Islamische Welt

Die Wende

Von Wolfgang Günter Lerch
23.07.2012
, 17:00
„Der Islam ist die Lösung“: Hier die Kaaba in Mekka
Die islamische Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten Turbulenzen erlebt wie selten. Das hatte vor allem mit der Moderne zu tun. Säkulare Kräfte haben es noch immer schwer.

Nach dem Junikrieg des Jahres 1967, dem „Sechstagekrieg“, veröffentlichte der libanesische Intellektuelle Salah al Munadschid einen Essay, dessen deutsche Fassung den Titel „Wohin treibt die arabische Welt?“ trug. Es war ein Werk der Panik und der Verzweiflung. In nur wenigen Tagen waren die Araber, allen voran die Ägypter und die Syrer, in diesem Jahr von dem kleinen Israel vernichtend geschlagen worden. Al Munadschid, dessen Buch von Harald Vocke - zu jener Zeit Nahost-Korrespondent der F.A.Z. - ins Deutsche übertragen worden war, warf seinen Landsleuten vor, sie seien Götzendiener geworden; ihr Tanz um das Goldene Kalb des arabischen Nationalismus sei vom Gegner bestraft worden. Nur die Rückkehr zu einem authentischen Islam, zur angestammten Frömmigkeit und Glaubensstärke, kurz: zu den alten Tugenden und dem geistigen Kern der eigenen Kultur könne die arabische Welt wieder stark machen.

Heute weiß man, dass jene Bewegung, die man den zeitgenössischen Islamismus nennt, exakt zu jenem Zeitpunkt wieder an Boden zu gewinnen begann, da Munadschid publizierte. Die Araber vor allem begannen sich allmählich von jenen säkularen, „völkischen“ Ideen zu verabschieden, die insbesondere die Jahrzehnte der Befreiung von der Kolonialherrschaft der Franzosen und Briten geprägt hatten - allerdings nie ohne eine starke islamische Komponente. Man wurde wieder fromm, auch offiziell. In Saudi-Arabien begann der als tiefgläubig bekannte König Faisal alles Islamische auch außerhalb seines Riesenreiches zu fördern, die wachsenden Öleinnahmen setzten ihn - er wurde 1975 gleichwohl von einem Prinzen aus der eigenen Familie ermordet - und seine Nachfolger in die Lage, großzügig überall in der islamischen Welt Moscheen und Medresen zu bauen, Schulen und andere Institutionen zu errichten. Natürlich förderten die Sauds vor allem den Wahhabismus, jene gestrenge, freudlose Lehre, die sie zur Staatsräson erklärt hatten und die weitgehend ungeschmälert bis heute in ihrem Reich gilt.

Zusammenhänge jenseits der aktuellen politischen Lage

Dennoch ereignete sich die islamische Revolution anderswo: ausgerechnet bei den Schiiten, die seit Jahrhunderten mit den Sunniten rivalisierten, aber von diesen mehr und mehr unterdrückt worden waren. Schon seit Beginn der sechziger Jahre gab es in Iran ein Aufbegehren gegen den Schah, indem eine lose Allianz von nationalistischen, marxistischen und religiös-schiitischen Strömungen Widerstand leistete. Ideologisch standen sie sich fern, waren sich teilweise sogar spinnefeind, doch geeint wurden sie durch die Ablehnung der Schah-Herrschaft und deren enge politische wie wirtschaftliche Verfugung mit Amerika.

Die Versuche des Westens, nach 1979 die Heraufkunft des Islamismus als einer in der Religion des Islam wurzelnden politischen Kampfideologie zu verstehen, waren vielfältig. Fußend auf Erklärungsmustern, die im Nahen Osten selbst aufkamen, machte man das unselige Erbe des westlichen Kolonialismus dafür verantwortlich. Bewegungen wie die der in Ägypten entstandenen Muslimbrüder sowie deren noch radikalere „Ableger“ in vielen Teilen der islamischen Welt seien vor dem Hintergrund der Befreiung von, später dann der Behauptung gegenüber einem übermächtigen Westen (zu dem man auch die kommunistische Welt zählte) zu interpretieren. Eine falsche Politik insbesondere Amerikas gegenüber den Muslimen, die zehn Jahre währende Besetzung Afghanistans durch die Russen, die seit Jahrzehnten ungelöste Palästina-Frage, das oft hochmütige Gebaren Israels - all dies sei Ursache für die wachsende Radikalisierung des Islams, schlussendlich für die Entstehung jenes Dschihadismus, der in blutigen Terror durch Al Qaida und andere extremistische Organisationen mündete. Höhepunkt des Terrors wurde der 11. September 2001 mit seinen bisher nie dagewesenen Attacken auf die Vereinigten Staaten, das Zentrum der westlichen Welt, die ihrerseits jenen „war on terrorism“ auslösten, der noch heute das Verhältnis zwischen Orient und Okzident mitbestimmt und schwer belastet.

Doch sosehr historische und politische Motive gewiss mit dazu beigetragen haben, Teile des Islam zu radikalisieren, so einseitig ist diese Betrachtungsweise. Wer etwa in den siebziger und achtziger Jahren an Ort und Stelle - etwa in der damals noch fernen Türkei - beobachten konnte, wie sich die Moscheen wieder füllten, wie populär islamische Literatur wieder wurde, der spürte, dass es um umfassendere Zusammenhänge ging, die jenseits der aktuellen politischen Lage auf das Gebiet der Kultur verwiesen: Dies meinte Samuel Huntington in den neunziger Jahren mit seinem oft missverstandenen Begriff des „clash of civilizations“. Die Muslime wurden sich schmerzlich ihres „Zurückbleibens“ gegenüber der im Westen entstandenen Moderne bewusst und fragten nach den Ursachen. Wie konnte es sein, dass sie, die doch „die beste aller Gemeinschaften“ (khaira ummatin) darstellten, so ins Abseits der Geschichte geraten waren? Von einer „Demütigung“ durch den Westen war die Rede, die damit zusammenhinge, dass man „Verrat“ am eigenen Glauben und seiner Kultur geübt habe und modernen Götzen nachgelaufen sei. Zu sehr habe man den Westen nachgeahmt.

Die Stoßrichtung wurde eine zweifache

Bei manchen islamistischen Theoretikern kam das Wort auf, die Muslime drohten zu „Affen des Westens“ zu werden. Schon Chomeinis islamische Revolution konnte sich auf solche Gedanken und Empfindungen stützen, die teilweise sogar von Linksintellektuellen, wie dem persischen Schriftsteller Dschalal Al-e Ahmad mit seinem Begriff der „gharbzadegi“, der Vergiftung (intoxication) durch den Westen, vorbereitet worden waren. Mehr und mehr flossen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts theoretische Bemühungen zusammen, die Vorstellungen der Muslimbrüder, der saudischen Wahhabiten, der indo-pakistanischen Deobandi-Theologen und anderer Gruppen umfassten. Sogar Marxisten wie der Iraner Ali Schariati „konvertierten“ wieder zum Islam.

Die Stoßrichtung wurde eine zweifache: Einmal galt es, den „Ideologien des Westens zu widerstehen“ (so der Muslimbruder Hasan al Banna schon 1928); zum anderen mussten die eigenen, vom Weg abgeirrten Gesellschaften wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Wenn nicht durch Predigt (dawa), dann eben durch Gewalt. Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, erst recht seit der Jahrhundertwende, sind weitaus mehr Muslime bei Terroranschlägen getötet worden als Nicht-Muslime. Der „clash of civilizations“ vollzog und vollzieht sich vor allem auch im Orient selbst. Bestrebungen einer verweltlichenden Modernisierung wurde mehr und mehr die Parole entgegengesetzt: „Der Islam ist die Lösung“ (al islamu huwa al hall). Praktisch hieß das ein „Zurück zur Vollgültigkeit der Scharia“.

Das Auf und Ab von „Liberalität“ und „Rigidität“, von eher loser, bisweilen sogar toleranter Beachtung und Achtung des Gesetzes hin zu dessen strenger Anwendung, hat eine lange Geschichte im Islam. Es bedurfte zur Heraufkunft des Islamismus weder der Existenz des Staates Israel noch englischer oder amerikanischer Machenschaften, wenn diese auch allzeit willkommene Rationalisierungen lieferten und noch immer liefern. Doch jenseits der orientalischen Verschwörungstheorien (mu’amarat) ist der Rhythmus zwischen Gesetzesstrenge und größerer Offenheit ein Prinzip, das die Geschichte dieser Religion durchzieht. Schon in „hochislamischer“ Zeit, unter den Abbasiden (750 bis 1258), war es möglich, dass ein Dichter wie Abu Nuwas sein Publikum mit erotisch untermalten, deftigen Weingedichten amüsierte, während ein anderer, Abul Atahija, die Rückkehr zu asketischen Idealen forderte. Diese Spannung zwischen einer gelebten Wirklichkeit und Perioden der asketischen Strenge finden sich auch in der Geschichte des Maghreb oder Andalusiens. Ibn Khaldun, der 1406 in Kairo starb, hat als „arabischer“ Historiker schon darüber gearbeitet.

Islamisch-konservative Grundierung

Bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts richtete Muhammad Ibn Abdal Wahhab seine bilderstürmerische Propaganda gegen die türkischen Osmanen, die damals große Teile der islamischen Welt beherrschten, vor allem die heiligen Stätten in Mekka und al Medina, und nach seiner Meinung den Islam verunstaltet hatten, so dass er „gereinigt“ werden müsse. Er fand Anklang bei der Familie der Al Saud, die seither einen großen Teil der Geschichte auf der Arabischen Halbinsel bestimmt hat. Heute ist Saudi-Arabien die Vormacht des Sunnitentums, mit Frontstellung gegen das schiitische Iran, dem es seinerseits gelang, das Schiitentum nach Perioden der Unterdrückung und einem langen historischen Schlaf zu erwecken. Im Irak haben die Amerikaner (und Engländer) durch ihren Krieg 2003 kräftig daran mitgewirkt.

Der innerislamische Kulturkampf ist durch die Migration aus islamischen Ländern längst auch in Europa ein Fakt, in Deutschland ist er vornehmlich türkisch geprägt. Und es sind auch vornehmlich türkische Protagonisten, die entweder für eine vorbehaltlose Verwestlichung und Verweltlichung im Sinne der modernen Menschenrechte oder für die Bewahrung traditioneller bis islamistischer Überzeugungen Partei ergreifen. Der von Bassam Tibi aufgebrachte „Euro-Islam“, der einen in der Substanz vollgültigen, doch mit den westlichen Werten kompatiblen Islam meint, steht noch aus.

Eine für viele überraschende, doch insgesamt nicht unerwartete Entwicklung hat sich in der Türkei vollzogen. Dort regieren seit den Wahlen des Jahres 2002 erstmals seit Gründung der Türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk im Jahre 1923 ehemalige Islamisten. Die damals siegreiche Partei für Gerechtigkeit und Aufbau (AKP) von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül hat zwar verschiedene Flügel, doch ist ihre weltanschauliche Grundierung islamisch-konservativ. Ihre beiden Gründerfiguren kommen aus der islamistischen Bewegung von Necmettin Erbakan, die im politischen Leben des Landes seit den beginnenden siebziger Jahren wieder aktiv war, zunächst als eher marginale Erscheinung, doch allmählich immer stärker werdend. Schon 1996 wurde Erbakan für ein knappes Jahr Ministerpräsident.

Die Osmanen erfreuen sich einer Beliebtheit wie lange nicht

Bis heute ist außerhalb der Türkei schwer zu vermitteln, was sich in diesem Land verändert hat - hatte doch der Staatsgründer Atatürk die Religion ein für allemal aus der Politik verbannen wollen. Seine säkularen Reformen, die zu hundert Prozent an Europa ausgerichtet waren, wurden sprichwörtlich. Freilich: Schon nach Atatürks Tod im Jahre 1938 setzte unmerklich eine Entwicklung ein, die zunächst trotz der Wiedereinführung des arabischen Gebetsrufes (ezan) im Jahre 1951 wenig auffiel, dann jedoch immer stärker wurde. Schon bei den ersten pluralistischen Wahlen im Jahre 1950 hatte Adnan Menderes (der dann als Ministerpräsident bis zu seiner Absetzung 1960 amtierte) das anatolische Landvolk durch eine Prononcierung islamischer Werte für sich gewinnen können.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan vor einem Porträt des Staatsgründers Kemal Atatürk
Der türkische Ministerpräsident Erdogan vor einem Porträt des Staatsgründers Kemal Atatürk Bild: REUTERS

Mit Gründung der AKP und dem Wahlsieg Erdogans 2002, der nun zweimal mit jeweils höherem Ergebnis wiederholt wurde, scheint eine Zeitenwende eingetreten zu sein. Das Wiedererstarken islamischer Kräfte war begleitet von einer allmählichen Rehabilitierung der sechshundert Jahre währenden osmanischen Vergangenheit. Seit den siebziger Jahren zeigte sich, dass die Kultur- und Sozialrevolutionäre unter Atatürk vielleicht zu viel des Guten getan hatten, als sie einen völligen Kulturbruch zwischen der neuen nationalen Türkei und dem islamischen Osmanentum per Dekret verfügten. Von der Tiefe dieses Bruchs macht man sich in Europa noch immer keine rechte Vorstellung, denn Atatürk krempelte nicht nur die alte Ordnung völlig um, sondern revolutionierte auch Sprache und Schrift. Solches taten weder die Französische noch die Russische Revolution.

Es gab übrigens nachdenkliche Stimmen, die davor warnten, die Beziehung zu Geschichte und Kultur der Osmanen ganz abreißen zu lassen. Zu ihnen gehörten etwa der Dichter der türkischen Nationalhymne, Mehmet Akif Ersoy (1873-1936), der Jahre im Exil zubringen musste, und andere. Sie traten für einen Wandel ein, der insgesamt behutsamer gestaltet werden sollte. Spätestens seit den siebziger Jahren meldete sich die Geschichte zurück. Die Osmanen erfreuen sich heute einer - mit Nostalgie vermischten - Beliebtheit wie lange nicht. Und in der Rückschau wurde deutlich, dass in ihrem Reich manches sogar besser funktionierte als in der nationalistisch-kemalistischen Republik.

Auch Erdogans und Güls Islam ist kein Euro-Islam

Heute ist die Türkei erst recht gespalten. Mit der AKP und ihrer Klientel hat, wie Rainer Hermann, langjähriger Nahost-Korrespondent der F.A.Z., es nennt, eine „Gegenelite“ die Macht inne, was man sich noch zu Beginn der neunziger Jahre schwer vorstellen konnte. Die türkische Soziologin Nilüfer Göle prägte in den achtziger Jahren das Gegensatzpaar der „weißen Türken“ und der „schwarzen Türken“. Unter Ersteren verstand sie die seit 150 Jahren herrschende Elite, die oft vom Balkan kam (Jungtürken, Kemalisten, säkulare Linke), unter den „schwarzen Türken“ die frommen anatolischen Bauern und Kleinbürger, dazu die ärmeren Schichten der großen Städte. Deren Zahl wuchs mit der Landflucht unaufhörlich an.

Ehrgeiz und bessere Bildungsmöglichkeiten sorgten dafür, dass die - von der Elite oft verachteten - Frommen samt ihren kopftuchtragenden Frauen ebenfalls studieren konnten und sich das nötige Wissen aneigneten. Paradebeispiele dafür sind Erdogan und Abdullah Gül. Hinzu kam eine in Anatolien gewachsene Volksfrömmigkeit, die unter dem Einfluss eines Predigers wie Bediüzzaman Said-i Nursi (1876-1960) das islamische Gesetz stark ethisierte. Man spricht heute paradoxerweise von einem islamischen „Calvinismus“, dessen Tugenden tatsächlich jenem Prädestinationsglauben zu entstammen scheinen, den vor allem Max Weber für die Entstehung des Kapitalismus heranziehen zu können glaubte. Die neue islamische Gegenelite hat die Türkei zu einem wirtschaftlichen Boomland gemacht, ihre Stellung in der Region wesentlich gestärkt und zu einer Wiederannäherung der türkischen und arabischen Muslime geführt. Erdogan gilt heute als einer der starken Männer der Region, setzt sich aber von Autokraten wie Mubarak von Ägypten oder Assad von Syrien bewusst ab.

Die alte kemalistische Elite, ob ihrer Verbannung von der Macht verstört, vermutet jedoch noch immer eine „hidden agenda“ des Islamismus hinter Erdogans und der AKP Handeln. Vorsicht scheint in der Tat geboten zu sein, denn wenn die Gegenelite bisher auch keine grundstürzenden Verstöße gegen die weltlichen Prinzipien der Republik vorgenommen hat, so ist doch mit ihrem Aufstieg zur Macht ein Mentalitätsumschwung eingetreten, der früher so in der Türkei nicht zu beobachten war. Überwunden geglaubte, traditionelle Meinungen und Haltungen zu einer gemäßen Lebensführung kehren wieder - etwa im Familienleben. Kritik an der Religion wird erschwert, kann vor dem Kadi enden. Früher, in den Zeiten der Kemalisten, galt dies für Kritik am Nationalismus und am Militär. Auch Erdogans und Güls Islam ist kein Euro-Islam, doch ein Modell, das auf jene anziehend wirkt, die keinen Atatürk hervorbrachten, sich aber reformieren wollen. Etwa in Arabien.

Der Islam ist auch Lebensordnung und Kultur

Mit der Arabellion, so scheint es, ist auch der Islamismus in eine Transformationsperiode eingetreten. Die Islamisten standen allerdings nicht am Beginn des „Arabischen Frühlings“. Die radikalsten Islamisten - man nennt sie jetzt häufiger als früher Salafisten - sowie die Dschihadisten, die von vornherein nur auf Gewalt setzen, sind zwar geschwächt (etwa in Afghanistan oder im Irak), doch haben sie sich andere Schauplätze für ihr Treiben ausgesucht: den Jemen, Somalia, Regionen der zentralen Sahara, den Norden Nigerias.

Dort, wo die Throne fielen, in Tunesien, Libyen, Ägypten - Syrien bleibt einstweilen eine offene Frage -, haben sich die nun in demokratische Prozesse verflochtenen Islamisten, die Ennahda oder die Muslimbrüder, gemäßigt. Für den Westen unerwartet begann der arabische Massenprotest gegen sklerotische Dauerpräsidenten und ihre Geheimdienstherrschaft im Namen von Freiheit, Würde und sozialem Anspruch. Anders als 1979 in Iran gab es zunächst keinerlei religiös-islamische Ikonographie. Erst im Verlauf der Unruhen traten die islamistischen Kräfte auf den Plan - was angesichts ihrer Unterdrückung seit Jahrzehnten nicht verwunderte.

Schon vor dem Ausbruch der Arabellion war vermutet worden, die Muslimbrüder in Ägypten würden wenigstens die Hälfte der Stimmen bei freien Wahlen erhalten. Diese Einschätzung - die Ereignisse nach Husni Mubaraks Sturz zeigten es - war realistisch. Sie bestätigte sich auch in Tunesien. Bis heute ist im Westen kaum verinnerlicht worden, wie sehr der Islam eben nicht nur Religion ist, sondern auch Lebensordnung und Kultur. Kein Land der Region blieb von der Arabellion gänzlich unberührt, wobei die weltlichen demokratischen Kräfte gegenwärtig in den Hintergrund gedrängt werden.

Schroffer Gegensätze und politisch-religiöse Kämpfe

Dies freilich muss nicht so bleiben. Sollten die in Ägypten und Tunesien gewählten, nun als moderater zu bezeichnenden Politiker keine Erfolge haben, werden sie Einbrüche bei den Wahlen erleben wie anderswo auch. Dafür werden jene sorgen, die wirkliche Demokratie wollten und wollen, deren Bestrebungen freilich auch darunter leiden, dass die islamische Kultur bis heute kaum geistesgeschichtliche Grundlagen für die Entstehung einer pluralistischen Zivilgesellschaft zur Verfügung stellt. Insofern werden die Auseinandersetzungen zwischen Säkularisten und deren Gegnern fortdauern, ja, in gewisser Weise sogar stärker werden. Nur - gegen den Islam wird einstweilen nichts zu bewirken sein.

Vieles spricht dafür, dass die nun auf demokratische Weise an die Macht gelangten dezidiert islamischen oder gar islamistischen Politiker in der Türkei, in Tunesien, in Libyen und Ägypten weitaus stärker als frühere Staatenlenker der Region auf ihrem eigenen Weg bestehen werden. Auch jene Blogger, die am Anfang der Arabellion standen und nicht im Verdacht des religiösen Fundamentalismus stehen, sind nicht daran interessiert, von den Idealen des Westens, die sie im Grundsatz schätzen, fremdbestimmt zu werden. Dies ist einer der wenigen Punkte, vielleicht sogar der ausschlaggebende, der sie mit den Islamisten verbindet. Und man sollte darauf vertrauen, dass bisher alle Versuche des iranischen Mullah-Regimes, die Arabellion als eine „islamische Revolution“ zu instrumentalisieren, von den Beteiligten abgewiesen worden sind.

In der letzten Generation hat sich die islamische Welt - nicht ohne Beteiligung westlicher Politik - als eine Region schroffer Gegensätze und politisch-religiöser Kämpfe erwiesen. Sunniten und Schiiten haben ihren Streit nicht begraben, ganz im Gegenteil. Gerade die blutigen Ereignisse in Syrien spiegeln diese altvertraute Zerrissenheit wider, denn das sunnitische Saudi-Arabien, Marokko, Qatar und andere stehen in tiefer Gegnerschaft zu Assads Regime, während das schiitische Iran dieses unterstützt. Aufklärerische Kräfte, die diesen Hader endlich überwinden wollen, haben es schwer wie eh und je, auch in der Türkei. Wer lange den islamischen Orient bereist und beobachtet hat, erkennt klar die Veränderungen, aber auch das, was bis heute gleich geblieben ist.

Quelle: F.A.Z.
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