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Frankfurter Zeitung 07.07.1929

Ostdeutschland in Not!

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Verlassen 1929 zunehmend ihre Heimat: Bauern in Ostdeutschland (Foto um 1930)

Die „Frankfurter Zeitung“ hat dankenswerterweise immer wieder auf die Dringlichkeit der ostdeutschen Probleme für unsere nationale Politik hingewiesen. Sie hat durch die ins Wesentliche gehenden Aufsätze von Feiler und Guttmann erheblich dazu beigetragen, gerade auch in West- und Süddeutschland Interesse zu wecken, denen die östlichen Gebiete ausgesetzt sind. Wohl kennt auch der Westen Deutschlands seine Not, die fremde Militärbesatzung bedrückt ihn, aber ich, der ich als gebürtiger Rheinländer die Verhältnisse im Westen und Osten gleich gut kenne, muß bestätigen, daß es für die ostdeutsche Wirtschaft und Kultur ums Ganze geht. Hätten wir nicht das Glück, daß die Reichshauptstadt, mit ihren Millionen von Menschen weit vorgeschoben, näher der Oder als der Elbe, im ostelbischen Krisengebiet läge, um immer wieder neue Widerstands- und Kraftströme nach allen Seiten hin ausstrahlen zu lassen, ich glaube die Krise hätte auch nach außen sichtbar schon längst katastrophale Formen angenommen.

Dabei ist charakteristisch, daß die übrigen Großstädte Ostelbiens etwa nicht eine der Reichshauptstadt ähnliche Funktion im Osten erfüllen können, sondern selbst wieder Landesbezirke und Kleinstädte ringsum, geradezu Krisenzentren geworden sind. Die überragende Bedeutung von Stettin, Breslau und Königsberg als internationalen Umschlagplätzen für die Wirtschaft Ost- und Südosteuropas ist zum Teil verloren. Nach der Statistik der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung stehen die Arbeitslosenzahlen von Stettin und Breslau an der Spitze der deutschen Großstädte.

Der Versailler Vertrag hat den Osten Deutschlands auf schärfste getroffen. Ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Zusammenhänge sind zwischen Oder und Weichsel neue Grenzpfähle gesteckt worden, die den Organismus der ostdeutschen und wohl auch der osteuropäischen Wirtschaft strangulierten und blühendes Leben zerstörten. Die politischen Grenzen wurden zu wirtschaftlichen Barrikaden – nicht ohne Schuld von beiden Seiten – erweitert. Die Lage mancher hart an der neuen Grenze liegenden Städte ist verzweifelt geworden. Doch hätte es gar keinen Sinn, wollten einzelne Städte und Bezirke des deutschen Ostlandes von ihrer engeren Not und deren Ursachen in vordringlichen Eifer allein sprechen. Denn wenn zum Beispiel Stettin seine große Not hat, wenn dort im Jahre 1927 der Güterumschlag des Hafens nur 64 Prozent des Friedensumschlages erreichte, während Hamburg den vollen Friedensumschlag aufzuweisen hat, Danzig sogar ein Vielfaches der Friedensziffer gewinnen konnte und der neue polnische Seehafen Edingen mit rund 1 1/2 Millionen Tonnen im Jahre 128 gänzlich neu entwickelt ist, so ist doch letzten Endes alles auf die gleichen und allgemeinen Ursachen zurückzuführen.

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Es gibt nur ein Gesamtproblem und eine Gesamtlösung. Auf diese kann die deutsche Politik nicht verzichten, ihr nähern wir uns nicht, wenn wir noch so guten Willens „Ostpreußenhilfe“ oder „Schichau-Sanierung“ oder sonst ein Einzelnes veranstalten mögen. Das Gesamtproblem ist darin gegeben, daß das deutsche Ostland in der Gegenwart nicht alle deutschen Bewohner zu halten und heimatlich zu verwurzeln vermag.

Die Wanderbewegung deutscher Menschen aus den ostelbischen Agrarprovinzen hat einen katastrophalen Umfang angenommen. Allerdings scheint es so, als ob sich große Teile der deutschen Oeffentlichkeit von den Auswirkungen bisher kaum klare Vorstellungen machten. Der agrarische Osten unseres Landes entvölkert sich. Das war schon so in der Zeit vor dem Kriege. In zehn Jahren (1900-1920) erlitten die alten Provinzen des Ostens, Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen und Schlesien einen Wanderungsverlust von dreiviertel Millionen Menschen. Die Abwanderung aus den beim Reich verbliebenen ostelbischen Gebieten hat sich aber in der Nachkriegszeit gefahrvoll verstärkt. Die Betriebs- und Volkszählung vom 1. Juli 1925 stellte fest, daß von 1919 bis zum 1. Juli 1925 allein aus der Provinz Ostpreußen 158.000 Menschen fortgewandert sind.

Die Zahlen über die übrigen Ostprovinzen zeigen kein wesentlich günstigeres Bild. So sind im gleichen Zeitraum z. B. aus der Provinz Pommern 70.000 Menschen fortgewandert. Und seitdem dürfte sich das Bild bis auf den heutigen Tag eher noch nach der ungünstigen Seite hin verschoben haben. Folgende bisher nicht veröffentlichte Zahlen lassen das mit erschreckender Deutlichkeit verkennen: In den beiden Jahren 1926 und 1927 sind im hinterpommerschen Regierungsbezirk Röslin 1926 Menschen aus der Land- und Forstwirtschaft in die Stadtbezirke abgewandert. Nach den neuesten statistischen Feststellungen sind aber allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 1928 1164 Menschen in der gleichen Weise abgewandert. Fernerhin sind in den beiden Jahren 1926 und 1927 aus dem land- und forstwirtschaftlichen Berufe des Regierungsbezirkes Röslin 4339 Menschen aus ihrer Heimat überhaupt nach Mittel-, Westdeutschland oder gar nach Uebersee fortgerwandert, und wiederum allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 1928 2779 Menschen. Diese Vergleichszahlen lassen deutlich erkennen, daß sich seit Anfang des Jahres 1928 die Wanderungsbewegung noch verstärkt hat.

Die Zahlen geben Grund genug, die deutsche Oeffentlickeit wirklich zu beunruhigen. Denn dieser gefährliche Wanderunsgsstrom kommt aus Gebieten, deren Bevölkerungsdichte an sich schon stark unter dem aller übrigen deutschen Landesteile liegt. Die ostdeutschen Grenzgebiete werden immer menschenärmer, immer weniger Menschen kommen auf einen Quadratkilometer Land. Schon im Jahre 1913 kamen in Pommern 59 Einwohner, in Ostpreußen 57 Einwohner auf 1 Quadratkilometer, während damals in Preußen insgesamt 124 Einwohner auf 1 Quadratkilometer kamen. Inzwischen ist die Bevölkerungsdichte weiter zurückgegangen. Der hinterpommersche Kreis Rummelsburg wird mit 27 Einwohnern auf 1 Quadratkilometer allmählich in den bewohnten europäischen Kulturgebieten einen bevölkerungspolitischen Tiefstand erreicht haben. Man wird sich nicht damit beruhigen können zu sagen, daß die Agrarbezirke im allgemeinen geringer bevölkert seien als die Industriebezirke. Denn schließlich kamen in den reinen Agrargebezirken Westfalens 1925 134 Einwohner auf 100 Hektar Landes, während in Pommern in den Landesbezirken nur 38 Einwohner.

Im Frühjahr und im Herbst ziehen die Landflüchtigen westwärts, man sieht sie in Zügen auf den großen Verkehrsstraßen und auf den Bahnhöfen. Sie hoffen, in den großen Städten, an Rhein und Ruhr, oder auch in fernen Erdteilen eine neue und ausreichende Existenz zu finden, die sie in der Heimat entbehren. Leider fehlt über die berufliche und soziale Herkunft solcher heimatmüden Wanderer eine zuverlässige Statistik. Gewiß dürften die Landarbeiter das Hauptkontingent stellen, aus wohl begreiflichen Gründen. Das Gros der ostelbischen Landarbeiterschaft hat in der Lebenshaltung wie im Arbeitsrecht den Anschluß an die fortscheitende Entwicklung der sonstigen Arbeiterschaft nicht zu vollziehen vermocht, es ist vielfach dort stehen geblieben wo seine Väter schon im vorigen Jahrhundert standen. Selbst die Republik, die der industriellen Arbeiterschaft einen mächtigen Auftrieb zur soziale und kulturellen Höherentwicklung gegeben hat, hat ihnen diese Pforte bisher nicht zu öffnen vermocht. Die soziale und kulturelle Differenzierung, die heute zwischen dem Lebenshaltungsniveau des industriellen und landwirtschaftlichen Arbeiters besteht, löst die Spannung aus, die den stärksten Antrieb für jede unheimliche Landfluchtbewegung gegeben hat.

Der landwirtschaftliche Großgrundbesitz wird infolgedessen nicht von der Verpflichtung entbunden werden können, seiner Arbeiterschaft zeitgemäß und würdige Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse zu gewähren. Auf den polnischen Arbeiter kann er seine Produktion nicht ausschließlich stützen. Schon jetzt haben wir mit 170.000 mehr als genug polnische Arbeiter im Lande. In wiederholten Unterredungen habe ich übrigens die Beobachtung machen können, daß die meisten fortwandernden Landarbeiter vorwiegend dem unerträglichen „Hofgängerunwesen“ gewichen sind. Das verpflichtet ihn nämlich in den Arbeitsverträgen nicht nur sich selbst zur Arbeitsleistung dem Gutsbesitzer zur Verfügung zu [...], sondern es wird ihm gleichzeitig auferlegt, eine gewisse Anzahl von sogenannten Hofgängern zu stellen, die er in sein Familienleben aufzunehmen hat. Selbst vor der Heiligkeit des Familienlebens macht also dieses geradezu mittelalterliche Arbeitsvertragsrecht nicht halt.

Auch kaufmännischer Mittelstand wandert ab

Wer nicht nur die Landarbeiter werden vom Wanderungsstrom erfaßt. Teilstatistiken lassen mit erschütternder Deutlichkeit erkennen, daß alle Volksschichten in ihrer Existenz aufgelockert sind und immerfort den Strom der fortwandernden Heimatmüden verstärkten. Die dem Erstgeborenen nachfolgenden Bauernsöhne, die früher oft in den Heeresdienst gehen konnten, nun aber den väterlichen Hof verlassen müssen, sind als Typen der Wanderungsbewegung charakteristisch geworden. Die Zuspitzung kommt dadurch zum Ausdruck, daß auch bisher selbstständige Existenzen aus den landwirtschaftlichen Berufen und aus den Reihen des gewerblichen und kaufmännnischen Mittelstandes wirtschaftlich entwurzelt werden und gleichfalls westwärts zu wandern beginnen. Auch zahlreichen Kleinbauern, Küstenfischern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden will die Heimat keine ausreichende Existenz mehr gewähren.

Die Menschen müssen im Osten bleiben, wo sie sind. Darauf kommt es in erster Linie an. Es hängt nicht so sehr davon ab, ob hier und da einmal einige hundert schwäbische oder hessische Bauern in Pommern oder in Ostpreußen angesiedelt werden können. Ich will damit keineswegs die Notwendigkeit der Siedlung leugnen. Ganz im Gegenteil! Sie müßte planmäßiger, in größerem Rahmen und reichlicher finanziert als bisher durchgeführt werden. Aber zwingender noch als die Heranziehung von Leuten aus dem Westen ist die Aufgabe, diejenigen, die im Lande wohnen und bodenständig sind, in ihrer Existenz zu sichern.

Mindestens so wichtig wie die Neusiedlung ist die in der Sache einfachere und billigere Anliegersiedlung. Wieviele verzweifelte landhungrige Kleinbauern und notleidende Küstenfischer sind mit im letzten Winter in meinem Wahlkreis Pommern begegnet, die auch schon an ein Fortwandern dachten, weil sie nicht darauf warten konnten, bis ihnen ihr Landbesitz seinem Umfang nach eine volle Ackernahrung gewährt! Sollen sie zu Zehntausenden entwurzelt werden, soll man sie ihrem Schicksal überlassen? Für die Sanierung eines zum Teil kaum noch lebensfähigen Großgrundbesitzes sind in den letzten Jahren insgesamt viele hunderte von Millionen Markt – und nicht einmal immer gerecht und zweckmäßig – mit vollen Händen und gar nicht mit der sonst üblichen bürokratischen Vorsicht aus den Kassen des Staates bereitgestellt worden. Man verlängerte für einen kurzen Zeitraum und mit künstlichen Mitteln das Leben von z. B. lebensunfähigen großlandwirtschaftlichen Betrieben, verschleppt dadurch außerdem noch die längst fällige Agrarreform in Ostelbien, dessen Not und Krisis doch sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, daß bisher eine volkswirtschaftlich gefundene Mischung von Groß- und Kleinbesitz noch nicht erreicht werden konnte.

Aber für die Anliegersiedlung fehlt das Geld, obwohl sie bei bescheidenem Aufwand zahlreiche Kleinbetriebe wirtschaftlich dauernd gesund machen und der unheilvollen Landflucht Einhalt gebieten könnte. Die Zahl solcher landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, die unterhalb der Größe einer vollen Ackernahrung liegen, wird in der Oeffentlichkeit meist unterschätzt. Stellte doch die Betriebs- und Volkszählung vom 1. Juli 1925 die Zahl der anliegersiedlungsbedürfitgen Kleinbetriebe allein in den beiden schlesischen Provinzen mit über 150.000 fest. In den übrigen olstelbischen Provinzen liegen die Verhältnisse ganz ähnlich. Höchstens, daß sich die Problemstellung für Pommern und wohl auch für Ostpreußen noch dadurch verschärft, daß sich dort viele Tausende von Küstenfischern in furchtbarer Not befinden. Auch ihre Not könnte wirksam gelindert werden, wenn ihnen durch die Anliegersiedlung Land zur Verfügung gestellt würde, damit die hier zweckmäßige und notwendige Verbindung zwischen Küstenfischerei und landwirtschaftlicher Arbeit herbeigeführt werden könnte.

Die Siedlungsergebnisse sind bisher bedürftig geblieben. Auf die Ursachen und organisatorischen Mängel hat die „Frankfurter Zeitung“ wiederholt hingewiesen. Polen hat in den letzten zehn Jahren, vorwiegend an seiner Westgrenze, über eine Million Hektar Land unter die Siedlung gebracht, Deutschland im gleichen Zeitraum östlich der Elbe kaum 200.000 Hektar. Unendlich mehr könnte erreicht werden, wenn statt großzügiger, falsch angewanderter Subventionen geringere Beträge als bisher, aber dafür planmäßig und volkswirtschaftlich sinnvoll, als Mittel für eine einheitliche und großzügige Siedlungs- und ganz besonders auch Anliegersiedlungspolitik gegeben würden. Wenn dann außerdem der wirtschaftlich gefährdete Osten Deutschlands verkehrspolitisch vom Staat besonders betreut werden könnte, so käme man eher an die Wurzeln des Uebels heran. Verkehrsnot und Menschennot sind hier eins.

In einer mehr als seltsamen Kundgebung des Hinterpommerschen Ostmarkenvereins liest man, daß im Jahre 1928 aus den hinterpommerschen Regierungsbezirk Röslin mehr als „3500 wehrfähige Männer“ fortgewandert seien. Das bedeutet, so meinen naiv die Propheten dieser überflüssigen Ostmarkenvereine, daß „im Falle eines Krieges mit Polen in Hinterpommern drei kriegsstarke Regimenter“ fehlen würde – und das wäre wirklich erst eine ernstliche Gefährdung der deutschen Grenzlande im Osten –, das sind fleißigen und zukunftsfrohen Menschen, ohne die das Deutschtum in der Ostmark wirtschaftlich und kulturell entwurzelt wird. Die Landflucht muß zum Stillstand kommen, koste es, was es wolle! „Raum ohne Volk“ ist an der deutschen Ostgrenze national gefährdet.

Quelle: glog.
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