FAZ plus ArtikelVor 150 Jahren

Das widerspruchsvolle Erbe des Otto von Bismarck

Von Heinrich August Winkler
29.01.2021
, 17:27
Mit Gott für Volk und Vaterland - und mit schäumendem Rheinwein: Sektetikett aus dem Jahr 1870
Vor 150 Jahren wurde durch die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser der Nationalstaat auf dem Boden des alten Heiligen Römischen Reichs gegründet. Die Folgen der Gründung sind bis heute zu spüren.
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Am 27. Januar 1871, neun Tage nachdem König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen worden war, erlebte der damals 53 Jahre alte Bonner Historiker Heinrich von Sybel einen Augenblick der nationalen Verzückung. Unter dem Eindruck der Lektüre von Sonderausgaben deutscher Zeitungen, die die bevorstehende Kapitulation von Paris meldeten, schrieb er an seinen in Karlsruhe lehrenden Fachkollegen Hermann Baumgarten: „Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben? Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt! Woher soll man in meinen Lebensjahren noch einen Inhalt für das weitere Leben nehmen?“

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So wie Sybel dachte um 1870/71 ein Großteil des liberalen Bürgertums, vor allem soweit es evangelischer Konfession war und bisher nördlich des Mains gelebt hatte. Gewiss: Innenpolitisch hatte der Liberalismus ein knappes Vierteljahrhundert zuvor, in der Revolution von 1848/49, andere Ziele verfolgt als die, denen sich Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes, verpflichtet fühlte. Der Reichstag, wie er den Liberalen vorschwebte, hätte sehr viel mehr zu sagen gehabt, als es im Kaiserreich von 1871 der Fall war. Aber entscheidend war für die meisten die Lösung der deutschen Frage als äußere Machtfrage, und die hatte Bismarck in zwei Etappen gelöst: Durch die Niederwerfung Österreichs im „Deutschen Krieg“ von 1866 hatte er das Wiener Veto gegen eine Lösung der deutschen Frage unter Ausschluss Österreichs und unter Führung des Königreichs Preußen aus dem Weg geräumt und im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 das Veto Napoleons III., des Kaisers der Franzosen, gegen einen Zusammenschluss des 1867 gegründeten Norddeutschen Bundes mit Süddeutschland, soweit es südlich der Mainlinie lag.

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