CDU/CSU

Merkels geraubter Sieg

Von Johannes Leithäuser
18.09.2005
, 21:38
Entsetzen bei Merkel-Anhängern über das Wahlergebnis
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Die CDU und ihre Kanzlerkandidatin trifft der Schock der Niederlage ohne Vorbereitung. Noch fällt den Enttäuschten keine Erklärung ein, jedenfalls keine eindeutige, zu viele Begründungen werden für möglich gehalten.
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Der Schock um sechs Uhr abends trifft die CDU-Anhänger im Adenauerhaus so sehr, daß sie erst allmählich den Schmerz des Verstehens bemerken. Das werde eine „lange Nacht“ werden, lautet der erste Trostverband, den sich einander die Staunenden und Debattierenden an den Büffet-Tischen anlegen, dabei aber im Grunde wissend, daß die Hoffnung tot ist.

Dabei hat die Partei schon zuvor leise gerätselt über das Ergebnis, das sie noch gar nicht kennen konnte. Zu schlecht standen die ersten ungefähren Prognosen, die sich nachmittags als Zahlen vom Hörensagen ins Konrad-Adenauer-Haus, in die Berliner Parteizentrale, geschlichen hatten. Es ist ein ungläubiges, ein staunendes Rätseln, denn es fällt den Enttäuschten keine Erklärung ein, jedenfalls keine eindeutige, zu viele Begründungen werden für möglich gehalten.

Die Schuldigen: Stoiber und Schönbohm?

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Daß offenbar die ostdeutschen Wähler die SPD in den neuen Ländern zur stärksten Partei gemacht haben und der CDU damit wichtige Prozentpunkte nahmen, das wird mit den Namen Stoiber, auch Schönbohm verbunden. Dann die Folgen der Benennung des Finanzfachmanns Kirchhof, die die steuerpolitische Debatte im Wahlkampf verursachten. Hier führt die Ursachenkette auf die Kanzlerkandidatin Merkel selbst zurück: Sie hatte Kirchhof berufen, sie schien anschließend nicht fähig, ihn zu disziplinieren, sie unterschätzte jedenfalls offenbar, welche aufweichende Wirkung Kirchhofs Steuervisionen auf das Programmprofil der Union haben könnten.

Dreimal stand Frau Merkel im vergangenen halben Jahr zur Verkündung großer Wendungen auf der kniehohen Bühne im Foyer der Berliner CDU-Zentrale. Damals am 22. Mai, als die CDU die Wahl in Nordrhein-Westfalen gewann, erschien die CDU-Vorsitzende so ungewohnt schnell vor Kameras und Mikrofonen, daß damit deutlich war, hier feierte nicht nur eine Bundesvorsitzende den Sieg ihrer Partei in einer Landtagswahl, hier verband vielmehr eine Parteivorsitzende mit diesem Sieg den Anspruch, selber auch das ganze Land führen zu wollen. Wenige Wochen später wurde an derselben Stelle Merkels Anspruch formell beglaubigt, als der CSU-Vorsitzende Stoiber sie im Foyer offiziell zur gemeinsamen Kanzlerkandidatin der Unionsparteien ausrief. Nun, am Ende dieses Karrieresommers, hatte die Kandidatin Merkel zum dritten Mal an der nämlichen Stelle zu erscheinen, dieses Mal ließ sie sich länger Zeit.

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Der Wahlkampf ist doch vorbei

Diese Niederlage, dieser geraubte Sieg war nicht durch einen eiligen Auftritt der Hausherrin in der CDU-Zentrale zu mildern oder zu dämpfen. Frau Merkel hatte erst telefonisch ihr Parteipräsidium zu konsultieren - die Kurzkonferenz galt der Frage, was zu retten sei aus dem Umstand, daß die Union mit zwei Prozentpunkten Vorsprung als stärkste Partei aus dem Zustimmungseinbruch hervorgegangen war. Die Kanzlerkandidatin leitete den Auftrag zur Regierungsbildung für sich daraus ab und rief dem SPD-Vorsitzenden Müntefering, der kurz zuvor auf den Fernsehschirmen mit dem Satz zu vernehmen war, die Deutschen wollten Gerd Schröder als Kanzler, von ihrer Bühne aus zu, der Wahlkampf sei doch jetzt vorbei, nun gelte es, eine stabile Regierung in Deutschland zu bilden. Sie wolle, sagte Frau Merkel dann, „diesen Auftrag mit aller Kraft annehmen“.

Im Fernsehen fiel aber schon eine Viertelstunde vor sechs zum ersten Mal die fragende Formulierung, ob dieser Abend über das „Schicksal von Angela Merkel“ entscheide. Die ARD-Moderatorin Will wollte das von dem nicht mehr für den Bundestag kandidierenden CDU-Abgeordneten Eppelmann wissen. Der bestritt es. Um zwanzig nach sechs traf den Thüringer Ministerpräsidenten Althaus die Frage, ob jemand anders als Frau Merkel die Union in eine große Koalition führen könne. Althaus antwortete mit einem Ausweichmanöver, es sei „jetzt zu früh“, darüber zu sprechen.

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Er oder ich

Auf vielen Zeitungstiteln waren am Sonntag morgen ein letztes Mal Schröder und Frau Merkel als Duellanten abgebildet worden, als gehe es bei dieser Wahl doch um einen Zweikampf, als habe die Schrödersche Grundauffassung des ewigen „Er oder ich“ am Ende auch in dieser Auseinandersetzung die strategische Linie bestimmt, weil der Kanzler sich selber und sein Publikum glauben zu machen verstand, er sei unabhängig von der mageren Zustimmungsrate für seine Partei. Gegen diesen Eindruck konnte die CDU in den vergangenen Wochen nicht wirksam ankämpfen, obwohl sie doch der Aussicht gewiß sein konnte, stärkste Partei zu werden, und damit die Siegerin, die künftige Kanzlerin Merkel, sicher in ihren Reihen wähnen konnte.

Ja, es hätte sich aus taktischen Erwägungen für die CDU sogar verboten, schon vor dem Wahlergebnis die eigene Spitzenkandidatin als Gewinnerin zu präsentieren. Erstens wegen der damit verbundenen, von vielen Wählern als anmaßend empfundenen Selbstgewißheit, zweitens wegen der zusätzlichen Reduzierung der Wahlauseinandersetzung auf die anführenden Personen, die dadurch entstanden wäre. Drittens wollte sich Frau Merkel ja gerade nicht von ihrer Partei lösen lassen - sie hätte sonst nicht so leicht und so hartnäckig der Frage nach der großen Koalition ausweichen können. Wenn der Eindruck erweckt worden wäre, es stehe schon fest, daß sie regiere, dann wäre die Auskunft fällig gewesen, wie dies denn mit der SPD gehen werde, falls der Stimmenanteil der FDP für eine Mehrheit nicht genüge.

Schluß mit der Polemik

Jetzt wird diese Auskunft wohl durch die praktische Probe ersetzt werden. So ließ sich die öffentliche Ermahnung der Unionskandidatin Merkel an den SPD-Vorsitzenden Müntefering jedenfalls verstehen: Schluß jetzt mit der Polemik, nun muß ernsthaft geredet werden. Edmund Stoiber, der langjährige Rivale der CDU-Vorsitzenden im Unionslager, flankierte sie bei ihrem Auftritt in der CDU-Zentrale und nahm sie durch den Hinweis auf sein eigenes Scheitern gleichsam in Schutz: Die Union sei jetzt ja stärkste Fraktion im Bundestag geworden, ein Ziel, das CDU und CSU vor drei Jahren noch versagt geblieben sei. Die CSU werde alles tun, daß eine stabile Regierung zustande komme, sagte Stoiber, schränkte dann seine Kanzlerkandidatin aber am Ende doch ein wenig ein in der Bemerkung, sie werde „Gespräche mit allen führen, außer mit der Linkspartei natürlich“.

Die Kandidatin selbst, deren Lächeln tapfer wirken wollte, lieferte auch eine Erklärung für ihr schlechtes Ergebnis, es war fast eine Anschuldigung. Sie werde „mit aller Kraft“ den Regierungsauftrag annehmen, sagte Frau Merkel - dem Eindruck folgend, daß derjenige, der nun enttäuscht wirke, erst recht als Verlierer gelten werde. Denn, so lautete im zweiten Satz die Begründung, „Deutschland muß einen Weg der Reformen gehen“. Auch wenn - und das war die angedeutete Erklärung für die Enttäuschung - „viele in Deutschland etwas Angst davor haben“.

Autorenporträt / Leithäuser, Johannes (Lt.)
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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