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Vor fünfzig Jahren

Mehr Demokratie wagen?

Von Professor Dr. Bernhard Vogel
 - 16:50

Nur wer im eben begonnenen Jahr 2019 65 Jahre alt wird oder schon vor 1954 geboren wurde, wird sich selbst noch an das ein oder andere miterlebte Ereignis des Jahres 1969 erinnern. Für die Mehrheit der Deutschen ist es zu einem lang zurückliegenden Jahr unserer Geschichte geworden. So lange zurück wie für mich das Jahr 1882, von dem ich – Jahrgang 1932 – nicht viel weiß. Aber gerade darum lohnt es sich, zurückzublicken und an die bis heute nachwirkenden Ereignisse des Jahres 1969 zu erinnern, so wie ich sie erlebt und in Erinnerung behalten habe.

Aus der Wahl zum 6. Deutschen Bundestag im September 1969 ging die Union unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger besser als erwartet und vorhergesagt hervor. Sie gewann 46,1 Prozent der Stimmen. Die SPD nahm um 3,5 Punkte zu und erreichte 42,7 Prozent. Die FDP zog mit 5,8 Prozent nur mit Mühe wieder in den Bundestag ein. Die NPD erreichte zwar 4,3 Prozent, scheiterte aber an der Fünfprozentklausel. SPD und FDP verfügten zusammen über eine zwar knappe, aber hinreichende Mehrheit von 254 zu 242 Sitzen. Sie konnten eine Koalition eingehen.

Ein mögliches Bündnis hatte sich schon im Frühjahr 1969 angekündigt. Damals war mit den Stimmen von SPD und FDP Gustav Heinemann im dritten Wahlgang in der Nachfolge von Heinrich Lübke zum dritten Bundespräsidenten gewählt worden. Die Bereitschaft Willy Brandts und der SPD, nach dem Scheitern Ludwig Erhards in eine Koalition mit der Union einzutreten und endlich zu zeigen, dass auch die SPD regieren kann, hatte bereits 1966 erkennen lassen, dass Veränderungen bevorstanden.

1969 kam es zu einem Regierungswechsel, aber es kam zu wesentlich mehr: Zum ersten Mal seit der Gründung der Bundesrepublik, nach zwanzig Jahren, kam es zur friedlichen Übernahme der Regierung durch eine neue Mehrheit. Darin und nicht in dem vermeintlichen Streit über „mehr Demokratie“ sehe ich das entscheidende Ereignis des Jahres 1969. Die Vorstellung von der „zweiten Gründung der Republik“ sollte sich sehr bald als Irrtum erweisen. Die sozialliberale Ära – zum ersten Mal besetzten Sozialdemokraten die beiden höchsten Positionen des Staates – hat die Bundesrepublik verändert, verwandelt hat sie sie nicht.

Am 21. Oktober 1969 wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. In seiner ersten Regierungserklärung formulierte er zu Beginn: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ – und schloss mit dem Satz: „Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an.“ Ein Satz, der sich als falsch erweisen sollte. Natürlich standen wir nicht am Ende unserer Demokratie. Warum auch? Ein demokratisch legitimierter Machtwechsel hat mit dem Ende der Demokratie nichts zu tun. Aber wir fingen auch nicht erst richtig an. Mit einem demokratisch legitimierten Machtwechsel mag sich vieles ändern, aber gerade er bestätigt doch das gemeinsame Fundament unseres Grundgesetzes. Einen Grund, erst richtig anfangen zu müssen, gab es nicht.

Eine parlamentarische Demokratie mit Kanzlerdominanz (Peter Graf Kielmansegg) ist die Bundesrepublik geblieben. Die Prägung des Anfangs hat fortgewirkt. Sowohl Konrad Adenauer, der erste Kanzler, wie Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, haben Maßstäbe gesetzt, die bis heute fortwirken. Den „Schöpfer der Bundesrepublik“ hat Golo Mann Adenauer genannt. Die bis heute gelegentlich zu hörende Meinung, die Ära Adenauer habe keinen wirklichen Neubeginn gebracht, sondern nur die restaurativen Tendenzen der ersten Nachkriegsjahre fortgeführt, habe ich nie geteilt. Sie verfehlt das Wesentliche.

1949 war ein Neubeginn. Das Grundgesetz hat die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik gezogen. Durch sein Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Würde des Menschen, durch sein klares Bekenntnis zum Föderalismus und damit zur Eigenständigkeit der Länder, durch die Neubestimmung der Funktion des Bundespräsidenten, durch die Stärkung der Position des Bundeskanzlers und durch das konstruktive Misstrauen. Vor allem aber durch die Politik Konrad Adenauers: Versöhnung mit Frankreich, Rückkehr in die Völkergemeinschaft, die Verständigung mit Israel. Und nicht zuletzt durch seine, für viele Bürger der DDR schmerzliche, aber weitsichtige Festlegung: Freiheit vor Einheit, um letztlich eines Tages Freiheit in Einheit zu erreichen. So viel Neubeginn wie nach 1949 war nie. Nur dass Adenauer Heinrich Globke zu seinem engsten und wichtigsten Berater machte, verüble ich ihm trotz aller Bewunderung bis heute. Zwar war es richtig, die mehr als acht Millionen NSDAP-Mitglieder nicht auszugrenzen. Aber war Globke dazu nötig?

Ich selbst fühlte mich vom Machtverlust der Union betroffen. Nach mehr als fünfzig Wahlversammlungen, auf denen ich in den Wochen vor der Wahl gesprochen hatte, war ich tief enttäuscht, dass sie, dass der von mir geschätzte Kurt Georg Kiesinger trotz ihres neuerlichen Wahlerfolgs aus der Verantwortung gedrängt wurde. Aber die in unseren Kreisen weit verbreitete Befürchtung, nun werde das Erbe Konrad Adenauers in Frage gestellt, konnte ich nicht teilen. Im Gegenteil, ich verband die ungewohnte Oppositionsrolle mit der Hoffnung auf eine ernsthafte Neubesinnung, auf eine Neubestimmung der Union, wie sie bald darauf unter Führung des neuen Parteivorsitzenden Helmut Kohl auch einsetzen sollte. Allerdings teilte ich auch die Sorge, in die konservative Ecke gedrängt zu werden und dort lange verharren zu müssen.

Die neue Regierung begann mit einem großen Vertrauensvorschuss. Aber sehr bald sollte der Alltag in die Regierungsarbeit einziehen – und die kühne These Brandts keine Rolle mehr spielen. Die „neue Ostpolitik“, die heraufziehende ökonomische Rezession, der VietnamKrieg, die Studentenrevolte, die Schlacht um die Bildungspolitik beherrschten die Tagesordnung.

Die neue Ostpolitik hatte schon im Kabinett Erhard und danach in der Großen Koalition ihren Anfang genommen. Ludwig Erhard nahm – endlich – diplomatische Beziehungen mit Israel auf, und Außenminister Gerhard Schröder verhielt sich flexibler als sein Vorgänger Heinrich von Brentano. Man begann die Länder des östlichen Mitteleuropas wahrzunehmen. Die Hallstein-Doktrin – keine diplomatischen Beziehungen mit Staaten, die die DDR anerkennen; Ausnahme: die Sowjetunion – verlor an Bedeutung, Kiesinger machte der DDR ein offizielles Gesprächsangebot. Die westdeutsche Außenpolitik geriet zunehmend in einen Gegensatz zu den Entwicklungstendenzen des Ost-West-Konflikts. Die Bereitschaft, über die Wiedervereinigung zu reden, nahm ab. Sie wurde zunehmend nur noch als lästige Pflicht empfunden, ließ es sich doch mit der Teilung im Westen und eben auch in Westdeutschland recht gut leben.

Wie gewohnt sprach ich auch am 17. Juni 1969 zum Tag der Deutschen Einheit. Aber nicht mehr auf dem gutgefüllten Platz vor dem Speyerer Dom, sondern nur noch in einem Hinterzimmer einer Gaststätte vor einem kleinen Häuflein von Mitgliedern der Jungen Union. Die „neue Ostpolitik“ sollte zum beherrschenden Thema der Regierung Brandt werden und in der Union heftige Turbulenzen verursachen. Nur mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts konnten wir sichern, dass am Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes festgehalten werden musste.

Die Bildungspolitik war im Bundestagswahlkampf erstmals zu einem zentralen Thema geworden. Georg Pichts dramatische Warnung vor einer „deutschen Bildungskatastrophe“ hatte in der Öffentlichkeit ein beispielhaftes Echo gefunden und eine lange, leidenschaftliche, hochemotionale Auseinandersetzung eröffnet. Nun stellte Willy Brandt in seiner Regierungserklärung „Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung an die Spitze der Reformen“. Eine Art von bildungspolitischem Dauerkrieg sollte das sozialliberale Jahrzehnt prägen.

Der Aufbruch vollzog sich zunächst durchaus im Konsens. So verabschiedete der Deutsche Bildungsrat 1970 seinen Strukturplan zur Neuordnung des Schulsystems – mehr Abiturienten, mehr Studenten, mehr Akademiker – noch einstimmig. Aber die Alternativen, sich widersprechende Positionen formierten sich. Schon im Januar 1969 hatte die SPD ihr „Modell für ein demokratisches Bildungswesen“ veröffentlicht, und im selben Monat trafen sich in Deidesheim zum ersten Mal die Kultur- und Bildungspolitiker von CDU und CSU mit den Fraktionsvorsitzenden der Landtage unter der Stabführung von Helmut Kohl, der mir die Aufgabe übertragen hatte, einen Kongress vorzubereiten, um das Konzept einer Reform unseres Erziehungs- und Bildungswesens zu beraten. Weitere Deidesheimer Konferenzen sollten folgen – mit langen Beratungen, aber auch mit mindestens so ausdauernden, feucht-fröhlichen Abenden und Nächten, die entscheidend dazu beitrugen, noch so heftige Kontroversen schließlich zu überwinden.

Helmut Kohl, wenige Monate später, im Mai 1969, in der Nachfolge von Peter Altmeier zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gewählt, hatte die innenpolitische Bedeutung des Themas frühzeitig erkannt. Es sollte neben der Verwaltungs- und Gebietsreform zu einem der Schwerpunkte seiner Ministerpräsidentschaft – und meiner Zeit als Kultusminister – werden.

Ich selbst war völlig überraschend im Mai 1967 zum Kultusminister im letzten Kabinett von Peter Altmeier berufen worden – was damals noch bedeutete, verantwortlich für Schule, Hochschule, Wissenschaft und Forschung und für Kunst und Kultur und damit auch für die Beziehung zu den Kirchen zu sein. Helmut Kohl hatte als Fraktionsvorsitzender durchgesetzt, dass in der Fraktion über die Besetzung der Ministerposten der CDU abgestimmt wurde, und so war ich auf seinen Wunsch hin gegen den Kandidaten Altmeiers angetreten und hatte obsiegt. Ebenfalls auf Wunsch Helmut Kohls hatte sich Heiner Geißler erfolgreich um das Amt des Sozialministers beworben. Geißler war Bundestagsabgeordneter für den württembergischen Wahlkreis Tübingen Reutlingen gewesen und mit mir zusammen 1965 in den Bundestag eingezogen.

Am Tag unserer Vereidigung meinte der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) in einer Pressekonferenz, in Rheinland-Pfalz würden Lausbuben zu Ministern. Anfangs fanden Heiner Geißler und ich uns im Kabinett Altmeier nur mühsam zurecht. Alle anderen Mitglieder waren Jahrzehnte vor uns geboren, und wir mussten uns erst daran gewöhnen, dass schon morgens um neun Uhr Zigarren geraucht und Auslese getrunken wurde. Trotzdem entwickelte sich im Laufe der Zeit zwischen Altmeier und mir eine einvernehmliche Zusammenarbeit, die später sogar dazu führte, dass er mich in meiner Auseinandersetzung mit Heiner Geißler um die Nachfolge Helmut Kohls als rheinland-pfälzischen CDU–Vorsitzenden tatkräftig unterstützte. Am 16. Mai 1969 gab er seinen Abschiedsempfang, und auch mich erfüllte ein wenig Wehmut. Mir war bewusst, der erste Abschnitt der Geschichte des ursprünglich in der Retorte, durch den Befehl eines französischen Generals, entstandenen Landes Rheinland-Pfalz ging zu Ende.

Seinen Nachfolger hat Altmeier in seiner letzten Rede als Ministerpräsident nicht erwähnt. Unsere erste Kabinettssitzung unter Helmut Kohl musste in der CDU-Fraktion stattfinden, weil Altmeier erst am letzten Tag seiner Amtsführung aus der Staatskanzlei ausziehen wollte. Am Tage zuvor, am 18. Mai, war Helmut Kohl mit allen Stimmen der CDU-FDP-Koalition gewählt worden. Er berief uns alle wieder in sein Kabinett. Nur der Chef der Staatskanzlei wechselte. Auf Fritz Duppré, den jahrzehntelangen getreuen Gefolgsmann Altmeiers, folgte Willibald Hilf, einer der engsten Vertrauten Kohls.

Eine neue Zeitrechnung begann. Für sieben Jahre – bis Helmut Kohl nach der für ihn erfolgreichen Bundestagswahl von 1976 als Oppositionsführer nach Bonn wechselte – stand er an der Spitze des Landes, stand er für Erneuerungen und Reformen. Den Bundesparteitag im November 1969 in Mainz verließ er gestärkt. Bei der Wahl zum Präsidium der CDU erreichte er nach Gerhard Stoltenberg das zweitbeste Ergebnis, während Alfred Dregger und Josef Hermann Dufhues schlecht abschnitten.

Im Sommer 1968 war es in der Berliner Freien Universität zum ersten Mal zu massiven Störungen gekommen. Sie sollte der Bewegung, die unter Führung des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) auf die Universitäten in ganz Westdeutschland übergriff, ihren Namen geben. Ein von den Vereinigten Staaten ausgehender, schließlich weltweiter Aufbruch führte zu einem bisher so nicht gekannten Generationenkonflikt. Der Wunsch, anders zu leben, anders zu sprechen, sich anders zu kleiden, brach sich Bahn, auch der Wunsch nach sexueller Freizügigkeit. Der Wunsch, überkommene Ordnungsvorstellungen und Autoritäten in Frage zu stellen, erzeugte Verwirrung. Der Vietnamkrieg und die Auseinandersetzung über die Notstandsgesetzgebung steigerten die allgemeine Unruhe und Erregtheit in Deutschland.

An vielen Universitäten herrschten chaotische Verhältnisse. Go-ins, Teach-ins, Sit-ins störten jeden Vorlesungs- und Seminarbetrieb. Viele Professoren wussten nicht mehr ein noch aus. Ich selbst versuchte, trotz aller Widrigkeiten, das Feld nicht den revolutionären Kadern zu überlassen. Abend für Abend sprach ich, meist auf Einladung des RCDS, an einer anderen Universität, bedauerlicherweise häufig nur unter Polizeischutz. Ich gewöhnte mich daran, dass mein eigens für diese Gelegenheit vorgehaltener Anzug regelmäßig mit Eiern und Tomaten beworfen wurde. Nur in meiner Geburtsstadt Göttingen bin ich gescheitert, weil der Asta-Vorsitzende das Lautsprecherkabel durchschnitt und mein Personenschutz mich veranlasste, die Flucht zu ergreifen.

Wir haben damals viel gelernt. Vieles von dem, was im Rückblick als Verdienst der Achtundsechziger erscheinen mag, war in Wahrheit das Ergebnis unserer Kritik an ihr. Dass Studenten sich engagierten und sich engagiert zu Wort meldeten, dass sie die Erneuerung der Universität zu ihrem Thema gemacht haben, wird das Verdienst dieser Studentengeneration bleiben. Dass es schließlich im Mai 1970 zur Gründung einer linksextremistischen, terroristischen und verbrecherischen Vereinigung, der RAF, kommen sollte, ist nicht ihre Schuld. Die Ereignisse des Jahres 1968 haben uns gelehrt, was auf dem Spiel stehen kann, wenn offensichtliche Mängel zu spät erkannt und Reformen zu spät in Angriff genommen werden.

Zu meinen vordringlichsten Aufgaben als Kultusminister gehörte im Jahr 1969 die Abschaffung der in der Landesverfassung von Rheinland-Pfalz festgeschriebenen Konfessionsschule und der konfessionellen Lehrerbildung. In schwierigen Verhandlungen mit dem Apostolischen Nuntius mussten ein neues Konkordat abgeschlossen und danach die Landesverfassung geändert werden. Die alte Volksschule sollte durch ein neues, dreigliedriges Schulsystem – Hauptschule, Realschule, Gymnasium – abgelöst werden. Die Einführung der Fünf-Tage-Woche an den Schulen wurde diskutiert. Aus höheren Fachschulen sollten Fachhochschulen werden. Ein neues Hochschulgesetz für Rheinland-Pfalz war vorzulegen. Auf das erste Hochschulgesetz des Bundes war Einfluss zu nehmen. Schon darum war mir die Mitwirkung an der bildungspolitischen Debatte in Bundesrat und Bundestag wichtig.

Auf einer dieser Fahrten nach Bonn sollte ich Ende August auf der Höhe der Raststätte Fernthal auf der Autobahn 3 in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt werden, den ich unversehrt überstand. Carlo Schmid, der mit dem hessischen Ministerpräsidenten Albrecht Oswald an uns vorbeifuhr und uns in Decken gehüllt liegen sah, meldete im Bundesrat meinen Tod. Es ermutigte mich, wie viele mich mit Freude empfingen, als ich verspätet im Bundesrat erschien.

Vor allem aber lag mir die Gründung einer zweiten Landesuniversität am Herzen. Zur Beseitigung des immer bedrückenderen Lehrermangels sollte sie dazu beitragen, die Abwanderung der Abiturienten aus der Region Trier und aus der Westpfalz zu stoppen. Aber wo sollte sie entstehen? In Trier oder in Kaiserslautern? Eine Informationsreise nach Frankreich, der Besuch in Orléans und Tours – zwei Städte, die einhundert Kilometer auseinanderliegen und eine gemeinsame Universität besaßen – brachte mich auf die rettende Idee, eine Doppeluniversität Trier/Kaiserslautern zu gründen und dadurch zu sichern, dass sowohl die Abgeordneten aus Trier als auch die Pfälzer für die Zustimmung gewonnen werden konnten. Mein schon im Kabinett Altmeier verfolgter Vorschlag der Neugründung war von Helmut Kohl in seiner ersten Regierungserklärung übernommen worden. 1969 wurde die Gründung endgültig beschlossen, das entsprechende Gesetz im Landtag einstimmig verabschiedet und der notwendige Haushalt bewilligt.

Die bestehenden sechs Lehrerbildungsanstalten, insbesondere die in Trier und Kaiserslautern, mussten aufgelöst und auf drei Standorte konzentriert werden. Lauter Protest verfolgte mich bei jedem Besuch in Trier und Kaiserslautern. Man versuchte die Auflösung zu verhindern, weil man an die Universitätsneugründung nicht glaubte. Ein schwarzer Sarg begleitete mich durch die Straßen.

Die Berufung der ersten Professoren erwies sich als schwierig. Der Markt war nach der vorausgegangenen Neugründungswelle leergefegt. Wir entschlossen uns, ungewöhnlich viele, ungewöhnlich junge Nachwuchswissenschaftler zu berufen. Der Erfolg gab uns recht. Viele gingen schon nach wenigen Jahren an andere Hochschulen, andere blieben für Jahrzehnte und verhalfen der Neugründung zur notwendigen Kontinuität. Es gelang tatsächlich, am 15. Oktober 1970 den Lehrbetrieb aufzunehmen – fraglos die schnellste Neugründung einer Universität.

Viele Töpfe gleichzeitig unter Feuer zu halten kann nur gelingen, wenn man sich der Unterstützung von Kabinett, Fraktion und Partei und auch durch den Koalitionspartner sicher sein kann – und wenn man beachtet, dass der Bildungspolitik in Wahlkämpfen eine besondere Bedeutung zukommt. Manche halten sie, oder hielten sie zumindest 1969, für wahlentscheidend. Jeder und jede Wählerin oder Wähler war Schülerin oder Schüler und jede und jeder hatte Kinder, Neffen, Enkel in der Schule. Jeder hält sich für einen Fachmann. Ein Kultusminister steht also nicht nur besonders im Rampenlicht, sondern hatte in den späten sechziger und in den siebziger Jahren eine durchschnittliche Verweildauer im Amt von kaum mehr als zwei Jahren. Ich hatte Grund, dankbar zu sein, das Jahr 1969 lebend überstanden zu haben.

Neben meiner Aufgabe als Kultusminister sollte mein Engagement in meiner Kirche nicht zu kurz kommen. Der stürmisch verlaufene Essener Katholikentag 1968, dem ich als Präsident vorgestanden hatte, sollte für mich zur Feuerprobe für meine jahrzehntelange Mitarbeit im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) werden. Die wenige Tage vor Beginn des Katholikentages veröffentlichte Enzyklika „Humanae Vitae“ beherrschte die Diskussion und sorgte für ungewöhnlich heftige Kontroversen. Wir waren entschlossen, die weitere Entwicklung nicht treiben zu lassen, sondern das Steuer selbst in der Hand zu behalten.

Schon in Essen hatten Julius Kardinal Döpfner, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Essener Bischof Franz Hengsbach, der Generalsekretär des ZdK, Friedrich Kronenberg, und ich die Einberufung einer gemeinsamen Synode der Diözesen der Bundesrepublik Deutschland ins Auge gefasst. Sie sollte die „Eindeutschung“ des 1965 abgeschlossenen Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ziel haben. Jetzt, 1969, ging es um die Vorbereitung der Synode, vor allem um die Ausarbeitung eines Statuts. Es sollte zum ersten Mal und in Abweichung von den kirchenrechtlichen Vorschriften sicherstellen, dass Bischöfe, Priester und Laien gleichberechtigt an einer Synode teilnehmen könnten. In erstaunlich kurzer Zeit – binnen zwei Tagen – gelang es, dafür die Zustimmung Roms zu erreichen. Im Januar 1971 trat die Synode im Würzburger Dom das erste Mal zusammen. Da den Katholiken in der DDR die Teilnahme versagt blieb, kam es zu einer eigenen Pastoralsynode der damaligen Jurisdiktionsbezirke.

Im September 1969 trennte sich die evangelische Kirche beider Teile Deutschlands. Die Landeskirchen der DDR schlossen sich zum Bund der evangelischen Kirchen in der DDR zusammen, nachdem schon im Mai die thüringische Landeskirche beschlossen hatte, nicht mehr in der EKD mitzuarbeiten.

Kein Wunder, dass ich andere, bedeutsame Ereignisse nur am Rande verfolgen konnte, auch wenn sie für das Jahr 1969 von herausragender Bedeutung waren. Erwähnt sei nur, dass sich am 16. Januar der Student Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz aus Protest gegen die sowjetische Besatzungsmacht selbst anzündete und dass am 20. Januar Richard Nixon als 37. Präsident der Vereinigten Staaten sein Amt antrat. Schon im Februar reiste er nach Europa. Auch nach Bonn und Berlin. Ich war überrascht, zu einem kleinen Kreis von Politikern zu gehören, die der neue Präsident zu einer Diskussion in die amerikanische Botschaft einlud. Er wirkte auf mich jugendlich-frisch, unbeschwert und nicht ohne Charme. Dass er fünfeinhalb Jahre später als bisher einziger Präsident in der Folge des Watergate-Skandals zurücktreten würde, ahnte niemand von uns.

Im April trat der französische Staatspräsident Charles de Gaulle zurück, am 21. Juli landete der erste Mensch auf dem Mond, und im Juni war Bayern München zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg Deutscher Fußballmeister geworden.

Wer sich 2019 aus seiner Sicht an das Jahr 1969 erinnert, sollte mit der Frage schließen: Wie wird sich ein deutscher Politiker 2069 an das Jahr 2019 erinnern?

Der Verfasser war von 1976 bis 1988 Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und von 1992 bis 2003 des Freistaats Thüringen.

Quelle: F.A.Z.
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