Leserbriefe vom 1. August 2022

01.08.2022
, 12:54
Sechs bunte Streifen: Die Regenbogenflagge ziert das Reichstagsgebäude.
Die Regenbogenflagge auf dem Reichstag +++ Maskenpflicht in Innenräumen +++ Mobilität zum Nulltarif +++ Standpunkt zur EZB
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Vor der LGBT-Debatte verstummt

Zu dem Leserbrief „Ebenso wenig wie Kirchenfahnen“ von Claus J. Duisberg (F.A.Z vom 28. Juli): Ich stimme dem Leser zu: Die Regenbogenfahne gehört auf keinen Fall auf das Reichstagsgebäude. Selbstverständlich hat die Minderheit, die sie repräsentiert, ein Recht darauf, gehört und mit Respekt behandelt zu werden. Aber das ist weder der richtige Ort noch die angemessene Weise dafür. Was würden katholische Christen, Muslime oder Angehörige anderer religiöser Gruppen empfinden, wenn auf dem Reichstag am Reformationstag die evangelische Fahne gehisst würde? Ich habe längst aufgegeben, Proteste in diesem Zusammenhang zu äußern, und möchte Leser Duisberg für seinen Beitrag ausdrücklich danken. Er spricht in jedem Fall auch für mich und vermutlich noch für viele andere Bürger, die ebenfalls vor der aggressiven, lauten LGBT-Debatte verstummt sind. Christa Blanke, Mücke

Maske tragen macht etwas mit uns

Die Lektüre der F.A.Z. vom 29. Juli war für mich wegen des Gastbeitrags von Daniel Kehlmann ein besonderes Vergnügen („Fremde Federn: Daniel Kehlmann – Wollen wir die maskierte Gesellschaft?“). Kehlmann betont nämlich einen Punkt, der mir persönlich besonders wichtig ist und der mir in der Debatte um weitere Maßnahmen, insbesondere um die Maskenpflicht, bisher zu wenig repräsentiert erscheint: Bei den derzeit erneut zu treffenden Entscheidungen geht es nicht um epidemiologische Zwangsläufigkeiten; eine Klärung lässt sich deshalb auch nicht allein durch besonders intensives Durchforsten der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Corona erreichen. Es geht vielmehr um Entscheidungen, die die Art und Weise betreffen, wie wir in unserer Gesellschaft künftig miteinander leben und umgehen möchten, und in die deshalb auch Überlegungen ganz anderer Art einfließen sollten. Es mag sein, dass die Maske selbst keine oder kaum gesundheitliche Risiken birgt, aber das Maskentragen macht etwas mit uns. Wenn wir einander häufig begegnen, ohne uns ins – ganze – Gesicht sehen zu können, so beeinflusst das unser Miteinander. Zwar können wir Emotionen des Gegenübers immer noch über die Augen erkennen; aber nicht nur die Augen, sondern das ganze Gesicht mit seiner so unglaublich vielfältigen Mimik ist ein Spiegel der Seele. Jeder, der sich wie ich beim Wegfall der Maskenpflicht in Geschäften über das strahlende Gesicht einer Verkäuferin und die Worte freuen durfte: „Es ist so schön, mal wieder in fröhliche Gesichter zu schauen!“, wird mir da beipflichten. Besonders intensiv empfunden habe ich die Nachteile der Maske vor Kurzem, als mein Vater im Krankenhaus lag und schließlich verstarb und es bis zu seiner Verlegung auf ein Einzelzimmer dauerte, bis wir als seine nächsten Angehörigen ihm ohne Maske ins Gesicht sehen durften.

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Wenn wir über eine Maskenpflicht von Herbst bis Frühling reden, sollte, ja, muss auch eine Rolle spielen, ob wir bereit sind, das Weniger an Kontakt mit dem anderen, das die Maske mit sich bringt, zu akzeptieren – und zwar auch dann, wenn es nicht mehr erforderlich ist, um das Gesundheitssystem zu schützen. Und wir müssen darüber sprechen, ob wir das Gefühl, dass dieses andere immer auch gesundheitliche Gefahren für uns bereithalten kann (was unzweifelhaft eine Tatsache ist, aber auch immer schon eine Tatsache war), perpetuieren wollen. Denn auch dieses Gefühl wirkt sich darauf aus, wie wir miteinander umgehen. Eine besondere Rolle spielt dieser Punkt aus meiner Sicht für Orte, an denen Menschen lange und intensiv Gemeinsamkeit erleben, insbesondere für die Schule. Hier kommt noch dazu, dass es Kinder sind, die sich dort begegnen, miteinander lernen und miteinander spielen sollen – Kinder, die dort wesentlich ihre Haltung zu anderen Menschen ausbilden. Dass sie dies in intensivem, persönlichem Kontakt und ohne jede Angst vor dem anderen tun können, ist mir für meine, aber auch für alle anderen Kinder ein besonderes Anliegen – und es ist ein Anliegen, das weder etwas mit etwaigen Nachteilen beim Spracherwerb noch mit den potentiellen Lernleistungen trotz Maske zu tun hat. Ob man es mit naturwissenschaftlicher Gewissheit klären kann, wie viel von der aktuellen Unbarmherzigkeit, mit der verschiedene „Lager“ in der Gesellschaft verbal aufeinander eindreschen, auf die durch Corona entstandene Angst vor dem anderen zurückzuführen ist, weiß ich nicht – ich bin Rechtswissenschaftlerin, keine Psychologin. Mir erscheint ein Zusammenhang aber plausibel. Außerdem glaube ich an den alten Satz, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Angst ist noch dazu ein schlechter Leitstern für unser Miteinander als soziale Wesen. Und dies jedenfalls ist nach meiner Kenntnis wissenschaftlich erwiesen: dass wir Kontakt und Nähe brauchen wie die Luft zum Atmen. Professor Dr. Christine Osterloh-Konrad, Tübingen

Zu kurz gesprungen

Zu „Unkompliziert mobil“ von Heike Göbel (F.A.Z. vom 25. Juli): Erstaunlich, dass in der Diskussion um das 9-Euro-Ticket beziehungsweise ein genauso unkompliziert flächendeckend nutzbares, meinetwegen auch etwas teureres Nachfolgemodell ein wichtiger Aspekt überhaupt nicht betrachtet wird: einerseits die enormen Einsparungen an Personal, die in den Kommunen und/oder Verkehrsverbünden bisher für die Ausarbeitung, Abrechnung und technische Umsetzung komplizierter Tarifsysteme notwendig sind. Andererseits die nicht minder hohen Einsparungen, die durch künftig einheitliche Ticketautomaten und Online-Vertriebs-Apps erzielt werden können. Das alles muss doch zwingend in den anstehenden Entscheidungsprozess einfließen, der natürlich nicht bis Ablauf des 9-Euro-Tickets Ende August abgeschlossen werden kann. Eine Rückkehr der Verkehrsverbünde zum alten Tarifsystem ab 01.09.2022 wird vermutlich Aufstände provozieren, die nur eine Verlängerung „bis auf Weiteres“ verhindern können wird. Walter Krombach, Rüsselsheim

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Scheinbar salomonisch

Zu dem Standpunkt „Die EZB zwischen Falken und Tauben“ von Marcel Fratzscher (F.A.Z. vom 23. Juli): Die EZB hat durch den Kauf von staatlichen Papieren (vor allem Schulden Italiens, Griechenlands, Irlands, Portugals et cetera) die Zentralbankgeldmenge versiebenfacht, ohne dass dem ein entsprechender Produktivitätszuwachs gegenüberstand. So hat die EZB versucht, diese Staaten zu finanzieren, aber eigentlich sollte es ja umgekehrt sein – die Wirtschaft finanziert den Staat. So hat die EZB die Grundlage für die Inflation gelegt. Der jetzige Zinsschritt kommt zu spät; das jahrelang eingepumpte Geld war kein notwendiges Übel, sondern selbst verursacht. Der Treiber war nicht die Politik, sondern die „unabhängige“ Politik der EZB (getrieben durch die südlichen Zen­tralbankchefs und den linken, zentralistisch denkenden französischen Ansatz). Salomonisch ist die Kombination von Zinsschritt und der Einführung vom neuen TPI (das neue Instrument: Transmission Protection Instrument) nicht. Tückisch ist die Sache, denn während alles auf die Zinserhöhung schaut, wird schnell ein „fast unbegrenzt“ wirkendes Instrument eingeführt. Marcel Fratzscher schreibt: „Eine zweite große Sorge für die EZB ist die Fragmentierung, also eine sehr unterschiedliche Transmission der Geldpolitik in die verschiedenen Länder und Regionen des Euroraums.“ Man kann den Kopf nur schütteln. Glaubt Professor Fratzscher wirklich, dass die Instrumente für die Anleihekäufe oder nun das TPI die Ursachen der jeweiligen länderspezifischen Risikoprämien einebnen könnten, ohne anderen zu schaden? Weiter schreibt Marcel Fratzscher: „Das Problem der EZB ist, dass sie zurzeit wenig Einfluss auf die Inflation ausüben kann, da die Treiber der Inflation hauptsächlich den Entscheidungen der Politik unterliegen.“ Die EZB hat die Zinsen gedrückt, trotz vieler Warnungen (September 21, Isabel Schnabel: „Maßstab und Kompass der Beurteilung der Inflationsrisiken ist unsere neue geldpolitische Strategie, die der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juli einstimmig beschlossen hat.“). Es folgt nun ein weiteres, „scheinbar“ gutes Ins­trument, das die Eurozone langsam, aber stetig unterminiert. Nein, diese Entscheidung ist weder salomonisch noch notwendiges Übel noch Schuld der Politik. Ernestine Buerstedde, Bonn

Quelle: F.A.Z.
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