Das Vorbild Dominik Brunner

Verteidigung des öffentlichen Raums

EIN KOMMENTAR Von Philip Eppelsheim
17.07.2010
, 18:33
Was immer die medizinisch genaue Ursache des Todes von Dominik Brunner gewesen ist: Zum Helden ist er geworden, weil er nicht weggesehen und Verantwortung übernommen hat. Dieses Vorbild braucht es, weil Gewalttäter den öffentlichen Raum erobern.
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Dominik Brunners Tod ist umsonst gewesen. Es lag nicht an ihm. Es liegt an uns. Dominik Brunner ist in der Öffentlichkeit zu einem Helden geworden. Wir haben ihn dazu gemacht. Er hat sich zwei Jugendlichen in den Weg gestellt, wollte nicht akzeptieren, dass zwei Halbstarke machen können, was sie wollen: andere bedrohen, „abziehen“ und verletzen – an einem öffentlichen Ort, unter den Augen vieler. Er hat andere beschützt. Es spielt keine Rolle, dass Brunner zuerst zugeschlagen hat, ob er aggressiv war, wie Zeugen während der gerade stattfindenden Gerichtsverhandlung in München aussagen, oder ob er in Notwehr gehandelt hat, wie andere Zeugen berichten. Das ist vielleicht für die juristische Bewertung relevant. Es spielt auch keine Rolle, dass er offensichtlich an Herzversagen gestorben ist. Ohne die Tritte und Schläge wäre sein Herz nicht stehengeblieben, glaubt die Staatsanwaltschaft.

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Zum Helden geworden ist Brunner schon zuvor: als er sich in der S–Bahn entschlossen hat, Kindern Schutz zu geben, als er die Polizei gerufen hat und mit den Kindern gemeinsam die Bahn verließ, am S-Bahnhof Solln. Wir halten Dominik Brunner für einen Helden, weil er mutig war und weil er sich nicht damit abfinden wollte, dass Unschuldige tyrannisiert werden. Dabei hat er etwas getan, was normal sein sollte. Nur ist es das leider nicht. Während die anderen, die auch dabei waren, wegschauten, hat Dominik Brunner gehandelt. Ihm waren die bedrängten Kinder nicht gleichgültig, er nahm sie unter seine Obhut, weil sie zu schwach waren, sich selbst zu verteidigen. Das machen nicht viele.

Beschlagnahmung des öffentlichen Raums

Auch dafür gibt es Gründe. Es mag Bequemlichkeit sein, die Scheu, sich auf eine Konfrontation einzulassen. Es ist oft aber auch Angst im Spiel, Angst davor, selbst zum Opfer von Gewalt zu werden – eine nur allzu begründete Angst, wie das Schicksal Brunners überdeutlich zeigt. Viele haben noch nicht erleben müssen, wie Jugendliche einen Mann brutal zusammenschlugen. Zum Glück. Aber wer hat noch nie mitbekommen, dass Passanten oder Fahrgäste beschimpft, angerempelt, bedroht wurden? Und dann nichts unternommen? Und weil zu oft weggeschaut wurde, weil die Gewalttäter zu oft obsiegt haben, niemand sie gehindert hat, konnten sie zu Herrschern des öffentlichen Raums werden.

Gewalttäter wie die beiden Schläger von Solln beanspruchen längst große Teile dieses öffentlichen Raums für sich. Polizeistatistiken geben über ihre Untaten hinreichend Auskunft. Es sind Verlierer, die nur auf Kosten anderer ihr Selbstwertgefühl steigern können; oft ist blinder Hass und blanker Neid ihr Antrieb, Rauschgift und Alkohol tun ein Übriges. Im Frankfurter Hauptbahnhof treten zwei Heranwachsende einem Schlafenden gegen den Kopf. Ihr Opfer prallt mit dem Kopf gegen den Steinboden und wird schwer verletzt. In einem Hamburger U-Bahnhof schlagen Unbekannte einen Mann zu Boden. Er erleidet mehrere Schädelbrüche. Ebenfalls in Hamburg prügeln zwei Sechzehnjährige im Bahnhof Jungfernstieg auf einen Mann ein. Auch er wird am Kopf verletzt. In einem U-Bahnhof in Berlin-Wedding wird ein Mann zusammengeschlagen und schwer verletzt. Die Taten haben sich in den vergangenen Monaten ereignet. Wie unzählige andere Taten. Tag für Tag. Einen Aufschrei der Empörung hat es nicht gegeben. Die Taten sind nicht einmal wirklich wahrgenommen worden.

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Was sich ändern muss

Zerschlagene Glasscheiben, aufgeschlitzte Sitzplätze in Bussen und Bahnen und überall Müll gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Und eben auch die Angst. Sie ist für viele zum ständigen Begleiter ihres Lebens geworden. Eine Umfrage hat jüngst ergeben, dass 73 Prozent der befragten Hamburger Angst haben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. 40 Prozent sind schon einmal verbal angegriffen worden, jeder Sechste ist Zeuge eines Übergriffs geworden. In anderen Städten ist es nicht anders. Das muss sich ändern. Nächtliche Alkoholverbote, mehr Kontrollen, auch die Ahndung von Bagatelldelikten sind der richtige Weg. Solche Maßnahmen zeigen denen, die den öffentlichen Raum mit Gewalt für sich beanspruchen, dass er ihnen nicht gehört.

Noch geschieht viel zu wenig. Wenn immer erst ein Mensch sterben muss, bevor wir auf die Missstände aufmerksam werden, ist das ein trauriges Armutszeugnis. Jetzt steht der Prozess gegen die zwei jugendlichen Täter von Solln im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Es kommt darauf an, daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Die öffentliche Räume sind die Orte, an denen wir uns als freie Menschen in einer freien Gesellschaft begegnen. Dafür lohnt es zu kämpfen. Keinem kann es recht sein, dass dieser Raum nur noch unter dem Schutz von Sicherheitskräften betreten werden kann. Wir hätten dann eine andere, eine unfreie Gesellschaft.

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Nur wenn alle Verantwortung für diese Gesellschaft übernehmen, wenn wieder hingeschaut wird, ist Dominik Brunners Tod nicht umsonst gewesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eppelsheim, Philip
Philip Eppelsheim
Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.
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