Leserbriefe vom 8. August 2022

08.08.2022
, 12:15
Die USA haben HIMARS-Raketenwerfer an die Ukraine geliefert, mit denen hochpräzise Raketen verschossen werden können.
Krieg in der Ukraine +++ Kampf gegen Klimawandel +++ Empfehlung zu Schmähplastik
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Eine von Blindheit geprägte Illusion

In schöner Regelmäßigkeit erscheinen in der F.A.Z. Leserbriefe, die einen sofortigen Waffenstillstand in der Ukraine fordern, damit dem schrecklichen Blutvergießen ein Ende gesetzt werde (zuletzt Lothar Peter, F.A.Z. vom 5. Juli; Wolfgang Illauer, F.A.Z. vom 3. August). Es irritiert, dass in diesen Leserbriefen die Argumente, die für eine weitere militärische Unterstützung der Ukraine angeführt werden, schlichtweg ausgeklammert werden. Zu diesen Argumenten zählt etwa der Hinweis, dass sich die große Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung für eine Fortführung des Abwehrkampfes gegen den russischen Aggressor ausspricht. Denn sie weiß, besser als deutsche Intellektuelle, was Waffenstillstand unter russischer Besatzung bedeutet: willkürliche Einweisung in Gefängnisse, Verhöre unter Anwendung brutalster Formen von Folter, dazu Vergewaltigungen, Deportationen, Erschießungen. Die Ukrainer wollen keinen russischen Polizeistaat auf ihrem Boden. Dass deutsche Bürger um das Leben von Ukrainern mehr besorgt sind als diese selbst, sollte zu denken geben. Die Befürworter eines sofortigen Waffenstillstandes lassen sich auch nicht beeindrucken von Aussagen russischer Politiker, wonach die ganze Ukraine „entnazifiziert“ werden solle und ein Regimewechsel angestrebt sei, was wiederum nichts anderes bedeutet als eine totale Überwachung der gesamten Bevölkerung. Der Ruf nach Verhandlungen verkennt überdies, dass westliche Politiker vor der russischen Invasion in dutzendfachen Telefongesprächen mit Putin versucht haben, diesen von einem Angriff auf die Ukraine abzuhalten. Diplomatie hat nichts erbracht. Für Putin gibt es keine Verhandlungen im Sinne einer Suche nach Kompromissen. Ihm gilt die Macht des Stärkeren als Maxime seines Handelns. Unter diesen Gegebenheiten Deutschland eine Vermittlerrolle zuzuweisen grenzt an Realitätsverweigerung. Der Forderung nach Waffenstillstand und Verhandlungen liegt schließlich ein Denkfehler zugrunde. Er liegt in der Annahme, wir hätten es mit zwei gleichberechtigten und zwei in gleicher Weise für den Krieg verantwortlichen Mächten zu tun, die sich nun eben miteinander arrangieren müssten. In Vergessenheit gerät dabei, dass sich ein (russischer) Aggressor und ein von diesem Aggressor zerbombtes (ukrainisches) Land gegenüberstehen. Wir haben es mit zwei Kriegsparteien zu tun, die in völlig unterschiedlicher Weise für das Kriegsgeschehen verantwortlich sind. An die angegriffene Ukraine dieselben Forderungen nach Kompromissen zu stellen wie an den russischen Kriegstreiber belohnt schon vor irgendwelchen Verhandlungen den russischen Machthaber. Die für Verhandlungen und Kompromisse votierenden Leserbriefe bedenken die alternative Position stets mit Adjektiven wie „unsachlich“, „blind“ oder realitätsfremd. Dieser Vorwurf ließe sich leicht umkehren. Angesichts von Putins Agieren in Tschetschenien, Transnistrien, Abchasien, Syrien, auf der Krim und im Donbass lässt sich der Glaube an eine Verhandlungslösung, die mehr als ein Diktatfrieden sein sollte, getrost als eine von Blindheit geprägte Illusion bezeichnen. Professor em. Dr. Rüdiger Schnell, Tübingen

Überschuss im Kreislauf der Mineralien

Zum Artikel „Özdemir fordert geringeren Fleischkonsum“ in der F.A.Z. vom 30. Juli: Die Endprodukte des tierischen Stoffwechsels werden zwar gern als Dünger im Feldbau eingesetzt. Aber auch in der Landwirtschaft gilt das Gesetz von der Erhaltung der Materie: Mit dem tierischen Dünger kommt in einem geschlossenen Kreislauf nur auf den Acker, was eben dem Acker vorher mit dem Tierfutter entnommen wurde, abzüglich dessen, was diesem Kreislauf für die menschliche Ernährung entnommen wurde. Anders herum erfordert die lokale Produktion des Futters für die Fleisch- und Milchproduktion, dass mindestens der entsprechende Anteil der Mineralstoffe im tierischen Dünger komplett eben hierfür zur Verfügung steht. Das Problem mit der Überdüngung der Felder und damit mit der hohen Belastung des Grundwassers mit Nitrat und des Klimas mit der Emission von Lachgas (N2O) tritt nicht dadurch auf, dass die mineralischen Inhaltsstoffe des tierischen Düngers im Kreis geführt werden. Das Problem ist, dass mit Futtermitteln von außerhalb (zum Beispiel Sojabohnen aus Argentinien, Brasilien und USA oder Fischmehl) der Kreislauf mit Stickstoff und Phosphor im Überschuss angereichert wird, der tierische Dünger aber aus ökonomischen Gründen nur auf hiesigen Feldern und Grünland ausgebracht wird. Natürlich lassen sich landwirtschaftliche Produktionsflächen für die direkte menschliche Ernährung freisetzen, indem wir unseren Fleischkonsum einschränken. Dies heißt aber durchaus nicht, dass wir alle zu Vegetariern werden müssen. Schließlich gibt es Flächen, die sich nicht für den Anbau von Getreide oder Kartoffeln, wohl aber von Grünfutter eignen. Was Özdemir mit seinen Bemerkungen über tierische Dünger vermutlich meinte, ist das Problem der Düngung von Ackerflächen, auf denen pflanzliche Produkte für den menschlichen Verzehr angebaut werden. Da Klärschlamm aus guten Gründen üblicherweise nicht als Dünger eingesetzt wird, wird man ohne Kunstdünger nicht auskommen – ob er nun lokal oder über tierischen Dünger, der auf Basis von außen zugeführter Futtermittel anfällt, ausgebracht wird. Eine Minderung des Fleischkonsums bis auf das Niveau, das – eine bedarfsgerechte Verteilung des tierischen Düngers über ganz Deutschland vorausgesetzt – hierzulande künstliche Düngung erforderlich macht, würde einer Nachhaltigkeit der Landwirtschaft also nicht entgegenstehen. Die künstliche Düngung findet dann nicht bei uns, sondern in den Ländern statt, aus denen die Tiermäster die zusätzlichen Futtermittel beziehen. Sofern die Landwirtschaftspolitik der Vergangenheit die Landwirte „verführt“, wenn nicht gezwungen hat, in immer größere und effizientere Einheiten für die Tiermast und Milchproduktion zu investieren, erscheint es nicht unangebracht, den Staat an den Kosten einer Korrektur dieser Politik zu beteiligen. Und selbstverständlich gilt auch hier, dass die gesetzlichen Vorgaben so präzise und Genehmigungsprozeduren so schlank wie möglich zu sein haben. Ansonsten sieht sich die Landwirtschaft doch als Teil des Unternehmertums und sollte auch so handeln. Dr. Gerhard Wieners, Frankfurt am Main

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Nötig sind öffentliche Diskussionen

Zu „Wittenberger ‚Judensau‘ soll entfernt werden“ (F.A.Z. vom 27. Juli): Der Entscheidung des Expertenrats der Wittenberger Kirchengemeinde, die sogenannte Judensau von der Kirchenwand der Stadtkirche abzunehmen, gingen lange Diskussionen und auch eine Klage vor dem Bundesgerichtshof voraus. Offensichtlich soll jetzt ein radikales Zeichen gesetzt werden. Das ist bei der langen Geschichte des kirchlichen Antijudaismus und Antisemitismus nachvollziehbar. Der Eingriff in das denkmalgeschützte Gebäude würde auf jeden Fall sichtbar etwas verändern. Dennoch überzeugt diese Maßnahme nicht. Es bleibt unklar, was die Wende im Umgang mit der „Judensau“ ausgelöst hat. Sie ähnelt auch der Art und Weise, wie die Documenta-Leitung vorgegangen ist: Das Bildwerk wird abgebaut, damit es nicht mehr sichtbar ist. Das Bildnis, das besser „Kirchensau“ genannt werden sollte, beleidigt Jüdinnen und Juden und tut dies seit Jahrhunderten. Genauso wie sie ebenso lang schon Gott lästert. Die Gemeinde hat sich vor Jahrzehnten freilich mit unauffälligen Mitteln hiervon distanziert, eine Informationstafel weist auf die Diskriminierung von Juden hin. Der rechtsverletzende Zustand war damit laut Bundesgerichtshof beseitigt worden. Eine Abnahme müsse, so lautete das Urteil nun in diesem Jahr, nicht herbeigeführt werden. Dem Expertenrat geht dies nicht weit genug. Er empfiehlt die Abnahme, auch wenn noch vieles unklar ist. Jedenfalls wird eine Ausstellung des Bildwerks nahe bei der Kirche in einem Ladenlokal öffentlich zugänglich geplant. Das ist nicht schlecht gedacht, auch von weiteren Bildungsbemühungen ist die Rede. Aber diese gut gemeinten Aktionen verdecken doch wesentliche Schwierigkeiten des ganzen Vorgangs. Antisemitisches und antijudaistisches Bild- und Gedankengut sind Teil der christlichen Geschichte und Gegenwart. Es geht darum, dies anzuerkennen und aktiv Verantwortung dafür zu übernehmen. Hierfür sind andere Wege zu beschreiten, als das beschämende Bildwerk aus dem Kirchenbau zu „exkludieren“ und nebenan, auf profanem Gebiet, abzulegen. Nötig sind öffentliche Diskussionen, die nachhaltig über Antisemitismus aufklären, indem sie diese transformierend gestalten. Denkbar ist es, die Außenwand der Kirche zu bespielen, das Motiv zu verfremden, zu karikieren, jedenfalls so zu bearbeiten, dass die Stereotype in den Köpfen und Herzen der Menschen im öffentlichen Raum in Bewegung kommen und zerbröckeln. So lässt sich die antisemitische Geschichte der christlichen Kirche ins Licht setzen, mit ihr ringen und sie wirkungsvoll verändern. Professor Dr. Ilona Nord, Würzburg

Quelle: F.A.Z.
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