Leserbriefe vom 20. Juli 2022

20.07.2022
, 12:06
Paris 1861: Der „Tannhäuser“ kann sich nicht gegen Meyerbeers Opern behaupten, Richard Wagner braucht nach dem Bühnenskandal Polizeischutz. Sammelbild aus „Liebig’s Fleischextrakt“.
Bayreuther Festspiele +++ James-Webb-Teleskop +++ Gas-Knappheit +++ Rauschgiftpolitik +++ Wehrdienstverweigerer +++ Gauck über Pazifismus +++ Gastbeitrag von Olaf Scholz +++ Versagen der Grundschule
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Wagner: Beliebt und kontrovers

Jascha Nemtsov behauptete in seinem Artikel „Meyerbeer nach Bayreuth!“ im F.A.Z.-Feuilleton vom 14, Juli, dass aus Wagners Opern die „wichtigsten Inhalte beraubt und entkernt“ würden, wenn man sie von Wagners Ideologie trennen würde. Heißt: Ohne den Antisemitismus oder Nationalismus in Wagners Opern zu beleuchten, sind die Opern nicht mehr aussagekräftig. Doch wieso begeistert dieser Kom­ponist immer noch Tausende von Menschen, die jährlich ins tiefste Oberfranken pilgern? Wohl kaum, weil Wagners Opern inhaltlich entkernt sind. Wagner bleibt so beliebt und kon­trovers, weil er stets aktuell aus ­unserer heutigen Sicht interpretiert ­werden kann und muss. Der „Ring“ mit den Themen Gier, Liebe, Macht, Reichtum, Verbrechen wurde von Wieland Wagners Neu-Bayreuth-„Ring“ über den Jahrhundert-„Ring“ von Chéreau bis hin zum Castorf-„Ring“, der das Öl als Symbol für den Kapi­talismus anprangerte, immer neu interpretiert und mit neuem Inhalt gefüllt. Da ist es egal, ob Wagner sich selbst als Siegfried interpretiert hat und in Mime Meyerbeer verkörpert sah. Wichtig ist, was der Regisseur uns heute mit dem Werk und der dazugehörigen Musik sagen will. Und dabei müssen wir nicht die Ideologie des Komponisten bis zum heutigen Tage bedingungslos in den Opern mittragen und widerspiegeln, denn dann würde aufgrund von Langeweile wohl kaum noch jemand den Sinn sehen, nach Bayreuth zu fahren. Matthias Lehmann, Münster

Schönheit des Alls

Zu „James Webbs erstes Bild zeigt einen fernen Galaxienhaufen“ (F.A.Z. vom 12. Juli): Unfassbare Sensationsfotos liefert das James Webb-Teleskop vom Universum, noch schöner als erträumt, von einer Zeit so unvorstellbar unendlich lange vor uns. Vor diesem Hintergrund gefragt: Was sind wir Menschen? (Viel) Weniger als ein Pünktchen, (viel) weniger als ein Windhauch. Und doch so einzigartig. Der Mensch als ein unglaublich erfolgreich Erforschender, Forschender. Ein stets erkenntnissuchender, himmelstrebender Entdecker, Erfinder und Anwender. Dem nun auch ein erstmaliger Blick in die noch „tiefere“ Tiefe des Alls, in die un­vorstellbar unendliche Vergangenheit gelungen ist. Kühnste Erwartungen wurden übertroffen. Einfach nur faszinierend. Unfassbarer und auch rätselhafter Mensch, einmal so unglaublich kreativ und innovativ, aufbrechend ins Unbekannte. Einmal so sozial und helfend und dann wieder leider auch aggressiv, kriegerisch, zerstörerisch. Die unbeschreibliche Schönheit der Erde und des tiefen Alls, die nur staunen lässt, und die Schönheit der Menschen und des von ihnen Geschaffenen mögen ihm stets aufs Neue Auftrag und Verpflichtung sein, Schönheit zu bewahren und zu fördern, wo immer es möglich ist. Karl Brunner, Klagenfurt/Österreich

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Politisch verknappt

Gerald Braunberger schreibt in seinem Beitrag „Trümmer einer Energiepolitik“ in der F.A.Z. vom 9. Juli: „ . . . in der russisches Gas zu einem knappen Gut geworden ist“. Diese Feststellung trifft die Situation in dieser Einfachheit nicht, denn „das Gut russisches Gas“ ist nur deswegen bei uns knapp, weil wir es, politisch motiviert, für uns und Europa verknappt haben. Russisches Gas gibt es im Überfluss. Wie wäre die Situation am Gasmarkt, wenn Nord Stream 2 ans Netz gegangen wäre? Die Turbine in Kanada wäre für Putin kein Grund für ein Lieferhindernis. Gerhard Niehuis, Berlin

Goldene Nase

Die Argumente von Daniel Deckers in „Schöne neue Cannabiswelt“ in der F.A.Z. vom 11. Juli gegen eine Marihuana-Legalisierung lösen sich schneller in Rauch auf als mein (hoffentlich bald legaler) Joint: Von mir aus soll sich lieber der Fiskus eine goldene Nase verdienen als der Dealer. Besser kiffen ab 18 und aus der Apotheke, statt gar keine Alterskontrolle und ein Probierpäckchen harte Drogen beim Straßenkauf angeboten zu bekommen. Ich bevorzuge den Konsum von staatlich „qualitätsgeprüftem Rauschgift“ über den von ungeprüftem Schwarzmarkt-Gift. Die geforderte Folgenabschätzung der Legalisierung ist längst erfolgt. Es profitieren Konsumenten, Nichtkonsumenten, Steuerzahler, überlastete Justizbeamte und die Gesellschaft als Ganze. Zum Nachteil ist sie nur für Dealer und Ewiggestrige. Maximilian Wirth, München

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Treu gedient

Der Staat war der Feind. Alles noch Nazis. Wir spuckten auf die Fahne. . .“, so beschreibt Leser Rainer Baumann die Haltung der 68er in seinem Brief „Nichts verstanden“ in der F.A.Z. vom 16. Juli und bekennt sich dazu, fälschlich 1967/68 Wehrdienst geleistet zu haben. 1973 oder 1974 wurde ich, in Bundeswehruniform, auf dem Bahnhof in Hannover bespuckt, was mich trotzdem nicht davon abhielt der Bundesrepublik (auch als Berufssoldat) treu zu dienen. Nach meiner Überzeugung hat Leser Baumann die Gnade, das Leben in Deutschland zu genießen, zu dem diese Nazis, Soldaten der Bundeswehr und alliierten Soldaten wesentlich beigetragen haben/ beitragen. Hans-Joachim Lietzmann, Wermelskirchen

Etwas Sinnvolles getan

Zu dem Kommentar von Reinhard Müller „Was habt ihr getan?“ in der F.A.Z. vom 15. Juli: Am liebsten würden Sie den Kriegsdienstverweigerern von einst die heutige Krise der Bundeswehr in die Schuhe schieben. Auf Ihre Frage „Was habt ihr getan?“ kann ich nur antworten: Ich habe etwas Sinnvolles für mein Land und die Gesellschaft getan. Ich habe von 1976 bis 1978 Zivildienst im Krankenhaus (auf der chirurgischen Station) meiner Heimatstadt abgeleistet. Was ich dort gesehen und erlebt habe, hat mich für mein Leben geprägt! Viele meiner Freunde haben Wehrdienst geleistet. Die Beschreibungen des unsäglichen Stumpfsinns und der Sauferei haben mich in meinem Entschluss nur bestärkt. Sie erinnern sich vielleicht noch der Sonntagszüge voller angetrunkener Wehrpflichtiger im Frankfurter Hauptbahnhof? Und bevor der Schaum vor den Mund tritt, dies als Nachschlag: Ich war nie Pazifist. Aber mir die Haare schneiden zu lassen war ein Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte. Ich hatte auch nie Probleme mit Autoritäten. Wenn jemand etwas besser kann als ich, bin ich immer bereit, das zu akzeptieren und dazuzulernen. Aber mir von irgendeinem Schwachkopf, der zwei Streifen am Hemd hat, befehlen zu lassen, durch den Dreck zu robben, war nie meine Vorstellung vom mündigen Staatsbürger. Ich weiß, dass ich Zivildienst leisten konnte, war ein großes Privileg einer freiheitlichen Demokratie und ich schätze es noch heute. Aber dafür, dass ich ein in ­Verfassung garantiertes Grundrecht wahrgenommen habe, lasse ich mich nicht verunglimpfen! Klaus Günter Berger, Frankfurt am Main

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Kampf zwischen Freiheit und Diktatur

Zum Gastbeitrag von Bundeskanzler Olaf Scholz „Nach der Zeitenwende“ (F.A.Z. vom 18. Juli): Mit Erleichterung liest man den Bundeskanzler, der viele richtige Maßnahmen erwähnt. So wichtig die angekündigten und vollzogenen Schritte im Detail jedoch sein mögen und dargelegt werden müssen, so sehr bleibt noch zu wünschen, dass ein Ziel definiert wird, wohin die Reise denn gehen soll. Der Bürger hat einen Anspruch auf diese Ansage, um nicht im Ungewissen zu bleiben. Aber auch um die eigene Partei, soweit sie die Notwendigkeit dieser Realpolitik noch nicht begriffen hat oder begreifen will, mitzunehmen und auch um jene queren Denkzonen oder leider auch Inkompetenzen, die in blanker Egozentrik befangen sind, zu erreichen und mitzunehmen. Nur ein klar definiertes Ziel kann die antagonistischen Kräfte einer freien Gesellschaft, auf dem Boden des Grundgesetzes, zusammenführen. Die große Tradition der Sozialdemokratie mit ihrem „Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht. . .“ benötigt jetzt eine überzeugende, wirksame und neue Zielbestimmung. Das Grundgesetz, seine Freiheitsbegriffe und die Menschenwürde bieten Anknüpfungspunkte, die tiefer ins Bewusstsein reichen als die Leerformel von der „Zeitenwende“. Der seit Langem schwelende geopolitische Fundamentalkonflikt, der durch den russischen Angriff „nur“ erneut wieder aufgebrochen ist, ist der ewige Kampf zwischen Freiheit und Diktatur. Zwar ist es erfreulich, wenn Politiker auf die eigene richtige Überzeugung verweisen, das reicht aber nicht, denn Politik muss immer die anderen überzeugen. Sie muss die Gesellschaft in ihrer Breite erreichen und motivieren. Zur Bestimmung des Standortes und des Ziels ist die Sprache das wichtigste Instrument. Leider beginnt der Verfasser im Titel mit mangelnder Präzision, denn wir befinden uns bestenfalls „vor“ und nicht „nach“ der Zeitenwende, das dicke Ende kommt erst noch. Was „in“ der Zeitenwende aber vonnöten ist, das fehlt in dem Artikel, nämlich das Ziel, ein Begriff, ein Wort, ein Aufruf oder, um mit einem poetischen Wort Gottfried Benns zu sprechen: ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, um die Entschlossenheit der Politik zu demonstrieren. Denn wir befinden uns, wenn alles so gelingt, wie es wohl gemeint ist, wahrhaftig in einem Aufbruch der Freiheit und der klimatologischen Nachhaltigkeit, als Richtlinie einer neuen Politik. Und es wäre mehr als vertretbar, wenn überzeugte und überzeugende Demokraten den Mut fänden, den „Sieg“ der Freiheit und der Menschenwürde und der Nachhaltigkeit für die Welt und auch für die Ukraine ausdrücklich und öffentlich zu fordern. Dr. Ulrich von Petersdorff, Berlin

Die Rolle der Schulträger

Mit großem Interesse habe ich den Leitartikel von Heike Schmoll über das Thema „Verantwortungslose Schulpolitik“ gelesen (F.A.Z. vom 4. Juli). Darin setzt sich Frau Schmoll kritisch mit den schlechten Ergebnissen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) für die Grundschulen auseinander. Ganz allgemein sieht sie dafür die Verantwortung bei einer verantwortungslosen Schulpolitik. Hier würde ich gerne noch die Aufmerksamkeit auf die Rolle und der Verantwortung der Schulträger lenken, die mit halben Stellen der Schulsekretärinnen an Grundschulen indirekt dafür sorgen, dass ihre Arbeiten von den Schulleiterinnen und Schulleitern übernommen werden (müssen) und diesen damit eine Dienstpflichtverletzung zugemutet wird. Die schlechten Ergebnisse der IQB-Studie haben meines Erachtens hier eine sehr zentrale Ursache. Weitere Kollateralschäden kämen dazu: Rückgang der Zahl der Bewerbungen von qualifizierten Lehrkräften auf Schulleiterstellen an Grundschulen, völliger Ausfall des schulpraktischen Teils der dritten Phase der Lehrerbildung und eine nachlassende Zahl der Studierenden für das Lehramt an Grundschulen bei weiterhin hohem Bedarf an Lehrkräften. Mit meinem Leserbrief möchte ich die Schulträger an ihre schulpolitische Mitverantwortung für die jungen Menschen in ihrer Stadt oder ihrer Gemeinde erinnern. Hubert Luszczynski, Eitelborn

Quelle: F.A.Z.
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