Haustürwahlkampf in Berlin

Laschet soll eine Chance bekommen

Von Eckart Lohse, Berlin
21.08.2021
, 19:01
Armin Laschet (Mitte) am Samstag in Berlin-Kladow mit dem Spandauer Bundestagskandidaten Joe Chialo (rechts) und dem Spitzenkandidaten für die Berliner Abgeordnetenhauswahl, Kai Wegner (links)
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Ganz rund läuft der Haustürwahlkampf im Südwesten Berlins für Armin Laschet nicht: Mal gehen die Türen auf, mal bleiben sie zu. Und kurz zuvor, beim Wahlkampfauftakt der Union, muss er sich mal wieder gegen CSU-Chef Markus Söder behaupten.
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Am Ende ist Armin Laschet wieder allein. Ohne Merkel, ohne Söder. Das heißt: Allein ist der Kanzlerkandidat an diesem warmen Samstagnachmittag im äußersten Südwesten Berlins nicht. Einige Dutzend Parteifreunde empfangen ihn in Kladow, um beim Haustürwahlkampf mitzumachen. Laschet wird begleitet vom Spandauer Bundestagskandidaten Joe Chialo, dem Spitzenkandidaten für die Berliner Abgeordnetenhauswahl, Kai Wegner, Parteifreunden und Journalisten. 40, vielleicht 50 Menschen schieben sich durch die ruhigen Straßen Kladows.

Die CDU hat sich die Gegend vorher angeguckt, man weiß ja, wo man gewählt wird und wo nicht. Auch ein bisschen geschaut wurde, ob jemand zuhause ist. Doch ganz rund läuft die Sache trotzdem nicht. Mal geht die Haustür auf, mal bleibt sie zu, mal öffnet eine Frau nur einen Spalt und schließt die Tür, kaum dass sie gesehen hat, was da vor ihrem Haus für eine Menschentraube steht.

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Automatenhafter Applaus

Bevor Laschet in Kladow an den Türen klingelt, ist er in Kreuzberg, im Tempodrom. Wenige hundert Meter entfernt von der Parteizentrale der SPD treffen sich CDU und CSU zum Auftakt der sogenannten heißen Wahlkampfphase. Abgesehen von der Parteiprominenz – neben Laschet vor allem die Bundeskanzlerin und der bayerische Ministerpräsident – sitzen etwa 70 junge Menschen in T-Shirt und offenem Hemd in der Halle, die so automatenhaft klatschten, dass sich die Frage stellt, ob man in Zeiten der Pandemie das nicht ebenso gut mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz hätte lösen können.

Armin Laschet am Samstag im Berliner Tempodrom vor jungen Zuschauern, die klatschen, als wären sie programmiert.
Armin Laschet am Samstag im Berliner Tempodrom vor jungen Zuschauern, die klatschen, als wären sie programmiert. Bild: EPA

Als Angela Merkel wenige Minuten nach 11 Uhr im gelben Blazer auf der Bühne steht, erinnert sie daran, dass sie sich seit ihrer Rückzugsankündigung im Herbst 2018 aus Wahlkämpfen heraushalte. „Alles hat seine Zeit“, spricht sie einen typischen Merkel-Satz. Dann behauptet sie, sie finde es gleichwohl „richtig schön“, dabei zu sein.

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Es sei dahingestellt, wie schön Merkel, die nie eine begeisterte Wahlkämpferin war, diesen Termin am Wochenende zwischen ihren Reisen nach Moskau am Freitag und nach Kiew am Sonntag findet. Aber sie erfüllt ihre Pflicht als CDU-Politikerin und nach wie vor beliebte Kanzlerin. Sie lobt Laschet, dem das „C“ im Parteinamen „Kompass“ sei, der auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes handele und für den der Mensch mit seiner „unantastbaren Würde“ im Mittelpunkt stehe.

Sie nennt ihn den „zukünftigen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“. Dann aber würdigt sie ausführlich die Leistung der aktuellen Bundeskanzlerin, erwähnt die in ihrer Amtszeit stark gesunkenen Arbeitslosenzahlen, das Ende der Neuverschuldung – bis Corona kam –, die Euro-Rettung, den stark gewachsenen Anteil von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Über die „Tragödie“ in Afghanistan spricht sie natürlich auch.

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Bestenfalls ein ordentliches Verhältnis

Merkel und Laschet, das war und ist bestenfalls ein ordentliches Verhältnis. Mehr nicht. Auch wenn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident 2015 und in den Jahren danach in der Flüchtlingskrise auf der Seite der Kanzlerin stand, erwuchs daraus nicht einmal die Nähe, wie sie zwischen ihr und der saarländischen Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer zwischenzeitlich herrschte, bis beide Frauen voneinander enttäuscht waren.

Als es um die Nachfolge Kramp-Karrenbauers im CDU-Vorsitz und damit immer auch um die Kanzlerschaft ging, verhielt Merkel sich noch zurückhaltender als bis dahin in Parteiangelegenheiten, auch dem Bewerber Laschet gegenüber. Nur einmal, vor einem Jahr, als offen war, ob Laschet es an die CDU-Spitze schafft, machte sie ein auffallende Ausnahme. Sie besuchte den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten in Düsseldorf und sagte, wer CDU-Vorsitzender werden wolle, müsse auch bereit sein, Kanzler zu werden. Wenn jemand das bevölkerungsreichste Bundesland mit einer effizient arbeitenden Koalition aus CDU und FDP regiere, „dann ist das zumindest ein Rüstzeug, das durchaus Gewicht hat“.

Dabei ließ Merkel es aber bewenden. Oder vielmehr: Sie scheute sich auch nicht, Laschet Knüppel zwischen die Beine zu werfen, etwa als sie vor einem Millionenpublikum in einer Talkshow dessen Corona-Politik kritisierte. Als im April der CDU-Vorstand einen Abend lang darüber stritt, wer Kanzlerkandidat werden solle, schwieg Merkel dröhnend. Auch aus der Endphase des Wahlkampfs hielt Merkel sich bis zum Samstag fast vollständig heraus. Sie belässt es bei der Teilnahme an der Auftakt- und der Schlusskundgebung. In der CDU würde man sich über mehr Engagement freuen, aber danach sieht es nicht aus.

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Söder spricht doppelt so lange wie geplant

Söder hält sich nicht raus. Er doch nicht. Eine Viertelstunde sieht die Programmplanung für ihn am Samstag im Tempodrom vor, er spricht doppelt so lange. Gleich zu Beginn fordert er, einen Moment ehrlich zu sein. Es werde knapp am Wahltag. Er macht klar, dass es nicht zuerst darum gehe, in welcher Koalition die Union regiere, sondern ob sie es überhaupt weiterhin tun werde. „Ich habe keinen Bock auf Opposition.“ Er spricht vom schwersten Wahlkampf seit 1998. Damals verlor die Union nach 16 Jahren das Kanzleramt an die SPD. Er fordert eine „zweite Luft“.

Söder warnt vor eine linken Regierung ohne klare Linien. Scholz und die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock stünden nicht für klare Linien, das könne nur die Union leisten mit Armin Laschet. Da! Ein bisschen Laschet-Lob!

Doch gleich darauf zeigt Söder, wie es aussieht, wenn er jemanden richtig loben will. Er kniet rhetorisch vor Merkel nieder: „16 außerordentlich gute Jahre“, „ganz große Ära von dir“, „du hast das Land gut beschützt“, „du wirst fehlen“.

Söder sagt, „ich will, dass Armin Laschet Kanzler wird“, erinnert allerdings abermals daran, dass der CDU-Vorstand gegen ihn und zugunsten Laschets entschieden habe. Er lässt Laschets Vornamen immer wieder einfließen, sagt Laschet seine Unterstützung zu und lässt dann durchblicken, wie diese aussehen könnte.

Nachdem der CSU-Chef für die Ausweitung der Mütterrente geworben hat, behauptet er zu wissen, dass Laschet sie „im Herzen“ auch wolle und sie daher auch kommen werde. Noch eine Forderung stellt er selbstbewusst auf. Es reiche nicht zu sagen, die Union verhindere Steuererhöhungen, man müsse für den Mittelstand auch Steuern senken.

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Ein Ausblick auf die Zusammenarbeit von Laschet und Söder

Dann, zum Schluss der zweieinhalbstündigen Veranstaltung, kommt Laschet an die Reihe. Schon aus Gründen der Selbstbehauptung hält auch er sich nicht an die vorgesehene Redezeit, spricht sogar noch länger als Söder. Der Zuhörer ahnt, wie die Zusammenarbeit zwischen einem Kanzler Laschet und einem CSU-Vorsitzenden Söder aussehen könnte. Kohl und Strauß, Merkel und Seehofer. Das alte, immer gleiche Spiel um die Macht.

Auch Laschet dankt Merkel, dann Söder. CDU und CSU seien nur zusammen stark, scheint er Söder an den Burgfrieden nach dem Kandidaturstreit erinnern zu wollen. Dann befasst er sich lange mit seinem Lieblingsthema, der Außenpolitik. Afghanistan macht das ohnehin zwingend. Laschet fordert eine Ertüchtigung Deutschlands und Europas. Man müsse in der Lage sein, auch ohne die Amerikaner einen Flughafen wie den in Kabul zu sichern.

Die CDU hat sich vorher umgeschaut in Kladow, doch an diesem Samstag öffnen sich längst nicht alle Türen für den Kanzlerkandidaten der Union.
Die CDU hat sich vorher umgeschaut in Kladow, doch an diesem Samstag öffnen sich längst nicht alle Türen für den Kanzlerkandidaten der Union. Bild: dpa

So oft wirft er den Grünen vor, dass diese sich in außen- und sicherheitspolitischen Fragen dem richtigen Kurs verweigerten, dass die Frage aufkommt, mit wem die Union am Ende eine Regierung bilden will, wenn nicht mit den Grünen. Denn für ein Bündnis ohne diese wird es kaum reichen. Während die Union den Klimawandel sozialverträglich gestalten wolle, hätten die Grünen nur Ideologien im Sinn, sagt Laschet noch.

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Um den Klimawandel geht es wenig später auch in Kladow beim Haustürwahlkampf. Ein Mann mit schwarzer Basecap und Gartenhandschuhen berichtet von Bekannten im Westen, die vom Hochwasser heimgesucht worden seien. Er sei noch unsicher, wen er wählen werde, entscheidend sei die Haltung zur Klimapolitik.

Scholz ist für einen Anwohner das „kleinere Übel“

Ein anderer Anwohner, Strohhut und Sonnenbrille, unterhält sich mit Laschet über Russland und Nord Stream 2. Er will einen härteren Umgang mit Moskau. Von Laschet weiß man, dass er den Bau der Gasleitung befürwortet. Später, als der CDU-Vorsitzende schon weitergezogen ist, sagt der Mann, dass er kein CDU-Anhänger sei. Eher werde er Olaf Scholz wählen. Vom „kleineren Übel“ spricht er im Zusammenhang mit dem SPD-Kanzlerkandidaten.

Eine örtliche CDU-Funktionärin begrüßt Laschet freundlich. Sie wusste, dass der Rundgang mit dem Kanzlerkandidaten geplant war, nicht aber, dass man bei ihr klingeln werde, sagt sie. Hätte auch nichts genützt, die Klingel sei kaputt. Sie gesteht ihre Neugierde ein, also sah sie die Truppe herankommen.

Als Laschet weg ist, gibt sie zu erkennen, dass machtpolitische Gründe wohl für den CSU-Vorsitzenden Markus Söder als Spitzenkandidaten gesprochen hätten. Aber nun solle Laschet eine Chance bekommen. Sie spricht den Namen französisch aus: „Lasché“. Klingt ganz hübsch.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lohse, Eckart
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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