Chinas Geburtenrate sinkt

Mit Steuererleichterungen und Familienwerten gegen die Schrumpfung

Von Friederike Böge, Peking
17.01.2022
, 13:40
Nachwuchs: Ein kleines Mädchen in Peking im Juli 2020
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Seit der Gründung der Volksrepublik wurden noch nie so wenige Kinder geboren. Steuererleichterungen und konservative Familienwerte sollen helfen.
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Die Zahl der Geburten in China ist zum fünften Mal in Folge deutlich gesunken. Laut den am Montag veröffentlichten Daten des chinesischen Statistikamts wurden im vergangenen Jahr in der Volksrepublik nur noch 10,62 Millionen Kinder geboren. Das bedeutet einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 10,5 Prozent. Es ist die geringste Zahl an Neugeborenen seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Auf tausend Einwohner kamen 7,52 Geburten. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 9,4.

Die extrem hohen Kosten für Bildung, Kinderbetreuung und Wohnen in Chinas Metropolen ist der meistgenannte Grund für den Rückgang. Eine Rolle spielen auch die veränderten Einstellungen junger Frauen, die dank höherer Bildungsabschlüsse finanziell unabhängiger sind und es nicht eilig haben, ihre Autonomie für Ehemann und Kinder einzuschränken. Die Zahl der Eheschließungen geht seit sieben Jahren kontinuierlich zurück. In diesem Jahr schlägt außerdem die Corona-Krise voll durch.

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Eine im Dezember veröffentlichte Studie von Forschern des YuWa-Instituts für Bevölkerungsforschung kam zu dem Schluss, dass viele Paare das Kinderkriegen wegen geringerer Einkommen, Arbeitsplatzverlusts und unsicheren Zukunftsperspektiven erst einmal verschoben haben. Zudem hätten sie die Sorge, dass in der Pandemie der Zugang zu Krankenhäusern für die Geburt nicht garantiert sei.

2016 schaffte Peking die Ein-Kind-Politik ab

Schon lange warnen Ökonomen vor den wirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels. Aus diesem Grund hatte die chinesische Regierung 2016 die Ein-Kind-Politik abgeschafft. Nach Ansicht vieler Fachleute kam das aber viel zu spät und führte nur kurzzeitig zu einem geringen Geburtenanstieg. Im Mai 2021 ging China dann einen Schritt weiter und führte die sogenannte Drei-Kind-Politik ein. Jetzt darf zwar jede Familie drei Kinder bekommen, aber die meisten wollen das gar nicht, wie die Zahlen von Montag bestätigen. Es ist noch nicht lange her, dass Eltern Strafe zahlen mussten, wenn sie mehr Kinder bekamen als erlaubt. Ein bekanntes Beispiel ist der Filmemacher Zhang Yimou, der die Eröffnungsfeier der kommenden Olympischen Winterspiele konzipiert hat. Er musste 2014 nachträglich für sein zweites und drittes Kind umgerechnet 900.000 Euro Strafe zahlen.

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Inzwischen ist das Gegenteil der Fall: Mit finanziellen Anreizen versuchen viele Provinzregierungen, Eltern dazu zu bewegen, noch ein zweites und drittes Kind zu bekommen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Anreizprogramme. Das Geld dafür müssen die Lokalregierungen selbst aufbringen, deren wirtschaftliche Möglichkeiten weit auseinander liegen. In manchen Städten gibt es Kindergeld, anderswo verbilligte Kredite für den Wohnungskauf. In Peking und Schanghai wurde der bezahlte Erziehungsurlaub für Mütter um zwei auf fünf Monate verlängert. Väter dürfen dagegen nur zwei bis drei Wochen zuhause bleiben.

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Nicht alle Frauen befürworten die verlängerte Elternzeit. Sie fürchten, dass sie deshalb auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden könnten. Tatsächlich ist dies schon jetzt der Fall, was ebenfalls dazu beiträgt, dass Frauen davor zurückschrecken, eine Familie zu gründen. Im ländlichen Hunan, wo heiratswillige Frauen besonders rar sind, versucht der Staat mit eigenen Dating-Plattformen für Singles und Blind-Date-Veranstaltungen nachzuhelfen. In Schanghai wiederum bietet eine Universität Kurse in moderner Erziehung für Großeltern an, die in vielen chinesischen Familien die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen. Die Vorgabe der Zentralregierung, die Geburtenrate zu steigern, schlägt sich auch in staatlichen Krankenhäusern nieder. Viele Ärzte weigern sich inzwischen unter Verweis auf die neue Familienpolitik, Sterilisationen bei Männern vorzunehmen. Stattdessen wird massiv in Reproduktionsmedizin investiert.

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Auch gesellschaftlich versuchen Staat und Partei mit konservativen Familienwerten gegenzusteuern. Ein 2021 verabschiedetes Gesetz macht es schwerer, sich scheiden zu lassen. Feministische Aktivistinnen werden als Gefahr für die Gesellschaft diffamiert. Das hat nur das Misstrauen erhöht, mit dem junge Frauen die Familienpolitik beobachten. Als kürzlich davon die Rede war, dass Maßnahmen ergriffen werden sollten, um die Zahl der Abtreibungen zu senken, gab es einen Aufschrei im chinesischen Internet.

Teure Bildung für den Nachwuchs

Aus Sicht vieler Fachleute gehen die Maßnahmen zur Geburtenförderung längst nicht weit genug. Der prominente Ökonom Ren Zeping empfahl kürzlich die Einrichtung eines Fonds in Höhe von umgerechnet 275 Milliarden Euro, um in den kommenden zehn Jahren Geld für 50 Millionen Neugeborene bereitzustellen. Wirbel löste vor allem sein Vorschlag aus, das Geld dafür solle die Zentralbank zusätzlich drucken. Das ging den Behörden zu weit: Sein Konto im sozialen Netzwerk Weibo wurde gesperrt.

Ren ist Chefvolkswirt des Finanzdienstleisters Soochow Securities und Mitbegründer des YuWa-Instituts für Bevölkerungsforschung. In einer Studie forderten er und seine Kollegen kürzlich, China müsse fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, statt bisher ein bis drei, in Geburtenförderung investieren; unter anderem in den Ausbau von Krippen und Kindertagesstätten. Bislang hätten nur vier Prozent der chinesischen Kinder unter vier Jahren Zugang zu solchen Einrichtungen. Notwendig sei eine Rate von 50 Prozent. China laufe Gefahr, „in wenigen Jahrzehnten eines der Länder mit der am schnellsten alternden und schrumpfenden Bevölkerung der Welt zu werden“, schrieben die Wissenschaftler.

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Dass auch die Zentralregierung darüber höchst besorgt ist, lässt sich an den drastischen Maßnahmen ablesen, mit denen sie gerade versucht, die Ausgaben zu verringern, die Familien in die Bildung ihrer Kinder investieren. Dafür wurde die bis vor Kurzem noch boomende Privatunterrichtsbranche in weiten Teilen kurzerhand zerschlagen. Einer der größten Anbieter der Branche New Oriental Education teilte kürzlich mit, dass das Unternehmen im vergangenen Jahr 60.000 Mitarbeiter entlassen und 80 Prozent seines Umsatzes eingebüßt habe. Jetzt sollen staatliche Lehrer diese Lücke füllen. Wer es sich leisten kann, heuert aber weiterhin lieber eine Privatlehrerin an, und sei es getarnt als Kindermädchen.

Überraschend ist der am Montag verkündete Rückgang der Geburtenrate nicht. Manche der führenden Demografen hatten mit noch niedrigeren Zahlen gerechnet und sogar erstmals eine Schrumpfung der Bevölkerung vorhergesagt. Stattdessen lag der Bevölkerungszuwachs bei nur noch 480 Millionen, also 0,34 per tausend Einwohner. Grundlage der Analysen waren Zahlen von Lokalregierungen, denen zufolge viele Städte in den ersten drei Quartalen des Jahres Geburtenrückgänge zwischen 15 und 20 Prozent verzeichneten. Einen besonders drastischen Rückgang um 43 Prozent verkündete die Stadt Taizhou in der Provinz Zhejiang.

Manche Demografen nutzten die Veröffentlichung des Statistikamts am Montag für flammende Appelle zu weitreichenden Maßnahmen. Huang Wenzheng vom Center for China and Globalization sagte in einem Interview, „wenn sich der derzeitige Trend fortsetzt, werden am Ende des Jahrhunderts nur noch zwei bis drei Prozent der weltweiten Geburten in China stattfinden. Wenn unsere Nation weiterexistieren soll, ist es wichtig, die Geburtenrate zu steigern.“

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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