Die RAF in der DDR

„Wie kann man mit dieser Vergangenheit leben?“

Von Mechthild Küpper
12.06.2007
, 10:35
1991: Susanne Albrecht in Stammheim
Wie andere RAF-Aussteiger zog die frühere Terroristin Susanne Albrecht Anfang der achtziger Jahre in die DDR. Dort begann sie ein neues Leben mit einer falschen Identität. Möglich machte das die Stasi - als Gegenleistung spitzelte Albrecht ihre Kollegen aus.
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Die Strafe für ihre Beteiligung an den Taten der RAF hat die ehemalige Terroristin Susanne Albrecht abgesessen. Doch nun sieht sie sich wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, denn aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR wird ihre Tätigkeit als inoffizielle Mitarbeiterin mit dem Decknamen „Ernst Berger“ öffentlich diskutiert. Im Bremer Wahlkampf war kurz skandalisiert worden, dass Susanne Albrecht heute ihr Geld als Deutschlehrerin in einer Privatschule für Migranten verdient – seit 1993, als sie noch Freigängerin war.

Doch haben sich die Eltern der Kinder, die sie unterrichtet, sowie zwölf Bremer Pastoren für Frau Albrecht eingesetzt und darauf hingewiesen, dass sie nunmehr als vollständig rehabilitiert zu gelten habe. Die Diskussion über eine vorzeitige Entlassung von Christian Klar, die Erinnerung an den Mord von Generalbundesanwalt Siegried Buback am 7. April 1977 und der bevorstehende Jahrestag des „Deutschen Herbstes“ 1977 hat bei der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen für eine Fülle von neuen Akteneinsichtsanträgen zum Thema RAF und Stasi gesorgt.

Falsche Namen und erfundene Lebensläufe

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Pfingsten 1990 war Frau Albrecht mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn aus Moskau in die DDR zurückgekehrt, in die sie als gesuchte Terroristin 1980 geflohen war. Tage später wurde sie verhaftet. 1991 verurteilte sie das Oberlandesgericht Stuttgart zu zwölf Jahren Gefängnis. Susanne Albrecht hatte 1977 die Freundschaft ihrer Eltern zu Jürgen Ponto genutzt, um sich und ihren RAF-Komplizen Zugang zum Privathaus von Jürgen Ponto, dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank, zu verschaffen. Ponto sollte entführt werden, er wurde jedoch noch in seinem Haus erschossen. 1980 zog Susanne Albrecht wie neun weitere RAF-Aussteiger in die DDR.

Vereinbart hatten diese Art der Unterbringung von westdeutschen Terroristen Inge Viett, Christian Klar und Wolfgang Beer. Das Angebot nutzten Frau Albrecht, Monika Helbing, Silke Maier-Witt, Christine Dümlein, Ralf Baptist Friedrich, Werner Lotze, Ekkehard von Seckendorff, Siegrid Sternebeck und später auch Inge Viett und Henning Beer. Sie wurden unter falschen Namen und erfundenen Lebensläufen an verschiedenen Orten der DDR untergebracht, der Kontakt untereinander war ihnen, außer bei einem Treffen einmal im Jahr unter Obhut der Stasi, untersagt. Frau Albrecht heiratete in der DDR einen Physiker und bekam mit ihm einen Sohn.

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Im offenen Vollzug als Lehrerin gearbeitet

Im Verfahren gegen sie trat Susanne Albrecht als Kronzeugin gegen die RAF auf und distanzierte sich von den Verbrechen der Gruppe. Von den zwölf Jahren Gefängnis, zu denen sie verurteilt wurde, saß sie sechs ab. 1992 wurde sie in den Bremer Strafvollzug verlegt und begann 1993, noch vom offenen Vollzug aus, mit der Arbeit für die Stadtteilschule, die im Wahlkampf 2007 angeprangert wurde. 1996 wurde sie entlassen. Eine Ausbildung zur Lehrerin hatte sie in der DDR gemacht, in Bremen begann sie eine Zusatzausbildung.

Vom Terrorismus hat sich Susanne Albrecht nach Auffassung der Behörden längst komplett und glaubhaft abgewendet. Wie es sich mit ihrem Leben in der DDR und ihrem Verhältnis zum Staatssicherheitsdienst verhält, ist nicht bekannt; sie äußert sich nicht öffentlich zu ihrer Biographie. Das Thema RAF und Stasi ist bisher etwas für Spezialisten wie Tobias Wunschik aus der Abteilung Bildung und Forschung, der 1997 das Buch „Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF“ publizierte. Wunschik erwartet nicht, dass die Bestände seiner Behörde künftig noch „viel Neues“ über die RAF-Aussteiger in der DDR hergeben. Allenfalls könne man mit neuen Aktenfunden vielleicht die ein oder andere „Vita mit Fleisch füttern“.

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Alle Verbindungen in den Westen abgebrochen

Die Aussteiger waren im September über Prag in die DDR gekommen, schon im Oktober 1980 wurde Susanne Albrecht als DDR-Bürgerin Ingrid Jäger eingebürgert. Betreut wurden die Neubürger von der für „Terrorabwehr“ zuständigen Hauptabteilung XXII des MfS. Ingrid Jäger war nicht wie Susanne Albrecht am 1. März 1951 in Hamburg auf die Welt gekommen, sondern am 10. April in Madrid. Zunächst wohnte sie in Cottbus und arbeitete an der dortigen Ingenieurhochschule, dann zog die Familie nach Köthen um, wo sie an der Ingenieurhochschule unterrichtete.

1987 heißt es in einem Auskunfsbericht über den „IMS Ernst Berger“ – nach Wunschik bekamen alle RAF-Aussteiger einen „Berger“-Decknamen –, sie habe alle Verbindungen in den Westen abgebrochen und nicht versucht, neue aufzunehmen. Von einer OPK, Operativen Personenkontrolle, war Ingrid Becker, wie sie nach der Hochzeit hieß, 1986 zum registrierten IMS (inoffiziellen Mitarbeiter für Sicherheit) avanciert. Die Identität von Ingrid Becker und IMS Ernst Berger ist aus den Stasi-Akten belegt, die von Ingrid Becker und Susanne Albrecht ist nicht zwingend belegt, wird aber nach Auskunft der Behörde durch die Logik der Aktenablage nahegelegt.

Leben in Köthen aus den Unterlagen gelöscht

Eine Verpflichtungserklärung von Frau Albrecht findet sich nicht in den Stasi-Unterlagen. Zum Teil waren die Akten von der Stasi zur Vernichtung vorgesehen und sind rekonstruiert worden. Wohl aber sind mehrere handschriftliche Fassungen des fiktiven Lebenslaufs von Ingrid Becker, geborene Jäger, erhalten: „In meinem Elternhaus habe ich eine bürgerliche Entwicklung genommen, die durch den Antikommunismus, besonders meines Vaters, geprägt war.“ Auch gibt es handschriftliche Berichte über Kollegen: „Mein Chef ist Mitglied der Solidarnosc“ oder „Frau X. ist immer gut informiert“ oder „Sie ist kein souveräner Leiter“. Über sie, so steht es in den Akten, wurde aber auch geklagt, sie vernachlässige ihr Äußeres, neige zur Überheblichkeit und lasse es an Anpassungsfähigkeit mangeln.

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Bemerkenswert an den Auskünften über Kollegen, die „IMS Ernst Berger“ dem MfS mitteilt, sei nicht das Ausmaß an Indiskretion und Verrat, sondern die Tatsache, dass es auch bei ihrem IM-Engagement immer um sie und nicht um die Ausgespähten gegangen sei, sagt Wunschik. Ihre Nacherzählungen von Gesprächen im Kollegenkreis hätten als „Frühwarnsystem“ gegen ihre mögliche Enttarnung als westdeutsche Terroristin gedient. Wunschiks Ansicht nach ist sie „noch viel mehr als andere in den Händen des MfS gewesen“. 1986 wird sie nach einem Bericht über die RAF im ZDF erkannt. „Wie kann man mit dieser Vergangenheit leben?“ stand auf einem Zettel, den Frau Becker in ihrem Briefkasten in Köthen fand.

Rasch wurde die Familie nach Berlin und dann für einige Jahre sogar nach Moskau umgesiedelt; der Staatssicherheitsdienst, der im Laufe der achtziger Jahre die mögliche Enttarnung der ehemaligen Terroristen, denen er eine neue Heimat in der DDR geboten hatte, mehr und mehr zu fürchten lernte, löschte die Dokumente ihres Lebens in Köthen aus den offiziellen Unterlagen. Die Zusammenarbeit zwischen RAF und Stasi endete kurz vor dem Ende der DDR. Tage nach ihrer Heimkehr nach Deutschland wurde sie verhaftet und an die Bundesrepublik ausgeliefert, wo ihr der Prozess gemacht wurde. Susanne Albrecht legte ein umfassendes Geständnis ab.

Quelle: F.A.Z., 12. Juni 2007, S. 5
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