Nach F.A.Z.-Informationen

Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

Von Helene Bubrowski, Berlin
27.09.2021
, 17:08
Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz
Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

Nach dem enttäuschenden Ergebnis der Grünen bei der Bundestagswahl verschiebt sich das Kräfteverhältnis zwischen den Parteivorsitzenden von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock zugunsten von Robert Habeck. Nach Informationen der F.A.Z. soll Habeck in einer künftigen Regierungskoalition mit Beteiligung der Grünen den Posten des Vizekanzlers bekommen. In der gemeinsamen Pressekonferenz am Montag sagte Habeck, dass die beiden Vorsitzenden die anstehenden Verhandlungen zur Bildung einer Koalition gemeinsam führen würden. „Und alle weiteren Fragen sind ebenfalls geklärt.“ Es gehöre zur Verantwortung, dass man „gut vorbereitet und geklärt“ in solche Gespräche gehe. Diese Klärung werde man nicht zu Markte zu tragen. „Aber gehen Sie davon aus, dass wir komplett sortiert sind.“

Aus mehreren Quellen hat die F.A.Z. erfahren, dass Habeck bei der strategischen Aufstellung an die Spitze rücken soll. Mit dem Wahlergebnis von 14,8 Prozent waren die Grünen deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Baerbock, so heißt es, habe ihre Chance gehabt. Mit den personellen Konsequenzen müsse man deutlich machen, dass die Grünen nicht einfach in der bisherigen Formation weitermachen könnten, sondern „verstanden haben“. Wie es heißt, haben sich die Parteivorsitzenden aber nicht erst in der Wahlnacht auf die Neuaufstellung verständigt. Vor längerer Zeit bereits seien die beiden übereingekommen, dass man sich nach einem schlechten Wahlergebnis personell neu sortieren müsse. Mit einem schlechten Ergebnis meinten Grüne im Wahlkampf stets Werte von 17 Prozent und weniger.

Habeck stellt Sondierungsteam zusammen

Baerbock trägt als Kanzlerkandidatin besondere Verantwortung für das Ergebnis. Sie hatte sich in einem Machtkampf um die Kandidatur gegen Habeck durchgesetzt, der auch gerne im Wahlkampf ganz vorne gestanden hätte. Das Verhältnis der beiden gilt seitdem als angeschlagen. Durch fehlerhafte Angaben in ihrem Lebenslauf, zu spät gemeldete Nebeneinkünfte und Plagiate in ihrem Buch hat Baerbock die Wahlkampagne ins Stocken gebracht. Am Montag wiederholte sie die Notwendigkeit, sich einer Fehleranalyse zu stellen und sprach von ihrer „ganz besonderen Verantwortungsrolle“ im Wahlkampf.

Im Hintergrund wirkt Habeck offenbar schon als der neue starke Mann der Grünen. Dem Vernehmen nach hat er bereits in den vergangenen Tagen Kontakt zur FDP aufgenommen, nun stellt er das Sondierungsteam zusammen. Habeck hat Ambitionen auf das Finanzministerium kundgetan, das allerdings auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner gerne übernehmen würde. Es gehe nun erstmal um die Inhalte, dann um die Ressorts und als letztes um die Personen, sagte Habeck am Montag.

Rückenwind für seine neue Rolle bekommt Habeck durch ein Direktmandat aus dem Wahlkreis Flensburg-Schleswig, das er mit 28,1 Prozent zum ersten Mal für die Grünen gewonnen hat. Seine Partei war bei dieser Wahl in 16 Wahlkreisen erfolgreich, Habecks Wahlkreis ist aber der einzige im ländlichen Raum. Baerbock hat im Wahlkreis Potsdam klar gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz verloren.

Grüne warnen davor, Baerbock nun zum Sündenbock zu machen und ins Abseits zu stellen. Sie sei ein „politisches Talent“, heißt es. Als Fachministerin sei sie ohne Frage geeignet, in dieser Rolle könne sie noch wachsen. Die Kanzlerkandidatur sei für sie, die noch keine Regierungserfahrung hat, wohl zu früh gekommen. Vor allem von Kolleginnen aus der Bundestagsfraktion bekommt Baerbock viel Rückendeckung. Einen offenen Konflikt zwischen den Parteivorsitzenden will niemand.

Quelle: F.A.Z.
Helene Bubrowski - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Helene Bubrowski
Politische Korrespondentin in Berlin.
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