150 Jahr Unfehlbarkeit

Die Erfindung des Katholizismus

Von Hubert Wolf
Aktualisiert am 18.08.2020
 - 12:46
Das (Un-)Heil nimmt seinen Lauf: Eröffnung des I. Vatikanischen Konzils am 8. Dezember 1869 im Petersdom
Vor genau 150 Jahren wurde während des I. Vatikanischen Konzils eine Behauptung als von Gott geoffenbarte Wahrheit ausgegeben, die bis dahin als falsch gegolten hatte: dass der Papst alleine unfehlbare Entscheidungen fällen könne. Ein nachgerade klassisches Beispiel für Identitätssicherung durch „invention of tradition“.

Unter Blitz und Donner wurde am 18. Juli 1870 eine neue Kirche geboren. 535 Kardinäle und Bischöfe gaben während des Ersten Vatikanischen Konzils einer nach dem anderen in der Petersbasilika ihre Stimme ab. Feierlich dogmatisierten sie die Unfehlbarkeit des Papstes und den Universalen Jurisdiktionsprimat, die höchste Rechtsgewalt des Pontifex, mit der er in jede Diözese hineinregieren kann. Als Papst Pius IX. damit begann, die Dogmatische Konstitution „Pastor aeternus“ zu verlesen, war aus dem Gewitter bereits ein heftiges Unwetter geworden. Und als er zum Text des eigentlichen Dogmas kam, wurde es im Petersdom plötzlich stockfinster. Der Papst musste die Verlesung unterbrechen. Erst als man ihm Kerzen gebracht hatte, konnte er fortfahren und als „von Gott geoffenbartes Dogma“ verkünden: Der Papst besitzt, wenn er seine höchste Autorität ausübt und ex cathedra spricht, die Vollmacht, Lehren, die sich auf den Glauben und die Moral beziehen, unfehlbar vorzulegen, weswegen sie von „der ganzen Kirche festzuhalten“ sind. „Solche Entscheidungen des römischen Bischofs sind aus sich selbst (ex sese), nicht aber aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich.“

Das Toben der Naturgewalten sorgte nicht nur in der Konzilsaula, sondern auch in der Öffentlichkeit für heftige Kontroversen. Die Argumente im Streit über die päpstliche Unfehlbarkeit, der das ganze Konzil dominiert hatte, wurden noch einmal zugespitzt: Die Gegner des neuen Dogmas deuteten die Finsternis als „Zeichen des göttlichen Zorns gegen die Vergötzung eines Menschen“. Der Himmel selbst habe dadurch die Proklamation des Unfehlbarkeitsdogmas verhindern wollen. Die Anhänger der Infallibilität fühlten sich dagegen auf den Sinai versetzt: So wie Gott dem Mose die Gesetzestafeln unter Blitz und Donner übergeben habe, so habe der Allmächtige die Wahrheit des neuen Dogmas bestätigt.

Die damals diskutierten Fragen sind immer noch aktuell. „Ist es möglich, bis zum 18. Juli etwas für unwahr und ab dann für wahr zu halten?“ So brachte Daniel Bonifatius von Haneberg, der Abt des Benediktinerklosters Sankt Bonifaz in München, auf den Punkt, wovon 1870 die Mehrzahl der katholischen Theologen und auch vier Fünftel der deutschen Bischöfe überzeugt waren. Schlicht als unwahr hatte bis dahin der Satz gegolten, dass der Papst allein, ohne Rückbindung an den einmütigen Konsens der Bischöfe und die Glaubensüberzeugung der ganzen Kirche, unfehlbare Entscheidungen fällen könne. Zu einem verpflichtenden Glaubenssatz konnte nach katholischer Überzeugung nur erhoben werden, was „immer, überall und von allen“ geglaubt wurde, wie es Vinzenz von Lérins im fünften Jahrhundert formuliert hatte. Davon war im Text des Unfehlbarkeitsdogmas keine Rede mehr. Die bislang notwendige Zustimmung der Kirche wurde sogar ausdrücklich ausgeschlossen.

Nach diesem 18. Juli 1870 war die katholische Kirche nicht mehr die, die sie vorher gewesen war. Zumindest musste man als Katholik jetzt etwas glauben, was vorher als falsch gegolten hatte. Denn das Konzil von Trient hatte im 16. Jahrhundert die Bezeugungsinstanzen Heilige Schrift und Tradition als einzige Erkenntnisquellen für Glauben und Kirche definiert. Jetzt stand an ihrer Stelle der Papst allein, Pius IX., der bereits seit 1846 regierte und sich einfach mit der Tradition gleichsetzte. Er behauptete allen Ernstes: „La tradizione sono io“ („Die Tradition bin ich“). Das war in der Tat eine Ungeheuerlichkeit. Verteidiger des Papstes haben daher immer wieder versucht, die Historizität dieser Aussage in Zweifel zu ziehen. Doch der Frankfurter Jesuit Klaus Schatz, einer der besten Kenner des Ersten Vatikanischen Konzils, hat zweifelsfrei nachgewiesen, dass Pius IX. diesen Satz wirklich so gesagt hat.

Kann man daher so weit gehen, in Anlehnung an das Modell der Imagination von Nationen sagen, 1870 sei eine neue und andere katholische Kirche „erfunden“ worden? Dann wäre der Katholizismus, wie wir ihn kennen, eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Oder handelt es sich bei der Behauptung eines Traditionsbruchs vorrangig um eine Polemik der „Verlierer“ des Ersten Vatikanischen Konzils?

Von Petrus zu Franziskus

Die Gegner der These, der Katholizismus sei im 19. Jahrhundert neu erfunden worden, argumentieren knapp zusammengefasst: Wenn es in dieser schnelllebigen Welt voller Umbrüche überhaupt eine Institution der Kontinuität, einen festen Anker im steten Fluss der Zeiten gebe, dann sei das die katholische Kirche. Schließlich existiere sie bereits seit zwei Jahrtausenden und könne auf eine ununterbrochene Reihe von nicht weniger als 266 Päpsten zurückblicken, wie die offizielle römische Papstliste zeige, angefangen bei Petrus bis hin zu Franziskus.

Die Prinzipien von Sukzession und Tradition garantieren demnach eine unverfälschte Weitergabe der christlichen Wahrheit: also eine ungebrochene und unangefochtene Kontinuität der katholischen Kirche von Jesus Christus bis heute. Die katholische Kirche wurde nach der Lehre der Kirche von Jesus Christus selbst gegründet. Und er stiftete sie exakt so, wie sie heute noch ist. Ihre Lehre, Ämter und Institutionen sind daher – wie die neuscholastische Dogmatik zu betonen nicht müde wurde – „ihrer Natur nach unveränderlich“. Sie müssen daher immer genau so bleiben, wie der Herr sie eingesetzt hat.

Durch dieses ekklesiologische Traditionsargument wurde und wird der Versuch unternommen, die katholische Kirche zu entzeitlichen, sie aus den innerweltlichen Entwicklungsprozessen herauszunehmen und auf ewig zu stellen. Veränderung oder Reformen sind dadurch von vornherein unmöglich.

Den Abbruch der Tradition kaschieren

Aber hält diese Kontinuitätsbehauptung, die bezeichnenderweise maßgeblich von der römischen Theologie und dem päpstlichen Lehramt im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, den historischen Fakten stand? Aufklärung, Französische Revolution und Säkularisierung hatten unbestritten zu einem noch nie dagewesenen Traditionsabbruch geführt. Die Fürstbistümer waren Geschichte, der Kirchenstaat wirkte mehr und mehr wie ein Relikt aus grauer Vorzeit; Glaubensinhalte und Frömmigkeitsformen waren in die Kritik geraten. Auch die Kirche stand in dieser fundamentalen Krise vor der Herausforderung, ihre Identität zu wahren – oder sie neu zu definieren. Da lag es nahe, den Traditionsabbruch durch Elemente aus der Tradition oder zumindest durch die Berufung auf diese zu kaschieren.

Die Frage, wie sich Gemeinschaften in Identitätskrisen stabilisieren, beantwortet die Geschichtswissenschaft häufig mit dem Konzept der „invention of tradition“. Der britische Historiker Eric Hobsbawm entwickelte dieses Modell ursprünglich mit Blick auf die Entstehung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Inzwischen ist es vielfach modifiziert worden. Grundsätzlich geht es um die Konstruktion von Traditionen zu Zwecken der jeweiligen Gegenwart. Notwendig erscheinende Elemente müssen dabei nicht zwangsläufig in der historisch verbürgten Tradition gefunden werden, sie können auch einfach ergänzt und hinzuerfunden werden – oft mit künstlichem Firnis, damit sie uralt erscheinen.

Das lange 19. Jahrhundert

Ein großer Teil der nationalstaatlichen Traditionen, die sich alt, oft archaisch geben, sind in Wirklichkeit Produkte des 19. Jahrhunderts. Benedict Anderson deutete Nationen deswegen treffend als „imagined communities“, als Gemeinschaften, die maßgeblich durch Phantasie und Vorstellungskraft entstanden seien, aber vorgeben würden, auf uralten Traditionen zu basieren. Im Grunde geht es also um Kontinuitätsfiktionen, die eine Verbindung zwischen der krisenhaften Gegenwart zu einem Gründungsmythos beziehungsweise einer idealisierten Urzeit herzustellen versuchen. Aus der (angeblichen) Größe der Vergangenheit soll Kraft für das Heute geschöpft werden.

Auch auf dem Feld der Religionen ist das Konzept der „Erfindung von Tradition“ mit Erfolg angewandt worden. Denn Tradition ist für viele Glaubensgemeinschaften das Instrument par excellence, um Gegenwart und Vergangenheit in Verbindung zu bringen und insbesondere den Kontakt zum Religionsstifter in ferner Vorzeit immer neu zu aktualisieren. Für den Exodus, das zentrale Ereignis der jüdischen Heilsgeschichte, hat Jan Assmann in einer fulminanten Studie dargelegt, dass man die Erzählung vom Auszug aus Ägypten als „eine fiktionale oder literarische Komposition“ sehen muss, die vorgibt, im 13. Jahrhundert vor Christus zu spielen. Es handele sich aber eigentlich um eine Konstruktion aus dem 6. Jahrhundert, eine Berufung auf eine vermeintlich uralte Tradition, mit der die Katastrophe des babylonischen Exils und die Rückkehr der deportierten Oberschicht nach Palästina in ein Land voller verschiedener Völkerschaften und Religionen bearbeitet wurden. Es sei dabei um nicht weniger gegangen, als „,Israel‘ im Sinne einer ethnischen und religiösen Identität neu zu erfinden und auf die Grundlage einer politischen, sozialen und kultischen Verfassung zu stellen“.

Auf die katholische Kirche ist das Konzept der „invention of tradition“ bislang noch nicht umfassend angewandt worden – obwohl die Kirchengeschichte des „langen 19. Jahrhunderts“ von der Französischen Revolution 1789 bis zum Erlass des „Codex Iuris Canonici“ 1917 dafür besonders geeignet ist. Denn wesentliche Elemente und Phasen im Prozess der Traditionserfindung sind auch bei der „Erfindung des Katholizismus“ nachzuweisen, die mit dem Unfehlbarkeitsdogma 1870 einen Höhepunkt erreichte.

Am Anfang war die Revolution

Als Auslöser für die Notwendigkeit einer „invention of tradition“ lässt sich meist eine Katastrophe oder zumindest große Krise festmachen, die die Identität der eigenen Gruppe massiv in Frage stellt. Mitunter besteht sogar die Gefahr des Untergangs, etwa durch das Aufgehen in neuen hegemonialen Strömungen. Für Religionsgemeinschaften kommt ein weiteres Problem hinzu: Sie müssen erklären, warum Gott die Katastrophe zugelassen hatte. So war die Französische Revolution ein massiver Angriff auf die katholische Kirche und ihre Existenz. Sogar die christliche Zeitrechnung wurde 1791 durch einen eigenen Revolutionskalender ersetzt. Auch wenn sich die radikalen Revolutionäre am Ende nicht durchsetzen konnten: Aufklärung, Säkularisierung, Entchristlichung und Säkularisation stellten den Katholizismus grundsätzlich in Frage.

Die Katholiken hatten mehrere Optionen, darauf zu reagieren: Sie konnten die Ansichten der Revolutionäre und Aufklärer im Sinne einer Assimilation mehr oder weniger übernehmen, sich auf der pragmatischen Ebene den neuen Mächtigen gegenüber loyal erweisen, in eine romantische Gegenwelt fliehen oder sich einfach in die gute alte Zeit zurückträumen. All diese Wege wurden nach 1789 tatsächlich beschritten. Die Folge war ein äußerst pluriformer Katholizismus: Es gab gemäßigte und radikale katholische Aufklärer, katholische Romantiker und Staatskirchler sowie dezidiert restaurativ ausgerichtete Katholiken. Manche suchten ihr Heil in engerer Anlehnung an Rom, andere wollten genau das vermeiden. Zentrifugale und zentripetale Kräfte rangen miteinander.

Daneben gab es die sogenannten Ultramontanen, die aus der Niederlage heraus einen ganz neuen, auf den Papst ausgerichteten Kampfverband bilden wollten. Diese Partei war zunächst nur eine unter vielen; bald aber setzte sie sich mit der Kirche gleich und begann, alle anderen Katholizismen zu verketzern. Das ultramontane Kirchenkonzept war im Grunde etwas radikal Neues, durfte aber auf keinen Fall als solches erkannt werden.

Bezeichnenderweise ist genau das der springende Punkt der Theorie der „invention of tradition“ à la Hobsbawm. Die erfundenen Traditionen sollen eine exklusive – oft gerade auch religiös begründete – Auserwähltheit der eigenen Nation belegen. Das dient der eigenen Selbstvergewisserung und gibt die Kraft zur Resistenz gegen Feinde von innen und außen: Wir sind größer, besser und nicht zuletzt heiliger als ihr. Ihr wollt unsere uralte Tradition zerstören. Unser Land hat Gott und die altehrwürdige Tradition auf seiner Seite.

Mit der Moderne inkompatibel

In diesem Sinne kann man auch von einer Neuerfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert sprechen. Vieles von dem, was heute als typisch und selbstverständlich katholisch gilt, gab es vorher so nicht. Es ist vielmehr Produkt dieser Erfindung. Dazu zählt nicht zuletzt die auf den Papst allein zentrierte Kirche, die dem Pontifex maximus alle Vollmacht in Lehre und Recht zuspricht und die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel, zu seinen Oberministranten macht. Der Tradition der ersten 1800 Jahre der Kirche entspricht das nicht. Papale und episkopale, monarchische und kollegiale Tendenzen sorgten vielmehr in entscheidenden Momenten der Kirchengeschichte für „checks and balances“.

Anstelle der pluralen Katholizismen der Frühen Neuzeit und auch noch der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts propagierten die späteren Päpste und ihre Apologeten einen Einheitskatholizismus, den sie als von Jesus Christus selbst so gestiftet ausgaben. Die Berufung auf angebliche Traditionen legitimierte eine Verketzerung aller alternativen Formen der Verwirklichung des Katholischen als unkatholisch. „Ein liberaler Katholik ist ein halber Katholik“, lautet einer der bösen Sätze Pius’ IX.

Dementsprechend wurde propagiert, die katholische Kirche sei grundsätzlich inkompatibel mit der Moderne, ihren Werten und dem neuzeitlichen Verfassungsstaat mit seinen bürgerlichen Freiheiten. Papst Gregor XVI. verdammte schon 1832 die Gewissensfreiheit als „pesthaftesten Irrtum“ – abermals unter Berufung auf die Tradition. Die Uniformierung der katholischen Liturgie wurde mit dem Hinweis auf die vom Konzil von Trient im 16. Jahrhundert angeblich ausnahmslos verordnete „Tridentinische Messe“ durchgesetzt, was historisch schlicht nicht der Beschlusslage des Tridentinums entspricht. Auch das Verbot des Universitätsstudiums für angehende Priester wurde wiederum mit einem erfundenen Tridentinum begründet. Das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens wurde 1854 ohne Schriftbeleg und gegen die Tradition, sogar ausdrücklich gegen die Aussagen des heiligen Thomas von Aquin definiert. Dabei wurde die kirchliche Tradition durch den Papst ersetzt, der erstmals allein ein Dogma ohne Konzil definierte.

Kindlicher Gehorsam

1917 trat mit dem „Codex“ schließlich ein starres, einheitliches Kirchenrecht an die Stelle des traditionellen und vielgestaltigen „Corpus Iuris Canonici“ mit seinem Fallrecht voller Ambiguität. Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat rundeten die Neuerfindung des Katholizismus unter Papst Pius IX. ab. Dazu kam die Erfindung des ordentlichen Lehramts: Jetzt waren nicht nur, wie bisher, Dogmen, sondern sämtliche lehramtlichen Äußerungen des Papstes der Diskussion entzogen. Von den Gläubigen und Theologen wurde „kindlicher Gehorsam“ verlangt.

Das Lebenswerk Pius’ IX. stellt eine beachtenswerte Leistung dar. Der Papst mit dem längsten Pontifikat der Kirchengeschichte schuf einen einheitlichen ultramontanen Katholizismus, der bis zum Ende der pianischen Epoche, dem Tod Pius’ XII. im Jahr 1958, eindrucksvoll funktionierte. Aber der Preis dieser „invention of tradition“ war hoch, und die Kirche zahlt ihn bis heute ab.

Freilich darf dabei nicht vergessen werden, dass der neue Katholizismus den Gläubigen nicht einfach aufgezwungen, sondern angesichts der zahlreichen Staat-Kirche-Konflikte der Moderne auch von breiten Bevölkerungskreisen begrüßt wurde. Nicht zuletzt waren es ultramontane Laien wie der savoyische Staatsmann und Schriftsteller Joseph de Maistre (1753–1821), welche die Tradition einer absoluten Papstmonarchie beschworen, die es so nie gegeben hatte. Die Päpste dienten zunächst eher als Projektionsfläche für Traditionskonstruktionen von unten. Erst durch Pius IX. sollte sich dies ändern: Er nahm die Erfindung von Tradition selbst in die Hand.

Die Tradition bin ich

In diesem Zusammenhang drängt sich die überaus spannende Frage auf, ob die Identifikation des Papstes als Stellvertreter Jesu Christi beziehungsweise als neuer Christus nicht eine ganz neue Qualität der „invention of tradition“ möglich machte. In einer Aktualisierung der Tradition die heiligen Ursprünge zu beschwören, gehört als Markenzeichen zu jeder Erfindung von Tradition. Aber die lebendige Tradition in einer lebendigen Person zu konzentrieren, in der der Stifter der Religion realsymbolisch gegenwärtig ist, stellt eine neue Form charismatischer Herrschaft dar. Vielleicht muss man das „La tradizione sono io“ Pius’ IX. genau so verstehen.

Der Preis für die Neuerfindung des Katholizismus lag nicht zuletzt in seinem Konfliktpotential. Die Ultramontanen hielten ihre Gruppe durch Aktualisierungen, Umdeutungen und umfangreiche Erfindungen von Tradition zusammen und verliehen ihr nach der Krise eine neue Selbstsicherheit. Doch zu diesem Zweck mussten sie die Traditionen der äußeren Gegner bekämpfen, in diesem Fall die modernen Staaten und Wissenschaften. Die Selbstgettoisierung der Katholiken im sogenannten katholischen Milieu und die grundsätzliche Verteufelung der Moderne dürften für sich sprechen. Die wahren Gläubigen konnten dadurch zu einem besonderen Gehorsam verpflichtet werden, der sie dazu brachte, Verleumdung, wirtschaftliche und politische Nachteile und sogar Verfolgung für die „gerechte Sache“ auf sich zu nehmen.

So erzeugten die Beschwörung der Tradition und ihre zum Teil massive, aber verschleierte Umdeutung eine ungeheure Energie. Sie ermöglichte es, Verhaltensweisen, Werte und Normen einzuüben und im kollektiven Gedächtnis der „guten Katholiken“ zu festigen. Gemeinschaftserfahrungen, etwa durch Prozessionen und liturgische Feiern, kam bei dieser symbolisch-rituellen Einübung der traditionellen Identität eine zentrale Bedeutung zu. Man denke nur an die Erfindung der Mai-Andachten und Massenmarienwallfahrten – und vor allem an die unvergleichbaren Inszenierungen der Fronleichnamsprozessionen.

Identitätssicherung durch Traditionserfindung funktionierte nach innen aber nur, solange strikte Einheitlichkeit herrschte und Abweichler konsequent ausgegrenzt wurden. Jede Form von Pluralismus und Ambiguität innerhalb der eigenen Gruppe musste unterdrückt und radikal bekämpft werden. Laue Mitglieder innerhalb der Kirche waren in dieser Sicht gefährlicher als offene Gegner außerhalb. Sie traten für faule Kompromisse mit dem Zeitgeist oder der Mehrheitspartei ein. Besonders lästig wurden diese „Liberalen“, wenn sie die Traditionsmanager mit ihren eigenen Waffen zu schlagen versuchten und sich selbst auf Traditionen beriefen – womöglich sogar auf historisch verbürgte.

Wirklich gefährlich wurde es, wenn sie auch noch nachweisen konnten, dass die angeblich einheitliche ewige Tradition viel pluriformer war, als ihre Gralshüter es vorgaben, und dass ihr Idealbild der Gemeinschaft eine Ideologie und ein durchsichtiges machtpolitisches Konstrukt darstellte. Das Mantra „Es war immer schon so, deshalb kann nichts geändert werden“ zerplatzte dann wie eine Seifenblase.

Traditionen und Traditionalismus

Auch wenn es paradox klingen mag: Erst die Berufung auf Traditionen macht es auch und gerade in der katholischen Kirche möglich, Innovationen und Reformen zu legitimieren. Tatsächlich ist Tradition ihrem Wesen nach darauf angelegt, in immer neuen Reformulierungen die heiligen Ursprünge neuen Herausforderungen anzupassen. Doch dem steht bis heute der Versuch entgegen, nach Abschluss der erfolgreichen Neuerfindung von Tradition und Wiederherstellung der angeblich uralten ewigen Ordnung diesen Prozess stillzustellen. Pius IX. und seinen Nachfolgern gelang es, weitere Aktualisierungen oder gar eine Rücknahme der Neuerfindungen zu verhindern. Deswegen erstarrte die lebendige Tradition der vielfältigen Katholizismen nach 1870 zum Traditionalismus.

Schon Johann Friedrich, der Konzilstheologe des Kardinals Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst, sprach in seinem Tagebuch ausdrücklich von einer Neuerfindung des Katholizismus durch das Erste Vatikanische Konzil. Der Münchener Erzbischof Gregor von Scherr hatte sich in Rom gegen die Verabschiedung des Unfehlbarkeitsdogmas eingesetzt, war aber nun bereit, sich mit dem neuen Dogma zu arrangieren. Daher forderte er die Theologen der Münchener Fakultät und insbesondere den Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger auf, ihre Opposition ebenfalls aufzugeben: Lassen Sie uns „aufs Neue für die heilige Kirche arbeiten!“ – „Ja für die alte Kirche!“, antwortete der Kirchenhistoriker, der beim alten katholischen Glauben bleiben und nicht neukatholisch werden wollte. Als Scherr erwiderte: „Es gibt nur eine Kirche, keine neue und keine alte“, rief Döllinger: „Man hat eine neue gemacht!“

Quelle: F.A.Z.
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