FAZ plus ArtikelZwischen Medizin und Staat

Eine kurze Geschichte des Impfens

Von Robert Jütte
Aktualisiert am 09.07.2020
 - 21:27
Reihenimpfung in New York 1944zur Bildergalerie
Die medizinische Erfolgsgeschichte, die mit dem Kampf gegen die Pocken begann, war stets auch ein politisches Thema. Es geht um Zwang – und um die Frage, was am besten gegen Infektionskrankheiten hilft.

Im 18. Jahrhundert waren die Menschenpocken noch eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Insbesondere Kinder fielen dieser Infektionskrankheit zum Opfer. Die Sterblichkeitsrate war hoch. Wer das Glück hatte zu überleben, war oft für das ganze Leben entstellt. In einer Darstellung des Todes von Queen Mary II., die 1694 im Alter von 32 Jahren an den Pocken starb, liefert uns der englische Geschichtsschreiber Thomas Macaulay (1800–1859) eine dramatische Schilderung dieser Seuche: „Die Pocken waren immer da, füllten die Kirchhöfe mit Leichen, peinigten den Verschonten mit ständiger Angst, hinterließen an dem mit dem Leben Davongekommenen die scheußlichen Spuren ihrer Macht, verwandelten den Säugling in einen Wechselbalg, vor dem die eigene Mutter zurückprallte, und ließen die Wangen der Verlobten dem Bräutigam zur Abscheu werden.“ Gegen Ende des 18. Jahrhunderts starben in Europa jährlich schätzungsweise 400 000 Menschen an Pocken.

Die Ärzte standen dieser Krankheit lange machtlos gegenüber. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts drang die Kunde nach Europa, dass man im Orient und in Schwarzafrika zur Vorbeugung Gesunde mit den Eiterkrusten von Pockenkranken infizierte und so häufig eine lebenslange Immunität erreichte. Doch war die Variolation, wie man dieses Verfahren nannte, nicht ungefährlich, denn man konnte nur hoffen, dass die Krankheit bei den künstlich mit den Pocken infizierten Kindern einen gutartigen Verlauf nahm. Nach einer zeitgenössischen Schätzung war das Risiko, an dieser „Blatter-Beltzen“ genannten Praxis zu sterben, jedoch bedeutend geringer als bei einer natürlichen Erkrankung. Danach kam bei einer natürlichen Infektion mit Menschenpocken ein Toter auf 8,5 Erkrankungen, während nur einer von 182 künstlich Infizierten starb.

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Quelle: F.A.Z.
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