Bayreuths Urteil

Die Plagiatsaffäre und die Folgen

Von Heike Schmoll, Berlin
06.05.2011
, 22:12
Guttenberg am 1. März bei seiner Rücktrittserklärung in Berlin
Die Kommission der Universität Bayreuth müsste sich eigentlich auch mit der Selbstkontrolle der Forschung befassen. Wer Absolventen bestraft, muss auch nach der Verantwortung der Professoren und Wissenschaftler fragen.
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Die Plagiatsaffäre zu Guttenberg hat Wissenschaft und Öffentlichkeit aufgerüttelt. Selten schien die Kluft zwischen offizieller Bewertung und wirklicher Qualität so groß, noch nie hat sich die Öffentlichkeit im Internet so intensiv an der Aufdeckung abgeschriebener Passagen beteiligt, selten dürfte wissenschaftliches Fehlverhalten so rasch sanktioniert worden sein.

Für die Wissenschaft ist der Fall mit dem Rückzug Guttenbergs von allen politischen Ämtern keineswegs erledigt. Gleich danach gab es den nächsten Plagiatsverdacht - wiederum in der Dissertation einer Politikerin. Eine Hetzjagd auf promovierte Politiker ist allerdings genauso fehl am Platze wie Pauschalverdächtigungen gegen das Wissenschaftssystem.

Die Universität Bayreuth prüft die Täuschungsabsicht in einer Kommission, die sich eigentlich nicht nur mit der Selbstkontrolle der Wissenschaft, sondern auch mit der Selbstkontrolle der Forschung befassen müsste. Nur so könnte sie nämlich über das Fehlverhalten eines externen Doktoranden und Nicht-Mitglieds wie Guttenberg urteilen. Die juristischen Manöver von Guttenbergs Anwälten dürften Folgen haben - die Universitäten müssen die Prüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens so legitimieren, dass sie auch externe Doktoranden einbeziehen. Sie werden spätestens dann, wenn es wirkungsvolle Plagiatssoftware gibt - die jetzige entdeckt nur einen Bruchteil der kopierten Textstellen -, sämtliche Arbeiten in elektronischer Form einfordern und prüfen müssen.

Im Copy & Paste-Universum des Internets erscheinen im Zuge der Plagiats-Affäre um den Bundesminister der Verteidigung Karl-Theodor zu Guttenberg immer mehr „Gutti-Witze“. Im Folgenden soll nicht versucht werden, diese Fußnoten der Zeitgeschichte in eigenständiger wissenschaftlicher Leistung einzuordnen. Das erkenntnisleitende Interesse der Witze ist vielmehr allein deren Witzigkeit – im Wissen darum, dass es angesichts der Lage an der deutschen Hindukusch-Front weniger witzige Themen gibt. Erkenntnisleitendes Interesse der Arbeit – dies sei hier noch einmal hervorgehoben und kenntlich gemacht – ist keineswegs ein anstandsloses Herumkritteln an der Person des Verteidigungsministers. Die Auswahl der Witze wurde am 23. Februar 2011 in aller Demut von drei Redakteuren des Ressorts „Deutschland und die Welt“ der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ getroffen. Die Redakteure stehen dafür ein, dass sie ihre Beiträge selbst verfassen und Beiträge Dritter in jeweils geeigneter Form korrekt kennzeichnen. Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Promotionsrecht ist das einzige Alleinstellungsmerkmal von Universitäten

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Zu Detektiven können die Gutachter trotzdem nicht werden. Inzwischen planen einige Universitäten, jeder Seminararbeit und jeder Abschlussarbeit eine eidesstattliche Erklärung beizulegen, in der bestätigt werden muss, dass die Arbeit ohne Hilfe Dritter und selbständig angefertigt wurde. Wer dann trotzdem noch abschreibt, macht sich eines Eidesdelikts schuldig.

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Doch wer die Absolventen bestraft, muss auch nach der Verantwortung der Professoren und Wissenschaftler fragen. Selbst bei arrivierten Forschern kann eine wissenschaftliche Karriere mit einem eklatanten Plagiats- oder Datenfälschungsfall beendet sein. Häufig genug aber herrscht falsche kollegiale Rücksicht, drücken Ombudsleute alle Augen zu und belassen es bei einem Tadel. Dabei werden die Plagiate von Professoren oder Forschern auf dieselbe Weise entdeckt wie die von Absolventen oder Doktoranden: im Kommunikationsprozess der Wissenschaft selbst, also bei einer Rezension oder dem Nachbau einer Versuchsanordnung.

Die Universitäten können aus purem Eigeninteresse nicht dulden, dass die Promotion als Nachweis einer selbständigen wissenschaftlichen Leistung im Sinne eines eigenständigen Forschungsbeitrags unterlaufen wird. Denn das Promotionsrecht ist das einzige Alleinstellungsmerkmal von Universitäten. Ganze Fakultäten der Kumpanei zu verdächtigen, ist genauso haltlos wie eine Verweigerung jeglichen kritischen Nachdenkens über den Umgang mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs und über Zielvereinbarungen, die möglichst hohe Doktorandenzahlen anstreben.

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Es gibt sie durchaus, jene Lehrstühle mit enormen Doktorandenquoten, an denen die Betreuung vernachlässigt oder von Mitarbeitern übernommen wird. Aber sie sind die Ausnahme. Viele Professoren beraten ihre Doktoranden unablässig, lassen sich Abschnitte der Dissertation vorlegen und diskutieren sie kritisch im Oberseminar und im persönlichen Gespräch mit den Doktoranden. Allerdings müssen Professoren auch öfter den Mut haben, Doktoranden in schwierigen Lebenslagen oder mit hohen Verpflichtungen in Beruf und Familie von der Promotion abzuraten. Eine Dissertation, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen will, lässt sich nicht nebenher schreiben, womöglich über eine lange Reihe von Jahren hinweg.

Man muss genauer hinschauen, wer wirklich etwas zu sagen hat

Zum wissenschaftlichen Arbeiten gehören nicht nur bestimmte Regeln und Methoden. Wissenschaftliche Redlichkeit wird nur so lange möglich sein, als Selbstzweifel und Selbstkritik geradezu konstitutiver Teil des Erkenntnisgewinns sind. In Zeiten, da schon Schülern in der Oberstufe das Präsentieren als Performanz („Power Point“) wichtiger erscheinen muss als der Inhalt der Präsentation, wirken diese akademischen Grundtugenden aber geradezu anachronistisch.

Das Blenden scheint als Sekundärtugend auch im Wissenschaftsbetrieb Einzug zu halten. Das ist den Universitäten nicht anzulasten, weil sie kaum besser sein können als eine Gesellschaft, in der die Blenderei sich als erfolgversprechend erweist.

Allerdings haben Konzepte von der „unternehmerischen Universität“ mit einer direkt dem Rektorat zugeordneten Abteilung für „Marketing und Kommunikation“ dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Wer sich die Homepages von Universitäten anschaut, wird rasch feststellen, dass dort von Wissenschaft wenig die Rede ist, von wissenschaftsfremdem Selbstlob dafür um so mehr. Die Plagiatsaffäre muss innerhalb des Wissenschaftssystems dazu führen, dass wieder genauer hingeschaut wird, wer nur des Kaisers neue Kleider zu Markte trägt und wer aufgrund seiner wissenschaftlichen Erkenntnis wirklich etwas zu sagen hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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