Leserbriefe vom 6. August 2022

06.08.2022
, 10:00
Das gesamte Dorf ist beteiligt: Szene der Kreuzaufrichtung bei den diesjährigen Passionsspielen in Oberammergau
Passionsspiele in Oberammergau +++ Scholz besichtigt Gas-Turbine +++ Krieg in der Ukraine +++ Realschulen
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Eine goyische Sache

Zum Bild in der F.A.Z. vom 26. Juli „Das gesamte Dorf ist beteiligt: Szene der Kreuzaufrichtung bei den diesjährigen Passionsspielen in Oberammergau“: Die Wirklichkeit ist in unserer Vorstellung angekommen und präsentiert sich als Anschauung einer Fiktion; in der Tat eine „goyische Sache“. Wer sich die Mühe macht, Theodor Mommsens „Römisches Strafrecht“ zu lesen, ferner bereit ist, sich die realen Zeitdimensionen zu vergegenwärtigen, bis die Kunst circa dreihundert Jahre nach dem „Ereignis aller Ereignisse“ zu dem in den Evangelien nur mit dürren Sätzen protokollierten Ablauf der Passion erste Bilder und Skulpturen zu erfinden begann, wird sich mit Realgeschichte, dem Phänomen des Fiktionalen und der Dialektik von Vorstellung und Anschauung auseinandersetzen müssen. Bei aller Verstörung und Auflehnung gegen die Strafe am Kreuz – Cicero, ein erklärter Gegner dieser Hinrichtungsart, sagte in seiner Verteidigung des wegen Hochverrats angeklagten Gaius Rabirius im Jahr 63 vor unserer Zeitrechnung, sie sei nicht nur „vom Leib und Leben römischer Bürger verbannt, sondern auch von ihren Gedanken, Augen und Ohren“ – hat die Kunst sie thematisiert und ästhetisiert und im Letzteren dem gekreuzigten Körper die Ebenbildlichkeit Gottes hinterlegt. Diese kanonisch gewordene Form ist auf der Oberammergauer Bühne zur Farce geraten. Man werfe einem Mimen nicht seinen physischen Zustand vor. Indes, den Gekreuzigten mit Ansätzen von Wohlstandsspeck und derangierten Proportionen zu präsentieren ist fast so irritierend wie die Geschichte selbst. Dass Frau Noga-Banai am Anfang ihres Artikels eine Mitteilung an ihre Großmutter über einen beabsichtigten Besuch des Oktoberfestes in einem Atemzug mit dem der Oberammergauer Passionsspiele nennt, der Zeitsprung von dreißig Jahren erscheint dabei als Marginalie, klingt wie feine Ironie. Professor Helmut Kurek, Oberursel

Scham

Zu Ihrem Titelbild in der F.A.Z. vom 4. August: Weshalb empfinde ich so viel Scham angesichts unseres Kanzlers vor der Turbine des Verrates wie seit Honeckers Entgegennahme einer Schalmei (von Udo Lindenberg) durch Brandt nicht mehr? Auf das Gas von Putin zu verzichten sollte unsere Aufgabe sein, mit dem Stolz derjenigen, die Deutschland nach der Schoa wieder zu einer legitimen Stimme in der Welt gemacht haben. Heiko Mussehl, Berlin und Prag

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Die Kernkompetenz des Kremls

Leser Wolfgang Illauer (FAZ vom 3. August) fordert vom Westen, alles zu tun, um das Sterben in der Ukraine „unverzüglich zu beenden“. Dabei seien auch Kompromisslösungen und „gewisse Zugeständnisse an Russland“ unausweichlich. Wie so viele in dieser Diskussion, die vom Westen Zugeständnisse verlangen – kürzlich auch der Philosoph Christoph Menke –, geht dabei der Sachverhalt etwas unter: Nicht der Westen drängt die Ukraine zum Krieg, sondern die Ukraine kämpft verbissen gegen das übermächtige Russland und drängt uns zur Hilfe. Der bisherige Kriegsverlauf, aber auch die Ankündigungen der Kriegsverbrecher im Kreml sollten auch bei uns allen klarmachen, warum die Ukraine selbst „gewisse Zugeständnisse“ ablehnt. Der russische Staat bringt nicht allzu viel zustande; aber eine Gesellschaft physisch und seelisch zu brechen ist von jeher seine Kernkompetenz. Das weiß man in der Ukraine, man hat es erlebt und erlebt es gerade wieder. Der russische Terrorstaat ist bereits auf Touren gekommen. Die Ukrainer sehen den Sinn des Krieges darin, nicht sein Opfer zu werden. Für manche von uns macht das keinen Sinn, denn es sind ja nicht wir, die das Opfer in Form von „gewissen Zugeständnissen“ bringen müssen. Das Schicksal Osteuropas hat die westliche intellektuelle Elite nie sonderlich interessiert. Das Wegschauen auch noch als humanitäre Tugend zu verkaufen ist aus meiner Sicht moralisch verkommen. Professor Dr. Gerhard Wegner, Erfurt

Gift für die Realschule

Zu „Der stille Umbau des Kultusministeriums“ (F.A.Z. vom 21. Juli): Wir brauchen keine Schule für alle, sondern für jeden Schüler die richtige Schule. Leider sind die Schulen inzwischen ganz zur Beute der politischen Parteien geworden. Schleswig-Holstein ist dafür ein bezeichnendes Beispiel. Es sind die Jahre 2005 bis 2012. Nach einem Kuhhandel zwischen CDU und SPD wurden die Realschule und die Hauptschule über Nacht abgeschafft. Die Einheitsschule war da, der Traum der SPD. Welche Träume hat die Kultusministerin Frau Schopper (Grüne)? Auf alle Fälle sind sie Gift für die Realschule, die einen guten Ruf hat. Helmut Freudenthal, Kiel

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Bis zum letzten Ukrainer?

Der Leserbriefschreiber Wolfgang Illauer trifft den Nagel auf den Kopf (F.A.Z. vom 3. August). Die in fast allen Medien zu lesende und hörende Ansicht, man müsse Putin unter allen Umständen klarmachen, dass seine Vorgehensweise für die demokratische Welt nicht hinnehmbar sei, ist selbstverständlich richtig. Gleichwohl darf nicht außer Betracht bleiben, dass im Ukrainekrieg Tausende Menschen auf beiden Seiten sterben oder unerträgliches Leid erdulden müssen. Darüber hinaus sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft zu bedenken, und in Afrika und Asien wächst die Zahl der Hungernden, Regierungen kommen ins Wanken, wodurch weitere Krisen heraufbeschworen werden. Mit Recht mahnt deshalb Herr Illauer an, es müsse vielmehr Augenmerk auf Verhandlungen gesetzt werden. Es ist doch völlig absurd, dass wir uns in den parlamentarischen Debatten auf die Frage konzentrieren, ob wir ausreichend Waffen in die Ukraine geschickt haben. Wo soll das hinführen? Wollen wir warten, bis Putin sich geschlagen gibt oder der letzte Ukrainer gefallen ist? Hendrik Neumann, Dortmund

Quelle: F.A.Z.
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