Leserbriefe vom 2. August 2022

02.08.2022
, 09:30
Robert Habeck
Abhängigkeit vom Wettergott +++ Bellizistische Grundstimmung +++ Benin-Bronzen +++ Selbstbestimmungsgesetz
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Statt Putin künftig der Wettergott?

Zu „Habeck stellt Paket zum Energiesparen vor“ (F.A.Z. vom 22. Juli): In den Sechzigerjahren wurden in meiner elterlichen Wohnung die Kohleöfen rausgeworfen und durch elektrische Nachtspeicheröfen ersetzt. Das war eine vergleichsweise saubere und bequeme Form des Heizens. Aus vielerlei Gründen kam diese Form des Heizens später aus der Mode, und die Mietshäuser wurden in der Regel mit Zentralheizungen ausgestattet. Wenn man sich vorstellt, dass im nächsten Winter möglicherweise Millionen von Haushalten ihre Kohle- und Holzöfen wieder anwerfen, ist das hinsichtlich Schadstoff- und CO2-Ausstoß nicht gerade eine erstrebenswerte Option, die aber im Notfall auch hingenommen werden muss. Es gibt keinen Energieträger, der nicht auch Nachteile mit sich bringt. Auch die erneuerbare Energie hat ihre Schattenseiten: Abgesehen von der zunehmenden Verschandelung unserer Landschaft, flüchtet man sich nun aus der Abhängigkeit von Putin schnurstracks in die Abhängigkeit vom Wettergott; mit dem lässt sich nicht verhandeln. Möglicherweise hat das auffällige Vernachlässigen der elektrischen Heizmöglichkeit auch ideologische Gründe, lässt sie doch die Atomenergie in einem ganz anderen Licht erscheinen. Notfälle lassen uns aber keine Wahl. Da müssen alle Optionen auf den Tisch. Wolfgang Flügel, Seeheim-Jugenheim

Russland ist bellizistisch

Zum Ukrainekonflikt: Es ist Unsinn, wenn Otto Schily oder andere von einer bellizistischen Grundstimmung in Deutschland sprechen. Der Bellizismus geht allein von Putin oder Russland aus. Dabei wird die Provokation mit dem Westen gezielt gesucht durch Wladimir Putin. Russland ist bereit, es auf einen Kampf zwischen der USA und den Verbündeten und Russland mit den Verbündeten ankommen zu lassen. Wirft also der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow dem Westen vor, dass ein Stellvertreterkrieg in der Ukraine geführt werden würde, so ist dieser Stellvertreterkrieg tatsächlich das Streben der russischen Führung, es hin zu einem bewaffneten Konflikt mit dem Westen kommen zu lassen. Zum Kalkül gehört ferner auch die Kriegsmüdigkeit des Westens, nach Afghanistan, dem Irak und Syrien. Der Angriffskrieg Russlands ist eine Provokation an den Westen, denn seit der Wiedervereinigung Deutschlands wird der Westen immer wieder neu herausgefordert. Bellizismus als Strömung geht durch das aktuelle Russland – aber nicht durch Deutschland. Denn Deutschland wird dieser Stellvertreterkrieg Russlands in der Ukraine aufgezwungen, dabei sucht Russland den Konflikt mit einer bellizistischen Propaganda. Der Stellvertreterkrieg in der Ukraine mit dem Westen ist Kalkül der russischen Führung, bis hin zu einem bewaffneten Konflikt.
Stefan Vollmershausen, Dreieich

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Die Absolutheit erschreckt

„Europa muss lernen zu schweigen“ fordert Felwine Sarr im Gespräch mit Werner Bloch im Zusammenhang mit der Rückgabe der Benin-Bronzen aus deutschem Besitz an Nigeria (F.A.Z. vom 25. Juli). Hilfe bei der Gestaltung ihres künftigen Verbleibs wie überhaupt anderer Artefakte aus kolonialer Zeit weist er kategorisch und schroff zurück. Über Ansichten und Thesen in seinem Interview lässt sich mit guten Gründen streiten – ebenso wie über die praktische Umsetzung von Regierungsentscheidungen über den Verbleib kolonialer Artefakte im Besitz der „westlichen Welt“. Frankreich und Deutschland sind mit Abkommen und Restitutionen (oft mit kaum überzeugenden Gründen oder Begründungen) an die Empfängerstaaten vorangegangen. Diesem Diskurs hat die F.A.Z. vielfach Beachtung geschenkt und ihm etliche Beiträge gewidmet. Es ist gut, dass Sie nun wiederum einen prononcierten Aktivisten und Vertreter der bedingungslosen Rückgabe zu Wort kommen lassen. Denn: Seine Absolutheit erschreckt. Sie hilft in dieser schonungslosen, offensiven Offenheit zu weiteren Einsichten. Kein Wort darüber, dass auch Afrika trotz erlittener Gewalt und zerstörendem Unrecht eine versöhnende Hand nach Europa ausstrecken könnte oder sollte; kein Wort darüber, dass die bisherigen Aufbewahrungsorte im „Westen“ die Exponate gesichert, im Kontext erläutert und weltweit zum Verständnis des kulturellen Reichtums Afrikas beigetragen haben. Und schließlich auch kein Wort, wie man sich etwa auf einen Verbleib von Teilbeständen als Leihgaben einigen könnte. Denn: „Die alten Versatzstücke der europäischen Museen müssen exorzisiert werden. In Afrika wird es keinen Preußischen Kulturbesitz geben.“ Solcher Rigorismus und Absolutismus samt „Exorzismus“ waren und bleiben auch für die jungen Staaten Afrikas schlechte Ratgeber – zumal in einer Völkergemeinschaft, in der dann doch die materielle Hilfe „des Westens“ nottut und lange weiter erforderlich bleiben wird.
Professor Dr. Heinz Christian Hafke, Frankfurt am Main

Ein ideologisches Gesetzesvorhaben

Christoph Türcke weist in seinem Beitrag „Gesetzlich verordnetes Vergessen“ (F.A.Z. vom 26. Juli) zutreffend auf die absurden Folgen hin, die sich ergeben, wenn das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz der Ampelkoalition Realität werden sollte mit der Folge, dass Personen allein wegen eines „gefühlten“ anderen Ge­schlechts durch einfache Erklärung verbindlich ihr Geschlecht ändern können und sämtliche Zeugnisse, amtliche Urkunden und sonstige relevanten Dokumente rückwirkend mit ursprünglichem Ausstellungsdatum entsprechend neu auszustellen sind. Die dokumentierte frühere Person erlischt, eine neue wird, auch rückwirkend, für zumindest ein Jahr begründet. Schon der Ausgangspunkt ist willkürlich. Auch wenn man ein anderes Alter oder eine andere Staatsangehörigkeit „fühlt“, kann man sich dementsprechend zu allem Möglichen erklären, ohne dass dies die Wirklichkeit verändert. Offenbar traut man den mit dem biologischen Geschlecht angeblich Unzufriedenen auch nicht viel Ernsthaftigkeit zu, weil man meint, ihnen nicht mehr zumuten zu können, für die Geschlechtsänderung eine gerichtliche Entscheidung herbeizuführen.
Zweifel an der Ernsthaftigkeit einer solchen Erklärung sind jedenfalls dann zwangsläufig, wenn der Inhalt der Erklärung im offensichtlichen Widerspruch zum biologischen Geschlecht steht und nicht durch eine abgesicherte amtliche Bestätigung gestützt wird. Wer ernsthaft und absehbar dauerhaft eine Geschlechtsänderung anstrebt, sollte dies auch bei psychologischen Begutachtungen begründen können. Wer zu sensibel ist, intime Fragen zu beantworten, dürfte für eine solch wesentliche Entscheidung ohnehin nicht hinreichend reif und charakterlich gefestigt sein. Das will man aber offenbar in Kauf nehmen, wenn auch schon unmündigen vierzehnjährigen Personen solche sie überfordernde „Entscheidungen“ mit womöglich irreparablen Folgeschäden zugestanden werden sollen. Durch das sanktionsbewehrte Offenbarungsverbot, das die Offenbarung oder die Ausforschung des früheren Geschlechtseintrags unter Bußgeldandrohung stellt, würden Personen bestraft, die die Wahrheit sagen. Sofern ein durch bloße Erklärung lediglich behauptetes abweichendes „Geschlecht“ verbindlich werden sollte, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Personen bewusst falsche Erklärungen abgeben, um geschlechtsgebundene Vorteile zu erlangen oder Nachteile zu vermeiden. Kriminellen bietet sich zukünftig ein leichter Weg, eine neue Identität zu erhalten. Fahrlässig verharmlost die Koalition auch die Gefahr, dass ein solches Gesetz (potentiellen) Spannern, Stalkern und Sexualstraftätern unter den „Erklärungsgeschlechtlern“ den legalen Zugang zu (Schutz-)Einrichtungen für (biologische) Frauen ermöglichen würde, die ihren bisherigen Schutz dadurch verlieren würden. Entsprechendes gilt für den Sport und sportliche Wettkämpfe. Immerhin kann das neue Gesetz Frauenquoten entbehrlich machen, wenn sich Männer oder Angehörige anderer Geschlechter bereit finden, sich für ein Jahr zur Frau zu erklären. Möglicherweise lässt sich daraus auch noch ein lukratives Geschäftsfeld entwickeln. Dieses von einer intoleranten kapriziösen Minderheit unter der inzwischen üblich gewordenen Standardbehauptung einer Diskriminierung eingeforderte, das Licht der Öffentlichkeit scheuende und die Natur verleugnende ideologische Gesetzesvorhaben, das zudem die Wahrheit in eklatanter Weise zu unterdrücken beabsichtigt, sollte noch vor seiner Verabschiedung als Irrweg erkannt werden. Helmut Schmidt, Passade

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Quelle: F.A.Z.
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