FAZ plus ArtikelJugoslawiens Zerfall

Eine Legende und ihre Varianten

Von Michael Martens
27.02.2022
, 20:47
In memoriam: 1995 ermordeten bosnische Serben nahe der Stadt Srebrenica etwa 8000 Muslime.
Seit drei Jahrzehnten hält sich die Legende, Deutschland habe 1991 die Auflösung Jugoslawiens betrieben. Die F.A.Z. hat Dokumente des Auswärtigen Amts ausgewertet, die jetzt zugänglich geworden sind.
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Ist Deutschland schuld am Ausbruch der bis in diese Tage schlimmsten Kriege in Europa nach 1945? Trägt die deutsche Politik Verantwortung für den Zerfall eines Staates, für ein mehrjähriges Blutvergießen mit zahlreichen Massakern, mehr als 120 000 Toten, Hunderttausenden Vertriebenen? Hätten die Ankläger recht, so wäre die Bundesrepublik ein aggressiver Schurkenstaat, der rücksichtslos Kriege vom Zaun bricht. So will es eine seit Dekaden kursierende Legende, die in vielen Facetten existiert, im Kern aber stets besagt, Deutschland habe durch die „vorzeitige Anerkennung Kroatiens und Sloweniens“ 1991 den blutigen Zerfall Jugoslawiens ausgelöst. Je nach Proponent kann diese Erzählung bis in die Gegenwart fortgesponnen und Berlin damit auch für heutige Konflikte am Balkan mitverantwortlich gemacht werden.

Zu den Wortführern der Anklage gehören Geister wie der amerikanische Linguist Noam Chomsky. Er behauptet, Bonns Politik 1991 sei das „Rezept für den Bürgerkrieg“ in Jugoslawien gewesen. Unmissverständlich insinuiert er seit Jahren, Helmut Kohl und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher hätten gleichsam in Fortsetzung von Hitlers Eroberungspolitik das deutsche Bündnis mit dem mörderischen kroatischen Ustascha-Staat von 1941 bis 1945 aufleben lassen. Deutschland habe den Krieg am Balkan gewollt, um auf den Trümmern des sozialistischen Vielvölkerstaates wieder die Vormacht im Südosten Europas zu übernehmen.

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Quelle: F.A.Z
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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