Leserbriefe vom 25. Juli 2022

25.07.2022
, 12:04
Das AKW Isar 2 in Essenbach im Juli
Atomausstieg +++ Heil zum Bürgergeld +++ Petersberger Klimadialog +++ Theater in der Krise +++ Besteuerung von Krisenprofiten
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Habeck relativiert die Klimakrise

Zu dem Beitrag „Habeck weist Forderung nach späterem Atomausstieg zurück“ in der F.A.Z. vom 13. Juli: Wirtschaftsminister Robert Habeck behauptet, Deutschland habe ein „Wärme, aber kein Stromproblem“. Er hat die Ölkrise in den Siebzigerjahren nicht erlebt. Strom half damals per Heizlüfter und Radiatoren gerade in der Übergangszeit, Öl zu sparen. Das wäre auch heute ein Weg. Strom würde direkt Gas ersetzen und Energie sparen, da man damit nur einen Raum heizt und nicht die ganze Wohnung. Auch mit Gas erhitztes warmes Wasser muss nicht immer und überall zur Verfügung stehen, zur Not tun es ein paar Liter, die mit Strom und dem Wasserkocher erhitzt werden. Genauso falsch liegt Habeck mit der Vermutung, ein Turboausbau der Erneuerbaren sei möglich. Ohne massive Einschränkung der Klagemöglichkeiten von natürlichen und juristischen Personen geht da gar nichts. Statt sich mit einer Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke von sechs bis fünfzehn Monaten Zeit zu kaufen, lehnt Habeck sie unüberlegt ab. Das Ergebnis wird eine große Lösung bei der Kernkraft sein. Die drei laufenden und die drei gerade abgeschalteten Kraftwerke lassen sich bei einer für zehn Jahre garantierten Zusatzlaufzeit wirtschaftlich ertüchtigen. Da die Anlagen schon gebaut und die Sicherheitssysteme dokumentiert sind, lassen sich die Anpassungen zeit- und ressourcensparend durchführen. Sollte Habeck mit dem Ausbau der Erneuerbaren so schnell vorankommen, wie er es heute glaubt, prima, dann nehmen wir den überschüssigen CO2-freien Strom zur Wasserstofferzeugung, denn grüner Wasserstoff wird noch auf Jahrzehnte Mangelware sein. Besonders schmerzlich ist, dass Robert Habeck mit seinen Aussagen den Klimawandel und seine Folgen relativiert. Denn wer CO2-Emissionen aus reaktivierten Kohlekraftwerken als weniger problematisch empfindet als CO2-freien Atomstrom, hält den Klimawandel nicht für eine Existenzbedrohung der Menschheit. Kurt Müller, Hannover

Irreführendes „Bürgergeld“

Zum Kommentar „Heils Balanceakt“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 21. Juli): Der Umgang der SPD mit dem Wort(teil) „Bürger“ ist inkonsequent und irreführend. Vor nicht allzu langer Zeit propagierte die Partei den Plan einer „Bürgerversicherung“ – eine obligatorische Krankenversicherung für alle. Das war zumindest begrifflich stimmig. Nun soll ein „Bürgergeld“ eingeführt werden. Es bezeichnet aber nicht ein allgemeines Grundeinkommen, sondern eine Sozialleistung, die eine kleine Teilgruppe von Bürgern erhält. Hier soll der Begriff als kommunikative Überwindungskrücke für Hartz IV verwendet werden – sozusagen als Hartz-Wechselgeld. Erforderlich ist eine zutreffendere Wortschöpfung der Politik, zumal „Bürgergeld“ in einem anderen Ursprungssinn künftig noch gebraucht werden könnte: als ideale deutsche Bezeichnung für das, was alle Bürger von ihrem Einkommen in prozentual gleicher Höhe an den Staat abzuführen haben, nämlich Steuern – in Form einer Flat-Rate. Dieter Hallermann, Neu-Isenburg

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Meta ist nicht Mega

Zu „Baerbock will für Schäden zahlen“ (F.A.Z. vom 19. Juli): Auf ihrem Abschlussstatement zum Petersberger Klimadialog hat Außenministerin Baerbock gesagt, die Klimakrise stehe „als große übergeordnete Metakrise über allen anderen Krisen“. Sie wollte vermutlich sagen, dass die Klimakrise die größte, quasi übergeordnete Krise im Krisenszenario der Gegenwart sei. „Meta“ ist aber keine Kennzeichnung im Sinne von „größer als“, sondern bedeutet wörtlich „darüber hinaus“, „dahinter“. Für Aristoteles war die Metaphysik die „erste Philosophie“, weil sie die theoretische Grundlage der empirischen Wissenschaften bilden sollte. Einer quantitativen Größenbeimessung entzieht sich die Metaphysik gerade. Dr. Lothar Knatz, Nienburg (Weser)

Wie Theater misslingen kann

Auf der Suche nach Ursachen für die „dramatische Lage der Theater“, wo das Publikum sich rar mache, verweist Hubert Spiegel („Unter der Bühne das Nichts“, F.A.Z. vom 21. Juli) zu Recht auf einen Strukturwandel, auf ein mutierendes System unserer Gewohnheiten, Bedürfnisse und Prioritäten infolge von „Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation, Klimaängsten und Energiesorgen“. Jenseits erfolgreicher Events, Summer Stages und Inszenierungen für junge Zuschauer bleibe die Frage, welches Theater das richtige sei, wie es zu einem „Ort der Reflexion oder des Trostes“ werden könne, wie das Publikum zu reaktivieren sei und wie das postdramatische Theater, „das sich in den letzten Jahren in der Rolle der selbstzufriedenen Avantgarde“ recht wohl gefühlt habe, sich neu erfinden könne. Wie das misslingen kann, ließe sich am Beispiel einer Theateraufführung von Anton Tschechows „Kirschgarten“ am Staatstheater in Kassel – Mehrspartenhaus, steuergeldfinanziert, mit neuer avantgardistischer Intendanz – aufzeigen. Ist es nicht zunehmend für die Zuschauer ermüdend, wenn versucht wird, einem bewährten Theaterstück krampfhaft eine Aktualität abzuzwingen, indem der „Kirschgarten“ als Parabel auf den Klimawandel missverstanden wird, wenn willkürlich Szenen verändert und Texte ergänzt werden, die nichts mit dem eigentlichen Werk zu tun haben? Welche ästhetische Erkenntnis gewinnt der Zuschauer, wenn er auf der Bühne einmal mehr eine verwirrende, überstrapazierte Videokunst erleiden muss? Kann man dem Text und der dialogischen Kunst Tschechows gerecht werden, wenn wir Schauspielerinnen und Schauspieler erleben, die auf der Bühne abwechselnd laut durcheinanderbrüllen oder flüsternd kaum verständlich sprechen? Bekommt man Lust auf mehr „Bühnenkunst“, wenn in diesem unter die Räder des Regietheaters geratenen Stück die Ideen, Gefühle, Leiden und Hoffnungen der Bewohner einer an sich selbst erschöpften Welt absichtsvoll banalisiert werden? Wen wundert es, wenn an einem solchen Abend nach der Pause ein Teil des Publikums der Aufführung den Rücken kehrt und überlegt, das Abonnement für die nächste Spielzeit zu kündigen? Georg Lerner, Kassel

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Putin erhält für weniger Gas mehr Geld

Zu „Das unsinnige Konzept des Übergewinns – Die Besteuerung von Krisenprofiten würde zu Absurditäten in Betrieben führen“ von Hermann Simon (F.A.Z. vom 27. Juni): Ich habe Ihre Ausführungen mit großem Interesse gelesen und teile Ihre Argumentation. Ich vermisse aber sehr Informationen zu den finanziellen Auswirkungen der Inflation für die Unternehmen und zum Korrekturbedarf der traditionellen Gewinnermittlung bei Inflation zur steuerlichen Gewinnermittlung und dazu die wichtige Unterscheidung zwischen Scheingewinn und Realgewinn und damit zur betriebswirtschaftlich sinnvollen Abgrenzung des neuerdings populären Übergewinns, den es auch meines Erachtens gar nicht geben kann. Weshalb werden die Bürger nicht über die Folgen der Inflation für die Finanzierung und Substanzerhaltung sachgerecht informiert? Die Politik hat mit den Aussagen und Handlungen zum Import von Gas und Öl aus Russland schon vom Beginn des Krieges an die Preistreiberei stark angeheizt. Wer deutlich macht, dass er die Nachfrage nach ÖL und Gas aus Russland einstellen will, ermuntert schon damit den Weltmarkt, die Preise anzuheben. Die absehbare Versorgungsnotlage insbesondere beim Gas und die Aussagen, dass wir lieber teurer auf dem Weltmarkt einkaufen, als Russland zu unterstützen, verstärkte den Anreiz, die Preise anzuheben. Völlig unverständlich sind aber die unnötigen klaren Absagen, vorübergehend AKWs zur Stromerzeugung weiterlaufen zu lassen beziehungsweise noch zusätzliche zu reaktivieren und auch nicht darauf hinzuweisen, dass bei Versorgungsengpässen Gaskraftwerke bei uns möglichst abgestellt werden und mehr Kohlekraftwerke zum Einsatz kommen, um damit einen erheblichen Teil der bisherigen Gasbezüge aus Russland zu substituieren. Man hätte die Nachfrage an neue Lieferanten herunterspielen müssen, statt diese unnötig aufzublähen. Putin erhält nun für viel weniger Öl und Gas mehr Geld. Er und alle Lieferanten von Öl und Gas freuen sich auf den unerwarteten Segen. Einfältiger kann man nicht zu Preiserhöhungen auffordern. Kurt Hergenröther, Ludwigshafen

Quelle: F.A.Z.
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