F.A.Z. Essay Podcast

Das Virus als Wegmarke

Aktualisiert am 25.05.2020
 - 13:06
Die Corona-Krise zwingt uns zu der Einsicht, dass auch unser modernes Leben gefährdet und bedroht ist von Kräften, die stärker sind als all unsere medizinische Kompetenz und unser vieles Geld. Ein Essay von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Das Coronavirus hat die Frage unseres Umgangs mit der Freiheit auf zuweilen erschreckende Weise ins Zentrum gerückt. Dass die massiven Restriktionen, denen wir in den vergangenen Wochen ausgesetzt waren, eine Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte bedeuteten, wird von niemandem bestritten. Umso erstaunlicher ist es, dass sie bis heute von einer großen Mehrheit der Menschen hingenommen, ja aktiv bejaht werden. Inzwischen gibt es freilich auch die anderen Stimmen – und es sind nicht nur Verschwörungstheoretiker oder Rechts- oder Linksextremisten –, die die Maßnahmen für weit überzogen halten.

Ganz bestimmt gilt auch heute, dass Freiheit mitunter heißt, gegenüber politischen und religiösen Autoritäten dem eigenen Gewissen zu folgen und dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Das, was sich in dem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ Martin Luthers vor dem Kaiser 1521 beim Reichstag zu Worms in einem ebenso frommen wie politischen Akt der Zivilcourage zeigte, das brauchen wir heute genauso als Christen in der Zivilgesellschaft. Wären dann nicht die massiven Freiheitseinschränkungen während der vergangenen Wochen der Anlass gewesen, um genau bei diesem Thema die gesunde Portion öffentlicher Aufsässigkeit einer Institution wie der Kirche zu zeigen, die wir immer wieder brauchen?

Dass meine Antwort auf diese Frage ein Nein ist, hat zu tun mit einem Verständnis von Freiheit, in dem Freiheit immer auch Dienst am Nächsten heißt. Es geht nicht um die Verfolgung der eigenen persönlichen oder wirtschaftlichen oder auch religiösen Interessen, sondern es geht um die je unterschiedliche Form der Antwort auf Jesu Doppelgebot der Liebe.

Der Verfasser ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Daniel Deckers, Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dort verantwortlich für das Ressort „Die Gegenwart“, trägt den Essay vor. Den Artikel können Sie hier (mit einem E-Paper-Abonnement der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) lesen. Weitere Essays des Ressorts finden Sie hier, alle Podcast-Folgen hier.

Mehr über die Geschichte hinter dem Podcast erfahren Sie in diesem Text von Daniel Deckers.

Quelle: F.A.Z.
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