F.A.Z. Machtfrage

Kann man taktisch wählen?

Von Mona Jaeger
21.09.2021
, 12:11
Bald in einer Koalition? Baerbock, Scholz und Lindner
Diese Bundestagswahl ist äußerst kompliziert. Welches Bündnis bekommt der Wähler für seine Stimme? Und kann der Zweitplatzierte Kanzler werden?
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Falls Sie das Gefühl haben, dass diese Bundestagswahl besonders kompliziert ist – Sie haben Recht!

Es gibt mehr Kanzlerkandidaten als sonst, mehrere Parteien, die ähnlich stark sind, und Angela Merkel tritt auch nicht mehr an. Die neue Unübersichtlichkeit im deutschen Parteiensystem bringt es mit sich, dass mehr Möglichkeiten zur Kooperation, zur Koalitionsbildung bestehen, als das früher der Fall war. Und wahrscheinlich werden, weil die Parteien jeweils weniger Prozentpunkte mitbringen und mehr als zwei Parteien gebraucht werden, um eine stabile Regierung zu bilden.

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Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Ihre Stimme noch nicht per Brief abgegeben haben (vielleicht liegen bei Ihnen wie bei vielen anderen Bundesbürgern auch die Briefwahlunterlagen noch unausgefüllt auf dem heimischen Küchentisch), dann steht Ihnen die schwere Entscheidung noch bevor.

Zwei Dinge stiften gerade zusätzliche Verwirrung.

Erstens: Durch die vielen Koalitionsoptionen und Kanzlerkandidaten wird wieder viel über taktisches Wählen gesprochen. Man wählt also eine Partei, um ein bestimmtes Bündnis oder Kanzlerkandidaten zu unterstützen – vielmehr aber, um etwas Bestimmtes zu verhindern. Aber taktisches Wählen ist trickreich.

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Zweite Verwirrung: Nun ist etwa aus der Union, aber auch aus der FDP zu hören, dass gar nicht die stärkste Partei den Kanzler stellen müsse. Es gehe nicht allein um den Sieg, sagte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kürzlich, sondern darum, welcher Kandidat nach dem Wahlabend eine Mehrheit zusammenzimmern könne.

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Zunächst zum taktischen Wählen. Was passiert eigentlich mit meiner und mit Ihrer Stimme? Die FDP, um nochmal bei ihr zu bleiben, war Jahrzehnte über eine Partei, die besonders oft taktisch gewählt wurde, um einem bestimmten Bündnis mehr Kraft zu geben. Jetzt will die FDP das nicht mehr, sie will um ihrer selbst gewählt und sogar geliebt werden, so hieß es auf ihrem Parteitag am Sonntag. Klar, warum die FDP das sagt: Sie hat sich in Koalitionsdingen nicht festgelegt, um selbst die Zügel in der Hand zu halten. Sie könnte nach der Wahl in ein Jamaika-Bündnis mit Union und Grünen eintreten. Oder in eine Ampel-Koalition mit SPD und Grünen. Für einen FDP-Wähler dürfte das freilich ein ziemlicher Unterschied sein, ob er mit seiner Stimme Laschet oder Scholz zum Kanzler macht.

Wer kocht, wer kellnert? Kiesinger und Brandt 1966
Wer kocht, wer kellnert? Kiesinger und Brandt 1966 Bild: Picture-Alliance

Ähnlich bei den Grünen: Eine Stimme für sie könnte zu einem rot-grünen Bündnis führen, oder (wegen der Umfragen unwahrscheinlicher) zu einem schwarz-grünen. Scholz und Baerbock haben beim letzten Triell am Sonntag deutlich durchblicken lassen, dass sie gerne miteinander koalieren wollen. Baerbock hat sich offensichtlich mit der Rolle der Juniorpartnerin abgefunden, sie rechnet nicht mehr damit, Kanzlerin zu werden.

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Die Grünen litten übrigens auch mal unter taktischem Wahlverhalten: 1980 schafften sie es nicht in den Bundestag, weil viele ihrer Sympathisanten einen Kanzler Strauß verhindern wollten und deswegen SPD wählten.

Die Teller sind in Herzform: Laschet und Söder im Wahlkampf
Die Teller sind in Herzform: Laschet und Söder im Wahlkampf Bild: dpa

Auf FDP und Grüne wird es also entscheidend ankommen. Sie werden Bedingungen stellen können. Die drei vor langer Zeit geplanten Trielle, bei denen die Kandidaten von Union, SPD und Grüne aufeinandertrafen, gab eine falsche Realität wieder. Es hätte auch ein Duell gebraucht: Das zwischen FDP-Mann Christian Lindner und Grünen-Frau Annalena Baerbock.

Die Union warnt weiterhin vor einem rot-grün-roten Bündnis. Worauf ausgerechnet der CDU-Politiker Friedrich Merz hingewiesen hat: Mit ihren Attacken gegen ein Bündnis mit der Linkspartei könnte eben diese womöglich so geschwächt werden, dass sie an der Fünfprozenthürde scheitert und nicht in den Bundestag kommt. Das wiederum würde es für Rot-Grün leichter machen, eine Mehrheit zu bekommen.

Die politischen Lager und Zugehörigkeitsgefühle der Bürger sind sehr flexibel geworden. Sonst gäbe es diese Unübersichtlichkeit ja nicht. Viele Bürger – vielleicht geht es Ihnen ja auch so – haben sich schlicht noch nicht entschieden. Wahlforscher und Soziologen beobachten, dass Bürger ihre Wahlentscheidung diesmal besonders lange hinauszögern. Sie sehen die großen Themen, die anstehen, allen voran die Bekämpfung des Klimawandels. Aber sie haben auch Respekt oder sogar Angst vor der Beantwortung der Frage, was dagegen getan werden muss. Das kann man auch an den Umfrageergebnissen, die es beinahe täglich gab, ablesen: Es verändert sich viel, aber auch der Anteil derer, die sagen, sie finden keinen der Kandidaten oder keine Partei gut, ist erstaunlich hoch.

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Auch wenn es etwas unpopulär sein mag, behaupte ich: Zu sagen, man sei mit keinem der Kandidaten oder Programme zufrieden, ist auch eine Schutzbehauptung. Klar, alle (bis auf die AfD) wollen mehr Klimaschutz, aber die Wege unterscheiden sich zum Teil deutlich. Es ist mühsam, das herauszuarbeiten und dann eine Entscheidung zu treffen. Die Unzufriedenheit ist auch Ausdruck von Überforderung – die angesichts der anstehenden Aufgaben, nicht nur beim Klimaschutz, sehr verständlich ist.

Aus Taktik nicht gewählt: Strauß 1976
Aus Taktik nicht gewählt: Strauß 1976 Bild: dpa

Wir wissen, dass es knapp werden wird bei der Bundestagswahl, aber nicht, wie knapp. Wer wird dann mit anderen Parteien für eine Regierung verhandeln? Anders als in anderen Ländern erteilt in Deutschland der Bundespräsident keinen Auftrag zur Regierungsbildung an den Kandidaten der stärksten Partei. Da hat Lindner schon Recht: Es regiert, wer eine Mehrheit findet. In der Geschichte war es ja schon so: 1969 ließ sich der CDU-Mann Kurt Georg Kiesinger als künftiger Kanzler feiern, aber SPD-Kandidat Willy Brandt sicherte sich die Mehrheit für die erste sozial-liberale Koalition. Und 1976 holte Helmut Kohl fast die absolute Mehrheit der Stimmen, und doch hatte Helmut Schmidt mit der FDP die Mehrheit auf seiner Seite.

Heute ist das anders, weil andere Zeiten? Nein. Die Überlegung ist berechtigt: Wenn die Parteien immer enger beieinander liegen, warum soll dann ein minimaler Vorsprung einem Kandidaten das unbestreitbare Recht zusprechen, Kanzler zu werden?

Vor allem für die Union muss natürlich trotzdem gelten: Wir wollen Platz 1. Trotzdem bereiten jetzt schon einige CDU-Politiker rhetorisch vor. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier meint: „Selbstverständlich können auch zweitplatzierte Parteien versuchen, eine Regierung zu bilden.“ Ein schwieriger Satz. Vielleicht rettet er der Union das Kanzleramt. Aber wie ein Mobilisierungs- und Wahlaufruf für die noch Unentschlossenen klingt das nun wahrlich nicht. Wohl deswegen sagen die CSU-Politiker Dobrindt und Söder: Nur mit den meisten Stimmen habe man auch den Auftrag zur Regierungsbildung.

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Fällt Ihnen die Wahl jetzt leichter? Nein? Tut mir leid. Da müssen wir nun alle durch. Auf der anderen Seite: Es war selten so spannend. Und das ist doch eine gute Nachricht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Jaeger, Mona
Mona Jaeger
Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.
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