Leserbriefe vom 22. Juli 2022

22.07.2022
, 08:50
Von Zwangsarbeitern erbaut und 1959 eingeweiht: Die Basilika des „Tals der Gefallenen“. Der Leichnam des Diktators Franco ruhte sechzig Jahre lang hinter dem Altar.
Demokratische Erinnerung +++ Wasserverschwendung +++ Walsers Vorlass +++ Meyerbeer nach Bayreuth +++ Afrikakompetenz +++ Sasha Filipenko +++ Lady Gaga
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Guter Diktator gewünscht

Zu Paul Ingendaays Artikel „Staatliches Vergessen ist keine Option“ (F.A.Z. vom 18. Juli): Die Probleme mit der „demokratischen Erinnerung“ sollten uns Demokraten daran erinnern, dass Demokratie bei Weitem nicht alles ist. Gerade wenn es darum geht, sich an Sünde und Schande zu erinnern, also an Verstoß gegen göttliche und gegen menschliche Regeln, ist das wichtig. Eine Demokratie ist noch lange kein Rechtsstaat, und ein Rechtsstaat ist noch keine Garantie für die Einhaltung von Menschenrechten und weiteren ethischen Forderungen. Ich wünsche mir einen Diktator des 21. Jahrhunderts (natürlich nicht bei uns!), der die vielen Nur-Demokratien der Welt bloßstellt und blamiert durch vorbildliches gesetzestreues und ethisches Verhalten. Walter Kärcher, Tutzing

Wasser für drei Ernten und Golfplätze

Zu „Der Garten Europas trocknet aus“ von Hans-Christian Rößler (F.A.Z. vom 20. Juli): Als Deutscher mit spanischen Wurzeln bin ich in vielen Jahren mit meiner Familie nach Spanien gefahren und habe dort meine Urlaube verbracht. Wir haben in all den Jahren die Entwicklung an der Mittelmeerküste beobachtet. Wir sehen jetzt eine ungeheure Menge an Neubauten, die, wie wir inzwischen wissen, zu circa 80 Prozent und für zehn Monate im Jahr leer stehen und somit nicht gebraucht werden. Auf den Feldern wird mit Plastikplanen seit einigen Jahren eine dritte Ernte im Jahr kultiviert. Als Ergebnis werden Obst und Gemüse geerntet, die nicht schmecken. In unserer Region Murcia sind eine große Anzahl Golfplätze entstanden, die natürlich in großem Umfang gepflegt werden.
All die genannten Veränderungen der letzten zwanzig Jahre haben eine sehr große Menge Wasser gebunden. Golfplätze werden gesprengt, damit diese immer schön grün sind. Die vielen entstandenen Chalets haben Gärten mit Rasen. Auch hier ist Wasser notwendig. Und der ausufernde Obst- und Gemüseanbau kommt ebenfalls nicht ohne Wasser aus.
Dr. Ait Elker, Bergisch Gladbach

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Schwäbisches Geschmäckle

Zu dem Leserbrief „Was kostet Walsers Vorlass?“ von Dr. Ulrich Berger (F.A.Z. vom 18. Juli): Der Verfasser des Leserbriefs zur Causa Martin Walser beziehungsweise zu dessen Vorlass äußert deutlich seine Empörung darüber, dass die Verantwortlichen „über den Kaufpreis (. . .) Stillschweigen vereinbart“ haben.
Natürlich mutmaßt da der Leser/Steuerzahler, dass der Kaufpreis so erheblich war, dass man lieber davon absieht, ihn öffentlich zu rechtfertigen oder gar zur Diskussion zu stellen. Das sehe ich keinesfalls als souveränen Akt an, es hat ein „Geschmäckle“. Und so befremdet mich das Vorgehen gleichermaßen, zumal ich mich bei solchen Ankäufen ohnehin immer mal wieder frage, ob man wirklich jeden Zettel zu jeglicher Befindlichkeit und jedem Schaffensdetail – in diesem Fall eines Schriftstellers vom Bodensee – in einem Archiv horten und hüten muss.
Wera Noetzel, Wiesbaden

Symbolische Bestrafung

„Meyerbeer nach Bayreuth!“ forderte Professor Jascha Nemtsov in der F.A.Z. vom 14. Juli. Späte Wiedergutmachung, könnte man denken, Werke des Juden Meyerbeer im Kunsttempel des Antisemiten Wagner. Bei näherer Überlegung spricht allerdings manches gegen den Vorschlag.
Erstens, die Sache käme einfach zu spät. Wer heute nach Bayreuth geht, kennt die dunklen Seiten Richard Wagners. Meyerbeer-Aufführungen in Bayreuth würden deshalb das Publikum nicht etwa informieren. Sie wären lediglich so etwas wie eine symbolische Bestrafung mit Sonntagsredner – und ohne echtes Publikumsinteresse.
Zweitens, im Vergleich mit Wagners genialen Meisterwerken, die aus gutem Grund allein in Bayreuth gespielt werden, klingt auch das Beste von Meyerbeer konventionell und banal. Man täte dem Meister der „Grand opéra“ mit einer solchen Vergleichsanordnung keinen Gefallen. Eher würde man Wagners auch ästhetisch begründete Kritik an der traditionellen Oper bestätigen. Drittens, der Hinweis auf das Antisemitische in Wagners Werk ist zwar berechtigt, greift aber zu kurz. Selbstverständlich hat der Komponist Figuren wie Mime und Beckmesser mit Zügen versehen, die Antisemiten Juden zuschreiben, und dabei wohl auch Juden im Sinn gehabt. Koskys gelungene Inszenierung der „Meistersinger“ hat ja überzeugend daran erinnert.
Aber wichtig ist, dass Wagner seinen Beckmesser nicht zum Juden gemacht, Juden überhaupt nicht dargestellt hat. Mime und Beckmesser sind zuletzt üble Charaktere, wie man sie überall findet. Das Werk, vor allem die Musik, sind hier zum Glück größer als ihr trotz allem bedeutender Schöpfer. Wilhelm Haumann, Singen

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Auch Afrikakompetenz ausbauen

In ihrem Beitrag „Der Betriebswirt – Mehr Asienkompetenz ist nötig“ (F.A.Z. vom 27. Juni) plädieren die Autorinnen und Autoren der Peter Drucker Society of Mannheim für mehr Asienkompetenz in deutschen Unternehmen. Diversifizierung von Lieferketten weg von China und Russland und hin zu neuen Märkten ist unbestreitbar das Gebot der Stunde. Allerdings sollten deutsche Unternehmen nicht nur ihre Asienkompetenz, sondern auch ihre Afrikakompetenz dringend ausbauen.
Der afrikanische Kontinent, der sich in den vergangenen Jahren schneller und dynamischer entwickelt hat als jede andere Weltregion, ist mit seinen Möglichkeiten für die meisten Unternehmen ebenso unbekannt wie unterschätzt. Der Reichtum an erneuerbaren Energiequellen und Rohstoffen, Innovationen im digitalen Bereich sowie wachsende Mittelschichten und Chancen im Ausbau der Infrastruktur bieten deutschen Unternehmen die Möglichkeit, sich bei Absatz, Sourcing und Produktion breiter und resilienter aufzustellen. Die wachsende Bevölkerung macht Afrika bereits ab 2035 zum Kontinent mit dem größten Arbeitskräftepotential weltweit und damit zu einem wichtigen Standort für arbeitsintensive Branchen.
Aber um der kulturellen und wirtschaftlichen Komplexität der 54 afrikanischen Länder gerecht zu werden und sowohl Risiken als auch Chancen differenziert abzuwägen, braucht es mehr Expertise in Unternehmen, Verwaltungen und Politik. Zugleich sollte eine strategisch angelegte Außenwirtschaftspolitik deutsche Unternehmen in ihren Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent unterstützen – durch erweiterte Risikoabsicherungsinstrumente, Unterstützung im Bereich der Finanzierung und eine aktive politische Flankierung. Nur so kann sich die deutsche Wirtschaft in den geopolitisch herausfordernden Zeiten diversifiziert und zukunftssicher aufstellen – und zugleich wichtige Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent leisten. Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer, Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft e. V., Hamburg/Berlin

Pflichtlektüre

Der Belarusse Sasha Filipenko hat in seinem Feuilletonbeitrag („Europas großes Examen“, F.A.Z. vom 6. Juli) die beste Analyse über das Identifizierungsverhalten des „gemeinen“ Europäers gegenüber der Idee eines zu verteidigenden Europagedankens gemacht, die ich seit langer Zeit gelesen habe! Diesen Artikel sollten alle demokratischen europäischen Regierungen zumindest in den Oberstufen ihrer Schulen als Pflichtlektüre vorschreiben! Wolfgang Söffner, Kelkheim

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Spaß und Ernst

Zum Artikel „Power, Pracht und Herrlichkeit – Selbst das Klavier ist kostümiert: Lady Gaga beginnt ihre Welttournee in Düsseldorf“ in der F.A.Z. vom 19. Juli: Das Foto („Ein Kleid von Versace: Die Outfits von Lady Gaga wechseln ständig – und haben ihr eigenes Sicherheitspersonal“) sticht ins Auge und wird nicht etwa mit Spott als „Untergang des (Spaß-)Abendlandes“ betitelt, sondern will ernst genommen werden. Oder verstehe ich etwas nicht? In solchen Momenten sind Sie nicht „meine F.A.Z.“. Sigrid Rogge, Dresden

Quelle: F.A.Z.
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