Vor hundert Jahren

Wunder an der Weichsel

Von Stephan Lehnstaedt
Aktualisiert am 18.08.2020
 - 16:33
Warschau, August 1920: Die Registrierung Freiwilliger für die Verteidigung der Stadt gegen die Rote Armeezur Bildergalerie
Im August 1920 sah es so aus, als gehe es mit der gerade errungenen Unabhängigkeit Polens schon wieder zu Ende. Doch die Rote Armee wurde zurückgeschlagen – und ein bis heute wirkender Mythos geschaffen.

Anfang August 1920 schickte sich die Rote Armee an, Warschau zu erobern. Unter der Führung von Michail Tuchatschewskij hatte sie in jenem Sommer bereits drei Viertel von Polen eingenommen und stand kurz vor der polnischen Hauptstadt. In Moskau rechnete man fest mit einem Sieg in diesem polnisch-sowjetischen Krieg, während auf der polnischen Seite zwar Chaos und Flucht, aber auch eine große gesellschaftliche Mobilisierung zu beobachten waren. Vereint unter Józef Piłsudski als Staatsoberhaupt, wollten die Polen ihre gerade erst errungene Unabhängigkeit nicht kampflos aufgeben.

Es war die schwärzeste Stunde des jungen Staates, der seit seiner Wiedergeburt im November 1918 auf einer Welle des Erfolgs zu schwimmen schien. Nach mehr als einem Jahrhundert der Teilung, in dem die Kaiserreiche Deutschland, Österreich und Russland die Polen mal mehr, mal weniger unterdrückt hatten, läutete deren Untergang im Ersten Weltkrieg die Auferstehung des Landes ein. Piłsudski erwies sich dabei als zentrale Figur, auch weil er von einem Nimbus als langjähriger konspirativer Freiheitskämpfer profitierte. Das trug ihm nach der Kapitulation der Mittelmächte nicht nur das Oberkommando über die Armee ein, sondern auch das Präsidentenamt – und damit neue Herausforderungen.

Die polnischen Bauern – Landwirtschaft war die alles dominierende Erwerbsquelle – hatten im Ersten Weltkrieg die Hälfte ihres Viehbestands verloren, und im gleichen Maße hatten sich ihre Ernten reduziert. Die Industrie beschäftigte in der einst florierenden Region um die Städte Warschau und Lodz nurmehr 15 Prozent der Arbeiter im Vergleich zu 1914. Zwei Drittel aller Bahnhöfe und die Hälfte der Brücken des Landes existierten nicht mehr. Und schlimmer noch: Zählte man alle Kriegstoten, Deportierten und Geflüchteten zusammen, war die Einwohnerzahl des Landes um etwa vier Millionen geringer und lag bei nunmehr 26 Millionen. Im Baltikum, der Ukraine und weiten Teilen des westlichen Russlands sah es kaum anders aus. Der Kampf um das tägliche Überleben prägte den Alltag von Millionen – und der russische Bürgerkrieg und die Kriege um nationale Souveränität nach 1918 trugen nicht dazu bei, diese Situation schnell zu ändern.

Sachliche Aufbauarbeit war deshalb gefordert. Doch Piłsudski lagen Kompromisse und Regierungsalltag wenig. Er dachte in historischen Maßstäben und hatte eine Neigung zum Risiko. Seine bevorzugte Vorgehensweise war es, Rivalen und Feinde vor vollendete Tatsachen zu stellen. Auf diese Weise wollte er auch die ungeklärte Frage nach der künftigen Gestalt des polnischen Staats beantworten. Während Piłsudski und seine Anhänger vom föderalen polnisch-litauischen Doppelstaat der frühen Neuzeit träumten, forderten Roman Dmowskis Nationaldemokraten einen ethnisch homogenen Nationalstaat. Minderheiten waren nach dieser Vorstellung entweder zu polonisieren oder auszuschließen. Vorerst triumphierte Piłsudski. Er konnte auf militärische Erfolge verweisen, auf den Mythos als Vater der Unabhängigkeit, und er hatte Lemberg, Wilna sowie zuletzt sogar Minsk heimgeholt und beinahe die Grenzen der alten Republik des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt.

Das Ende der Westukrainischen Volksrepublik

Freilich war all das nur auf Kosten der Nachbarn möglich, etwa der Westukrainischen Volksrepublik, die sich im November 1918 aus der Konkursmasse Österreich-Ungarns in Galizien gegründet hatte und Anspruch auf ein ethnisch höchst gemischtes Territorium erhob, das Polen ebenfalls als ureigenes Gebiet betrachtete. Nach blutigen Kämpfen um Lemberg gelang es bis Frühjahr 1919 relativ einfach, die deutlich schwächeren Westukrainer vollständig zu besiegen, was zugleich die Existenz dieses Staates beendete.

Deutlich komplizierter war die Situation in Litauen, das wie Polen Wilna besitzen wollte. Ende 1918 waren zudem die Bolschewiki auf dem Vormarsch und konnten die Stadt einnehmen – sie waren der natürliche Verbündete für die Litauer, die sich der polnischen Übermacht erwehren mussten. Wie auch die Westukrainer suchten sie die Nähe Moskaus nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Es half ihnen allerdings nichts, Piłsudski ließ seine Kavallerie gegen die Empfehlung seines Generalstabs vorstoßen und handstreichartig Wilna einnehmen.

Deren polnische Einwohner feierten den Sieger euphorisch, während die fast gleich starke jüdische Bevölkerung deutlich verhaltener reagierte: Ein Pogrom durch die polnische Armee war im April 1919 die Konsequenz. Das gezielte Vorgehen gegen Zivilisten anderer Ethnien war ein prägendes Merkmal der Kämpfe der Nachkriegszeit. Am stärksten traf es die Juden, die von allen Seiten zu Treuekundgebungen gezwungen und dafür dann von den jeweils anderen als Kollaborateure und Verräter beschuldigt wurden.

„Je niedriger die Kultur einer bestimmten Provinz, je größer die wirtschaftliche Untätigkeit ihrer Bevölkerung, desto größer der Anteil der jüdischen Bevölkerung“ – so hatte es Piłsudskis wohl wichtigster innenpolitischer Rivale Roman Dmowski, der Anführer der Nationaldemokraten, geschrieben. Das war noch nicht biologistisch-rassistisch gedacht wie später im nationalsozialistischen Deutschland, aber doch ein weiterer Schritt in Richtung eines radikalen Antisemitismus: Den Juden wurden nun Eigenschaften zugeschrieben, die sie nicht mehr durch Taufe ablegen und ändern konnten. In ganz Osteuropa gab es wenig Verständnis dafür, dass die Juden sich in ethnisch umstrittenen und gemischten Gegenden neutral verhalten wollten.

Die Büchse der Pandora

Die untergegangenen Imperien hatten die zerstörerische Kraft der Nationalismen gefürchtet, aber keine attraktiven Alternativen bieten können. Nun war die Büchse der Pandora geöffnet: Allein auf dem Gebiet der Ukraine kam es in der kurzen Periode zwischen Dezember 1918 und Dezember 1919 zu 1182 Pogromen und insgesamt etwa hunderttausend Toten. Über eine halbe Million Juden wurden Opfer von Raub oder Zerstörung ihres Eigentums – bei einer jüdischen Gesamtbevölkerung von etwa 1,6 Millionen.

Beinahe jede Entwicklung dieser Jahre erwies sich als nachteilig für die jüdischen Gemeinschaften Osteuropas. Aber der Kommunismus war für sie damals letztendlich die größte Katastrophe von allen – oder besser: die blutige Feindschaft, die ihm überall entgegenschlug. Denn zum bisherigen Antisemitismus trat ein weiteres wirkmächtiges Element hinzu: die Vorstellung von der Judäokommune, die Gleichsetzung von Kommunisten und Juden. Wie bei allen Vorurteilen handelte es sich auch hierbei um verzerrte und selektive Wahrnehmungen sowie deren unterschiedslose Zuschreibung auf eine ganze Gruppe. Die Attraktivität des Kommunismus als internationaler, nichtreligiöser Ideologie lag für Juden nun gerade im Gegensatz zu den Nationalbewegungen, die die Juden ausschlossen.

Und so herrschte unter den jüdischen Gemeinden Osteuropas große Angst – und ebenso Wut auf die Mörder und das weitgehende Versagen von staatlicher Ordnung und Schutz. In der Perspektive der Generäle waren allerdings nicht ermordete Juden das Problem, sondern höchstens der mit den Morden einhergehende moralische Verfall der Soldaten. Exemplarisch stehen dafür Ereignisse in Minsk, das die Polen am 8. August 1919 erobert hatten. Nach ihrem Einmarsch um 11 Uhr begannen erste Einheiten um 16 Uhr damit, jüdische Wohnungen und Geschäfte zu überfallen. Gegen Abend waren 32 Tote zu beklagen und das Rauben nach wie vor im Gange. General Stanisław Szeptycki schickte zum Schutze der Juden andere Truppen in die Stadt, die von ihren Kameraden beschossen wurden – es gab vier weitere Tote und neun Verletzte. Dieses Ereignis war der Grund für eine standgerichtliche Untersuchung, die sechs Todesurteile aussprach. Anzeichen für jüdische Angriffe auf polnische Soldaten stellte sie nicht fest, dafür registrierte sie aber 376 geplünderte Geschäfte, die fast alle Juden gehörten.

Vergleichsweise sicher waren Juden nur dann, wenn es nicht zu Herrschaftswechseln kam. Aber Frieden blieb 1919 ein unrealistischer Traum. Der polnische Konflikt mit den Bolschewiki war zwar in eine ruhigere Phase eingetreten, dafür hatte sich die Ukraine zum Schlachtfeld entwickelt. Dort lieferten sich „Weiße“ und „Rote“ im russischen Bürgerkrieg erbitterte Kämpfe und konnten sich höchstens darauf einigen, dass es keinen ukrainischen Staat geben sollte. Die Anfang 1918 ausgerufene Ukrainische Volksrepublik in Kiew fand sich deshalb zwischen Hammer und Amboss wieder. Ihr Führer Symon Petljura hatte im Mai 1919 einen Waffenstillstand mit Polen schließen und deren Sieg über die Westukraine anerkennen müssen. Das brachte ihm innenpolitisch den Vorwurf des Verrats ein, und außenpolitisch blieb substantielle Unterstützung aus, weil die Westmächte seine wechselnden Bündnisse mit „Weißen“ und „Roten“ nicht goutierten.

Expedition nach Kiew

Petljuras Soldaten waren militärisch zu wenig zu gebrauchen; sie plünderten, desertierten zu Hunderten und machten eher mit ihrer Gewalt gegen Zivilisten als mit Siegen auf dem Schlachtfeld von sich reden. Der Präsident blieb weitgehend ohne echte Autorität und war in dieser Hinsicht die passende Symbolfigur einer uneinigen und wenig schlagkräftigen Nationalbewegung.

Im Dezember 1919 war Petljuras Machtbereich auf drei Eisenbahnstationen geschrumpft. Mit nurmehr 6000 Soldaten verbündete er sich mit Polen, das ein großes Interesse an einem ukrainischen Staat als Puffer zwischen sich und Russland hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Polen gegen die Bolschewiki militärisch erfolgreich gewesen, aber in die Knie zwingen konnten sie sie nicht. Was Piłsudski vorschwebte, kennt die polnische Geschichte als „Expedition nach Kiew“ – der militärische Vorstoß in die Ukraine im April 1920. Anfänglich zahlten sich die präzisen Vorbereitungen zusammen mit dem Überraschungseffekt aus: Am 3. Mai ritten polnische Kavalleristen im Norden von Kiew in die Stadt ein.

Die Aufklärer waren auf keinen Widerstand gestoßen und beschlossen, auf die Straßenbahn umzusteigen und die Lage weiter zu erkunden. Sie fuhren in Richtung Zentrum weiter und nahmen an einer Haltestelle einen russischen Offizier gefangen. Drei Tage später verließ die sowjetische 12. Armee die Stadt und zog sich auf das östliche Ufer des Dnjepr zurück. Am 7. Mai war Kiew zum ersten Mal seit mehr als 250 Jahren wieder in polnischem Besitz – die Einwohner erlebten den 15. Herrschaftswechsel in nur drei Jahren.

Es war ein typischer Sieg in den Kämpfen nach dem Weltkrieg. Getragen von der Kavallerie und ausgeführt von einer Truppe, die von den Millionenheeren der Kaiserreiche weit entfernt war: Polen konnte zwischen Baltikum und Karpaten in jenen Tagen annähernd 9000 Offiziere und 300 000 Mannschaften ins Feld führen, dazu noch 85 000 Pferde. Aber gerade einmal die Hälfte dieser Männer galt als kampfbereit, und selbst von denen nahmen nur etwa 60 000 an der Offensive teil. Eine solche Taktik war an der waffenstarrenden Ostfront des Ersten Weltkriegs undenkbar. Doch nach 1918 gelang es immer wieder, nicht besonders beeindruckende Kräfte an einem kleinen Abschnitt zu bündeln und dann die gegnerischen Reihen zu durchbrechen. Freilich hatten die Polen die über tausend Kilometer lange Front mit Russland nur an einer Stelle angegriffen und einen Keil von oft nicht einmal 50 Kilometer Breite vorangetrieben.

Doch Kiew erwies sich als Sackgasse. Piłsudski wollte sich an der Seite von Petljuras Männern als Befreier inszenieren, aber die ukrainische Bevölkerung durchschaute schnell die wahren Machtverhältnisse und blieb skeptisch. Zu einer Volkserhebung kam es nicht, und die rekrutierten knapp 25 000 Mann sollten nicht in der Lage sein, den Bolschewiki mehr als nur wenige Tage zu widerstehen. Zugleich profitierten diese in der Heimat von einer Welle des Nationalismus: Kiew galt als Keimzelle russischer Staatlichkeit und der Verlust dieser Stadt als Tragödie, die ein Zusammenstehen gegen den polnischen Erbfeind verlangte.

Schon einen Monat später mussten die Polen ihre Eroberung preisgeben. „Sie sehen, ich habe mich geirrt“, kommentierte Piłsudski offenherzig im Juni 1920 gegenüber einem englischen Beobachter seine „Expedition“. Es war ein durchaus tragischer Irrtum, der die ukrainische Unabhängigkeit für die nächsten 70 Jahre beendete und zudem der Roten Armee eine ungeahnte Offensive ermöglichte. Denn nicht nur in Kiew rückte sie vor, sondern vor allem im östlichen Belarus, wo mit dem erst 27 Jahre alten Michail Tuchatschewskij ihr wohl fähigster Stratege das Kommando übernommen hatte. Wie Piłsudski verharrte er nicht in der überkommenen Doktrin der Schützengräben, sondern setzte ganz auf den Bewegungskrieg. In jenem Sommer 1920 befehligte er knapp 200 000 bewaffnete Kämpfer; wie in Polen gab es längst nicht für jeden Soldaten auch ein Gewehr.

Das Ziel war Warschau, und Piłsudskis demoralisierte Truppe konnte den Bolschewiki auf einem epischen Rückzug von beinahe 600 Kilometern wenig entgegensetzen. Natürliche Hindernisse gab es kaum, und so wurde die Weichsel nördlich der polnischen Hauptstadt erreicht, ohne dass es bis dahin eine entscheidende Schlacht gegeben hätte. Die Lage für Polen schien aussichtslos. Doch wie die Einnahme Kiews durch die Polen bei den Bolschewiki, so führte die Bedrohung durch die Sowjets auch in Polen zu einem Schulterschluss. Eine Allparteienregierung unter Wincenty Witos versammelte sich hinter Piłsudski und gab ihm freie Hand. Der wiederum ignorierte einmal mehr den Rat seiner Generäle und vor allem der französischen Militärmission, die auf eine passive Verteidigung drängten und dabei auf die Erfahrungen der Westfront des Ersten Weltkriegs verwiesen.

Stattdessen setzte Piłsudski auf einen riskanten Gegenschlag südöstlich von Warschau. Er wollte auf der Höhe von Dęblin die Weichsel überschreiten und dem Gegner in die Flanke fallen. Das war militärisch rational und gewissermaßen alternativlos, denn die Rote Armee drohte ihrerseits mit der Umgehung der Hauptstadt von Norden. Die Schlacht würde derjenige für sich entscheiden, der zuerst mit der Einkesselung begann. Ein Vabanque-Spiel war Piłsudskis Idee trotzdem, denn weitere rund 100 Kilometer östlich von Dęblin standen bereits die Spitzen von Semjon Budjonnyjs Roter Reiterarmee. Diese schnellen Einheiten stellten eine ernsthafte Bedrohung für die Flanken der angreifenden Polen dar.

Alles auf eine Karte gesetzt

In Warschau war man sich der Gefahr bewusst. Das diplomatische Korps wurde nach Posen evakuiert, viele Einwohner flohen aufs Land, aber noch mehr meldeten sich als Freiwillige für Schanzarbeiten, darunter viele Juden. Und so entstand tatsächlich eine Art Schützengrabensystem vor der Hauptstadt. In Radzymin, einem nordöstlichen Vorort von Warschau, bestand es am 15. August 1920 seine Bewährungsprobe: Die Verteidiger hielten in verlustreichen Kämpfen stand. Zugleich lief die Gegenoffensive an, während sich die Rote Reiterarmee in zähe Gefechte mit polnischen Kavallerieverbänden verwickelte und bei Zamość gestoppt wurde. Piłsudski hatte einmal mehr alles auf eine Karte gesetzt – und gewonnen.

Als „Wunder an der Weichsel“ sollte dieser Sieg in die Geschichte eingehen. Das war zunächst aber kein Ausdruck der Hochachtung für den Marschall Piłsudski, sondern ganz im Gegenteil ein Diffamierungsversuch seiner Gegner von der Nationaldemokratie: Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass es allein dank Gottes Hilfe gelungen sei, die Bolschewiki abzuwehren. Es wurde die Legende verbreitet, in der Schlacht von Radzymin – am katholischen Feiertag Maria Himmelfahrt – sei Maria, die Patronin Polens, in einer feurigen Wolke über dem Schlachtfeld erschienen und habe die Rotarmisten in Konfusion gestürzt. Erst in späteren Jahren erlangte Piłsudskis Lager die Diskurshoheit über den Begriff und deutete das „Wunder“ zum Feldherrngenie um.

Polen war gerettet. In den folgenden Monaten zog sich die Rote Armee weit nach Osten zurück, bis es im Oktober 1920 zum Waffenstillstand und am 18. März 1921 zum Frieden von Riga kam. Er legte die Grenzen Osteuropas in der Zwischenkriegszeit fest. Lenin bestand auf der Souveränität Litauens sowie der Anerkennung von Belarus und der Ukraine als Sowjetrepubliken, offerierte im Gegenzug aber Wilna und beträchtliche Territorien jenseits der immer wieder von den Engländern ins Spiel gebrachten Curzon-Linie, die im Wesentlichen der heutigen Ostgrenze Polens entsprach. In Warschau traf das auf die Zustimmung besonders der Nationaldemokraten, die darin ganz zu Recht ein Ende von Piłsudskis Ideen einer raumgreifenden Föderation erkannten.

Derartige Phantasien scheiterten aber nicht nur an der geopolitischen Situation, sondern auch an den entstandenen Feindschaften in der Region: Polen hatte gegen fast jeden seiner Nachbarn erfolgreich Krieg geführt, was ihm wenig Freunde einbrachte. So fand sich das Land zwar als Hegemon in Ostmitteleuropa wieder, aber auch allein zwischen den übermächtigen Gegnern Deutschland und Russland.

Die Curzon-Linie als Ostgrenze Polens

Zu einem gemeinsamen Revisionismus und der Zerschlagung Polens durch diese beiden Mächte sollte es 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt kommen, als Deutschland sowieso einen Krieg gegen seinen Nachbarn führen wollte. Für Stalin war das auch eine Revanche für die Niederlage 1920, denn dafür war er, der Politkommissar der Reiterarmee, verantwortlich gemacht worden: Lenin, der die Offensive selbst angeordnet hatte, suchte eine Ausrede für die Niederlage vor Warschau und fand sie in der mangelnden Unterstützung seiner Südostfront für Tuchatschewskij. An ihm rächte sich Stalin 1937 und ließ ihn im Großen Terror als einen der Ersten ermorden. Als der Zweite Weltkrieg gewonnen war, setzte der Diktator doch noch die Curzon-Linie als Ostgrenze Polens durch: Churchill könne doch nichts gegen eine Grenze haben, die die Engländer selbst einmal vehement propagiert hatten.

So leicht wie Stalin in der Sowjetunion fiel es den polnischen Kommunisten nach 1945 nicht, Geschichte ungeschehen zu machen. Piłsudski, der glühende Nationalist, der ein Land in ganz anderen Grenzen als denen von 1945 erfochten hatte, durfte dennoch nicht mehr als Held firmieren. Für die Gegner des Staatssozialismus wiederum war es geschichtspolitisch höchst attraktiv, das Bild des Pater Patriae mit dem des Siegers über die Rote Armee, den Kommunismus und Russland zu verschmelzen. Auf diese Weise trat der Deutungsstreit über den polnisch-sowjetischen Krieg in eine neue Phase.

Diese Interpretationslinie ist bis heute dominierend. Piłsudskis „Wunder an der Weichsel“ war demnach ebenso sehr heldenhafte Selbstrettung Polens wie die Bewahrung ganz Europas vor dem Bolschewismus. Der Krieg wird in dieser Sichtweise zur reinen Verteidigung gegen einen bösartigen Aggressor. Der Regisseur Jerzy Hoffman zelebrierte diese Auffassung 2011 in seinem 3D-Blockbuster „1920 Bitwa Warszawska“ (deutsch: „1920 – Die letzte Schlacht“) als kitschige Liebesgeschichte inmitten blutig-religiöser Gemetzel. Statt des Aufeinanderprallens von Nationalismus und Sozialismus, der beiden bestimmenden Ideologien des 20. Jahrhunderts, wurde der Kampf von Freiheit und Demokratie gegen Tyrannei und Unterdrückung bejubelt.

Doch gekämpft und mit knapper Not gesiegt hatten die Polen vor Warschau einzig für sich selbst. Zwar leuchtete „hinter der Leiche des Weißen Polens . . . die Straße eines weltweiten Flächenbrands“ – so Tuchatschewskijs Angriffsbefehl –, aber das blieb ein Moskauer Wunschtraum. Obwohl sich Lenin und seine Genossen im Sommer 1920 noch nicht von der Weltrevolution verabschiedet hatten, erscheint die Vorstellung eines militärischen Erfolgs gegen Deutschland utopisch; selbst die geschwächte Reichswehr hätte mit dieser Roten Armee leichtes Spiel gehabt. Eines Volksaufstands zur Unterstützung hätte es mindestens bedurft, aber der unterblieb bereits in Polen.

Siege und Träume

Bei der Verklärung des Krieges treten auch die damalige Kriegsmüdigkeit, die innenpolitischen Debatten und der Missbrauch der „kleinen“ Leute für „große“ Ziele in den Hintergrund. Der nationale Schulterschluss und starkes Militär gelten heute wieder als notwendig angesichts des nach wie vor bedrohlichen Jahrhundertfeindes im Osten. Moskau wiederum fordert eine Debatte über die Zahl der damals in polnischer Gefangenschaft gestorbenen Rotarmisten, spricht von polnischen Konzentrationslagern und führt bis zu 80 000 – wohlgemerkt aktiv – angeblich ermordete Soldaten ins Feld. Tatsächlich geht es dabei vor allem um eine Art Aufrechnung der stalinistischen Morde an den polnischen Eliten in Katyn 1940, weshalb Russland als Minimum 22 700 Opfer nennt, entsprechend der Zahl der dort Ermordeten. Einmal mehr wird damit eine Verbindung mit dem Zweiten Weltkrieg hergestellt, wobei die Instrumentalisierung das traurige Schicksal der Tausenden Toten überdeckt und diskreditiert.

2018 zeigte ein offizielles Plakat zu den Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit die von Piłsudski erkämpften Staatsgrenzen, so wie sie bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand hatten. Sie verschwimmen mit der Gestalt des heutigen Polens und künden von verlorenen Siegen und vom Traum von den Kresy, den verlorenen polnischen Ostgebieten. Eine Siegessäule für die Schlacht um Warschau ist geplant – nachdem ein noch monumentalerer Triumphbogen in der Weichsel verworfen wurde –, wird aber in diesem Jahr nicht mehr fertig. Nach wie vor ist der polnisch-sowjetische Krieg von zentraler Bedeutung für Verständnis und Selbstverständnis unserer Nachbarn.

Quelle: F.A.Z.
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