Leserbriefe vom 4. August 2022

04.08.2022
, 10:00
Die Stadt und ihr Stützpunkt: Beim Tag der offenen Tür bestaunen Besucher einen Marine-Hubschrauber und eine Fregatte der Einsatzflottille 2.
Wilhelmshaven +++ Faeser und Heil in Kiew +++ Gendern +++ Christian Lindner im Interview +++ Führerschein-Umtausch +++ Entfernungspauschale
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Der teuflische Genius des Augenblicks

Vielen Dank für den sehr lesenswerten Artikel „Gezeitenwende“ von Reinhard Bingener (F.A.Z. vom 30. Juli) über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des Standortes Wilhelmshaven. Eine historische Fußnote: Schon einmal erlebte Wilhelmshaven eine „Gezeitenwende“ – an einem einzigen Tag. Am 1. April 1939 traf Hitler anlässlich des von rund 75 000 Menschen bejubelten Stapellaufs des größten deutschen Schlachtschiffes „Tirpitz“ mit viel politischer und militärischer Prominenz in der dortigen Kriegsmarinewerft ein. Das aufgebotene Arsenal der im Werfthafen versammelten schimmernden Wehr des „Führers“ – unter anderem das Schlachtschiff „Scharnhorst“, das Panzerschiff „Admiral Graf Spee“, der Leichte Kreuzer „Nürnberg“, Minenboote und U-Boote – gab der Taufzeremonie den Anschein von Seemachtanspruch des Dritten Reiches. Das wusste Hitler, der das propagandistisch überragend inszenierte Großereignis nutzte, um in seiner anschließenden Rede vor einer aufgeputschten Menge auf dem Rathausplatz das (am 28. April dann offiziell gekündigte) deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 zu liquidieren, dessen praktische Voraussetzung er nicht mehr gegeben sah. Damit fielen alle Limits der Marinerüstung, und die Zeichen standen auf Krieg mit Großbritannien. Vor der „Tirpitz“-Taufe hatte Hitler den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Generaladmiral Erich Raeder, an Bord der „Scharnhorst“ zum Großadmiral ernannt. Eine Hommage mit Hintersinn, denn von dem so Geehrten, der in die Fußstapfen seines geistigen Ziehvaters und maritimen Vorbildes Großadmiral Alfred von Tirpitz treten durfte, hatte das Regime auf seinem Kriegskurs keinen Widerstand zu erwarten. Und Hitler konnte sicher sein, dass Raeder alles daransetzen würde, mit der Kriegsmarine zu erreichen, was Tirpitz mit der Hochseeflotte im Ersten Weltkrieg nicht erreicht hatte. Es war der teuflische Genius des Augenblicks im kalkulierten Zusammenfluss von Zeit, Ort und Ereignis, der den Plan des Diktators vervollständigte. Jener 1. April 1939 in Wilhelmshaven, leider kein Aprilscherz, ist ein Schlüsseldatum in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Dr. Guntram Schulze-Wegener, Hamburg

Respektlos und blamabel

Zum Artikel „Sekt-Foto aus dem Krieg“ von Melanie Mühl (F.A.Z. vom 28. Juli): Respekt Herr Heil, Respekt Frau Faeser! Als ich am Montag, 25. Juli, die „Tagesschau“ sah, traute ich meinen Augen nicht. Dort zeigte man die beiden Minister bei ihrer Reise in die Ukraine, zunächst in Irpin, Betroffenheit zeigend. Später lachend, mit Sektgläsern in der Hand, in der Residenz der deutschen Botschafterin, zusammen mit dem Kiewer Bürgermeister Klitschko und der Botschafterin. Das Verhalten der dort Versammelten erscheint respektlos, beschämend, verstörend, blamabel. Während in der Ukraine täglich Hunderte Menschen sterben oder verletzt werden, Frauen vergewaltigt, Orte zerstört werden, haben unsere Minister die Chuzpe, sich in Kiew in einer Art und Weise in der Öffentlichkeit zu präsentieren, die stark an Boris Johnson erinnert („Partygate“). Minister Heil hat im letztjährigen Wahlkampf, wie übrigens auch Bundeskanzler Scholz, immer wieder das Wort „Respekt“ in den Mund genommen. Keine Rede, kein Talkshowauftritt, kein Interview, in welchen er nicht immer wieder Respekt anmahnte und in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. Der von anderen geforderte Respekt scheint ihm selber aber abhandengekommen zu sein. Seit Monaten wird die Bevölkerung auf kommende schwere Zeiten eingeschworen. Einschränkungen für alle sind unvermeidbar. Auch weist die Regierung immer wieder darauf hin, in der Unterstützung der Ukraine nicht nachzulassen. Wie will man aber die Bevölkerung mitnehmen, wenn sich die obersten Repräsentanten, wie hier Heil und Faeser in Kiew, derart inszenieren und präsentieren? Man kann sich nur noch fremdschämen. Haben die beiden auch nur einen Funken Anstand, treten sie zurück und entschuldigen sich beim ukrainischen Volk. Dass Scholz sie entlässt, ist nicht zu erwarten; er braucht den Niedersachsen Heil im dortigen Wahlkampf für die bevorstehende Landtagswahl und Faeser 2023 in Hessen. Karl-Heinz Jennissen, Aachen

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Veränderungsfurcht

Leser Eckbert Opitz (F.A.Z. vom 29. Juli) beklagt, dass in der F.A.Z. zu viel gegendert werde, und endet in der Aussage, dass die F.A.Z. ihr Wesen verliere, wenn sie dem Trend zum Gendern folge. Ich für meinen Teil lese und liebe die F.A.Z. seit meinem 13. Lebensjahr wegen der klugen Kommentare, der Meinungsvielfalt und der tiefgehenden Berichterstattung aus aller Welt. An all diesen Dingen hat die Übernahme der neuen Rechtschreibung so wenig geändert, wie es ein zunehmendes Gendern tun würde. Für mich zeigt der Ärger Ihres Lesers nur einmal wieder, dass Konservative in ihrer Veränderungsfurcht letztlich nicht an Inhalten interessiert sind. Clemens Schneider, Berlin

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„Es ist ja menschlich verständlich, dass Sie ökonomisch überleben wollen, aber eine F.A.Z., die keine F.A.Z. mehr ist, ist genauso überflüssig wie das Gendern.“ Bitte, können Sie diesen letzten Absatz des Leserbriefes von Herrn Opitz (F.A.Z. vom 29. Juli) vergrößern und auf die erste Seite setzen? Gunter Zappe, Berlin

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Kunstgriff

Zu dem Interview mit Christian Lindner „Ausgaben befeuern Inflation“ (F.A.Z. vom 27. Juli): Ich bin beziehungsweise war FDP-Wähler. Die berechtigte Frage nach seiner Hochzeit offenbart beispielhaft Lindners – brillante – rhetorische Technik: Die Tatsache, dass er selbst aus einem „absolut“ privaten Familienfest ein öffentliches gemacht hat, ignoriert er völlig. Durch diesen Kunstgriff erspart er sich eine Antwort auf einen Umstand, der für einen deutschen Politiker und amtierenden Finanzminister an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist und für den er ausschließlich allein verantwortlich ist. Hans Werner Wüst, Köln

Nicht bald

Zu „Der schwierige Abschied vom grauen Lappen“ (F.A.Z. vom 22. Juli): Sie schreiben, auch die letzten Inhaber eines alten Führerscheins müssten sich bald von ihm trennen. Das ist eine glatte Falschmeldung. Denn Jahrgänge vor 1953 haben dafür noch Zeit bis zum Jahr 2033, und das ist nun wirklich nicht bald. Jochen Plambeck, Hamburg

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Versteckte Subvention

Zu „Viel geschmähte Entfernungspauschale“ (F.A.Z. vom 21. Juli): Ihr Autor Manfred Schäfers schreibt, die Pendlerpauschale – oder mit seinem Wort: die „Entfernungspauschale“ – sei keine Subvention. Von den „vielen Gründen“, aus denen heraus das so sei, teilt er uns nur einen mit: „hier geht es um die Bürger“, nicht um „Hilfen für einzelne Unternehmen oder ganze Wirtschaftszweige“. Nun, wie man ganze Wirtschaftszweige auf dem Umweg über „den Bürger“ subventioniert, hat die Abwrackprämie gezeigt. Wenn also schon Herrn Schäfers’ Gegenüberstellung nicht funktioniert, ist nachzuhaken: Wird durch die Entfernungspauschale ein Wirtschaftszweig bevorzugt und ein anderer benachteiligt? Für die Antwort sind zwei Falltypen zu unterscheiden: Wenn ich aus bestimmten Gründen – in Herrn Schäfers’ Beispiel: durch den Bund der Ehe – an einen Ort gebunden bin, habe ich keine andere Wahl als die zwischen Fahren oder Nichtfahren. Die Entfernungspauschale wirkt nicht wie eine Subvention. Wenn ich aber, um eine Anstellung anzutreten, neu in eine Stadt komme, kann ich mein Wohnungsproblem entweder mit einer teuren Innenstadtwohnungsmiete ohne Fahrtkosten oder mit einer billigen Vorstadtwohnungsmiete plus Fahrtkosten lösen. Der Staat will mir nur bei den Fahrtkosten helfen und bevorzugt damit die Mobilitätsbranche gegenüber der Immobilienwirtschaft. Wenn wir Energie sparen und Nachhaltigkeit fördern wollen, müssen wir unsere Gesetze und Verordnungen auf solche versteckten Subventionen hin durchforsten. Eine beispielhafte Frage hat Leser Professor em. Dr. rer. pol. Gerold Krause-Junk (F.A.Z. vom 1. Dezember 2021) gestellt: „Trägt der Versandhandel beziehungsweise die bei ihm bestellenden Bürger wirklich alle mit ihm zusammenhängenden volkswirtschaftlichen Fahrtkosten?“ Dr. phil. Hanno Birken-Bertsch, Bern, Schweiz

Quelle: F.A.Z.
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