FAZ plus ArtikelWer koaliert mit wem?

Der Wähler als Humorist

Von Jürgen Kaube
27.09.2021
, 17:33
Olas Scholz hat gewonnen. Die Frage ist, was seine Partei daraus macht, die Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken vornweg.
Alle haben verloren, tun aber so, als hätten sie gewonnen: Um die Koalitionsgespräche zu analysieren, braucht es Spieltheoretiker und keine Politologen.
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Hat der Souverän entschieden oder der Wähler gewürfelt? Die Frage des Soziologen Niklas Luhmann kann jetzt erneut gestellt werden. Denn die Situation ist an objektiver Ironie nicht zu überbieten. Alle haben verloren (die CDU, die CSU, die Linke, die AfD) oder nicht erreicht, was sie wollten (die Grünen, die FDP). Gewonnen hat die SPD, das aber vor allem im Verhältnis zu ihren Umfragewerten vor zwei Monaten und nicht genug, um darüber froh werden zu können. Von den drei Optionen, die sie hat, sind zwei (die große Koalition und das Linksbündnis) weggefallen; die eine, weil sie von ihr selbst abgelehnt wird, die andere, weil sie die Wähler nicht wollten. Nimmt man die Zahlen der Meinungsforscher ernst, wollten viele Wähler nicht einmal die SPD, sondern nur Olaf Scholz. Aber am Sonntag wurde nicht gemeint, es wurde gewählt.

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Die Partei wiederum, die am meisten verloren hat – und Nettowählerzuflüsse nur von der AfD und der Linken erhielt –, tritt mit dem Anspruch hervor, die Regierung zu bilden. Jedenfalls sagt sie es, um es kurz danach wieder zu relativieren. Den Eindruck, eine Einheit zu sein, könnte die Union nur machen, wenn sie nicht in jedes Mikrofon hineinspräche. Außer ihrer Schwäche haben Armin Laschet und die Seinen nämlich gar nichts anzubieten, aber diese Schwäche durchaus. Die Feststellung von Generalsekretär Lars Klingbeil (SPD), die Union sei inhaltsleer, hatte schon einst in Baden-Württemberg nicht dazu geführt, die Grünen von einer Koalition abzuhalten, im Gegenteil. Zumal bei den ausbrechenden Streitereien in der Union noch gar nicht abzusehen ist, mit welchem Personal sie in eine solche Koalition gehen würde. Ob im Bundestag für Laschet oder jeden denkbaren Ersatzkanzlerkandidaten sicher wäre, dass ihn die eigenen und die anderen Abgeordneten wählen würden, steht überdies dahin.

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