Leserbriefe vom 29. Juli 2022

29.07.2022
, 10:00
Ausgeschaltet: Ein T-72-Panzer der russischen Streitkräfte wurde nahe Kiew bombardiert. Die Schwachstelle ist der Turm.
Waffenhilfe für Kiew +++ Tipps zum Strom sparen +++ Christian Lindner im Interview +++ Meyerbeer nach Bayreuth +++ Gendersternchen
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Ausbildung geht auch schneller

Ich habe mein ganzes Berufsleben in der deutschen Panzertruppe gedient. Ausgebildet wurde ich als Lade- und Richtschütze im M47 und dann innerhalb von 20 Jahren viermal umgeschult auf den M48 und M48C (als Zugführer), Leopard 1 (als Kompaniechef) und Leopard 2 (als Batallionskommandeur). Die längste Umschulung auf einen neuen Panzer (Leopard 2 A1) hat unter Friedensbedingungen drei Wochen gedauert. Unter Kriegsbedingungen kann dieser Zeitbedarf bei der Umschulung auf Leopard 2 älterer Bauart und amerikanische M60 meiner Auffassung nach einschließlich umfangreicher Schießübungen auf 14 Tagen verkürzt werden. Nur wenige Führer und Besatzungen müssen von Soldaten der Herkunftsländer zu liefernder Panzer umgeschult werden. Diese können dann selber ihre Kameraden im Schneeballsystem in der Ukraine umschulen. Dieses System hat auch die Bundeswehr sehr erfolgreich praktiziert. Insofern überschätzt Thomas Gutschker in seinem ansonsten fachlich hervorragenden Artikel „Welche Panzer für die Ukraine?“ in der F.A.Z. vom 27. Juli den Zeitbedarf für die Umschulung von ukrainischen Panzersoldaten erheblich, wenn er ihn am Zeitbedarf für die Erstausbildung an dem für die Ukraine völlig neuen und mit Elektronik vollgepackten Gepard misst. Das Argument einer sehr langen Umschulungszeit auf einen weiteren Kampfpanzer, das auch Politiker verwenden, ist fachlich nicht haltbar und kann daher nicht als Argument für ein zögerliches Lieferverhalten herhalten. Es geht nicht um Ausbildung, sondern um die Umschulung von ausgebildeten Panzerbesatzungen! Manchmal ist der korrekte Terminus hilfreich. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Bundeswehr, wie sich jetzt zeigt, gut beraten war, an ihren 4-Mann-Besatzungen von Kampfpanzern festzuhalten und nicht automatische Ladesysteme zu verwenden. Auch die Vorhersagen vergangener Jahre von sogenannten Fachleuten, dass die Zeit von Kampfpanzern abgelaufen sei, ist durch die bittere Realität des Krieges in der Ukraine widerlegt worden, wie Thomas Gutschker überzeugend dargelegt hat. Manfred Blume, Oberst a.D., Bonn

Energiesparen in der Küche

Zu „1000 Möglichkeiten, wie sich Strom sparen lässt. Selber machen statt machen lassen: Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt“ von Martin Hock (F.A.Z. vom 26. Juli): Über Ihren Artikel habe ich (76) mich sehr gefreut. Seit Jahren versuche ich meiner Umwelt klarzumachen, dass man so gut wie jedes Backwerk in den kalten Backofen einsetzen und dann die Nachwärme nutzen kann, mit bestem Ergebnis, besonders bei Hefeteig. In dem Kochbuch „Das elektrische Kochen“ der BEWAG aus den 1930er- Jahren, einem Erbstück von meiner Mutter, gibt es noch darauf einen Hinweis, in späteren Ausgaben interessanterweise nicht mehr. Auch Anleitungen zum richtigen Schalten sind dort noch vorhanden. Man sparte eben! Leicht kann man zum Rösten von Nüssen et cetera die Pfanne statt des Backofens nutzen. In der Mikrowelle lässt sich zum Beispiel Gemüse in Deckelschüsseln kochen, das spart Zeit, wobei man ausrechnen müsste, wie der Stromverbrauch sich vergleichsweise verhält. Man kann auch einen kleinen separaten Backofen anschaffen und/oder die gute alte Kochkiste für Quellgerichte wie Getreide und so weiter. Die chinesische Küche schneidet alles Gargut in kleine Stücke: Das gart schneller und spart Energie. Viele Rezepte stammen aus Profiküchen, da laufen die Herde ständig, und so kommt es oft zu hanebüchenen Arbeitsanweisungen. Ich bin gern bereit, meine eigenen Erfahrungen mitzuteilen, wenn sich jemand dafür interessiert. Dr. Henrike Junge-Gent, Wolfenbüttel

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Ärgernis Grundsteuererklärung

Zu dem Interview mit Finanzminister Christian Lindner „Ausgaben befeuern Inflation“ (F.A.Z. vom 27. Juli): Wenn man die Aufforderung zur Abgabe der Erklärung vom Finanzamt bekommt und sich vorab noch die Checkliste im Internet ansieht, ist man geneigt, diese Aufgabe als leichte Fingerübung anzusehen; allerdings wird nur so urteilen, der bereits die Software-Basis „Elster“ installiert hat. Diese Hürde ist „nicht ohne“ zu nehmen, soll aber im Folgenden nicht bewertet werden. Es geht ja nur um die Erfassung von Grundbuchdaten, Eigentumsverhältnissen, Grundstücksart, seine Nutzung, Flächen, Baujahr und Angaben zu Wohn- und Nutzfläche. Man fragt sich deshalb auch nach getaner Arbeit, warum der neugierige Fiskus nicht einfach eine Tabelle mit unterlegter Semantik geschaffen hat. Hat er nicht, vielmehr ist aus der Anwendung ein merkwürdiges Labyrinth von Vorgaben, Anweisungen, dysfunktionaler Ablaufsteuerung, aus dem Kontext gerissener Fehlermeldungen, begrifflicher Fehlleistung, mathematischem Unsinn und nicht zuletzt schlechtem Deutsch geworden. Fangen wir mit der Mathematik an: Völlig unerwartet tauchen bei den Grundbuchdaten Begriffe der Bruchrechnung – Zähler und Nenner – auf und noch schöner: im Nenner mit der Vorgabe Null, was bekanntlich ins Unendliche führt. Da dreht sich Adam Riese im Grabe, unsereins ärgert sich, weil dieser Spuk – wenigstens in meinem Fall – keine Rolle spielt. Wehe dem, der im Fall von Einzeleigentum in den Zähler und/oder Nenner der Anteilswerte etwas anderes als den Wert 1 eingibt – er wird von Fehlermeldungen überhäuft. Das führt zum Kardinalfehler dieser Anwendung: der Ablaufsteuerung.

Ich habe mich bei der Eingabe der Grundbuchdaten leider zum Narren halten lassen, weil ich an dieser frühen Stelle des Dialogs noch nicht wusste, was noch kommt. Die Ablaufsteuerung nämlich geht nicht so wie erwartet durch das ganze System, sondern gilt jeweils nur für einen Teil, der der Systematik des Papierformulars entspricht. Es ist nicht zu fassen: Der Fiskus spielt an der wichtigsten Stelle jeder Anwendungsarchitektur den personifizierten Ärmelschoner, der auf die EDV pfeift und an seinem papiernen Formblatt festhält! Die Fehlermeldungen jedoch folgen einer anderen Steuerung. Konsequent kommt es nach dem Hauptformular zu den Anlagen. Mit jeweils eigener Ablaufsteuerung, versteht sich. Und wenn sich der staunende Steuerpflichtige gegen alle Widrigkeiten durchgekämpft hat, geht ihm ein Licht auf: Die als EDV-Leute maskierten Steuerleutchen wollten partout keine EDV, und wenn schon dazu gezwungen, dann diktiert das Formular die Struktur. Auf einmal erkennt er, woher die ganzen unverständlichen Fehlermeldungen stammten, und er kann sie ganz am Ende auch zuordnen. Zu dieser Erkenntnis kommt man erst dann, wenn man nach jedem Verzweiflungsanfall sofort „speichern und beenden“ drückt und ganz von vorne wieder anfängt; nur dann erhält man den Überblick über alle „Formulare“, den verehrten Hauptvordruck und die Anlagen, und kann dann anfangen, systematisch zu arbeiten. Ein durchgängiges Arbeiten vor und zurück gibt es nicht.

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Warum schreibe ich diese Kritik? Die Misere der technischen Lösung der Grundsteuerreform ist ja nicht unpolitisch, sondern für die Innenpolitik hochpolitisch. Der Fiskus offenbart hier ein Grundversagen, das man nicht einfach hinnehmen sollte. Es ist nicht zu erwarten, dass der Fiskus seine Ziele auf diese Art erreichen wird. Millionen von Hausbesitzern – meist vom älteren Teil der Bevölkerung – werden betroffen sein und schätzungsweise mehr als 50 Prozent werden nicht in der Lage sein, Elster und Grundsteuererklärung zeitgerecht elek­tronisch zu liefern. Auch nicht mit dem Einsatz der Steuerberater. Erwin Wolfermann, Dortmund

Konventionell und banal?

Zum Leserbrief von Wilhelm Haumann in der F.A.Z. vom 22. Juli über den Artikel „Meyerbeer nach Bayreuth“ von Jascha Nemtsov (F.A.Z. vom 14. Juli): Wilhelm Haumann meint, Meyerbeers Werke bei den Bayreuther Festspielen mit denen Richard Wagners zu konfrontieren werde „ohne echtes Publikumsinteresse“ bleiben; damit dürfte er sehr im Unrecht sein, ganz im Gegenteil könnte man ein enormes Publikumsinteresse erwarten: Eine Gegenüberstellung der Werke der beiden Kontrahenten ausgerechnet in Bayreuth hätte einen reizvoll-sensationellen Charakter, sie müsste das Opernpublikum scharenweise anziehen. Auch die rezensierende Presse wäre sicher begierig darauf, das Geschehen kommentieren zu dürfen. „Meyerbeer-Aufführungen in Bayreuth würden . . . das Publikum nicht etwa informieren“, sagt Haumann – ja weiß er denn, wie selten Meyerbeers Werke auf deutschen Opernbühnen gegeben werden, weiß er denn, wie wenig Chancen man als Opernfreund hat, diese wunderbaren Stücke zu sehen? Nein, hier böte sich eine Möglichkeit, gerade die Wagnerianer (bei denen man ja insoweit jede Menge Vorurteile vermuten kann) über Meyerbeers Opernkunst zu informieren. Haumann behauptet ferner, „auch das Beste“ von Meyerbeer klinge „konventionell und banal“ – liest man dies, so fragt man sich: Hat der Einsender je in seinem Leben eine gute Aufführung eines der Werke Meyerbeers erlebt? Um Beispiele aus den „Hugenotten“ zu nennen: Stücke wie die verträumte, von der Viola d’amore solistisch begleitete Romanze des Raoul, der übermütig-heitere Auftritt des frechen Pagen Urbain, die wunderbare Idylle am Hofe der Marguerite de Valois, ihr Flirt mit Raoul, die lastende Atmosphäre der Schwerterweihe zum heimtückischen Massaker der Bartholomäusnacht, die traurige Arie der Valentine, ihr geradezu wunderbares, zu Herzen gehendes Duett mit Raoul – sollen das wirklich konventionelle, gar banale Musiknummern sein? Ich kann mich gut an den Szenenbeifall erinnern, den sie hervorriefen, als ich das Stück vor über dreißig Jahren zum ersten Mal in der Deutschen Oper Berlin erlebte. Saßen da lauter Banausen im Opernhaus? Wenn man Dramaturgie und literarische Qualität der Texte der Opern der beiden Komponisten vergleicht, muss man zu dem Schluss kommen: Eugène Scribes Dramaturgie der wichtigsten Meyerbeer-Opern ist in ihrer Modernität und Realistik derjenigen Wagners eindeutig überlegen. Richard Strauss nannte nicht ohne Grund Scribe in einem Atemzug mit Lorenzo da Ponte, dem Librettisten von Mozarts Wunderopern, als er seinen Textdichter Hugo von Hofmannsthal als wichtigen Inspirator loben wollte. Peter Schweizer, Berlin

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Das Gendersternchen leuchtet auf

In den letzten Jahren wurden Dutzende Artikel und Leserbriefe zum Thema Gendern veröffentlicht, von denen der Großteil auf die Unsinnigkeit und Schädlichkeit dieses gesellschaftspolitischen Hypes hinwiesen. So hat es die F.A.Z. vor Jahren auch mit der Rechtschreibreform gehalten – und ist dann doch nach eindrucksvoller Ziererei eingeschwenkt. So kündigt sich nun auch das Gendern in der F.A.Z. immer stärker an. Die Studierenden sind längst Standard, die Finanzvorständin wird gern gebraucht (Finanzvorstand liest man kaum), und neuerdings gibt es auch die Hotelierin und Studienteilnehmende. Auch das Gendersternchen leuchtete auf, zunächst ganz schamhaft innerhalb eines Zitats, wie bei den „kritischen Jurist*innen“, aber auch schon ohne Anführungszeichen. So gestaltet sich alles fließend und ganz natürlich, wie eben der gesamte dynamische Sprachwandel. Man muss nur nicht dagegen sein, schon hat man mitgemacht, und es hat auch gar nicht wehgetan. Wirklich nicht? Es ist ja menschlich verständlich, dass Sie ökonomisch überleben wollen, aber eine F.A.Z., die keine F.A.Z. mehr ist, ist genauso überflüssig wie das Gendern. Eckbert Opitz, Weinheim

Quelle: F.A.Z.
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