Vor Corona

Robinson Crusoe: Der Mythos der Englishness

Von Benedikt Stuchtey
28.05.2019
, 15:23
„Robinson Crusoe“, im April 1719 erschienen, war der erste moderne, realistische Roman in englischer Sprache. Daniel Defoes Protagonist gab darin einer Haltung ein Gesicht, die bis heute das Selbstverständnis der Briten prägt. Ein Gastbeitrag aus dem Mai 2019.
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Als Boris Johnson im November 2016 ankündigte, der Brexit werde ein „Titanic success“, hätte der seinerzeitige Außenminister ahnen müssen, dass er sich mit diesem Bild zum allgemeinen Gespött machen würde. Josh Pappenheims satirischer Kurzfilm ließ nicht lange auf sich warten. Mit Ausschnitten aus dem Katastrophenfilm „Titanic“ (1997) stellte er die für den Brexit Hauptverantwortlichen Boris Johnson, David Cameron und Michael Gove an das Ruder des sinkenden Schiffs, während Theresa May und Nigel Farage wie Schatten einen gespenstigen Hintergrund bildeten. Währenddessen spielte Jeremy Corbyn teilnahmslos auf einer Geige, als ginge den Labour-Führer der Untergang gar nichts an.

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Ein zutreffenderes Bild als das des Schiffbruchs ist kaum denkbar. Betrachten dessen Zuschauer gebannt das Geschehen, kämpfen einige Protagonisten verzweifelt gegen den Untergang, während andere es ablehnen, für diesen Verantwortung zu tragen. Das Staatsschiff beziehungsweise seine angebliche Befreiung ist also alles andere als ein „titanischer Erfolg“, es ist vielmehr von den Politikern als seiner Besatzung einer großen Katastrophe entgegengesteuert worden. Nun entzieht sich das Unabwendbare endgültig aller Kontrolle. Auch die Titanic, die als unsinkbar galt, war nicht davor gefeit.

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Hans Blumenberg hat diesen Schicksalsmoment der Überlebenskrise als Daseinsmetapher gedeutet. Bitterer könnte die Krise lediglich sein, wenn sie keine Zuschauer hätte. Aber im Fall des Brexits wird man einen Mangel an Anteilnahme durch die Weltöffentlichkeit nicht beklagen können. Das nautische Sinnbild des Staatsschiffs eignet sich vortrefflich für eine einem Kontinent vorgelagerte und ozeanischen Kräften ausgesetzte Insel – das thematisierten schon Francis Bacon in „New Atlantis“ (1627) und James Harrington mit seinem „The Commonwealth of Oceana“ (1656). Präziser jedenfalls als die Metaphern vom (Staats-)Haus oder vom (Staats-)Körper, unterstreicht auf einer Insel, deren Städte mehrheitlich entweder an der Küste oder mit direktem Meerzugang gegründet wurden, das Bild vom Schiff die britische maritime Erfassung der Welt. Es stellt zudem die Überflüssigkeit von Stadtmauern heraus, worin sich Großbritannien vom Rest Europas unterscheidet.

Historische Sonderrolle durch geographische Lage

Das Meer ist somit nicht Hindernis, sondern Brücke, doch gegebenenfalls auch Schicksal. Im zweiten Akt von „Richard II“ (1597) spricht John of Gaunt die vielzitierten Zeilen: „This precious stone set in the silver sea.“ Indem Shakespeare aus der geographischen Lage eine historische Sonderrolle ableitete, fügte er geradezu visionär die Britischen Inseln unmittelbar in die kommende Kolonialgeschichte ein. Denn auch der Expansionsprozess des Empires vollzog sich in erster Linie über Inseln – ob Irland, Malta oder Zypern; Jamaika, Barbados, Bermuda und Trinidad; Australien und Neuseeland; Ceylon, Singapur und unzählige mehr.

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Wer im selben politischen Boot saß, solidarisierte sich zu einer Interessensgemeinschaft, die den Stürmen des Weltgeschehens die Stirn bot. Oder die als „Britannia“ ihrer Mission gerecht werden musste, wenn sie die Wellen der Meere regierte. Der Schotte James Thomson hatte die berühmten Verse „Rule Britannia!“ vermutlich erstmals 1740 veröffentlicht. Nur zwei Jahrzehnte davor war Daniel Defoe mit einem Roman an die Öffentlichkeit getreten, der in diesen Tagen englische Konstanten in Erinnerung ruft: die Seefahrt und die Insel als Orte der Bewährung.

„Robinson Crusoe“, erstmals im April 1719 erschienen und seitdem unzählige Male überarbeitet, übersetzt und nachgeahmt, war der erste moderne, realistische Roman in englischer Sprache. Schon zu seiner Zeit war ihm ein erstaunlicher Erfolg beschieden. Als Prototyp dienten Defoe die Erlebnisse des Seemanns Alexander Selkirk. Kapitän Woodes Rogers hatte ihn von der isolierten Pazifikinsel Juan Fernández gerettet und daraus die aufsehenerregende Geschichte „Cruising Voyage Round the World“ (1712) gemacht. Defoe wird Selkirk, der nur selten in London, meist auf hoher See lebte, persönlich nicht gekannt haben. Aber er erfasste die Bedeutung des Authentischen, um in das Sensationelle seiner Crusoe-Geschichte Glaubwürdigkeit und Seriosität einzuspeisen.

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Die äußere und innere Natur bezwingen

Reiseliteratur und Predigten bedienten zu dieser Zeit den Geschmack der lesenden Öffentlichkeit. Begannen die Erzählungen mit einer Charakterbeschreibung des rastlosen Sohnes, den es in die weite Welt getrieben hatte, so steuerten sie in der Regel auf einen besinnlichen Moment etwa einer religiösen Bekehrung zu. Auch Crusoes Moment war der des Urteilens und Auswählens seiner verschiedenen Optionen und der des Ringens mit seinem Schicksal. Weil er es akzeptierte, wie es war, so lautete die Botschaft des Romans, wurde er daran stärker. Defoe betonte, dass er nicht Fiktion, sondern einen echten Tatsachenbericht vorlege. Mithin sei er nur Berichterstatter, nicht Dichter. Der Roman in Form der Reportage legte es seinen Lesern zwar nicht nahe, Abenteurerlust und das Rettende zwangsläufig in Verbindung zu sehen. Doch wo die Gefahr war, wuchsen sie beide auch.

„True-born Englishman“: Der Schriftsteller Daniel Defoe in einem undatierten Stich
„True-born Englishman“: Der Schriftsteller Daniel Defoe in einem undatierten Stich Bild: dpa

Wie man bereits im Untertitel erfuhr, hatte Robinson Crusoe über 28 Jahre lang nach einem Schiffbruch allein auf einer unbewohnten Insel vor der amerikanischen Küste gelebt. Alle andern Besatzungsmitglieder waren bei dem Unglück ums Leben gekommen. Ihm aber war es gelungen, aus dem Schiffswrack Kleidung und Werkzeuge, Schusswaffen und Munition zu bergen. Dabei hatte der ehemalige Sklavenhändler, der sich auch selber als Sklave verdingt hatte, so manches in seinem Leben erlebt und unter anderem in Brasilien eine ertragreiche Plantage gegründet. Aber im Unterschied zu seinem Vater, einem aus Bremen stammenden Kaufmann namens Kreutznaer, den Defoe englisch als Crusoe verballhornte, war die Sicherung wirtschaftlichen Wohlstands nicht seine Sache gewesen.

In der nun schier hoffnungslosen Lage wusste sich der Schiffsbrüchige gleichwohl zu helfen. Crusoe baute ein Haus und ein Boot, begann damit, minutiös Tagebuch zu führen, und zähmte Ziegen. Er lernte sein Schicksal anzunehmen und die äußere Natur wie die eigene innere zu bändigen. Die Gewalt des Gegenteils begegnete ihm in den Kannibalen, die der Insel regelmäßig ihren Besuch abstatteten. Weil er eines ihrer Opfer retten konnte, es Freitag nannte und zum Diener und gläubigen Christen erzog, praktizierte Crusoe die Zivilisierungsmission, die dem Kolonialismus in eigener Lesart seine Legitimität verlieh. Im überschaubaren Raum der Insel nicht weniger als im weltweiten der Expansion war der Einzelne dazu aufgerufen, tatkräftig und gottgefällig die Zivilisierung der Menschheit voranzutreiben. Er tat dies physisch und mental diszipliniert, geborgen in einem unerschütterlichen Gottvertrauen und einem philanthropischen Idealismus.

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Charakterbildung unter extremen Bedingungen

Ohne ideologisch geprüftes Rüstzeug tat er dies nicht. Denn die Charakterausbildung fand im Moment des Extremen statt. Die puritanische Ethik aus Pflichterfüllung, paternalistischer Fürsorge, Zähigkeit und Ausdauer, hoher Opfer- und Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortlichkeit, elitärem Herrschaftsverständnis bis hin zu asketischer Naturnähe, Enthaltsamkeit und Selbstlosigkeit bildete das Fundament für das symbolische Kapital und den Habitus, an dem sich das Personal des noch jungen britischen Empires zu orientieren hatte: auf den Nenner gebracht war dies „Englishness“, oder in einer Worterfindung Daniel Defoes aus dem Jahr 1701 der „true-born Englishman“.

Englishness, vornehmlich in maskuliner Form, wird seitdem bevorzugt mit dem Kolonialreich assoziiert. Der charakterstarke, elitäre, charismatische, von einem sendungsideologischen Selbstverständnis getragene, Führungsstärke bekräftigende, zu Höherem qualifizierte, in franziskanischer Selbstverleugnung und im Dienst der Sache sich allen Widrigkeiten stellende, oftmals sich selbst überlassene und fortwährender Bewährung ausgesetzte Einzelne: ob als District Officer, Siedler, Missionar, Forschungsreisender oder Grenzkämpfer an der Front zwischen Zivilisation und Wildnis, das Empire kultivierte in Person dieser Gentlemen die Tugend des evangelikalen Pflichtbewusstseins.

Historisch betrachtet, ist Robinson Crusoe nicht allein. Die Englishness hat mehrere Gesichter, darunter Robin Hood und der Heilige Georg. Robin Hood nahm von den Reichen und gab den Armen, er versinnbildlichte den prozesshaften Kampf für Gerechtigkeit, der nie abgeschlossen sein kann – auf die Gegenwart bezogen beispielsweise für ein besseres Gesundheitswesen (NHS), ein gerechtes Bildungssystem, bezahlbaren Wohnraum, ausreichende soziale Infrastruktur, die Unterstützung der Stahlindustrie von Yorkshire. St. George tötete den Drachen. Damit besiegte er in einer einmaligen Aktion einen mächtigen Gegner, der indes der englischen Geschichte in Gestalt der spanischen Armada, von Napoleon in Waterloo und Nazideutschland mehrmals wiederkehrte. Gegenwärtig heißt Georges Drachen „Brüssel“. Englishness ist also sowohl ein Prozess dauerhafter Verteidigung eigener Interessen als auch ein Moment heroischen, am Ende siegreichen Kampfes.

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Grundlegung der natürlichen Rechte aller Bürger

Der Brexit hat beide Facetten, Prozess und Situation, und er mahnt an Robinson Crusoes Schicksal. Nach nahezu drei Jahrzehnten gelang es nämlich dem Schiffbrüchigen, einen Kapitän vor seinen meuternden Matrosen zu schützen, die ihn auf Robinsons Insel aussetzen wollten. Die Gelegenheit, den Bewährungsraum der Insel mit seiner unerbittlichen Erfahrung der Einsamkeit zu verlassen, war gegeben, indem der Kapitän ihn zum Dank mit nach England zurücknahm, wo Crusoe eine Familie gründete und von wo aus er in späteren Jahren nach Indien, China und Russland reiste. Auch kehrte er an seine alte Wirkungsstätte zurück, um ordnend in die miteinander rivalisierenden Sozialstrukturen des mittlerweile entstandenen Inselstaats einzugreifen. Weder hatte er die Vorstellung von der Fähigkeit des Menschen zur Vervollkommnung noch diejenige vom individuellen gesunden Menschenverstand preisgegeben, auch nicht angesichts der immer wieder nahenden Aussichtslosigkeit seines Schicksals. Das machte Robinson Crusoe und prinzipiell seitdem die Robinsonaden so erfolgreich. Wer von ihnen lernen wollte, wollte die exemplarische Natur eines Einzelnen und seine pragmatische, nüchterne Art nachahmen.

Aber: Wie viel Mythos steckt letzten Endes in diesem Bild? Und wie viel Humor hatte Defoe, der Satiriker, der wie sein Zeitgenosse Jonathan Swift in „Gullivers Reisen“ (1726) einen Schiffbruch zum Ausgangspunkt der Erzählung machte, in die abschließenden „Serious Reflections“ einfließen lassen? Nicht selten mit einem Fuß im Gefängnis, hatte Defoe, der die Autorität der anglikanischen Staatskirche nicht anerkannte, außer mit zahlreichen Büchern und dem wunderbaren Reiseführer „Tour Through the Whole Island of Great Britain“ (1724) durch seine politischen und religiösen Pamphlete auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Lektüre lohnt sich nach wie vor.

Im Hintergrund des Romans stehen ebenfalls die politischen Krisen des 17. Jahrhunderts. Die Jahre, die Crusoe auf der einsamen Insel verbracht haben soll (1658 bis 1687), reichen von Oliver Cromwells Protektorat bis zum Vorabend der Glorreichen Revolution. Dies waren Jahre eines fast dauerhaften Konflikts zwischen Parlament und Krone und einer pointierten intellektuellen Öffentlichkeit, zu der John Locke mit seiner Verfassungstheorie maßgeblich beitrug. In der Restauration galten überdies die religiösen Gräben als nahezu unüberwindlich.

Robinson und Freitag auf einem Druck aus dem Jahr 1875: Ethik aus Pflichterfüllung und Ausdauer, elitärem Herrschaftsverständnis und paternalistischer Fürsorge, Naturnähe, Selbstlosigkeit und Enthaltsamkeit
Robinson und Freitag auf einem Druck aus dem Jahr 1875: Ethik aus Pflichterfüllung und Ausdauer, elitärem Herrschaftsverständnis und paternalistischer Fürsorge, Naturnähe, Selbstlosigkeit und Enthaltsamkeit Bild: Picture-Alliance

Defoe begrüßte die Stärkung des Protestantismus durch William III. und hatte – wie John Locke – Robert Filmers Rechtfertigung des Gottesgnadentums („Patriarcha, or, The Natural Power of Kings“, 1680) vehement bekämpft. Crusoes quasimonarchische Stellung als die eines absolutistischen Alleinherrschers auf der Insel war zeitlich begrenzt. Dass er sie freiwillig beendete, um in die Zivilisation zurückzukehren, war erstens seiner Einsicht in ihre Unrechtmäßigkeit geschuldet. Zweitens setzte er politisch um, was sich ihm als theologisches Argument ausgebreitet hatte, mithin die Erkenntnis, dass die Schöpfung nicht dem Einzelnen, sondern dem ganzen Menschengeschlecht geschenkt worden war. Anders gewendet, bereiteten die Verteidiger der parlamentarischen Souveränität nicht nur die Abwehr einer katholischen Thronfolge vor, sondern die Grundlegung der natürlichen Rechte aller Bürger.

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Defoe und mit ihm seine Romanfigur Crusoe wäre nicht ein großer Verehrer Lockes gewesen, wäre er nicht auch dem Argument der „Two Treatises of Government“ (1689) gefolgt, demzufolge die rechtmäßige Aneignung von Land die Konsequenz von dessen Bearbeitung abbildete. Nützlich sei die Natur für den Menschen lediglich, wenn er sie sich aneigne. Bevor Crusoe auf die Insel kam, war er ein Händler und Plantagenbesitzer gewesen. Erst sein neues Leben machte ihn zum Siedler und Bauern, zum Bäcker und Zimmermann. Die Praxis entzauberte die Utopie. Die alltägliche Erfahrung kolonialer Herrschaftspraxis war hierin sehr ähnlich.

Bedrohungen und Unsicherheiten als Alltäglichkeit

Vermeintlich unberührtes Land in der neuen Welt zu bestellen ging der Reproduktion der heimischen gesellschaftlichen und politischen Ordnung voraus, bevor diese um das Unbekannte, Fremde und zu Zivilisierende erweitert wurde. Doch Crusoes Kolonialismus war nur ein begrenzter, denn die nicht zuletzt für das frühe 18. Jahrhundert entscheidende Komponente des Kolonialhandels ist in dem Roman nicht vorhanden. Daniel Defoe ist der Vorwurf gemacht worden, koloniale Ideologien zu propagieren. Dieser Blick greift jedoch ebenso zu kurz wie die angebliche Fortführung des Imperialen in der aktuellen Brexit-Debatte.

Kolonialismus in der Erzählung von Robinson Crusoe ist mitnichten eine kohärente Angelegenheit. Vielmehr zeigte Defoe deutlich, dass die bis in die Gegenwart so gerne in Anspruch genommene, vorgebliche Selbstverständlichkeit der Expansion nicht existierte, dass das „Wilde“ der Kannibalen menschliche Züge trug und dass sich der Kolonialherr Crusoe in seinem kleinen Reich lange Zeit verloren, von der Natur überwältigt, hilflos und verwundbar bewegte. Mit anderen Worten: die Normalisierung der Alltagspraxis ging mit der Veralltäglichung von Bedrohungen und Unsicherheiten verschiedenster Art einher. Die Ordnung, die Crusoe sich schuf, ist vergleichbar mit der Ordnung, mit der das Empire nachträglich rationalisiert wurde.

Und es empfahl der Nonkonformist Defoe die vollständige und rücksichtslose Unterdrückung aller Nonkonformisten, um die Absurdität der Intoleranz anzuklagen. Auch Robinson Crusoe verkörperte das Programm einer Selbstmissionierung, mit der Seefahrt und Insel zu Instrumenten der Beobachtung der Unvollkommenheit und ihrer Überwindung wurden. Die legitime Inbesitznahme der Insel begründete sich bei Crusoe mit seiner gottgefälligen Arbeit auf der Insel und ihrer Bewirtschaftung, für die der Schiffbrüchige Werkzeuge aus dem Schiffswrack zur Verfügung hatte. Hatte er die Insel anfangs als sein Gefängnis wahrnehmen müssen, so wurde sie durch seine Arbeit zu einem großen Garten, hierin dem Garten Eden ähnlich, wie ihn John Milton in „Paradise Lost“ (1674) in kaum zu überschätzender Wirkung auf seine Zeitgenossen dargestellt hatte. Doch das Materielle, die physische Natur, die soziale und politische Botschaft, schließlich das Ökonomische und die vielen Objekte, von denen dieser Roman so reichhaltig erzählt, sind nur das eine.

Das andere ist die geistige Note. Beobachter des Brexits haben seit langem darauf hingewiesen, dass der aktuelle Loslösungsprozess der Britischen Inseln nicht lediglich politische, wirtschaftliche und administrative Aspekte aufwirft. Im Machtkampf zwischen Regierung und Parlament geht es auch um die genuin selbstreflektierende Auseinandersetzung über die staatstheoretischen Traditionsbestände des Verfassungssystems. So problematisch die Begriffe sind: Es geht auch um eine Geisteshaltung und um Identität, nicht lediglich um finanzielle und materielle Antworten. Das macht das Problem – Robinson Crusoe vergleichbar, wie er sich auf seiner Insel wie ein Pilger bewegte – noch komplizierter. Aus dieser Perspektive ist überall Übersee, und schließlich begann ja Crusoes Geschichte als ungehorsamer Sohn damit, sich gegen den Willen des Vaters den Herausforderungen der Neuen Welt stellen zu wollen.

Sondern gewissermaßen auch unzeitgemäßer. Während mit der Übergabe der Kronkolonie Hongkong an China im Jahr 1997 wohl endgültig „Rule Britannia“ verabschiedet wurde, setzte in der britischen Gesellschaft ein Mentalitätswechsel ein, der gewöhnlich unter dem Begriff „Cool Britannia“ fungiert. Im Zeichen von New Labour regierte Tony Blair in den folgenden zehn Jahren als Premierminister. Es galt als verstaubt, der Vergangenheit anzuhängen, man wollte dynamisch, modern, gleichsam „cool“, jedenfalls unsentimental sein. Auf diesem Weg wurde ein Großbritannien-Bild postuliert, das sich von der Vorstellung des „Merry Old England“ lossagte. Diese aber lässt sich mit den Befürwortern des Brexits assoziieren.

Man kann dies unter anderem damit erklären, dass Großbritannien politisch und ökonomisch zwar erfolgreich war, gesellschaftlich und insbesondere unter der traditionellen Anhängerschaft der Labour Partei aber erst eine Entfremdung, dann eine Spaltung einsetzte. Sie ist noch heute spürbar und etwa darin ablesbar, dass Jeremy Corbyns Kurs eine radikale Abkehr von der sozialliberalen und mediennahen Ordnung seiner Vorgänger darstellt. Unter ihm soll die Partei zu alten, überwunden geglaubten Ordnungen und Ordnungsvorstellungen zurückfinden. Ein ähnlicher Prozess ist bei den Konservativen zu beobachten, ist doch die Brexit-Krise im Kern eine Krise der Tories. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die mit „Englishness“ in Verbindung gebrachte Selbstverständlichkeit und Sicherheit, so sehr sie zuweilen selbstironisch, sogar exzentrisch, zuweilen rhetorisch gewesen ist, fundamental dem Gefühl des Verlustes gewichen ist. Aufgefangen wird dieser Verlust nicht rational, sondern spätestens seit dem Tod von Lady Diana 1997 sentimental bis hin zu trotzig-nostalgisch, um die angebliche Identität mit einer verklärten Erinnerung und Stereotypen alles „Englischen“ zu füllen.

„Englishness“ ist ein historisches Konstrukt

In der Gegenwart zu beobachten ist schließlich ein Verlust der Ironie. Indem sie Distanz schafft, erlaubt sie Identifikation. Die Kunst der Ironie, die sich bei Defoe und Swift so ausgezeichnet studieren ließe, scheint den aktuellen britischen Politikern im Zeichen der Europa-Tragödie abhanden gekommen zu sein. Schon George Mikes prognostizierte 1984 in seinem Buch „How to be a Brit“, England werde eines Tages keine selbständige Insel mehr sein, zu sehr komme die allmähliche Annahme des Dezimalsystems in Maßen und Gewichten einer nationalen Erniedrigung gleich.

Einer der Doyens des britischen Journalismus, Jeremy Paxman, leitet seine Leserinnen und Leser ebenfalls auf diese Spur. Er führt ihnen vor Augen, dass „Englishness“ ein zutiefst widersprüchliches historisches Konstrukt ist und London im Vergleich zum Rest der Britischen Inseln einen eigenen Kosmos bildet. Auch das Empire und die Monarchie, die stets eher zu Erinnerungsorten taugten als zu Problemlösern von Identitätskrisen, sind Symbolträger jenseits der Vernunft und Sinnbilder eines angeblichen britischen Exzeptionalismus. Das heute vielleicht irreparabel zerstörte Vertrauen zwischen Bevölkerung und Parlament flicken sie jedenfalls nicht.

Ob in Thomas Morus’ „Utopia“ (1516) oder in Robert Louis Stevensons „Treasure Island“ (1883): Das Inselmotiv verkörpert auch die Suche nach der politischen Alternative – bei More etwa die Kritik an den sozialen Missständen in Europa und die Auseinandersetzung mit einer idealen Form der politischen Herrschaft – sowie die Suche nach neuen Formen des Gemeinwesens. Kein See- und Abenteuerroman aber wird in der Spannung zwischen ehemaliger Geborgenheit und zukünftigem Ausgesetztsein ohne Seemannsjargon, Freibeutertum, Meutereien auf offenem Meer, Cholera an Bord, Schiffbruch und vielleicht am Ende doch dem Traum von einer Schatzinsel auskommen können.

Professor Dr. Benedikt Stuchtey lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Philipps-Universität Marburg.

Quelle: F.A.Z.
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