EKD-Vorsitzende Kurschus

Was liegt jenseits von Eden?

Von Annette Kurschus
08.06.2022
, 16:39
Spezialoperation: Zerstörtes Kruzifix a, 10. Mai 2022 vor der St.-Nikolaus-Kirche in Popasnaya, Region Luhansk.
Androhung und Ausübung von Gewalt sind aus Sicht des christlichen Glaubens nicht illegitim. Aber sie sind strikt an die Aufgabe gebunden, für Recht und Frieden zu sorgen. Ein Gastbeitrag.
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„Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!“: So bricht es voller Wut und Verzweiflung aus dem Menschen heraus, der in Psalm 139 betet. Zuvor hat dieser Mensch mit anrührenden Worten über den Schutz und die Treue Gottes gestaunt: „Von allen Seiten umgibst du mich!“ Der Wutausbruch mit seinen Rachegedanken wird in christlichen Gesang- und Gebetbüchern meist weggelassen. Darf so etwas sein – mitten im Gebet? Befremdlich eng treten hier Gott und Gewalt in Beziehung, erschreckend nah und brenzlig. Gott sollte doch lieber als der große Unparteiische über den Dingen schweben. Indes, man muss es sich leisten können, den strafenden Gott und den eigenen Hass und die eigenen Vergeltungswünsche gegenüber anderen auf Distanz zu halten. Dies geht umso leichter, je weiter und sicherer man selbst von brutalem Unrecht und blanker Gewalt entfernt ist.

Zum Realitätssinn der Bibel gehört es, Gewalt und Unrecht offen und nüchtern in den Blick zu nehmen und die eigene Empörung über diejenigen, die sie verüben, ungeniert zur Sprache zu bringen. Doch das ist nur die eine Seite der biblischen Botschaft. Denn zu ihr und zu der Friedenskraft des Glaubens gehört auch die Gewissheit, den eigenen Aggressionen und den rachedurstigen Gedankenkreisläufen nicht gänzlich ausgeliefert zu sein. Das biblische Gebet endet mit einem hoffnungsvollen Perspektivwechsel: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“

Dr. h. c. Annette Kurschus ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und seit November 2021 zugleich Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Dr. h. c. Annette Kurschus ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und seit November 2021 zugleich Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bild: dpa

Indem der betende Mensch sich an Gott wendet, distanziert er sich von seinen Affekten. Der unmittelbare Impuls zur Vergeltung verwandelt sich in das, was von Christinnen und Christen in kontroversen Situationen gefordert ist: die ethische Reflexion, aus der verantwortliches Handeln entspringt. Solche Reflexion ist auch im Blick auf den Krieg in der Ukraine gefragt. Der russische Angriff hat Gewalt entfesselt und tut dies täglich neu. Die Bilder, die uns erreichen, rufen stumme Verzweiflung hervor und gerechten Zorn. Was da geschieht, fordert akut zum Handeln auf – und nicht weniger unmittelbar zum besonnenen Nach- und Weiterdenken.

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„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“

Dieser Krieg hat das sicherheitspolitische und friedensethische Denken in Deutschland verändert. Er nötigt uns zu fragen, ob und wie einem Aggressor Einhalt zu gebieten ist, der das Recht mit Füßen tritt, sowohl die internationale Ordnung als auch die Rechte der Einzelnen. Die Berichte über die russischen Kriegsverbrechen sind erschütternd. Zum Entsetzen darüber tritt die Sorge, dass dieser Krieg, der trotz aller weltweiten Erschütterungen bislang ein regionaler Krieg ist, in eine weltweite Auseinandersetzung münden könnte, womöglich unter Einbeziehung nuklearer Waffen.

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Die Christen haben sich nach den Erfahrungen der Gräueltaten des Nationalsozialismus und der Exzesse des Zweiten Weltkriegs um weltweite Verständigung untereinander bemüht. „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, lautete die klare Botschaft der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 1948 in Amsterdam. Dabei konzentrierte sich die Debatte darauf, die Lehre vom „gerechten Krieg“ weiterzuentwickeln. Mit ihr sollte ein Fundament gefunden werden für die Ächtung des Einsatzes von Atomwaffen. Zugleich sollte sie ex post eine Legitimation liefern für den Kampf der Alliierten gegen Hitlerdeutschland und seine Verbündeten angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer bis hin zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Rückblickend wird zudem deutlich: Es ging auch um Begründungsstrategien, um den stalinistischen Kommunismus einzudämmen.

Später fokussierte sich die friedensethische Diskussion darauf, ob es angesichts der Möglichkeit eines Atomkrieges überhaupt noch eine ethische Rechtfertigung militärischer Gewalt geben könne oder ob nicht konsequente Gewaltlosigkeit und die Ablehnung jedweder Form von Bewaffnung die gebotene Option für Christinnen und Christen seien.

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Diese leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung wirkt bis in die heutigen innerkirchlichen Suchbewegungen nach. Sie fand einen gemeinsamen Nenner in der Einsicht: Für beide Optionen gibt es gute Gründe. Mitarbeit in der Bundeswehr und Verweigerung des Kriegsdienstes, Rüstung und zivile Friedensarbeit kamen als gleichberechtigte, komplementäre Handlungsweisen in den Blick. Diese Sichtweise stand auch am Ende der intensiven friedensethischen Auseinandersetzungen der 1980er-Jahre, die sich an dem NATO-Doppelbeschluss entzündet hatten.

Die verwandelnde Kraft des Evangeliums

Auf den ersten Blick mag die Rede von den komplementären Handlungsweisen wie ein lauer Kompromiss wirken, wie ein unentschiedenes Zaudern. Doch diese zunächst in den Heidelberger Thesen von 1959 entwickelte Position hat theologische Tiefe. Sie gibt einer skeptischen Sicht auf den Menschen Raum, seinem Unwillen zum Frieden, seiner Angst, zu kurz zu kommen, seiner düsteren Lust an Unrecht und Gewalt. In den ersten elf Kapiteln der Bibel – der sogenannten Urgeschichte – ist davon eindrücklich die Rede, wenn vom Verlust des Paradieses, vom Brudermord Kains und von der Sintflut erzählt wird. Und: Diese Position nimmt die verwandelnde Kraft des Evangeliums ernst. Sie traut den Verheißungen Jesu zu, die Welt und das Miteinander der Menschen zu verändern. Und zwar täglich neu, auch wenn die Lage noch so ausweglos erscheint. Beide Aspekte verweisen aufeinander. Sie können und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Schon 1937 hatte die Kirchenkonferenz von Oxford, eine wichtige Station der ökumenischen Bewegung, bei der Suche nach einer internationalen Verständigung angesichts wachsender Spannungen formuliert: „Die Kirche Christi, die ihre Glieder in allen Völkern hat, [muss] den Krieg ohne Vorbehalt und ohne Einschränkungen verurteilen.“ Denn „Krieg ist immer Folge und Ausbruch der Sünde“. Beides, die Verurteilung des Krieges und das Eingeständnis der Sündhaftigkeit des Menschen, die „jenseits von Eden“ bittere Realität ist, stehen nach christlicher Überzeugung nebeneinander.

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Sie beschreiben die Spannung, die aktuell viele Menschen in unserem Land und in unserer Kirche bedrückt. Auch in mir ist diese Zerrissenheit. Ich kann einen Krieg grundsätzlich nicht gutheißen, auch keinen Verteidigungskrieg, auch keine Waffenlieferungen. Ich kann sie allenfalls als unvermeidlich anerkennen, als geringeres Übel für vertretbar halten. Es ist geboten, der Sünde in Form von brutaler Gewalt und verbrecherischem Unrecht entgegenzutreten. Die Hilfe für Menschen in höchster Not, gerade auch für die Schwachen, fordert, Angriffe auf ihr Leben, ihre Würde und ihre Freiheit nicht tatenlos hinzunehmen.

Androhung und Ausübung von Gewalt sind kein Selbstzweck

Unmissverständlich hält deshalb die Barmer Theologische Erklärung von 1934, das prominenteste Dokument des protestantischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und einer Neuorientierung evangelischer Ethik im 20. Jahrhundert, fest: Der Staat hat nach Gottes Anordnung die Aufgabe, „in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“

Androhung und Ausübung von Gewalt sind demnach kein Selbstzweck. Sie unterliegen klaren Kriterien, und sie haben klare Grenzen. Staatliches Handeln ist gleichermaßen ermächtigt und begrenzt dadurch, dass Menschen den Erfolg ihrer Kalküle und Handlungen nicht per se garantieren können und dass menschliches Wissen und Erkennen per se endlich sind. Wir müssen handeln – und wissen zugleich, dass wir vieles nicht bis ins Letzte einschätzen können und manches erst hinterher wissen werden.

Zerstörung, überall: Wohnhaus in Charkiw Anfang Juni
Zerstörung, überall: Wohnhaus in Charkiw Anfang Juni Bild: dpa

Zu Beginn des Krieges in der Ukraine war dieser Umstand mit Händen zu greifen. Als der Autokrat im Kreml sämtliche Grundfesten internationaler Politik und Zusammenarbeit skrupellos eingerissen hatte, gaben Politikerinnen und Politiker ihre Betroffenheit und Ratlosigkeit darüber offen zu. Derzeit dagegen dominieren im Brustton der Überzeugung vorgetragene moralische und politische Gewissheiten über das, was zu tun und zu lassen sei. Dabei sind Nichtwissen und Kontingenz gerade in Kriegszeiten stetige Begleiter politischen Handelns. Dies eingestehen zu dürfen unterscheidet demokratisch legitimierte Politik von autokratischer Kraftmeierei.

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Androhung und Ausübung von Gewalt sind aus Sicht des christlichen Glaubens strikt an die Aufgabe gebunden, für Recht und Frieden zu sorgen. Dabei muss sich christlich gegründetes Handeln an Jesu Rede vom Reich Gottes und seiner Vision einer besseren Gerechtigkeit messen lassen. Dieser doppelte Maßstab ist der Kompass, mit dem Christinnen und Christen Politik gestalten. Sie verfügen keineswegs über ein Wissen, das es ihnen erlauben würde, einzelne politische Optionen direkt aus der Bibel abzuleiten oder gar zum Willen Gottes zu erklären. Jedoch gibt der Kompass Orientierung und weist den Weg, indem er uns zumutet, stets aufs Neue abzuwägen. Er verlangt, immer neu auszuloten, wie tatkräftiges Eintreten für das Recht und die Würde von Menschen in Not balanciert werden kann mit dem nachhaltigen Einsatz für Frieden. Das ist mühsam! Denn in dieser unauflösbaren Spannung gibt es oft kein eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“. Dies zu erkennen und auszuhalten ist eine schmerzliche Lektion, die auch ich persönlich in diesen Wochen täglich zu buchstabieren habe.

Christliche Ethik muss immer wieder kritisch fragen

Christliche Ethik kann und darf politische Entscheidungen nach der Maßgabe der Vernunft nicht vorwegnehmen oder ihnen ihre politische Verantwortung abnehmen. Aber sie kann und muss immer wieder kritisch fragen, ob und wie die Lieferung und der Einsatz von Waffen tatsächlich dem Schutz der Menschen und ihrer Rechte gelten oder ob es nicht doch darum geht, einer bestimmten Sicht auf das Zusammenleben, einem Blick auf die Geschichte, materiellem Gewinn oder geostrategischen Vorteilen zur Durchsetzung zu verhelfen.

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Es ist bedrückend und empörend, wenn der orthodoxe Patriarch von Moskau einen Angriffskrieg als legitimes Mittel darstellt, um seine Auffassung des Christentums und seine Sicht der Geschichte gegen die Bedrohung durch die Ukraine und den Westen zu verteidigen. Es ist aber auch Skepsis geboten, wenn der Krieg in der Ukraine spiegelbildlich als Verteidigung westlicher Werte idealisiert wird. Auch hier ist eine geschichtstheologische Überhöhung des Krieges nicht fern. Es muss darum gehen, das Recht der Einzelnen auf ein Leben in Freiheit und Würde zu verteidigen. Verteidigt werden muss deshalb auch die Souveränität des Staates, der dieses Recht schützt und garantiert. An diesem Ziel ist alles Handeln immer wieder zu prüfen.

Das biblische Gebot der Feindesliebe geht bemerkenswert realistisch davon aus, dass es Verfeindung gibt, misst ihr aber keinen absoluten Rang zu. Feindschaft kann überwunden werden. Die Stimmen des Glaubens und der Kirche werden daher im politischen Diskurs immer vor überpointierter Rhetorik und vorschnellen Verurteilungen warnen. Es stimmt: Die Verteidigung von Freiheit und Recht ist einen engagierten Streit wert. Aber dieser Streit muss sich unterscheiden von der Logik machtvoller Überwältigung, bösartiger Unterstellung und hasserfüllter Abwertung von Andersdenkenden. Und allemal muss sich die Sprache frei halten von Dämonisierungen und Entmenschlichungen. Man muss nicht zum Heiligen werden, um das eigene Leben, die eigene Freiheit und die seiner Lieben verteidigen zu dürfen. Und man wird nicht zum Teufel, wenn man – verbohrt und verführt, machtverstrickt und verirrt, dumm und in Böses verliebt – über die Freiheit, das Recht und das Leben des Nächsten herfällt. Man bleibt auch dann noch Mensch. Das ist unser Elend, und das ist unsere Würde.

„Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“

Im innersten Kern der christlichen Rede vom Menschen als Sünder liegt die Erinnerung an seine unverlierbare Würde als Geschöpf Gottes. Wer von der grundsätzlichen Sündhaftigkeit des Menschen ausgeht, rechnet mit der Realität von Unheil und Bosheit. Dadurch werden keineswegs alle Katzen grau. Damit geht auch nicht die Unterscheidung von Tätern und Opfern verloren. Im Gegenteil. Wer von menschlicher Verstrickung in Sünde spricht, gesteht ein, dass Menschen vor Gewalt und Unrecht geschützt werden müssen. Umgekehrt rechnet er damit, dass solcher Schutz und alle Hilfe zur Verteidigung ebenso mit Gewalt verbunden sind und in Gefahr stehen, Leid zu verursachen und sich schuldig zu machen.

So unzweifelhaft und eindeutig der verbrecherische Angriff der russischen Seite zuzuschreiben ist, so untröstlich müssen Christinnen und Christen sein und bleiben über alle Verletzten, über jeden Toten, über jede verwitwete Mutter, über jedes verwaiste Kind auf beiden Seiten.

Der christliche Glaube weiß, wie buchstäblich not-wendig Vergebung und Versöhnung sind. Niemals können sie über die Köpfe der Leidtragenden hinweg bestimmt oder gar verordnet werden. Christinnen und Christen fragen daher beharrlich nach dem Ziel aller – auch militärischer – Bemühungen um Freiheit und Recht. Neben dem Schutz vor Gewalt und neben der Abwehr von Unrecht werden sie stets auch deren Überwindung anmahnen. Sie können sich nicht damit begnügen, dass Siege errungen oder Niederlagen verhindert werden. In der Nachfolge Jesu von Nazareth werden sie so nüchtern wie eindringlich daran erinnern: Die Logik der Gewalt kommt von selbst nicht zum Stillstand. Denn „wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Matthäus 26, 52).

Zivile Friedensarbeit als Fundament

Was wiedergewonnen werden muss – und einzig im Wortsinne gewonnen werden kann! –, ist der Friede. Wenn es in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit darum gehen wird, das Schweigen der Waffen in Frieden zu verwandeln, brauchen wir dabei die zivile Friedensarbeit als unabdingbares Fundament. Hier sehen sich die Kirchen, hier sieht sich auch die EKD in besonderer Weise in der Pflicht. Wir werden anknüpfen können an die Erfahrungen und Konzepte, die wir in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt haben, und wir werden die Brücken nutzen, die in unermüdlicher Versöhnungsarbeit auch nach Russland gebaut worden sind. Diese Brücken gilt es auch jetzt – unter äußerst schwierigen Bedingungen – zu pflegen und zu stärken.

Die Demokratiedenkschrift der EKD aus dem Jahr 1985 stellt neben der Sündhaftigkeit des Menschen die Selbstzurücknahme und Selbstkorrektur staatlichen Handelns in den Mittelpunkt: Weil die staatliche Ordnung immer durch Menschen gebildet ist und diese immer auch problematischen und destruktiven Neigungen verfallen können, muss es die Verfassung ermöglichen, Macht zu beschränken. Demokratie versteht sich als die Institutionalisierung von Prozessen der Abwägung und der Kompromisssuche.

Das gilt in besonderer Weise für so weitreichende Entscheidungen wie die der Beteiligung an bewaffneten Konflikten oder über den Export von Waffen. Zum Wesen der Demokratie gehört, dass solche Fragen kontrovers und auch öffentlich diskutiert werden können. Denn die Entscheidung, selbst Konfliktpartei zu werden, und sei es auch nur indirekt, muss von einer breiten Basis getragen sein.

Abwägung und Kompromisssuche

Die Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007 nimmt die Gedanken der Selbstzurücknahme und Selbstkorrektur auf, wenn sie die Bedeutung des Rechts für den Frieden betont. Denn das Recht umschreibt die Grenzen der Machtausübung und sichert einen Raum der Freiheit, in dem Einzelne sich entfalten können – im nationalen wie im internationalen Bereich. Dabei wird nicht – wie gegenwärtig bisweilen behauptet – einer radikalpazifistischen Position das Wort geredet. Der Einsatz rechtserhaltender Gewalt nach den Regeln des Völkerrechts wird in der Denkschrift explizit angesprochen und für notwendig erachtet.

Allerdings müssen wir rückblickend feststellen: Die Besonderheiten des Völkerrechts gerade im Blick auf die Rechtsfindung und Rechtsdurchsetzung sind in der Denkschrift nicht ausreichend berücksichtigt. Das Völkerrecht ist, mehr noch als das nationale Recht, immer ein Spiegel politischer Interessen und Machtverhältnisse. Es fehlt eine Instanz, die die verbindliche Auslegung feststellt und vor allem auch durchsetzen kann. Putins offenkundiger Rechtsbruch zeigt es deutlich: Es reicht für eine Ethik internationaler Beziehungen nicht aus, eine Vorstellung der internationalen Ordnung für universal gültig zu erklären.

Nach dem Ende des kolonialen Zeitalters ist deutlich geworden, dass sich die weltanschaulichen und ethischen Grundsätze, die der UN-Charta als dem Fundament des Völkerrechts zugrunde liegen, nicht ohne Weiteres für alle Länder verbindlich erklären lassen. Hier setzt die Kritik an, die verschiedene Staaten an der einseitigen Interpretation der internationalen Ordnung durch die Länder des Westens üben. Die Kritik wird dadurch verstärkt, dass die militärischen Ressourcen, die für eine rechtserhaltende Gewalt auch unter dem Mandat der Vereinten Nationen notwendig wären, letztlich nur von Nationalstaaten aufgebracht werden können und allzu oft – durchaus mit besten Absichten – von den Staaten des Westens zur Verfügung gestellt werden. Aktuelle Friedensethik wird zu bedenken haben, was diese Kritik für die Zukunft einer Ethik internationaler Beziehungen bedeutet.

Im Zentrum einer solchen Ethik internationaler Beziehungen, die den Aspekt der internationalen Gerechtigkeit ebenso umfasst wie Fragen der Verteidigung, muss daher der Gedanke der Abwägung und Kompromisssuche stehen. Also das, was im nationalen Kontext demokratische Ordnungen erbringen und was die Barmer Theologische Erklärung als „Maßgabe menschlicher Einsicht“ im Sinne eines realistischen Blicks auf die Wirklichkeit vor Augen hat.

Dabei gilt es, unterschiedliche Ebenen zu beachten, die der politischen Zwecke, der strategischen Ziele und der einzelnen operativen Maßnahmen. Es spricht viel dafür, die gemeinsamen Grundlagen minimalistisch zu formulieren. Nur so kann vermieden werden, eine Auffassung absolut zu setzen.

Ein vorläufiger Zustand auf dem Weg zu einem Zusammenleben in Frieden

Dennoch: Im Sinne der Rede Jesu von einer besseren Gerechtigkeit kann dies für die christliche Ethik immer nur ein vorläufiger Zustand sein, eine vorübergehende Station auf dem Weg hin zu einem Zusammenleben in Frieden. Daher werden Christinnen und Christen sich nicht zufriedengeben mit dem Status quo, sie werden das scheinbar Selbstverständliche immer wieder hinterfragen. Nicht weil sie es besser wüssten oder besser könnten, nicht weil sie die besseren Politikerinnen und Politiker wären. Sie geben sich nicht zufrieden, weil sie von einer Hoffnung erfüllt sind, die über das Vorfindliche und über alles Menschmögliche hinausgeht. In der gegenwärtigen Situation, die ganz auf das Recht auf Selbstverteidigung fixiert ist, obliegt es ihnen, nach den Grenzen dieses Rechts zu fragen, nach den Grenzen rein militärischer Gewinn-und-Verlust-Rechnungen und auch nach den Grenzen legitimer Nothilfe.

Die ethische Tradition hat dazu den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel ausgebildet. Daher gilt es sorgsam abzuwägen, ob die Grenze überschritten ist, an der auch die Legitimität der Selbstverteidigung erlischt. Eine solche Grenze zu ermitteln ist äußerst anspruchsvoll. Auf keinen Fall darf es über die Köpfe der unmittelbar Betroffenen hinweg geschehen. Allerdings macht gerade der Ukrainekrieg deutlich, dass über die Kriegsparteien hinaus die internationale Staatengemeinschaft in zunehmendem Maße mitbetroffen ist. In jedem Fall aber führt der Einsatz von Massenvernichtungswaffen den Gedanken der Selbstverteidigung ad absurdum und stellt somit eine ultimative Grenze für jede Nothilfe dar.

Freiheit und Recht mit größter Entschiedenheit verteidigen

Das bedeutet nicht, jeder Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen sei umstandslos nachzugeben. Christliche Ethik muss darauf dringen, auch die verheerenden mittelbaren Folgen mit einzubeziehen, wenn etwa durch das Zerbrechen von Versorgungsketten Hunger und Leid auch in Regionen der Erde drohen, die nicht unmittelbar vom Krieg betroffen sind.

Unsere eigene Sicht ist begrenzt. Diese schlichte Erkenntnis bewahrt auf heilsame Weise vor Selbstüberschätzung. Hoffentlich bewahrt sie auch davor, die eigene Perspektive absolut zu setzen, denn das würde schnell zur Quelle von Aggression und Gewalt. Wenn der christliche Glaube von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen spricht, dann bringt er diesen problematischen, destruktiven Zug menschlicher Existenz zum Ausdruck. Zugleich vertraut er der Kraft, die das Böse zu überwinden vermag.

Es gilt, Freiheit und Recht mit größter Entschiedenheit zu verteidigen, mit wachem Sinn für die Gefährdungen aller Verfeindungsprozesse und mit offenem Blick für die unausgeschöpften Möglichkeiten des Friedens. Gleichermaßen illusionslos wie hoffnungsvoll bewegt der christliche Glaube dazu, sich für den Frieden einzusetzen und den Hass zwischen Nationen und Völkern zu überwinden. Die Bergpredigt Jesu hält zuversichtlich und unbeirrt fest: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Quelle: F.A.Z.
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