FAZ plus ArtikelSexuelle Gewalt gegen Kinder

Was die geplanten Gesetzesänderungen bewirken können – und was nicht

Von Jörg M. Fegert
Aktualisiert am 04.09.2020
 - 17:26
Ein von der Polizei versiegelter Wohnwagen auf dem Campingplatz Lügde, Nordrhein-Westfalen.
Ein besserer Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch ist dringend erforderlich. Aber symbolische Reformen des Sprachgebrauchs oder des Strafrahmens bringen nichts. Ein Gastbeitrag.

Immerhin: Der Missbrauchsfall in Bergisch Gladbach hat vielen die Augen in Bezug auf die digital organisierte Seite dieser Kriminalität geöffnet. In einem Netzwerk, das von einer scheinbar gutbürgerlichen Familie ausging, ergötzten sich potentiell mehr als 30.000 Verdächtige daran, wie ein Vater seine Tochter von frühester Kindheit an missbrauchte. Ebenso erschüttert der jüngst angeklagte Münsteraner Fall einer ebenfalls organisierten sexuellen Ausbeutung von Kindern in der Familie mit Verkauf entsprechender Videos. Seit dem Fall Lügde, bei dem zahlreiche Kinder auf einem Campingplatz in einem Wohnwagen missbraucht wurden, steht auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) unter Beobachtung. Er scheint im Angriff auf das SPD-geführte Bundesjustizministerium die beste Verteidigung zu sehen. Seine Forderung allein nach Strafverschärfung schüttete gleich zu Beginn das Kind mit dem Bade aus, indem er solche Delikte des sexuellen Missbrauchs mit Mord verglich und postulierte, das Leben der betroffenen Kinder werde beendet „nicht physisch, aber psychisch“.

Nein, diese Kinder sind nicht tot. Sie müssen ihr Leben mit möglichen Folgen dieser Taten bewältigen, teilweise schaffen sie dies, zum Teil werden sie auch als erwachsene Betroffene noch Hilfe und Unterstützung in dieser Gesellschaft benötigen. Diese ist aber für viele Betroffene in Deutschland nicht gewährleistet. Nur einer kleinen Zahl stehen derzeit eine leitliniengerechte Frühintervention und Traumatherapie zur Verfügung. Damit werden Betroffene ein zweites Mal im Stich gelassen. Deshalb muss es bei einem Reformpaket primär um die betroffenen Kinder gehen – und es müssen die Auswirkungen von Reformen auf diese Kinder berücksichtigt werden.

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Quelle: F.A.Z.
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