Leserbriefe vom 21. Juli 2022

21.07.2022
, 10:37
Heiße Zeit.
Kuhhandel gegen +++ Klimawandel +++ Rechtsstaatlichkeit +++ deutsche Bildungspolitik +++ Beitrag Olaf Scholz +++ Wagner-Liszt-Meyerbeer und Heine
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Schämen

Im Kommentar von Reinhard Müller „Kuhhandel gegen Klimawandel“ in der F.A.Z. vom 19. Juli ist von „organisierten Schulschwänzern“ und „pseudoempörter Wohlstandsjugend“ die Rede. Die Wortwahl und die dahinter stehende Geisteshaltung sind anmaßend, arrogant, unangebracht und unverschämt. Sie sind weit unter dem Niveau, das ich von der F.A.Z. gewohnt bin. Sie sollten sich was schämen, Herr Müller. Dr. Manfred Becht, Kelkheim

Küssen

Für die ersten dreizehn Zeilen seines Kommentars „Kuhhandel gegen Klimawandel“ möchte ich Reinhard Müller küssen. Endlich mal einer, der explizit ausdrückt, was Millionen Deutsche der älteren Generation (zu der ich auch gehöre) scheu gedacht haben. Und das auch noch auf der ersten Seite der F.A.Z. vom 19. Juli! Bravo!! Ich bin jetzt mit den Äußerungen der F.A.Z. versöhnt, die erkennen lassen, dass man sich mit dem Gedankengut und den Wünschen der älteren Generation der Deutschen auskennt und dies berücksichtigen will. Weiter so. . .! Dr. med. Gerd Holzheuer, Bad Honnef

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Falsche Kritik an Polen

Zu dem Beitrag „Systemische Mängel in Polen und Ungarn“ (F.A.Z. vom 14. Juli): Der Ansatzpunkt der beständigen Kritik der Europäischen Kommission wie auch europäischer Gerichte am umgestalteten polnischen Landesjustizrat, auf dessen Vorschlag hin der polnische Präsident die Richter des Landes ernennt, überrascht. Die Kommission bezweifelt die Unabhängigkeit des Landesjustizrats in Polen, weil dessen Mitglieder vom Sejm bestimmt werden und dabei ausschließlich Kandidaten zum Zuge kommen, die von der Regierungsmehrheit vorgeschlagen werden. Warum sollte indes ein Gremium, das an der Richterauswahl beteiligt ist, selbst so politisch unabhängig sein müssen wie die Richter nach ihrer Ernennung beziehungsweise Wahl?
Es kommt vielmehr darauf an, dass dieses Gremium hinreichend demokratisch legitimiert ist, und das ist gerade dann der Fall, wenn seine Mitglieder von der Mehrheit des Parlaments gewählt worden sind. Das Erfordernis einer qualifizierten Mehrheit, wie es in Deutschland etwa einfachgesetzlich (nicht: verfassungsrechtlich!) für die Wahl der Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts vorgeschrieben ist, mag politisch zweckmäßig sein, weil es eine Verständigung zwischen Regierungsmehrheit und Opposition bei der Richterauswahl notwendig macht und die Richterbestellung so dem politischen Streit entzieht.
Aber es bedeutet nicht etwa ein „Mehr“ an Demokratie, sondern dient dem Minderheitenschutz, und weder das Demokratieprinzip noch die Rechtsstaatlichkeit sub specie richterlicher Unabhängigkeit fordern dies. Insofern beruht die Kritik am polnischen Landesjustizrat schon auf falschen Prämissen. Professor Dr. Christian Hillgruber, Bonn

Teure, ziellose Placebos

Uwe Ebbinghaus ist für seine ausführliche und mitleidlose Analyse deutschen Bildungsversagens in seinem Artikel „Milliardengroßer Förderwirrwarr“ (F.A.Z. vom 19. Juli) sehr zu danken. Was den Bürgern seit Jahren als „Bildungspolitik“ dargeboten wird, ist teuer, wirkungslos und dysfunktional. Zunächst – leider auch hier vergessen – sind die Eltern gemäß Art. 6 GG verantwortlich für die Bildung ihrer Kinder. Das muss eingefordert werden – von Arbeitsämtern, mit den Kindergeldzahlungen. „Brennpunkte“ brauchen nicht mehr Lehrer – die gibt es nicht –, sondern bessere Elternmitbildung und eine Kita-Pflicht auf Deutsch.
Davon abgesehen, zeigt der Autor en detail, wie auf schlechte Bildungsergebnisse und das Corona-Versagen aller Länder jetzt ein teurer, wirkungsloser Aktionismus folgt. Mit dem Geldregen ohne Plan wird aber nichts erreicht, jedenfalls für die Bildungsverlierer. Freiwilligkeit und dumme Aktiönchen nerven an den Schulen und behindern gar den Planunterricht. Dass der Autor tatsächlich mit noch unterrichtenden Lehrern gesprochen hat, ist etwas Besonderes und sollte „Schule“ machen.
Schulen brauchen gerade jetzt dauerhaft mehr Unterrichtszeit, besonders für Deutsch und Mathematik. Grundschüler brauchen jeden Tag eine Mathe- und eine Deutschstunde. Wie früher. Lehrer brauchen bessere Arbeitsbedingungen. Dazu gehören technische Dinge wie Räume und Geräte. Dazu gehört auch die Durchsetzung der Disziplin in allen Schulen und Klassen. Lehrer sind keine Defizitmenschen, denen man erst noch Computer erklären muss. Wenn hier nicht mit langem Atem investiert wird, werden sich Fachkräftemangel und Bildungsversagen potenzieren. Die teuren, ziellosen Placebos der Länder erhöhen noch die von den Jüngeren zu stemmenden Staatsschulden – ein Zynismus besonderer Art.
Guido Bley, Königswinter

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Diskrepanz zwischen Absichten und Taten

Die Aussagen und die Absichtserklärungen von Bundeskanzler Olaf Scholz in seinem langen Beitrag „Nach der Zeitenwende“ in der F.A.Z. vom 18. Juli verdienen samt und sonders die volle Zustimmung und Unterstützung. Jedoch entsprechen die Taten der Bundesregierung auf zwei Feldern nicht den Ankündigungen. Zum einen handelt die Ampelregierung in der Klimaschutzpolitik, insbesondere beim Ausbau der erneuerbaren Energien, nicht europäisch, sondern rein national und damit nicht zweckdienlich.
Die Klimaveränderung ist international, und so müsste auch – wie der Kanzler es verkündet – die Energiewende zumindest europäisch sein, um die besseren Voraussetzungen für Wind und Sonne in den Mittelmeerländern besser zu nutzen. Beschränkt Deutschland sich auf seine eigenen sehr begrenzten natürlichen Ressourcen, wird es über kurz oder lang französischen und tschechischen Atomstroms bedürfen. Dann bleibt die Frage, ob diese Länder den deutschen Bedarf dauerhaft decken können.
Das andere ist die Diskrepanz zwischen den Versprechungen für Waffenlieferungen an die Ukraine und der Erfüllung derselben. Bei dem heldenmutigen Existenzkampf, den das Land gegen die russische Übermacht leistet, kommt es auf die Schnelligkeit der Hilfe an. Sonst könnte sie zu spät kommen. Hoffen wir, dass die Bundesregierung bei der Verfolgung der von Scholz verkündeten weiteren großen Ziele, zuvörderst in der angestrebten geopolitischen Zusammenarbeit, ihre Taten eindeutiger und weniger zögerlich den Worten folgen lässt.
Rainer Wolff, München

Was hätte Heine gesagt?

Zu dem Artikel „Meyerbeer nach Bayreuth!“ von Jascha Nemtsov in der F.A.Z. vom 15. Juli: Herrn Nemtsov kann man nur zustimmen. Die Ausein­andersetzung mit Wagners Antisemitismus sollte auch auf der Bayreuther Bühne stattfinden. Leider wird Heinrich Heine im Zusammenhang mit Wagner-Liszt-Meyerbeer vergessen. Wagners Haltung ist im Artikel beschrieben, Heine dagegen hielt Meyerbeer für den „Mann seiner Zeit“ und lobte seine Musik als revolutionäre Kunstform.
In „Das Judenthum in der Musik“ griff Wagner neben Meyerbeer und Felix Mendelssohn Bartholdy auch Heinrich Heine an. Heine hat bei Wagners und Liszts Musik erkannt, dass darin etwas steckt, bei dem ihm unwohl wird. Gegen den Poeten Wagner und den Musiker Liszt hat Heine zwei Jahre vor seinem Tod ein höchst sympathisches Spottgedicht geschrieben: über den „philharmonischen Katerverein“. Vielleicht hat Heine sich nie an Schumann gewandt, obwohl er dessen Musikzeitung las und höchstwahrscheinlich dessen Vertonungen aus seinem Buch der Lieder kannte.
In seiner Zeitschrift hat Schumann sich heftig gegen Meyerbeer und seine Musik ausgesprochen. Das ist eben Heine: obwohl er Meyerbeer als großen Musiker verehrte und seine Oper „Die Hugenotten“ bewunderte, hat er über seinen Landsmann Meyerbeer einen „typischen Heine-Text“ geschrieben, der uns Einblick in die musikalische Szene damals gibt: „Giacomo Meyerbeer kann das ungeheure Orchester seines Ruhmes dirigieren. – Er nickt mit dem Haupte, und alle Posaunen der großen Journale ertönen unisono; er zwinkert mit den Augen und alle Violinen des Lobes fiedeln um die Wette; er bewegt nur leise den linken Nasenflügel, und alle Feuilleton-Flageolette flöten ihre süßesten Schmeichellaute.“
Helmut Butzmann, Hamburg

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Quelle: F.A.Z.
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