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Das vergessene Leid der Verschickungskinder

Von Anja Röhl
15.08.2021
, 21:22
Bei Sonne und gutem Essen sollten sie „von der Großstadtluft genesen“. Doch zahllose Kinder, die bis in die 1980er Jahre alleine zur Kur geschickt wurden, erlebten statt dessen psychische und physische Gewalt. Ein Gastbeitrag.
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Zwischen 1948 und Anfang der 1980er-Jahre sind in der alten Bundesrepublik vermutlich acht bis zwölf Millionen Kinder „verschickt“ worden. Sie waren zwischen zwei und vierzehn Jahren alt und verbrachten alleine, ohne ihre Eltern, meist sechs bis acht Wochen in Kindererholungsheimen und Kinderheilstätten. In den Alpen, in Salzbädern oder an Nord- oder Ostsee sollten sie „aufgepäppelt“ werden, hieß es, würden „bei Sonne, frischer Luft und gutem Essen von der Großstadtluft genesen“. Viele der Verschickungskinder haben jedoch Gewalt anstelle von Zuwendung, Erholung, Genesung und Regeneration erfahren. Im Abschlussbericht des Runden Tisches Heimerziehung 2010 ist diese Betroffenengruppe nicht erwähnt worden. Hinweise auf ihr Vorhandensein gab es damals aber schon.

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Seitdem ich 2009 einen Bericht über meine eigene Verschickung in einer Tageszeitung veröffentlicht habe, sind auf meiner Internetseite, die ich als Autorin betreibe, annähernd 400 Berichte von anderen Betroffenen eingegangen. Ich nahm Kontakt zu ihnen auf, trug umfangreiche Informationen zusammen und stellte diese mit der Möglichkeit für Vernetzung und Austausch im August 2019 auf einer Internetseite zur Verfügung (www.verschickungsheime.de). Kurz darauf gründete sich der Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung AEKV e.V.. Ein Fachkongress fand statt, aus dem die „Initiative Verschickungskinder“ hervorging. Seither haben auf der Internetseite Tausende von Betroffenen öffentlich Zeugnis über ihre als traumisch erlebten Verschickungen abgelegt.

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