Leserbriefe vom 10. August 2022

10.08.2022
, 11:58
Gemeinsamkeit und Differenz: Symbole für Christentum, Islam und Judentum
Religionsunterricht für alle +++ Katholische Priesterausbildung +++ Start der Bundesliga-Saison +++ Koloniale Hinrichtung
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Alles oder nichts?

Tobias Schrörs stellt in der F.A.Z. vom 4. August die Alternative „Religionsunterricht für alle oder nichts“ vor. Es ist eine totale Gegensätzlichkeit. Alles oder nichts. Die katholische Kirche in Hamburg hat sich für das Alles entschieden. Religionsunterricht zusammen mit allen. Das heißt: keine Trennung von Konfessionen, von unterschiedlichen Gottesvorstellungen bei Offenheit in den Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen, Toleranz und Brüderlichkeit. Nicht bedacht werden Zwistigkeiten in den Familien, die traditionell ihren Glauben leben, Unsicherheiten bei der Ausübung von Idealen, Verwässerung der Glaubensinhalte bis hin zu Auswirkungen auf die Kirchenverwaltungen. Dagegen wäre nichts nichts. Der Philosoph Hösle bringt es auf den Punkt: „. . . eine Auseinandersetzung mit der Gottesfrage und den Problemen des Todes ist unabdingbar, wenn ein Jugendlicher nicht banal werden soll. Die Tabuisierung dieser Frage ist ein Verbrechen an der kindlichen Seele . . .“ Artikel 7, Absatz 3, Satz 1 GG sichert den Bestand von Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen unter Vorbehalt der sich ergebenden Einschränkungen für manche Bundesländer. Die Teilnahme am Religionsunterricht kann nur aus Gewissensgründen abgelehnt werden. Allerdings haben die Erziehungsberechtigten das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen. Nach Vollendung des 14. Lebensjahres (in Bayern und im Saarland des 18. Lebensjahres) steht das Recht den Schülern und Schülerinnen selbst zu. Der katholischen Kirche gehe es darum, das katholische Christentum im RUfa (Religionsunterricht für alle) „authentisch abzubilden“, zitiert Schrörs. Man fragt sich: Inwieweit ist die Unterweisung in den eigenen Glaubenswahrheiten vereinbar mit der Vermittlung fremder Glaubensinhalte? Können Lehrer als Zeugen ihres eigenen Bekenntnisses, ordentlich beauftragt von ihrer eigenen Religionsgemeinschaft (Missio, katholisch; Vocatio, evangelisch), im Unterricht anderen gerecht werden in Diskussionen und Moderation im dann konfessionell-kooperativen Unterricht? Teamteaching wäre die Unterrichtsform, in der zwei oder mehrere Lehrer eine Unterrichtsstunde oder -einheit gemeinsam vorbereiten, auswerten und gegebenenfalls weiterführen. Gruppenunterricht, Partner- und Einzelarbeit im Rahmen eines besonderen Differenzierungsunterrichts mit konfessionell heterogenen Arbeitsgruppen. Eine Glaubenslehre unter religionswissenschaftlichen, pädagogisch und methodisch-didaktischen Aspekten setzt ein hohes Maß an festem Glauben, Engagement, Teamgeist und Arbeit bei Religionslehrern und Religionslehrerinnen voraus. Wie sich der RUfa langfristig auf das Sozialverhalten der Schüler untereinander, in ihrer Familie, in den Glaubensgemeinschaften und in der Gesellschaft auswirken wird, wenn Juden, Muslime, Aleviten, evangelische und katholische Schüler ihre Bindung an Gott gemeinsam definieren, bleibt abzuwarten. Sigrid Hornung-Gilbert, Münster (Hessen)

Den Glauben angemessen weitergeben

Zu „Aufbruch ins akademische Sektierertum?“ von Dieter Engels und Klaus Ferdinand Gärditz (F.A.Z. vom 4. August): Selbstverständlich respektiere ich das Plädoyer des Kollegen Klaus Ferdinand Gärditz (der Mitautor Dieter Engels ist mir persönlich weniger bekannt), für den Fortbestand der Priesterausbildung des Erzbistums Köln an der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät, der ich seit 1979 angehöre. Was mich jedoch an der Argumentation stört, sind zwei Aspekte: 1. Die Autoren meinen, nur die Ausbildung „in einer Universität“ sichere „ein plurales, wissenschaftlich fundiertes Ausbildungsangebot“. Großzügigerweise erkennen sie an, dass „private Hochschulträger . . . staatlichen Hochschulen durchaus ‚Konkurrenz machen‘ können“, allerdings nur, sofern diese ein „gleichwertiges wissenschaftliches Niveau“ bieten. Für unerträglich halte ich das phantasievolle Horrorgemälde des Verdachts, das in dem Beitrag über die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) ausgemalt wird: Es drohe die Gefahr, dass dort „die angehenden Geistlichen“ nicht „mit abweichenden Weltbildern und Forschungsergebnissen konfrontiert und so vor einseitiger weltabgewandter oder doktrinärer Ausbildung bewahrt“ werden. Da ich seit 23 Jahren im Collegium Albertinum in Bonn, also in Hausgemeinschaft mit den Kölner Priesteramtskandidaten wohne, bin ich recht gut informiert über die tatsächliche Qualität der Ausbildung, sowohl an der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät als auch an der KHKT. Dies gilt auch hinsichtlich der meisten der dort lehrenden Kollegen. Wer die wirklichen Verhältnisse in Bonn und Köln kennt, kann sich nur wundern über die Unterstellung der Autoren, dass sich das Erzbistum Köln mit dem Betrieb der KHKT in Richtung eines „Rückzug(s) seiner Priesterausbildung in abgeschottete Exklaven“ und „in ein akademisches Sektierertum“ bewege. Mit solchen Unterstellungen erweist man der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät keinen guten Dienst. 2. Die These der Autoren, dass sich das Erzbistum Köln mit der Einrichtung der KHKT auf „konkordatsrechtlichen Abwegen“ befinde, halte ich für wenig überzeugend. Bei der Berufung auf das Konkordat von 1929 ist stets die für solche Verträge wichtige „Clausula rebus sic stantibus“ zu beachten. Die Autoren stellen im Blick auf das Konkordat von 1929 ein „prägendes staatliches Interesse“ an einer auf universitärem Niveau befindlichen Ausbildung der Geistlichen fest. In der heutigen „kirchenpolitischen“ Situation steht für den dafür verantwortlichen Bischof eine ganz andere Frage im Vordergrund: Wie kann die theologische Hochschulausbildung gewährleisten, dass die späteren kirchlichen Amtsträger (Priester, Religionslehrer) angesichts eines fast heillosen theologischen Pluralismus bis hin zu kirchenspaltenden Tendenzen (vergleiche den „Synodalen Weg“) befähigt werden, den Glauben der Kirche angemessen weiterzugeben? Dafür nach Möglichkeit zu sorgen ist heute (im Unterschied zu 1929) eine besonders dringliche Amtspflicht des in seiner Diözese dafür letztverantwortlichen Bischofs. Genau diese Verantwortung hat den Kölner Erzbischof zur Weiterführung der ehemaligen Hochschule in Sankt Augustin in der KHKT bewegt. Professor Dr. Dr. h. c. Lothar Roos, Bonn

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Frauenquote im Fußball?

Da hat der von mir ansonsten sehr geschätzte Michael Horeni in seinem Leitartikel „(R)eine Männersache“ (F.A.Z. vom 5. August) dem Zeitgeist aber mächtig Tribut gezollt. Will er nun auch im Fußball eine Frauenquote einführen? Bei Kunst, Showgeschäft, Sport (inzwischen teilweise pure Show) und ähnlichen Dingen kann man keine spezielle Richtung verordnen. Ob einem Picasso gefällt oder eher Dürer, ob man Beethoven oder Beatles lieber hört, ob man Wintersport gerne mag – alles ist eine Frage von Interesse und Geschmack. Ebenso kann man niemandem den (Frauen-)Fußball aufzwingen, am liebsten noch mit einem leicht moralischen Unterton (übrigens eine Spezialität der öffentlich-rechtlichen Medien). Sicherlich ist nicht zu bestreiten, dass der durchkommerzialisierte Männerfußball inzwischen deutlich über die Stränge schlägt. Aber er ist ein großes Geschäft – und das gibt am Ende den Ausschlag. Wolfgang Sanden, Offenbach

Befreiung von Korruption

Zu dem Beitrag „Kolonialer Justizmord“ (F.A.Z. vom 22. Juli): Ich habe als Leiter des Geschäftsbereiches Holz, Pappe, Papier der Firma Babcock BSH Bad Hersfeld vom 6. bis 14. April 1978 bei der Firma SOFIBEL in Douala/Kamerun den Verkauf eines Sperrholzwerkes verhandelt. Bei dieser Gelegenheit traf ich Mitglieder der „Bell-Familie“, wie auch Modi Bebe Bell, geboren 1893, aufgewachsen unter anderem in Berlin mit Kontakten zur kaiserlichen Familie. Er sprach fließend Hochdeutsch und war ein Vetter des 1914 wegen Hochverrats hingerichteten Rudolf Bell. Für mich waren seine Berichte und Erzählungen so spannend, dass ich hierüber ein Protokoll verfertigt hatte. Er sagte, die Deutschen hätten in den Jahren 1884 bis 1914 in Kamerun mehr investiert und gebaut als die Franzosen in den 50 Jahren danach. Die Kamerun-Nordbahn, der Hafen in Douala, Rindviehhaltung am Kamerunberg, Kaffeeanbau, Errichtung von Ziegeleien, Einführung eines durchgehenden Schulwesens und Einführung eines staatlichen Gesundheitswesens seien vorbildlich gewesen. Vor allen Dingen habe die deutsche Kolonialverwaltung für eine Befreiung von Korruption gesorgt. Die Verhaftung seines Vetters Rudolf wegen Konspiration mit den Engländern mit nachfolgendem Prozess wegen Hochverrats und erfolgter Hinrichtung sei für die Familie tragisch gewesen. Aber er persönlich müsse leider feststellen, dass die Vorwürfe gegen Rudolf berechtigt gewesen seien. Er sei Zeuge dieser Verwicklungen Rudolfs gewesen. Dr. Ing. Ingo Grebe, Knüllwald

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Quelle: F.A.Z.
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