 auf 32 Milliarden Euro. Die Exzellenzinitiative (1,9 Milliarden in einem Förderzeitraum von sechs Jahren) zeigt deutlich den Symbolcharakter und zugleich den Mangel aktueller Wissenschaftspolitik: Gerade 0,99 Prozent im Jahr wurden den öffentlichen Universitätsausgaben zur Exzellenzförderung aufgesattelt. Um dem Reformbedarf der Bürgeruniversität auch nur ansatzweise gerecht zu werden, müssten alle wissenschaftlichen Hochschulen und Universitäten deutlich mehr öffentliche Ressourcen für ihre Grundausstattungen erhalten. Der elitäre Tropfen auf dem heißen Stein verpufft nicht nur, er schädigt die Wissenschaftslandschaft in ungeahntem Ausmaß.

Universitäten brauchen keine scheindemokratischen Gremien

Falsche hierarchische Führungsstrukturen machen den dezentralen Suchprozess der Wissenschaft zu einem untauglichen Befehlsprodukt. Allein die Marketing-Interessen der Universität zählen, für den einzelnen Wissenschaftler zahlt sich primär Unterordnungsbereitschaft aus. Universitäten brauchen keine universitätsfernen pluralistischen Hochschulräte als scheindemokratische Gremien, die an die Wirtschaft angelehnte Aufsichtsratsfunktionen haben sollen, ohne über hinreichende universitäre Sachkompetenz zu verfügen. Für externe Beratung sind Universitäten offen, für externe Lenkung nicht. Die Universitäten werden mit opportunistischen Strukturen überzogen, was eine an sogenannten Leistungskriterien orientierte - gegenüber früher erheblich reduzierte - Besoldung zeigt. Wissenschaftler, die sich durch Anpassung an vorgegebene Formen der Forschung und Lehre eine Verbesserung ihrer persönlichen und wissenschaftlichen Ressourcen „verdienen“ können, werden eher durch Masse als durch innovative und kritische Qualität ihrer Evaluationsprodukte auffallen.

So ist das mit dem „Unternehmen“ Universität: Sie verkommt vom weltweit geachteten Ideal der Einheit von Forschung und Lehre zum Eventmarketing (Heiner Keupp). Schlimm ist auch: Die realen Auswirkungen der wissenschaftlichen Austrocknung des Gesamtsystems Wissenschaft und Universität werden sich insgesamt erst in zwei oder drei Jahrzehnten zeigen. Dann kann man die heute Verantwortlichen nicht einmal mehr politisch zur Rechenschaft ziehen. Bis dahin wird sich eruptiv der Protest der Studierenden über die Gesellschaft ergießen, ohne dass sie merken (können), woran es ihnen mangelt. Außerdem weiß die Gesellschaft - mangels breiter Aufklärung - nicht, dass es an den beschriebenen strukturellen, inhaltlichen Voraussetzungen und den Hochschullehrern an Courage zum verweigernden Protest mangelt.

Der Autor ist Rechts- und Sozialwissenschaftler und hat an der Frankfurter Goethe-Universität seit 1991 die Professur für Kriminologie und Strafrecht inne.

Quelle: F.A.Z.
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