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Datenanalyse

Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?

Von Thorsten Faas
Aktualisiert am 13.06.2017
 - 15:39
Schulz und Merkel: 2013 noch als Verhandlungspartner in Brüssel, heute Konkurrenten
Schulz-Zug entgleist, Merkel auf dem Weg zur nächsten Amtszeit? Zwischen jetzt und der Bundestagswahl kann noch viel passieren. Das beweist ein Blick in zurückliegende Wahlen – und zeigt, wie sie sich noch drehen können. Ein Gastbeitrag.

Der Schulz-Hype ist vorbei. In der Beliebtheit ist der SPD-Kanzlerkandidat so weit aberutscht, dass er keine Bedrohung mehr für Angela Merkel zu sein scheint. Sie dagegen ist wieder oben auf in den Beliebtheitswerten. Der Abstand zwischen beiden scheint stabil, ebenso der Vorsprung der Union vor der SPD. Umfrageinstitute wie Insa und Forsa sehen die Sozialdemokraten wieder bei 23, bzw. 24 Prozent – den magischen Tiefstwständen des Wahljahres 2009.

Aber waren nicht die die demoskopischen Wahlumfragen in diesem Wahljahr von turbulenten Ausschlägen geprägt? Die Forschungsgruppe Wahlen etwa hat für die SPD in diesem Jahr 2017 Werte in der politischen Stimmung zwischen 21 und 42 Prozent ausgewiesen. Vor diesem Hintergrund scheint der gefühlte Abgesang auf den diesjährigen Wahlkampf paradox bis surreal. Wenn wir eins in diesem Wahljahr mit Blick auf Sonntagsfragen gelernt haben, dann doch das: Vieles ist möglich.

Gelernt haben wir durch die Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen aber ebenso, dass in Umfragen gemessene Stimmungen keine sich am Wahltag zwangsläufig manifestierenden Stimmen sind. Das wirft unmittelbar die Frage auf: Was heißt das für ein Wahljahr, in dem wir uns knapp vier Monate vor dem Tag der Bundestagswahl befinden? Wie belastbar sind die aktuellen Umfragen? Welche Prognosekraft haben sie für den September? Darüber könnte man trefflich spekulieren. Man kann sich der Frage aber auch mit einem Blick zurück in die jüngere Geschichte nähern. Was ist denn in den Wahljahren 2005, 2009 und 2013 passiert zwischen den Umfragen (Ende) Mai und den jeweiligen Wahltagen im September?

Das Ergebnis eines solchen Blicks zurück zeigt die folgende Abbildung. Abgetragen – getrennt nach Wahljahren und Parteien – ist jeweils die Differenz zwischen dem Wahlergebnis im September und dem Durchschnitt der letzten Mai-Umfrage der Institute Emnid, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap und Institut für Demoskopie Allensbach.

Mindestens drei Botschaften senden diese Differenzen aus: Auch in deutschen Wahlkämpfen gibt es sehr wohl Dynamik, allerdings ist keineswegs klar, bei welcher Partei und in welcher Richtung. Alles kann, nichts muss – so könnte man vereinfacht sagen. Im Wahljahr 2005 etwa hat die Union zwischen Mai und September über zehn Prozentpunkte verloren, 2009 und 2013 waren für sie dagegen kaum mehr Veränderungen in den letzten vier Monaten zu verzeichnen.

Die SPD hat 2005 über fünf Punkte gewonnen, 2009 dagegen fast vier Punkte verloren. Ihr historisches schlechtes Wahlergebnis 2009 ist erst auf der Zielgeraden entstanden! 2013 dagegen: nichts – ganz im Gegensatz zu den Grünen, denen 2013 in den letzten Monaten vor der Wahl die Puste ausging: Fünf Punkte ging es für sie zwischen Mai und September nach unten. Bemerkenswert ist, dass PDS bzw. Linkspartei jene Partei ist, die in allen drei Wahljahren merkliche Gewinne in den letzten Monaten vor der Wahl verbuchen konnte.

Abbildung 1: Verschiebungen zwischen Umfragen Ende Mai und Wahlergebnissen im September

Die Höhe der Ausschläge, insbesondere natürlich im Wahljahr 2005, ist auf den ersten Blick bemerkenswert. Sie wird aber verständlich, wenn wir uns uns – die Wählerinnen und Wähler – genauer anschauen. Ganz selbstverständlich ist heutzutage im Vorfeld von Wahlen von „Unentschlossenen“ und „Spätentscheidern“ die Rede. Zu Recht? Tatsächlich prägen sie in großer Zahl das wahlpolitische Geschehen. „Unentschlossen“ ist ein Wähler, der auf die „Sonntagsfrage“ – „Welche Partei werden Sie wählen, wenn im September Bundestagwahl ist?“ – mit „weiß ich nicht“ antwortet. Den Anteil so definierter Unentschlossener und seine Entwicklung mit näher rückendem Wahltag zeigt die folgende Abbildung für die Wahljahre 2005, 2009 und 2013.

Abbildung 2: Der Anteil der Unentschlossenen in den Wahljahren 2005, 2009 und 2013

Auch hier gibt es mindestens drei Botschaften: Dieser Anteil war im Vergleich der drei Wahljahre im Jahr 2005 am höchsten, er nimmt zweitens in allen drei Wahljahren kontinuierlich ab (auch wenn es immer mal wieder Wochen gibt, die zu verstärkter Unsicherheit bei den Bürgern führt) – und selbst unmittelbar vor der Wahl sind noch 17 (2009, 2013) bis 25 Prozent der Wahlberechtigten (2005) unentschlossen. Bis zum Schluss ist also noch eine Menge zu holen – theoretisch zumindest, denn einschränkend muss man darauf hinweisen, dass bis spät in den Wahlkampf fortbestehende Unsicherheit häufig zu Nichtwahl führt.

Abbildung 3: Zeitpunkt der Wahlentscheidung in den Wahljahren 2005, 2009 und 2013 (Selbstauskunft der befragten Bürger)

Dass Wahlen heute Züge einer Bergetappe mit einem fulminanten Schlussspurt verbinden, zeigt auch die letzte Grafik: In den Wahljahren 2005, 2009 und 2013 wurden Wähler nach dem Wahltag befragt, wann sie eigentlich ihre Wahlentscheidung getroffen haben? Das heißt nicht zwangsläufig, dass Menschen sich zu diesem Zeitpunkt nochmals umentschieden haben, aber zumindest stand doch subjektiv ihre Wahlentscheidung bis dahin zur Disposition. Die Wählerschaft der Jahre 2005, 2009 und 2013 wirkt in dieser Hinsicht gespalten: Gut die Hälfte sagt, dass ihre Wahlentscheidung schon lange – also Monate vor dem Wahltag – feststand. Die andere Hälfte dagegen hat sich erst im Wahlkampf entschieden. Dabei ähneln sich die Bilder der drei Wahljahre so betrachtet sehr. Dies gilt auch bei detaillierter Betrachtung, wann innerhalb des Wahlkampfs diese Entscheidung gefallen ist: 18 Prozent sagen, dies sei „in den Wochen vor der Wahl“ passiert, rund 15 Prozent „in den Tagen vor der Wahl“ und rund 10 Prozent erst „am Wahltag“ selbst.

Alles kann, nichts muss. Auch der Blick auf die Wählerinnen und Wähler untermauert dieses Fazit. Vor uns liegen vier Monate Wahlkampf, in denen noch einiges passieren kann, aber keineswegs muss. Das heißt aber im Mindesten dann auch, dass wir uns nicht einreden lassen sollten, dass doch schon alles gelaufen sei. Das wäre nicht nur eine nicht gerechtfertigte Geringschätzung eines demokratischen Grundpfeilers namens Wahlkampf, es wäre auch eine im Lichte der Zahlen nicht gerechtfertigte Charakterisierung von Entwicklungen, die wir in der jüngeren Vergangenheit in genau diesen Zeiten haben beobachten können.

Quelle: FAZ.NET
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