Wissenschaft

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

Von Professor Dr. Mittelstraß
Aktualisiert am 21.09.2014
 - 16:11
Das deutsche Wissenschaftssystem ist eines der besten der Welt - und eines der strukturkonservativsten. Und nur weil es so ist, wie es ist, ist es noch lange nicht vernünftig - geschweige noch lange eines der besten der Welt.

Wer keine Fragen mehr stellt, ist tot. Das gilt auch in der Wissenschaft. Also fragen wir nach der Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems: Wie vernünftig ist die Unterscheidung zwischen dem Universitären und dem Außeruniversitären, auf die Forschung bezogen und institutionell verstanden? Wie konsistent sind die außeruniversitären institutionellen Identitäten wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft und die Fraunhofer-Gesellschaft in sich und gegenüber anderen? Gibt es eine Einheit des Außeruniversitären gegenüber dem Universitären, und wie könnte diese aussehen? Wie überzeugend ist angesichts von Doppel- und Dreifachforschung, wiederum institutionell gesehen, der vermeintlich erlösende Hinweis auf die Notwendigkeit von Redundanzen im eigenen System? Gibt es nicht auch ein europäisches Wissenschaftssystem? Und ein globales?

Keine dieser Fragen ist wirklich beantwortet; sie werden in der Regel nicht einmal gestellt. Doch angesichts der Stagnation in allem Grundsätzlichen ist eine neue Strukturidee vonnöten - und wenn sie auch nur dazu dienen sollte, die wissenschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Zunächst zur gegebenen Situation. Da sind erstens die Universitäten. Ihre Aufgabe ist es, Forschung und Lehre zu verbinden, das heißt einer Forschung, die sich mit der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses auch für wissenschaftsnahe Berufsfelder verbindet, und einer Lehre, in der sich die Forschung spiegelt. Neben die traditionellen Universitäten wie Heidelberg, München und Göttingen traten in den siebziger und achtziger Jahren Neugründungen wie Konstanz und Bielefeld, bewusst als Reformuniversitäten geplant und realisiert. Mit ihnen sollte sich das Universitätssystem selbst verändern, sollte das 19. Jahrhundert mit oder ohne Wilhelm von Humboldt und seiner Berliner Universitätsreform verlassen werden. Diese Erwartung ging nicht in Erfüllung.

Dafür eine andere, an der die Universitäten heute leiden: Sie wurden mit einem Ausbildungssoll von mittlerweile mehr als 40 Prozent eines Altersjahrgangs zu Massenveranstaltungen, in denen sich das Prinzip einer forschungsnahen Lehre auf beiden Seiten zur reinen Rhetorik verflüchtigt. Auch die Fachhochschulen, die gleichzeitig mit der universitären Gründungswelle entstanden, bieten wenig Entlastung.

Und da sind zweitens die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 1948 als Nachfolge der 1911 errichteten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet, finanziert von Bund und Ländern mit derzeit etwa 1,6 Milliarden Euro, widmet sich die Max-Planck-Gesellschaft in mehr als 80 Instituten der Grundlagenforschung in den Natur-, Bio-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Ihr organisierendes Prinzip ist das (nach ihrem Gründer) sogenannte Harnack-Prinzip. Auf neuen, vielversprechenden Forschungsfeldern werden Institute um Spitzenforscher gegründet, die zugleich mit ihren Gründern sterblich sein sollen. Neues sollte sich insofern auch in immer neuen Institutionalisierungen zum Ausdruck bringen.

Im Unterschied zur grundlagengetriebenen Forschung in den Max-Planck-Instituten ist die Forschung in den 18 Zentren der zu 90 Prozent vom Bund finanzierten Helmholtz-Gemeinschaft (2014 mit über 2,5 Milliarden Euro) in strategischer Ausrichtung programmgetrieben. Es geht um Energie, Struktur der Materie, Erde und Umwelt bis zu Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Forschung im öffentlichen Interesse bedeutet zugleich Anwendungs- und Politiknähe.

Die Leibniz-Gemeinschaft, 1992 aus Bund-Länder-geförderten Forschungseinrichtungen von überregionaler Bedeutung und einigen Instituten der Akademien der DDR entstanden, besteht mit einem BundLänder-finanzierten Etat von etwa 1,5 Milliarden Euro aus fast 90 eigenständigen Forschungsinstituten. Institutionell gesehen, war es eine Verlegenheitslösung, denn man fand für die Ost-Institute keine aufnehmenden Partner auf Seiten der Universitäten und des außeruniversitären Wissenschaftssystems. Allerdings fand die Lösung überraschenderweise das besondere Engagement des Wissenschaftsrates, der damit seine Rolle als beratende unabhängige Wissenschaftsinstanz verließ und selbst für einige Jahre quasi Partner der werdenden Leibniz-Gemeinschaft wurde.

Die Fraunhofer-Gesellschaft, 1949 gegründet, ist mit derzeit knapp 60 Instituten und einem Finanzvolumen von mehr als zwei Milliarden Euro heute die größte Einrichtung für angewandte Forschung in Europa. Unter dem Motto „Forschen für die Praxis“ arbeitet sie eng mit Industrie und Wirtschaft, aber auch der öffentlichen Hand als Vertragspartnern zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Entwicklung von Schlüsseltechnologien und die Gestaltung des Innovationsprozesses. Nicht zu vergessen ist schließlich auch die von Ministerien des Bundes und der Länder betriebene Ressortforschung, die in eigenen Instituten stattfindet, die der Kontrolle durch die Wissenschaft weitgehend entzogen sind. Sie leistet wissenschaftliche Politikberatung in Form forschungsbasierter Dienstleistungen.

Insgesamt handelt es sich um ein Wissenschaftssystem, um das andere Länder die Bundesrepublik beneiden. Für alle Probleme wissenschaftlicher Art und jedes wissenschaftliche Interesse ist gesorgt. Wer die absolute Freiheit der Forschung sucht und auch in der (forschungsnahen) Lehre eine willkommene Herausforderung sieht, geht zur Universität, wer diese Freiheit ohne Verpflichtung zur Lehre will, geht zu Max-Planck, wer die Programmforschung schätzt, ist bei Helmholtz bestens aufgehoben, wer auf Innovationen von wirtschaftlicher Bedeutung aus ist, findet dazu bei Fraunhofer alle wünschenswerten Voraussetzungen, und in Leibniz spiegelt sich das alles in einem weiten Institutionenspektrum noch einmal wider.

Ist dieses in sich wenig flexible System aber auch die Zukunft? Entspricht es noch einer Entwicklung, in der sich der Forschungsbegriff ändert und sich die Abwägung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung auf jeder Forschungsstufe neu stellt? In der das Neue zunehmend an den fachlichen und disziplinären Rändern und damit nicht mehr in den institutionellen Kernen entsteht, sich vielmehr inter- oder transdisziplinär definiert? Was heißt es, wenn Zusammenarbeit, auch über institutionelle Grenzen hinweg, großgeschrieben wird und lokale Wissenschaftspolitik zunehmend ihren Reiz und ihre Bedeutung verliert?

Bevor nun weiter kleine Brücken zwischen den Teilsystemen der Wissenschaft geschlagen werden - ein wenig universitäre Lehre für die Außeruniversitären, gemeinsame Graduiertenschulen, hier und da gemeinsame Projekte -, sollte die Vernunft eines Systems als solche in Frage gestellt werden, das aus weitgehend voneinander isolierten Teilsystemen universitärer und außeruniversitärer Art besteht. Aus sich selbst heraus tut das System dies nicht - so dokumentiert in der Art und Weise, wie die „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ mit Fragen dieser Art umgeht, obwohl es unter anderem zu deren Aufgaben gehört, zur strukturellen Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems Stellung zu nehmen. Man begegnet sich freundlich in den eigenen institutionellen Grenzen und verteidigt diese, wenn Feinde oder Nöte, etwa finanzieller Art, in Sicht sind.

Wer in Deutschland neue Ideen über die Zukunft des Wissenschaftssystems sucht, der schaut zuvörderst auf den Wissenschaftsrat - und wird enttäuscht. Einschlägig sind hier neuerdings die im Jahr 2013 veröffentlichten „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“. Der Wissenschaftsrat sucht darin die Frage zu beantworten, wie ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem „in zehn bis 15 Jahren“ aussehen soll - ohnehin eine sehr kurz gefasste Perspektive, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Viel ist ihm dabei nicht eingefallen. Es wird das Hohelied der Hochschulen gesungen, als wäre deren derzeitige Struktur problemlos und gottgewollt; es wird eine ausreichende Finanzierung beschworen, natürlich nicht in nachhaltiger, sondern in Paktmanier („Zukunftspakt“); und das Wissenschaftssystem wird „in seiner jetzigen Form“ als selbstverständliche, jederzeit tragfähige Basis empfohlen, wenn in Teilen auch ein wenig entwicklungsbedürftig.

Allgemein werden Verbesserung in der tertiären Bildung (Stichworte: Betreuungsrelation, Durchlässigkeit, Personalentwicklung, Profilierung) und eine Stärkung der Hochschulen im Wissenschaftssystem (Stichworte: Grundfinanzierung, Flexibilisierung, Governance und immer wieder auch hier: Profilierung) für notwendig gehalten. Kein Wort über mögliche Änderungen der Strukturen. Es wird vielmehr nur aufgesattelt, mit Merian-Professuren“ und „Liebig-Zentren“ als zusätzlichen Profilierungselementen - als gäbe es nicht schon genug Sonderprofessuren und mangelte es an Zentrumseinfällen. Den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, hier der Leibniz- und der Helmholtz-Gemeinschaft, wird Konstanz auf bewährten Wegen empfohlen. Zusammenarbeit in den gegebenen Strukturen soll verstärkt, die gegebene Forschungsinfrastruktur muss besser genutzt werden. Und auch hier immer wieder: die Paktrhetorik. In jedem Fall: nichts Neues unter der wissenschaftspolitischen Sonne.

Hinter dem offenkundigen Strukturkonservatismus des deutschen Wissenschaftssystems stehen bewahrungsstrategische Vorstellungen, die äußerst hartnäckig sind. Drei seien genannt. Erstens: Redundanz und Wettbewerb. Zu den Argumenten, die häufig angeführt werden, um eine schwerverständliche Vielfalt fachlicher und disziplinärer Forschungseinrichtungen vergleichbaren Profils und vergleichbarer Aufgaben zu rechtfertigen, gehört ein Pochen auf die Vorzüge von Redundanz und Wettbewerb. Redundanz, so heißt es dann, soll sicherstellen, dass zu jeder Zeit, auch über die nationalen Wissenschaftsteilsysteme hinweg, ausreichende Forschungsressourcen bereitstehen, um in der Forschungsentwicklung präsent zu sein; Wettbewerb im eigenen Hause, das heißt, in nationalen Grenzen, gegebenenfalls auch nur über die Straße, soll der eigenen Leistungssteigerung dienen, ganz so, als gäbe es keine intrinsischen Leistungsmotivationen - Wissenschaft als Lebensform oder auch als Beruf - und keine externen Wettbewerber, europäisch wie global gesehen. Mit dem Redundanzpostulat verhält es sich ebenso. Reicht es nicht, wenn das, was man nicht oder in nicht ausreichendem Maße hat, jenseits der eigenen Systemgrenzen und nationalen Grenzen zu finden ist? Wenn Wissenschaft in epistemischen Dingen keine Grenzen kennt, sollte das nicht auch für ihre Institutionalisierungen gelten?

Zweitens: Wachstum. Der immer wieder laut werdende Ruf nach noch mehr Wissenschaft und noch mehr Wissenschaftlern ist vor dem Hintergrund des Gegebenen ebenso albern wie der Ruf nach immer mehr akademisch, und das heißt hier vor allem: immer mehr universitär Ausgebildeten - in Deutschland zu Lasten der höchst leistungsfähigen beruflichen Bildung. Wollen die Deutschen ein einig Volk von Akademikern werden? Es kommt auch in der Wissenschaft nicht auf bloßes Ressourcenwachstum an (schon jetzt ist Wissenschaft auf eine beängstigende Weise unüberschaubar geworden und kann selbst der fleißigste Wissenschaftler nicht mehr alles lesen, was auch nur in seinem eigenen spezialisierten Fach geschrieben wird), sondern auf die Konzentration auf Leistungsspitzen. Es gibt heute in den Vereinigten Staaten allein in der Eastern Division, einer von drei Sektionen, mehr als 3000 Philosophen - im alten Athen hat eine Handvoll von ihnen mehr geleistet. Auch hier tun Augenmaß und Differenzierung not, im Strukturellen wie im Qualitativen.

Schließlich drittens: der Forschungsbegriff. Aus dem Forscher, wie ihn die Tradition kannte - Forschung war immer die Forschung Einzelner - ist heute die Forschung, eine Institution, geworden. So sprechen wir leichthin von der Universitätsforschung, der Max-Planck-Forschung oder der Helmholtz-Forschung, als handle es sich dabei um eigene Entitäten, hinter denen das eigentliche forschende Subjekt verschwindet (zu verschwinden hat). Gleichzeitig wird der Forschungsbegriff semantisch aufgeblasen. Alles ist heute Forschung: wenn Historiker in Archiven verschwinden, Philosophen Bleistifte spitzen, Chemiker ein Reagenzglas in die Hand nehmen, Soziologen Fragebögen entwerfen. Kein Wunder, wenn da auch halluzinierende „Zukunftsforscher“ oder Marketingkundige auf dem Siegel Forschung bestehen. Das Inflationäre spült das Besondere weg, auch, horribile dictu, in der Wissenschaft.

Die Universität, der vielbeschworene Kern unseres Wissenschaftssystems, hat ihr erfolgreiches Paradigma, die Humboldt-Universität, verlassen und treibt seither orientierungslos dahin. Bologna ist hier kein neues Paradigma, sondern nur eine Ablenkung - eklektisch zwischen unterschiedlichen Systemen wählend, forschungsfern das Studium in eine neue Verschulung führend, bildungsallergisch, das Partikulare an die Stelle des Universalen setzend. Universitätsprobleme werden, wenn überhaupt, als Managementprobleme diskutiert und behandelt, Universitätsgesetze, in Deutschland absurderweise 16 an der Zahl und mit jeder Legislaturperiode neue, verkommen zur Spielwiese der Politik, statt mit auskömmlichen Haushalten wird mit Pakten regiert, an deren Ende die Universität stets als Verliererin dasteht. Das Rad der Ersatzinitiativen mit Verfallsdatum dreht sich aufs Neue.

Auch die Universität selbst tut sich mit vernünftiger Selbstbestimmung schwer. Sie streckt sich nach der politischen Decke, stimmt in den Managementchor ein, erträgt geduldig immer neue Evaluations- und Akkreditierungseinfälle und kopiert Fachhochschulstudiengänge wie Tourismus oder Pflege. Wer von einer Idee der Universität spricht, einer alten oder neuen, gilt als weltfremd oder unverbesserlicher Idealist - als wäre das Idealistische eine Krankheit, die mit empirischer Demut ausgetrieben werden müsste.

Ein Wachstum über alle Maßen, ein bildungsferner Zeitgeist, eine unerwartete Renaissance des verwaltenden und des wirtschaftenden Verstandes werden der Universität zum Verhängnis. Unter den Schlagworten der Exzellenz, der Effizienz, der Innovation und des verschriebenen, in Rating und Ranking gefassten Wettbewerbs mutiert der universitäre Gedanke zum Spiegel einer Gesellschaft, die selbst nicht weiß, wie sie sich verstehen soll - der Überfluss an Soziologenangeboten wie denen einer postindustriellen, postmodernen, einer Wissens-, Informations-, Risiko-, Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft ist ein beredtes Beispiel dafür. Kein Wunder, dass der Universität bei all diesen Beglückungs- und Entglückungsangeboten selbst nichts mehr einfällt, jedenfalls nichts, was aus einer handfesten Identitätskrise herausführen könnte.

Resignieren oder doch noch einmal die Frage nach einer neuen Strukturidee stellen und zu beantworten versuchen? Hier - das Gegebene im Blick und eine Idee vor Augen - der Versuch einer optimistischen Antwort in Stichworten.

Erstens. Universitäten als Forschungs- und Lehrleistungszentren neuer Art, nämlich, verglichen mit heute, wesentlich kleineren Zuschnitts, konzentriert auf (1) eine nicht nur rhetorisch befolgte forschungsnahe Lehre, (2) die Pflege der Fächer und Disziplinen in ihren auch in inter- oder transdisziplinärer Hinsicht relevanten Teilen und (3) die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses für alle Wissenschaftsteile. Als Modell könnte das Institute for Advanced Study/Princeton dienen, ein universitäres Zentrum besonderer Art, erweitert um ein Masterstudienprogramm der gewohnten Art. Die schleichend übernommene Aufgabe einer akademischen Ausbildung von 40 und mehr Prozent eines Altersjahrgangs macht es unmöglich, sich auf die genannten, eine Universität im Kern definierenden Aufgaben zu konzentrieren. Kurzum: Vom Humboldt-Paradigma auch in der Universität zu einer anderen Art Harnack-Paradigma, das in diesem Falle auch unabdingbare Humboldt-Teile einschlösse, nämlich die forschungsnahe Lehre und ein Wissenschaftsbewusstsein auch auf Seiten der Studierenden.

Zweitens. Fachhochschulen als Regelhochschulen, mit aus den Universitäten ausgelagerten, nicht unmittelbar forschungsorientierten Teilen. Viele dieser universitären Teile entsprechen schon jetzt eher dem Modell Fachhochschule als dem Modell Universität. Dazu müsste das Fachhochschulsystem erheblich ausgebaut werden, auch zu Lasten der Universitäten beziehungsweise über die Übernahme universitärer Studienteile hinaus.

Drittens. Helmholtz-Zentren als Entwicklungskerne europäischer Forschungszentren. Als Modell käme hier etwa das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Betracht, ein 1973 gegründetes, durch 20 europäische Mitgliedstaaten sowie Australien finanziertes Institut der Grundlagenforschung in Heidelberg. Wo eine solche Umwandlung aus politischen Gründen nicht geht oder die ursprüngliche Aufgabe erschöpft ist, Schließung - die Zentren wurden als sterbliche gegründet - oder, verbunden mit einer Redimensionierung, Überführung in Universitäten neuen Zuschnitts oder in eine Max-Planck-Struktur. Das hätte bereits mit Jülich und Karlsruhe nach dem Ende des Kernforschungsprogramms geschehen sollen.

Viertens. Max-Planck-Institute, getreu ihrer ursprünglichen Definition, als Schrittmacher an neuen Forschungsfronten, dabei, das Harnack-Prinzip wirklich beherzigend, kleiner - es müssen ja nicht fünf und mehr Direktoren beziehungsweise Abteilungen sein -, flexibler, sterblicher als heute. In ihren derzeitigen Großformaten verwischt sich der strukturelle und systemische Unterschied gegenüber den Helmholtz-Zentren.

Fünftens, die Leibniz-Institute: Auflösung einer im Wesentlichen imaginären institutionellen Einheit, teilweise Eingliederung von Instituten der Normalforschung in Universitäten, dann Überführung in einzelne objektbezogene spezielle Forschungsverbünde (Beispiele: die fünf forschenden Museen und die fünf forschenden Pädagogik-Institute der Gemeinschaft). Als eigens ausgewiesenes Wissenschaftssystem fehlt der Leibniz-Gemeinschaft nicht nur eine institutionelle, sondern auch eine materiale Idee. Ihr Gründungsprozess macht das deutlich, ihre propagandistisch vorgetragene Idealisierung als Wissenschaftssystem eigenen Typs - institutionelle Pluralität als Einheit beziehungsweise Identität besonderer Art (geht das überhaupt?) - ist ein eher durchsichtiges Manöver und kommt zu spät.

Sechstens. Auflösung der Einrichtungen der Ressortforschung, sofern diese nicht definierten nationalen (vielleicht auch anders definierten und zu begründenden) Erfordernissen dienen, wie das Robert Koch- und das Paul-Ehrlich-Institut.

Fraunhofer-Institute bleiben siebtens als paradigmatisches Erfolgsmodell unverändert. Hier greift auch der im politischen Diskurs so gern und so unpräzise verwendete Innovationsbegriff. Innovation ist, recht verstanden, die technikorientierte Entwicklung und Anwendung von forschungsbezogenem Wissen unter gesellschaftlichen Zwecken. Genau das leistet die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihren Instituten. Wo der Ausdruck „Innovation“ dagegen unterscheidungslos auf beliebige wissenschaftliche Ergebnisse wie andernorts auf die Umstellung von einer Dreierkette auf eine Viererkette im Fußball oder auf sich hebende oder senkende Rocksäume angewendet wird, wird er sinnlos.

Alle Punkte zusammengenommen, könnten zu einer wirklichen Reform unseres Wissenschaftssystems führen, zu einer Reform, die mehr wäre als das Herumschieben altbekannter Systembausteine und Semantiken. Wahrscheinlich ist eine solche Entwicklung nicht. Sie würde, auch von den Systembetroffenen selbst, ein wesentliches Umdenken erfordern. Dabei ginge es nebenbei auch darum, die Definitionshoheit in Sachen Wissenschaft, die längst an internationale Entwicklungen verloren wurde, wenigstens zum Teil wieder zurückzugewinnen. Faktisch sind wir von Meistern - noch einmal eine kleine Erinnerung an Humboldt und Harnack - zu Kopisten geworden. Wer meint, alles sei gut, wie es ist, sitzt einem falschen Hegel - „was ist, ist vernünftig“ - auf. Der richtige hat mehr von Vernunft gehalten, nicht nur in den Köpfen der Philosophen, sondern auch in der Wirklichkeit, wenn sie sich im Flug der Eule so zeigt.

Die anfangs gestellten Fragen haben eine Antwort, bescheidenermaßen nicht unbedingt die Antwort, gefunden: Die Unterscheidung zwischen dem Universitären und dem Außeruniversitären löst sich mit der neuen Rolle der Universität auf. Zugleich ändern sich die außeruniversitären institutionellen Identitäten und deren vermeintliche Einheit. Redundanzwünsche erübrigen sich im Blick auf internationale Gegebenheiten. Dasselbe gilt von einer kleinkarierten Wettbewerbsideologie.

Begonnen wurde mit einem Hinweis auf den Wissenschaftsrat in der enttäuschten Hoffnung, dieser könnte mit seinen Empfehlungen zur Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems so etwas wie Hegels Eule sein, in diesem Falle mit einem in die Zukunft gerichteten Flug. Mit dem Hinweis sei auch - und das wäre zugleich die pessimistische Antwort auf die Strukturfrage - der Schluss gemacht. Wenn der Wissenschaftsrat über das Forschungs- und Wissenschaftssystem in Deutschland nachdenkt, dann hat er längst seinen Frieden mit der bestehenden Ordnung gemacht. Bund und Länder sorgen dafür, dass hier nichts Unbequemes oder gar Revolutionäres ins Auge gefasst wird. Die Handschrift der Zukunft bleibt hier, wie auch sonst in den deutschen Wissenschaftsdebatten, verborgen.

Jürgen Mittelstraß ist emeritierter Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie in Konstanz und Direktor des Konstanzer Wissenschaftsforums. Außerdem leitet der 1936 in Düsseldorf geborene Philosoph den österreichischen Wissenschaftsrat. Mittelstraß hat sich als Wissenschaftsmanager einen Namen gemacht, seit langem streitet er mit radikalen Vorschlägen für weitreichende Reformen der Universitäten. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gilt sein Interesse der allgemeinen Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie, Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte und der Kulturtheorie.

Jürgen Mittelstraß ist emeritierter Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie in Konstanz und Direktor des Konstanzer Wissenschaftsforums. Außerdem leitet der 1936 in Düsseldorf geborene Philosoph den österreichischen Wissenschaftsrat. Mittelstraß hat sich als Wissenschaftsmanager einen Namen gemacht, seit langem streitet er mit radikalen Vorschlägen für weitreichende Reformen der Universitäten. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gilt sein Interesse der allgemeinen Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie, Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte und der Kulturtheorie.
Quelle: F.A.Z.
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