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Frankfurter Zeitung 17.01.1919

Liebknecht und Luxemburg ermordet

 - 07:48

Liebknecht auf der Flucht erschossen. – Rosa Luxemburg mißhandelt und später von einem Unbekannten erschossen.

N Berlin, 16. Jan. (Priv.-Tel.) Am gestrigen Mittwoch Abend hatten sich Liebknecht und Rosa Luxemburg in einen ihrer Schlupfwinkel im Haus Mannheimerstraße 43 begeben, wo sie schon öfter in der Familie des Wilmersdorfer Genossen Marcusson Unterkunft gefunden hatten. Offenbar war eine Zusammenkunft der Spartakusführer dort geplant, denn Sicherheitsbeamte, die die Hausmieter der kommunistischen Partei überwachten, hatten ein Gespräch aufgefangen, in dem es hieß: Treffpunkt heute Abend bei Marcusson. Das ganze Haus wurde von Kriminal- und Sicherheitsbeamten umstellt. Um 8 Uhr drangen die Beamten in die Wohnung des Marcusson ein und nahmen ihn, seine Frau, Liebknecht und Rosa Luxemburg gefangen. Liebknecht wurde ebenso wie seine Genossen in das nächste Standquartier der Bürgerwehr nach dem Nikolsburger Platz gebracht, der sofort nach allen Seiten abgesperrt wurde, da man einen Ueberfall der Spartakisten vermutete. Gegen 9 Uhr wurde Liebknecht in einem Kraftwagen nach dem Stabsquartier der Gardekavallerie-Schützendivision am Kurfürstendamm in das Edenhotel gebracht, wo er sofort verhört wurde.

Anfänglich leugnete Liebknecht und behauptete, Marcusson zu heißen. Eine Gegenüberstellung mit der Frau Marcusson ergab jedoch, daß man den richtigen Mann gefaßt hatte. Später gab dann Liebknecht zu, der Gesuchte zu sein. Der diensttuende Offizier teilte ihm noch mit, daß er nach dem Untersuchungsgefängnis Moabit gebracht werden würde. Zu diesem Zwecke ließ man einen stark bewachten offenen Militärkraftwagen an die Seitenpforte des Hotels kommen, da sich auf das Gerücht von der Verhaftung eine große Menschenmenge am Kurfürstendamm eingefunden hatte. Liebknecht wurde zum Kraftwagen gebracht, die Menge hatte jedoch den Vorgang beobachtet, und im nächsten Augenblick war der Verhaftete von einem schreienden Menschenhaufen umgeben, die unter den Rufen: „Nieder mit Liebknecht!“, „Schlagt den Mörder tot!“ auf ihn eindrangen. Irgend jemand versetzte dem Gefangenen mit einem Stock einen so schweren Schlag über den Kopf, daß er eine stark blutende Wunde davontrug. Die hinzueilende Wache brachte Liebknecht nun in das Auto, das schnellstens davonfuhr, um den Gefangenen vor weiteren Mißhandlungen zu schützen.

Der Transportführer hatte den Befehl erhalten, durch den Tiergarten nach dem Untersuchungsgefängnis in Moabit zu fahren. An der Charlottenburger Chaussee in der Höhe des Neuen Sees erlitt der Kraftwagen eine Panne, und der Chauffeur erklärte, daß die Reparatur längere Zeit in Anspruch nehmen werde. Darauf beschloß man, Liebknecht in einen anderen Wagen zu bringen. Der Führer des Transports fragte den Verhafteten, ob seine Wunde ihm erlaube, bis zur Hofjägerallee zu Fuß zu gehen. Von dort wollte man den Festgenommenen in dem nächstbesten Wagen weiterbefördern. Liebknecht erklärt, daß er gehen könne, und verließ den Kraftwagen.

Schläge und Schüsse

Etwa fünfzig Meter schritt er neben seinem Begleiter einher. Als der Trupp in die Nähe der Bäume kam, stieß Liebknecht im Schutze des Dunkels den Transportführer beiseite und entfloh. Die Wachmannschaft rief ihm ein dreimaliges „Halt!“ nach und gab dann, als er nicht stehen blieb, mehrere Schüsse ab. Von zwei Kugeln durchbohrt, sank Liebknecht zu Boden und gab nur noch schwache Lebenszeichen von sich. Man rief ein Droschkenauto herbei und brachte Liebknecht nach der Unfallstation am Zoologischen Garten, wo der Arzt nur noch den bereits eingetretenen Tod feststellen konnte. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht.

Eine Stunde nach der Einlieferung Liebknechts wurde auch Rosa Luxemburg unter starker Bedeckung vom Nikolsburgerplatz zum Divisionsstab gebracht. Bei dem Verhör gab sie unumwunden zu, die Gesuchte zu sein, und protestierte gegen ihre Gefangennahme, die lediglich durch die Reichsregierung erfolgen dürfe. Der Offizier vom Dienst erklärte ihr, daß ihre Verhaftung nur ein Provisorium sei und daß man sie nach Moabit schaffen müsse, um weitere Befehle der Regierung abzuwarten. Um Frau Luxemburg vor ähnlichen Mißhandlungen zu schützen, wie Liebknecht sie erlitten hatte, verfuhr der Transportführer laut Anweisung wie folgt: Er begab sich auf die Straße, die nur wenig belebt war und rief mit lauter Stimme: „Gehen Sie nach Hause! Rosa Luxemburg ist bereits durch einen anderen Ausgang fortgeschafft worden.“ Dann bestieg er einen Kraftwagen und rief dem Chauffeur zu: „Nach Hause!“

Das Auto machte an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Schleife und kehrte dann an den gleichen Eingang des Hotels zurück. Schnell eilte der Transportführer in den ersten Stock und brachte Frau Luxemburg unter einer Bewachung von sechs Mann auf die Straße. Die wenigen Minuten, die dieser Vorgang erforderte, genügten, um mehrere hundert Personen herbeizulocken, die den Abtransport der Führerin des Spartakusbundes beobachteten. In dem Augenblick, als Frau Luxemburg die Straße betrat, drang die Menge auf sie ein. Der Transportführer stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Gefangene, um sie vor Mißhandlungen zu schützen. Er wurde jedoch beiseite gerissen, und Frau Luxemburg erhielt mehrere Schläge über den Kopf, sodaß sie bewußtlos zu Boden sank. Die hinzukommende Verstärkung konnte schließlich die Menge zurückdrängen, und man schaffte die Verletzte in das Auto, das eilig davonfuhr. Am Kurfürstendamm, etwa in der Höhe der Nürnberger Straße, sprang plötzlich ein unbekannter Mann auf das Trittbrett des Autos und feuerte einen Schuß auf die Verhaftete ab.

Er verschwand im Dunkeln, sodaß er nicht festgenommen werden konnte. Das Auto fuhr weiter, wurde jedoch an der Hitzigbrücke von einer riesigen Menschenmenge angehalten. Man stürmte auf die Soldaten ein und riß den Körper der bereits Verschiedenen aus dem Wagen heraus. Noch ehe die Soldaten sich freimachen konnten, waren unbekannte Personen mit dem Leichnam im Dunkeln des Ufers verschwunden.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 20. Januar 2019.

Quelle: angr.
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